Dieser Krimi, ausgezeichnet mit dem schottischen Krimipreis, spielt im Glasgow der 60er-Jahre und basiert auf dem historischen Fall des Serienkillers Bible John. Verfasst wurde er von Liam McIlvanney, der als Professor für Schottland-Studien an der Universität von Otago, Neuseeland, lehrt.
Detective Inspector Duncan McCormack, Asthmatiker und ursprünglich aus den Highlands, soll den Glasgower Kollegen bei der Aufklärung dreier Frauenmorde zur Seite stehen, doch diese mögen den Neuankömmling nicht. Liam McIlvanney schildert die angespannte Atmosphäre auf der Polizeistation sehr gekonnt. Noch gekonnter ist ihm der Einstieg in Ein frommer Mörder gelungen, in dem er schildert, wie eines der späteren Opfer sich zum Treffen mit ihrem Mörder aufmacht. Nein, nein, lass dich auf den nicht ein, hau ab, ist man versucht, ihr zuzurufen.
Ein frommer Mörder berichtet von der Suche nach dem Serientäter. „Es musste eine Verbindung geben, dachten sie, aber sie konnten sie nicht finden.“ Wie üblich meldeten sich auch Stimmen aus der Bevölkerung, die genau wussten, wer der Täter war – meist jemand, mit dem sie noch ein Hühnchen zu rupfen hatten. „Sie konnten nicht begreifen, warum die Methoden, die früher zum Erfolg geführt hatten, jetzt nicht mehr funktionierten. Sie wechselten nicht den Ermittlungsansatz. Sie probierten keine neuen Konzepte aus. Sie machten dasselbe wie immer, noch noch verbissener.“
Menstruationsblut scheint bei der Ermordung der drei jungen Frauen eine Rolle zu spielen und so macht sich McCormack in der Bibliothek kundig. Dabei erinnert er sich an eine Geschichte von Edgar Allan Poe und den Satz: „Wie die Erfahrung lehrt, erwächst ein grosser, vielleicht der beträchtlichere Teil der Wahrheit aus dem scheinbar Unwesentlichen.“ Nur um dann hinzuzufügen: „Aber das war Literatur. Im wirklichen Leben brachten die Zeitungen einem keine Erkenntnisse.“
Ein frommer Mörder ist kein Page-Turner; ich jedenfalls hing nicht gebannt der Frage nach, ob und wie die Ermittler fündig würden. Und trotzdem fühlte ich mich in diese Geschichte hineingezogen. Das liegt daran, dass Liam McIlvanney ein verdammt guter Erzähler ist, der versteht wie Menschen ticken und mich zudem auf Glasgow („Glasgow würde immer Glasgow sein, die russige Stadt, wo die Zeit stillstand.“) neugierig macht.
Parallel dazu wird die Geschichte eines geplanten Raubüberfalls auf ein Auktionshaus in Glasgow erzählt. Die Animositäten innerhalb der Einbrecher-Truppe ähneln denen bei der Polizei. Wie dieser Überfall ausgeht, erzeugt fast mehr Spannung als die Suche nach dem Serienmörder. Doch das ändert sich gegen Ende dieses packenden Krimis. Wie die beiden Geschichten zusammenhängen, soll hier nicht verraten werden …
Ein frommer Mörder ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Wie viele Polizisten damals Homosexuelle behandelten, ist schwer zu ertragen. McCormacks eigene Homosexualität, die damals unter Strafe stand, wird erfreulicherweise, denn sie spielt für die Lösung des Falles keine Rolle, bis fast zum Schluss nur beiläufig erwähnt. Doch dann wird er erpresst.
Es ist vor allem Liam McIlvanneys denkende Beobachtungsgabe, die mich für dieses Buch einnimmt. „Etwas in der Art, wie er sich bewegte, deutete darauf hin, dass er ein Einzelgänger war, unterwegs in einer eigenen Welt, verloren in einer Mondlandschaft aus Schuttbergen und Schlammpfützen. Paton empfand einen Anflug von Mitgefühl, fast so etwas wie eine Seelenverwandtschaft mit dem kleinen Kerl.“ So denkt übrigens ein Geldschrankknacker, der in den Hügeln nahe Glasgow plötzlich merkt, dass er glücklich ist. „Hier auf diesem kargen Hügel, mit nassen Füssen und schmerzenden Beinen, von der Polizei gejagt, war er viel glücklicher, als er es seit Monaten gewesen war.“ Genau so ist es mit dem Glück: Es überrascht uns, wann es will, nicht wann wir wollen.
Und gerade noch ein Beispiel, das deutlich macht, dass dieser Autor ein höchst aufmerksamer, gescheiter Beobachter ist. „Er lief Richtung Süden und bog in die Hozier Street. Sonntagsstille, leblose, leere Fenster. Lauf langsamer, Mann, ermahnte er sich: Lauf normal, wie einer, der nur mal eben die Sonntagszeitung holen geht. Aber seine Beine liessen sich nichts vorschreiben.“ Treffender lässt sich nicht beschreiben, dass nicht wir den Körper, sondern dieser uns bestimmt.
Fazit: Clever, einfühlsam, atmosphärisch dicht. Ein aussergewöhnlicher Krimi.
Liam McIlvanney
Ein frommer Mörder
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021