Steve Cavanagh: Thirteen

Wir leben im Zeitalter der Verkäufer, was unter anderem meint, dass die Gestaltung eines Buchumschlags wesentlich ist. Eine überaus smarte Variante zeigt Thirteen (TH1RT3EN auf dem Umschlag), ein Thriller, zu dem Lee Child mit den Worten zitiert wird: „Herausragend. Hoch spannend. Spektakulär.“ Und so gehe ich als Lee Child-Fan dieses Werk natürlich sehr gespannt an.

Der New Yorker Strafverteidiger Eddie Flynn soll als Teammitglied des Prominentenanwalts Rudy Carp den Hollywoodstar Robert ‚Bobby‘ Solomon zu verteidigen, der beschuldigt wird, seine Frau und seinen Sicherheitschef ermordet zu haben. Doch Eddie, ein Mann mit einem Alkoholproblem, das er recht gut unter Kontrolle hat, will sich zuerst überzeugen, dass sein Klient unschuldig ist, denn Schuldige zu verteidigen kommt für ihn nicht (mehr) in Frage. „Ein Unschuldiger, der fälschlicherweise angeklagt wird, sieht gleich aus in Nigeria, Irland, Island, überall. Wer diesen Blick schon mal wahrgenommen hatte, vergisst ihn nie mehr. Man sieht ihn nicht so oft (…) Bobby Solomon hatte diesen Blick. Und ich wusste, dass ich ihm helfen musste.“

Trotzdem bleibt Flynn skeptisch, denn Bobby Solomon ist Schauspieler, weiss sich also zu inszenieren. „Aber besass er genug schauspielerisches Talent, um mich zu täuschen?“ Autor Steve Cavanagh ist ein Meister der Spannungserzeugung, zu der auch gehört, die Dinge in der Schwebe zu lassen sowie mit überraschenden Wendungen zu operieren.

Parallel zur Flynn/Solomon-Geschichte wird auch die Geschichte des Serienkillers Joshua Kane erzählt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, als Geschworener für ein Urteil in seinem Sinn zu sorgen. Meisterhaft, wie Cavanagh diesen besessenen, gefühllosen und äusserst brutalen Mann, der von seiner angeborenen Schmerzunempfindlichkeit geprägt ist, schildert – und dabei auch klar macht, wie krank letztendlich die Kontrollmanie des Menschen ist.

Alle Indizien sprechen für Bobby Solomon als Mörder. Dass von ihm selber jedoch keine Spuren am Tatort zu finden sind, macht seine Verteidiger skeptisch. Und so beauftragen sie private Ermittler, den Ungereimtheiten nachzugehen und, man ahnt es, sie werden fündig – die Hinweise legen nahe, dass es sich beim Mörder um einen Serienkiller handelt. Und dieser will nun als Geschworener dafür sorgen, dass Bobby Solomon verurteilt wird.

Der Plot ist also klar – und trotzdem folgt man der Handlung höchst gespannt. Das liegt einesteils daran, dass man die Beweggründe des Serienmörders nicht kennt. Doch sind die eigentlich wichtig? Zeichnet Wiederholungstäter nicht gerade aus, dass sie ihren Opfern „in den seltensten Fallen schon mal begegnet“ sind? Andererseits liegt es am cleveren Aufbau dieses Thrillers, der zwischen Täter und Aufklärern geschickt hin und her wechselt.

Doch es ist nicht nur die Geschichte, die Steve Cavanagh erzählt, es sind auch die aufschlussreichen Informationen, die dazu beitragen, dass man Thirteen mit Gewinn liest. „Für jemanden, der nie Schmerzen empfunden hatte, wusste Kane eine ganze Menge darüber. Schmerz hatte eine wichtige physiologische Funktion. Er war ein Warnsystem. Signale aus dem Hirn sagten einem, dass es ein Problem gab. Kopfschmerzen. Muskelverletzungen. Infektionen. Wenn Kane seinen Körper nicht aufmerksam im Auge behielt, konnte er ihm ernsthaften Schaden zufügen.“

Gefallen hat mir auch die realistische und subtile Schilderung der Beziehung zwischen Flynn und seiner von ihm getrennt lebenden Ex und ihrer gemeinsamen Tochter. Sie scheinen sich wieder näher zu kommen, doch da gibt es eben auch Kevin, den Chef seiner Ex. „Dieser Kevin las bestimmt Bücher über Verwaltungsrecht und die Geschichte des Airconditioners.“

Und dann gibt es in Thirteen auch noch diesen wunderbaren, zumeist in Thrillern zu findenden, no-nonsense Witz: „Wie viele Finger halte ich hoch“, fragte Harry mit drei erhobenen Fingern. „Drei“, sagte ich. „Was für ein Tag ist heute?“ „Dienstag.“ „Wer ist der Präsident der Vereinigten Staaten?“ „Irgend so’n Arschloch“, sagte ich. „Korrekt.“

Thirteen ist sowohl Psychopathen-Porträt als auch packender Justizthriller, in dem die Gladiatoren des Gerichtssaals genauso ihren Auftritt haben wie korrupte Polizisten und Anwälte, die sich bemühen anständig zu sein. Darüber hinaus macht er auch einen wirklich guten Vorschlag, wie man mit einander umgehen sollte, wenn man sich nicht verträgt. „Wollen Sie mir erzählen, wie ich meinen Job zu erledigen habe?“, fragte ich. „Nein, aber ich trauen Ihnen nicht. Und Sie können mich nicht leiden. Fangen wir doch mit Ehrlichkeit an und sehen mal, wie weit wir damit kommen.“

Fazit: Ein grossartiger und ausgesprochen cleverer Pageturner!

Steve Cavanagh
Thirteen
Goldmann, München 2022

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte