Bei der Lektüre des Vorworts gedacht: Wie liesse sich eigentlich Doom am besten übersetzen? Schicksal, Verhängnis. Jüngstes Gericht, Verderben, Untergang …? Es gäbe noch mehr Varianten. Das war der eine Gedanke, der andere war: Das sind doch alles nur Argumente und Behauptungen, was der Mann hier präsentiert. Nachvollziehbare, auf Daten basierende, notabene, vor allem wenn man die Grundüberzeugungen des Autors teilt. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind.
Niall Ferguson, geboren 1964, „ist einer der bekanntesten und renommiertesten Historiker unserer Zeit“, informiert der Klappentext. Man sollte sich also von diesem Buch nicht mehr erwarten als das bestens informierte, intelligente Übliche, was sich bereits auf den ersten Seiten zeigt, wo er argumentiert, dass das umfassende Versagen der nordamerikanischen und britischen Behörden bei der Corona-Pandemie nicht einfach als populistische Breitbeinigkeit gesehen werden dürfe, was sicher richtig ist. Die Begründung macht hingegen mehr als stutzig. „In Belgien war die Übersterblichkeit mindestens genauso hoch, und dieses Land hatte fast das ganze Jahr 2020 über mit Sophie Wilmès eine Frau und Liberale an der Spitze seiner Regierung.“ Da glaubt einer offenbar ernsthaft an die sogenannte Gestaltungskraft von Politikern. Ich teile diese Auffassung nicht, ich halte Politiker (wie uns alle) für Getriebene. Gestalterisch sind Politiker allein, wenn es um ihren persönlichen Vorteil, also etwa ihre heimlichen Offshore-Geschäfte, geht, wie die Pandora Papers (und vor zwei Jahren die Panama Papers) enthüllten.
Doom ist reich an überaus vielfältigen, anregenden Einsichten und eindrücklichen Erlebnisberichten – wie bildhaft etwa der 21-jährige Ryo Kanouya den Tsunami am 11. März 2011 schilderte, hinterliess bei mir einen bleibenden Eindruck. Gleichzeitig ist es das Dokument einer ausgesprochen akademischen Geisteshaltung, die sich etwa darin zeigt, dass der Autor sich bemüssigt fühlt, für einen Allerweltssatz wie, es gebe „eine grosse Kluft zwischen der Formulierung einer politischen Strategie und deren Umsetzung“, die Quelle anzugeben. Quellen sind für einen Historiker natürlich zentral; wer gesagt hat „Ein Tod ist eine Tragödie, eine Million Tote Statistik“, ist Niall Ferguson offenbar wichtig – weshalb ist mir schleierhaft.
„Mit dem Aufstieg des Internets haben falsche Informationen und gezielte Desinformation ein ganz neues Ausmass angenommen, weshalb wir 2020 von einer Doppelseuche sprechen können: eine, die von einem biologischen Virus verursacht wurde, und eine zweite, noch ansteckendere, der viralen Phantasien und Lügen.“ Soweit die Ausgangslage. Hegel war bekanntlich der Auffassung, dass die Geschichte uns lehre, dass sie uns nichts lehre. Niall Ferguson ist optimistischer und glaubt, dass wir aus ihr lernen können „die Struktur von Gesellschaft und Politik so einzurichten, dass sie widerstandsfähig, oder besser noch antifragil wird …“. Als Historiker muss er das wohl so sehen. Und auch wenn ich selber Hegel zuneige, habe ich von Ferguson einiges gelernt, das mich die Aufgeregtheiten der modernen Zeit eingebunden in ein grösseres Ganzes sehen lässt – und das ist hilfreich.
