Cormac McCarthy: Der Passagier

Bobby Western ist Bergungstaucher, mit einem Kollegen zusammen taucht er nach einem Flugzeug. Sie finden neun Leichen, jedoch keinen Flugschreiber. Dann erhält Bobby Besuch von zwei Männern mit Dienstausweisen, die sich nach Passagier Nummer zehn erkundigen.

Als Bobby, während er nicht zu Hause war, offenbar noch einmal unerwünschten Besuch bekommen hat, zieht er aus. Auch am neuen Ort erhält er Besuch. Dann kommt sein Taucherkollege ums Leben. Bobby sucht einen Privatermittler auf, der zuvor Wahrsager gewesen ist …

Der Passagier ist eine Art Tour d’Horizon durch die jüngere amerikanische Geschichte, Vietnam, der Mord an John F. Kennedy, wobei der Bau der Atombombe prominent figuriert – besonders was die Menschen in Hiroshima und Nagasaki erleiden mussten, ist ungeheuer eindrücklich geschildert.

Übrigens: Von Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“, glaubten viele kluge Menschen, dass er möglicherweise der klügste Mensch war, den Gott je geschaffen hatte, was mit „Komischer Kerl, dieser Gott“ kommentiert wird.

Was diesen Roman hauptsächlich prägt, sind die Dialoge. Etwa mit Debbie, die als Bub zur Welt gekommen ist und jetzt als Frau alle Blicke auf sich zieht. „Ich habe Angst vor allem. Ich habe überhaupt keinen festen Halt mehr.“ „Das merkt man dir gar nicht an.“ „Danke. Ich gebe mir Mühe.“ „Keine Angst zu haben?“ „Das ist zu freundlich ausgedrückt. Ich gebe mir Mühe, es nicht zu zeigen. Es ist das reinste Affentheater. Aber ich weiss nicht, wie ich sonst damit umgehen soll. Alles was du siehst, hat Mühe erfordert. Viel Mühe.“ Oder der überaus witzige Austausch mit der Kellnerin in Wartburg, Tennessee, als Bobby dort seine Grossmutter besucht.

Die meisten der Dialoge sind jedoch von philosophischer Natur. Handelt es sich bei Tomaten um Obst oder um Beeren? „Selbst wenn alles, was man von der Welt weiss, Lüge wäre, folgt daraus nicht, dass es, damit es eine Lüge sein kann, irgendeine ihr entgegengesetzte Wahrheit geben muss.“ Und als seine Grossmutter Bobby fragt, ob er an Gott glaube, erwidert er: „Ich kann allenfalls sagen, dass ich glaube, er und ich haben so ziemlich die gleichen Ansichten. Jedenfalls an meinen besseren Tagen.“

Cormac McCarthy ist ein Menschenkenner; er versteht viel von der Seele der Gefährdeten. Sein Schreiben handelt von Existenziellem, von Fragen über Leben und Tod. „Er hatte sie gefragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaube (…) hatte sie gesagt, Gott sei nicht an unserer Theologie, sondern nur an unserem Schweigen gelegen.“

Es ist seine sehr eigenständige Sichtweise aufs Leben, die diesen Roman prägt – eine Sichtweise, die sich nicht an den Eitelkeiten der Menschen, sondern an Fragen der Moral und der Wissenschaft orientiert. An Grundsätzlichem, wozu auch die Einsicht gehört, dass viele Bücher geschrieben wurden, „anstatt die Welt niederzubrennen – wonach es ihre Verfasser in Wahrheit verlangte.“

Cormac McCarthy lebte die letzten Jahre seines Lebens in der Nähe des Santa Fe Instituts, wo er hauptsächlich mit Wissenschaftlern Umgang pflegte. Die Gespräche, die er dort führte, haben auch Eingang in Der Passagier gefunden. Unter anderem handeln sie von der Quanten- und der Stringtheorie – ich will nicht behaupten, dass ich viel davon verstanden habe. Doch gelegentlich stosse ich auf Sätze, die für mich Wesentliches zusammenfassen (einer der für mich wichtigsten Gründe, Bücher zu lesen): „Glaubst du wirklich an die Physik?“ „Ich weiss nicht, was das heissen soll. Die Physik versucht, ein numerisches Bild von der Welt zu zeichnen. Ich weiss nicht, ob das tatsächlich etwas erklärt. Man kann das Unbekannte nicht illustrieren. Was immer das heissen mag.“

Der Passagier erzählt auch von einem Amerika, wo ein Mann, der alleine im Wald unterwegs ist und kein Gewehr dabei hat, sich verdächtig macht. Und von einer Bohrinsel bei Pensacola vor der Küste Floridas. Und von der Atmosphäre in ländlichen Diners. Und davon, dass „Schönheit die Macht hat, einen Kummer hervorzurufen, den andere Tragödien niemals bewirken können. Der Verlust einer Schönheit kann eine ganze Nation in die Knie zwingen. Nichts anderes vermag das.“

Cormac McCarthy weiss, dass uns unser Wissen (inklusive das vermeintliche) nicht erlösen kann. „Man kann nicht sehen, was die Zukunft bringt, Bobby. Und selbst wenn, wäre das keine Garantie dafür, dass man die richtige Entscheidung trifft.“ Eindrücklich wird unsere Beschränktheit mit diesen Sätzen illustriert: „Ihr Haar glich Sommerfäden. Es wusste nicht genau, was Sommerfäden waren. Ihr Haar glich Sommerfäden.“

Fazit: Gescheit, sensibel, berührend und horizonterweiternd.

Cormac McCarthy
Der Passagier
Rowohlt, Hamburg 2022

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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