Markus Gasser: Lil

Markus Gasser ist ein aficionado, ein Buchverrückter, der seinen eigenen Bücher-Kanal betreibt („Literatur ist alles“), wo er engagiert und eloquent seiner Leidenschaft frönt. Der Mann brennt nicht nur für die Literatur, sie steckt in ihm drin und will heraus. Etwa in Gestalt von Lil, diesem höchst lebendigen Roman über die Unternehmerin Lillian Cutting. Dabei nimmt des Autors Fabulierlust allerdings dermassen überhand, dass die Geschichte gelegentlich darin unterzugehen droht. Auch schiefe Bilder fehlen nicht. „Über ihnen hing schlaff die amerikanische Flagge, als ginge sie ihr Moloch des Niedergangs nichts an.“ Oder Aussagen, die ein zwar gängiges, wenn auch merkwürdiges Geschichtsverständnis offenbaren. „ … die man die ‚Cutting Line‘ nannte, weil sie vor einem Jahrzehnt von Lillian Cutting erbaut worden war.“ Vermutlich eigenhändig …

Nichtsdestotrotz: Des Autors Sprach-Enthusiasmus ist ansteckend, reisst mit und macht einen auch immer mal wieder laut heraus lachen. „Er war ein Wutausbruch auf zwei Beinen. Selbst wenn er schlief.“

Lillian Cutting befindet sich in der Obhut des Nervenspezialisten Doktor Fairwell, der die Meinung vertritt, alles Körperliche habe geistige Ursachen, obwohl: er selber scheint nicht alle Sinne beisammen zu haben. Lillians vor drei Jahren verstorbener Mann Chev meinte, Irrenhäuser würden gebaut, „weil ein paar Dilettanten mit drei Semestern Medizinstudium im Rücken sich einbilden, sie wüssten, was in den Köpfen anderer vorgeht.“

Lil spielt im Jahre 1880 in New York, wo sich seit man denken konnte zwei Sippen, die Vandermeers und die Belmorals, befehden. Das historische Setting erlaubt es dem Autor Grundsätzliches abzuhandeln, ohne in die gerade aktuellen Gesellschaftsdebatten hineingezogen zu werden. Der Psychiater führt aus: „Die Bedachtsamkeit. Nehmen Sie einmal bewusst wahr, was im gegenwärtigen Augenblick einfach ist, nur ist, einfach nur da ist, ohne darüber zu urteilen. Lassen Sie das Sein … sein. Es blüht. Es duftet, duftet empor.“

Lils an einem Tumor leidender Vater vermacht ihr die Cutting Railway Company. Ob sie das kann, diese führen, eine Frau? Auch heute noch glauben viele (zumeist Männer), sie wüssten, was sich für eine Frau schicke, doch Vater John Work Willard lässt sich nicht beirren, „’die kleine Lil‘ sei seine engste Vertraute und auch als Tochter ein Sohn ganz nach seinem Herzen.“ Wunderbar!

Markus Gasser weiss derart gekonnt, gescheit und amüsant zu formulieren, dass man sich allerbestens unterhält, doch bewirkt dieser lustvolle Umgang mit Sprache auch, dass man darob Gefahr läuft, die Geschichte gar nicht wirklich mitzukriegen. Klar doch, ich spreche von mir. Immer mal wieder fühlte ich mich an George Steiners Aussage erinnert, gute Literatur (und darum handelt es sich bei Lil zweifellos) immunisiere einen gleichsam gegen das reale Leid auf der Welt.

Doch dies war nur einer der Gedanken, der meine Lektüre begleitete. Es gab noch ganz viele andere und zu denen gehört die sehr schöne Charakterisierung des Psychiaters, mit dessen Hilfe Robert, Chevs und Lils Sohn, die Mutter nach dem Tod des Vaters zu entmündigen trachtet. Psychiatern ist ja unter anderem eigen, dass sie für ihre höchst willkürlichen Zuschreibungen keinerlei Belege vorzuweisen brauchen.

Lil wehrt sich gegen die Bevormundung, das Urteil des Richters Stamford Brook gibt ihr nicht nur Recht, sondern argumentiert derart kraftvoll für den gesunden Menschenverstand, dass es eine wahre Freude ist. „Eigensinn ist keine Krankheit. Eigensinn erfordert Charakter …“. Gerade in der heutigen Zeit, wo jedem Schwachsinn eine Plattform geboten wird, ist dieses kraftvolle Plädoyer für die Vernunft besonders willkommen.

Markus Gasser
Lil
Roman
C.H. Beck, München 2024

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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