Wie man weiss lässt sich die Zukunft schlecht vorhersagen, was die Menschen (okay, einige, meistens an Universitäten beschäftigte) jedoch nicht davon abhält, es trotzdem zu versuchen. Auf der Basis ganz vieler Daten werden Statistiken und Modelle erstellt, doch gibt es offenbar bislang kein Mittel, das sich als tauglich erwiesen hätte. „Kein Wunder, dass wir uns in einer Welt der scheinbar zufälligen Katastrophen, zu deren Prognose sich unser Gehirn nicht sonderlich gut eignet, mit schwarzen Humor behelfen.“
Historiker arbeiten mit Analogien. Ereignis A gleicht Ereignis B, Staatsmann C gleicht Staatsmann D. Sie können Parallelen herstellen, vorausgesetzt, es sind Zeugnisse vorhanden. Sie betrachten also die Welt auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeit und Plausibilität. Grundsätzlich. Doch woher können sie eigentlich wissen, dass das vermutlich tödlichste Erdbeben der Menschheitsgeschichte, das 1556 die chinesische Provinz Shaanxi erschütterte, eine Stärke von 7,9 bis 8,0 gehabt hatte?
Die Corona-Pandemie wurde häufig als etwas vollkommen Neues, mit dem niemand habe rechnen können, charakterisiert. „Wenn Menschen eine Krise mit Begriffen wie ‚ohnegleichen‘ beschreiben, dann sagen sie damit weniger über das Ereignis als über ihre Unkenntnis der Geschichte.“ Nun ja, die Warner, die gab es; es waren meist Epidemiologen, denen die Gefahren von Zoonose und Spillover bestens bekannt sind. Doch wer hört schon auf Warner, diese neidischen Spielverderber? Stattdessen verlangte man nach Freiheit und Planungssicherheit!
Doom macht unter anderem deutlich, dass die gängige Unterscheidung von natürlichen und von Menschen gemachten Katastrophen, in die Irre führt, denn was Naturereignisse zu Katastrophen macht, ist, dass sie auch Menschenleben kosten. Menschen bauen nahe an Flüssen, die über die Ufer treten oder an Hängen, die ins Rutschen geraten können.
Wir wissen, dass Erdbeben und Wirbelstürme sich ereignen werden, wir wissen, was mit der Erderwärmung auf uns zukommen wird, wir wissen, dass der Tod eintritt. Können wir uns vorbereiten, können wir lernen, darauf gefasst zu sein? Eher nicht. Historiker Ferguson sieht das anders, hoffnungsvoller – er konzentriert sich darauf, was besser gemacht werden könnte. Und so fragt er etwa, wer in der Corona-Pandemie versagt hat. „Nicht nur die Politiker, sondern auch Beamte und Gesundheitsexperten ‚blieben in katastrophaler Weise hinter den Massstäben zurück, wie sie die Öffentlichkeit zu Recht erwarten darf’“, wie der ehemalige britische Regierungsberater Dominic Cummings meinte. In den Worten von Niall Ferguson: „Das Katastrophenmanagement wird noch durch die Tatsache erschwert, dass unser politisches System zunehmend Menschen in verantwortliche Positionen befördert, die für die eben beschriebenen Gefahren besonders blind zu sein scheinen: keine Spitzenprognostiker, sondern Kurzsichtige.“
Mit Verlaub: Es ist nicht nur das politische System, dass denkbar Ungeeignete in Spitzenpositionen hievt, es ist unser Wettbewerbssystem, dass diejenigen mit den starken Ellbogen belohnt. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Demokraten, Adlai Stevenson, sagte einmal, dass die Eigenschaften, die einen befähigten, erfolgreich eine Kampagne zu führen, auch die seien, die einen für das Präsidentenamt disqualifizierten. Das ist, wie ich finde, das wahre Dilemma „unseres“ Systems.
Doom ist allein der vielen Informationen (die den Eindruck verstärken, die Wirklichkeit sei noch um einiges komplexer, als wir gemeinhin annehmen) wegen lesenswert. Was Niall Ferguson aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten zusammengetragen hat, ist sowohl beeindruckend als auch verwirrend. Mir war dieses Feuerwerk an Details und Zusammenhängen, diese Demonstration geballten Wissens, letztendlich zu viel. Auch deswegen, weil es ja nicht an gescheiten Einsichten mangelt (dieses Buch zeugt davon), sondern am entsprechenden Handeln. Auch seine eigenen Erkenntnisse und seine hellsichtige Voraussicht, haben den Autor, wie er in seiner Einleitung ausführt, schliesslich nicht davon abgehalten, zum Superspreader (er meint das selbstironisch) zu werden.
Niall Ferguson
Doom
Die grossen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft
DVA, München 2021