Der ehemalige Geheimdienstagent Wyrin „hatte dem System treuer gedient als andere. Und er war mehr als andere erschrocken, als der Zerfall des Landes einsetzte und es schien, dass nach ihm auch das System zerbräche.“ Seitdem waren drei Jahrzehnte vergangen, er hatte unter Zuhilfenahme der plastischen Chirurgie eine neue Identität angenommen. Rational gesehen fühlte er sich recht sicher, wer sollte sich auch dafür interessieren, was vor so vielen Jahren während ganz anderer Verhältnisse geschehen war.
Automatisch gehen einem die Vergiftungen bzw. Ermordungen ehemaliger russischer Agenten in England und Berlin durch den Kopf. Und fast gleichzeitig die Machenschaften der CIA in Chile und Guatemala. Realpolitik war noch nie etwas anderes als Entweder man ist für uns oder gegen uns. „… der Staat ist immer ein Zyklop, sein Sehvermögen monokular und eingeschränkt. Er erkennt nur die Wasserzeichen von Loyalität und Illoyalität,“
Wyrin fällt einem Giftanschlag zum Opfer, ausgeführt mit dem Stoff „Debütant“, für den der Chemiker Kalitin verantwortlich zeichnet. Wie der Autor das Heranwachsen des jungen, von seinem Onkel Igor geförderten, Kalitin schildert, lässt einen vor Ort mit dabei wähnen. Insbesondere die Atmosphäre der Geheimen und Geheim-zu-Haltenden ist exzellent dargestellt.
Das perfekte Gift erzählt von der jüngsten Vergangenheit der ehemaligen und sich auflösenden Sowjetunion, als die Angst regierte und die im ständigen Machtgerangel Unterlegenen von einem Tag auf den andern verschwanden. „Die Angst wurde eine Beigabe aller Speisen, zum Schatten aller Gefühle, zum Echo aller Geräusche. Die Angst nahm der Welt die Umfriedung, die Stützen, stahl ihr das gewohnte Gefühl des Gleichgewichts, entriss ihr die Leichtigkeit.“Dabei gelte es zu bedenken, so Swetlana Alexijewitsch, dass Sergej Lebedew nicht über die Vergangenheit schreibe, denn „das hier ist unsere Gegenwart.“
Als die Partei Perestroika und Glasnost verkündete, glaubten Leute wie Kalitin ihre Giftlabore würden davon nicht betroffen sein. Dann wird Kalitin krank, die lebensrettenden Medikamente gab es in seinem Land nicht. Er flieht. Oberstleutnant Scherschnjow, der noch nie geglaubt hatte, „dass man jemanden besser versteht, wenn man seine Kindheit und Jugend kennt“, soll ihn finden. Begleitet wird er von dem fünf Jahre jüngeren Major Grebenjuk.
Wie Sergej Lebedew diese Operation sowie die „grenzenlose Fähigkeit ihrer Behörde, andere einzuschüchtern, zu brechen, zu durchleuchten. Die absolute Wahrheit herauszufinden, wenn nötig“ schildert, ist höchst beeindruckend. Auch dass sie zu zweit unterwegs sind, hat System, denn „jeder musste danach einen Bericht über das Verhalten des anderen schreiben.“
Jedes Unterdrückungsregime operiert mit Angst. Hervorragend gelingt dem Autor, die fast mit Händen zu greifende Paranoia zu beschreiben, die sich jederzeit und all überall einstellen kann. Sei es durch aussergewöhnliche, nervöse Kinder, die über einen siebten Sinn zu verfügen scheinen; sei es durch eine Zollbeamtin, die wittert, was ihren männlichen Kollegen zu entgehen scheint.
Katilin lebt nun in einem Haus auf einer Anhöhe und denkt über sein Leben nach. „Er war zum Todesforscher geworden, hatte untersucht wie Menschen starben, wie der Prozess chemisch und physiologisch ablief.“ Er glaubte, das perfekte Gift gefunden zu haben, bis er auf einen Priester stösst, der ihn eines Besseren belehrt …
Fazit: Spannend, sehr dicht und furchteinflössend.
Sergej Lebedew
Das perfekte Gift
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021