Im Süden Jütlands wird eine Leiche gefunden. Auf der Brust des Toten ist ‚Grandberg‘ eingeritzt, der Name der mächtigsten Familie im Dorf – und des örtlichen Polizeichefs, der jetzt für den Fall verantwortlich ist, obwohl er, nach gängiger Praxis, als befangen zu gelten hat, doch die Dinge auf dem Land laufen eben etwas anders.
Die Leiche wurde aus dem Leichenschauhaus entwendet, neben ihr steckt eine Schaufel in der Erde – offensichtlich ein Hinweis, an der Fundstelle zu graben. 18 Skelette kommen zum Vorschein. Nun ja, der Plot eines Thrillers ist selten nah bei der Realität; die Figuren, die Autor Thomas Bragger auftreten lässt, schon eher.
Gut gelungen ist etwa Polizeichef William Grandberg, der privat und beruflich ein anderer Mensch zu sein scheint, und auch die Polizistin Jenny Seland, die in jeder Situation unverwechselbar sich selber ist, und ihre eigene Methode hat, sich abzuregen – an Donald, dem „Gummimann unten im Lagerraum des Zellentrakts. Benannt nach Donald Trump. Meine Empfehlung nach einem zermürbenden Tag: ein paar gezielte Faustschläge in sein Gummigesicht.“
Die Task Force 14 aus Kopenhagen – David Flugt und Lucas Stange – trifft ein; beide sind sie mit den örtlichen Begebenheiten unvertraut. Und so treten denn auch schnell die üblichen Spannungen auf. David leidet an einer posttraumatischen Reaktion, der Folge seiner letzten Mission in Rumänien. „Narben auf der Seele liessen sich nicht mit dem Laser entfernen wie Tätowierungen.“ Lucas ist kein besonders angenehmer Zeitgenosse, doch „ein analytisches Naturtalent“ und er versteht etwas von Ideengeschichte.
„Ein Ideenhistoriker reflektiert über die dominierenden Gedankenmuster, die der Mensch erfindet, um sich die Welt zu erklären. Die Wirklichkeit ist also im Grunde genommen nichts anderes als ein Konstrukt unseres eigenen Denkens. Und oft wird das, worüber sich die Mehrheit der Menschen einig ist, zur Wahrheit.“
Allerdings ist er auch ein recht arroganter Besserwisser. Einigermassen irritierend fand ich, dass er Elias Grandberg, der in der Religion seine Zuflucht gefunden hat, bereits beim ersten Treffen eine ziemlich klischeehafte Analyse von dessen innersten Motiven vorträgt. Mit anderen Worten: Als Seelenkenner würde ich Thomas Bragger nicht bezeichnen, sein Talent liegt im rasanten Erzählen.
Unsere Wettbewerbsgesellschaft bringt es unter anderem mit sich, dass Autoren auf der Suche nach Originellem und Speziellem manchmal übers Ziel hinausschiessen. Im Falle von Nacht meint das zum Beispiel. „Der Mullo ist ein alter Roma-Mythos.“ Schon etwas arg weit hergeholt für einen dänischen Thriller, finde ich. Doch dann schwenkt die Handlung unvermittelt zu einem Verbrechersyndikat nach Rumänien … Die Handlung ist schon arg konstruiert, wenn auch die einzelnen Elemente durchaus plausibel sind.
Besonders angesprochen hat mich die Schilderung der windigen Hafenstadt Esbjerg, und überhaupt alles Jütländische. „Meine Grossmutter hat immer gesagt, dass die Süderjütländer das Licht und die Dunkelheit stärker empfinden als andere Dänen. Weil es hier weniger Gebäude, Menschen und Autos gibt. Tage und Nächte können einem hier draussen unendlich erscheinen.“
Nacht sei ein Thriller für Rätsel-Fans, habe ich gelesen, Aber auch, er sei etwas für von Stieg Larsson Begeisterte. Ich selber habe dieses Buch ganz anders gelesen – als eine überaus gewalttätige (zu grausig-brutal, für meinen Geschmack), packende Geschichte, bei der mich die psychologischen Erklärungsversuche in Sachen Serienmörder, die zu sehr dem Zeitgeist-Denken entsprechen, allerdings wenig beeindruckten. Toll fand ich hingegen wie es dem Autor gelingt, die Spannung nicht nur beizubehalten, sondern zu steigern – Thomas Bagger ist ein Meister der Übergänge.
Fazit: Ein temporeicher, fesselnder Pageturner, der auch Jütländisches erfahrbar macht.
Thomas Bagger
Nacht
Die Toten von Jütland
Knaur, München 2023