Warum ein deutsches Buch einen englischen Titel trägt, ist mir nicht verständlich. Und weshalb das englische „Hell“ dem deutschen „Hölle“ vorgezogen wurde, genauso wenig. Sicher bin ich jedoch, dass „Hölle“ eingängiger wirkt. Nur eben: Der stromlinienförmige Zeitgeist will es eben Englisch. Und treibt eigenartige Blüten. „Dann solltest du mich auf Facebook adden.“ Was wäre falsch an „hinzufügen“? Abgesehen davon, dass man es versteht …
Der Einstieg in diesen Thriller ist sehr gekonnt: Die Schilderung des ländlichen Australien lässt einen sich vor Ort fühlen. Fremden gegenüber ist man abweisend, besonders dann, wenn sie etwas von einem wollen. Und der junge Privatdetektiv Lane Holland, spezialisiert auf Cold Cases, will in der Tat etwas: Den Fall der damals neunjährigen Evelyn McCreery aufklären, die im Sommer 1999 spurlos verschwand. Nicht etwa, weil er ein Idealist ist, sondern weil dafür eine hohe Belohnung ausgesetzt ist.
Nach dem Kriminologie Studium hatte sich Holland gegen den Polizeidienst entschieden, denn innerhalb eines Systems zu arbeiten, bei welchem die Aufrechterhaltung der Zuständigkeitsbereiche wesentlicher ist als die Ermittlungsarbeit, war nicht sein Ding. „Folglich hatte er sich, so gut es ging, alles selbst beigebracht. Letztlich waren seine ersten Erfolge genau darauf zurückzuführen. Er hatte auf Ideen zurückgreifen können, die noch im Versuchsstadium waren, und auf brandneue Techniken, die vielleicht erst in Jahren die vielen Hürden der polizeilichen Genehmigungsverfahren nehmen würden.“
Es spricht ganz besonders für diesen Thriller, dass er in Vielem nahe an der Realität ist und unter anderem deutlich macht, dass sich nicht alle, denen Familienmitglieder abhanden gekommen sind, sich einen Privatdetektiv leisten oder, weil sie telegen sind, die Medien für sich einspannen können. Auch dass eine Selbsthilfegruppe Angehöriger vermisster Personen vorkommt und kritisch betrachtet wird, passt in unsere Zeit. „Anfänglich war bei der Begegnung mit Menschen, die in ihrem Leben dasselbe durchgemacht hatten, ein Funke übergesprungen, doch der Reiz war nach kurzer Zeit verflogen. Ihr war schleierhaft, woher Alanna die Kraft nahm, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen und in Gegenwart fremder Menschen ihr Trauma zu durchleben.“
Nicht nur die neunjährige Evelyn McCreery ist verschwunden, sondern auch die zehnjährige Christa Rennold. Bei seinen Recherchen bedient sich Lane Holland auch der sozialen Medien. „Nur die wenigsten begriffen, wie weit der Arm der sozialen Netzwerke reichte.“ Konkret – und es sind solche Infos, mit denen sich auseinanderzusetzen lohnt: „Gesichtserkennung. Facebook, Google und andere soziale Medien setzen Software ein, die für jeden Benutzer eine Gesichtsmustervorlage erstellt. Die erkennt Gesichter und schlägt sie zum Verlinken vor, wenn ihre Freunde oder Freunde von Freunden Fotos von ihnen hochladen.
Thriller und Krimis figurieren oft als Seismometer des gesellschaftlichen Seins – und dies tut auch Hell. Mina, die Zwillingsschwester von Evelyn McCreery, ist in Therapie, die verstorbene Mutter der beiden war medikamentenabhängig, der Vater von Alanna und Christa Rennold ein Mann mit einem Doppelleben, ihre Mutter, Deirdre, einst von Meth abhängig, jetzt drogenfrei. Wobei: auf diese destruktiven Abhängigkeiten wird nicht eingegangen, sie werden nur gerade – und dies irritiert – als Background mitgeliefert.
Parallel zu Lane Holland Nachforschungen in Sachen Cold Cases wird auch seine eigene Geschichte als Vormund seiner jüngeren Schwester erzählt. Als nun der Vater der beiden aus dem Gefängnis entlassen werden soll … doch ich will hier nicht diesen gut geschriebenen Thriller nacherzählen.
Als Australien-Thriller wird Shelley Burrs Debüt-Thriller angepriesen und das impliziert unter anderem, die Leere und Weite dieses Kontinents zu vermitteln, was der Autorin, die im Umweltministerium in Canberra arbeitet und an der University of New England Landwirtschaft studiert, bestens gelingt.
Was Hell speziell auszeichnet sind die Charakterisierungen der auftretenden Personen, die als ausgesprochen komplexe, vielfältigen Stimmungsschwankungen unterworfene Menschen geschildert werden, die immer wieder für Überraschungen gut sind. Zudem: „Zeugen hatten ein unzuverlässiges Gedächtnis und konnten sich – in der entsprechenden emotionalen Verfassung oder aufgrund einer falsch gestellten Frage – an Dinge erinnern, die nie passiert waren.“ Nicht nur Zeugen sind so, wir alle sind so.
Fazit: Ein cleverer Thriller mit einem unerwarteten Ende, der einem die Weite und Leere des ländlichen Australien erfahrbar macht.
Shelley Burr
Hell
Australien-Thriller
Knaur Taschenbuch, München 2023