
Sargans, am 31. Januar 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Sargans, am 31. Januar 2020
Jeder Moment ist Ewigkeit ist ein Titel, der sich für ein Selbsthilfebuch eignen würde. Dass er auch für das Buch einer Fotojournalistin passt, macht deutlich, dass unsere Zuordnungen willkürlich sind, und dass, was in einem Kontext gilt, oft auch in einen anderen passt, vorausgesetzt, man ist bereit zu sehen, dass die Grundfragen in allen Bereichen und gestalteten Zusammenhängen eigentlich immer dieselben sind. Konkret: Im Spirituellen wie in der Philosophie, in der Biologie wie in der Fotografie gilt: Jeder Moment ist Ewigkeit – und natürlich auch das Gegenteil.
Lynsey Addario hat ihre Arbeit oft in Krisengebiete und damit auch in gefährliche Situationen geführt. „Nach einigen Tagen auf der einsamen Wüstenstrasse stiess eines Morgens plötzlich ein Kampfhubschrauber auf uns herab. Im Tiefflug nahm er alle wahllos unter Beschuss und überzog uns mit einem Maschinengewehrhagel. Die verstreute Schar der Aufständischen erwiderte sein Feuer mit ihren Kalaschnikows.“ Das war in Libyen gewesen, im März 2011.
Von Robert Capa ist der entsetzlich blöde Satz überliefert: „Wenn deine Fotos nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“ 1954 trat er in Vietnam auf eine tödliche Landmine. Lynsey Addario zitiert den Satz und stimmt ihm zu, fügt jedoch bei. „Doch wenn man nah genug dran war, war man in der Schusslinie. In jener Woche sah ich, wie einige der besten Fotografen, Leute, die in Tschetschenien, Afghanistan und Bosnien gearbeitet hatten, aufgaben, nachdem die ersten Bomben gefallen waren.“ Sie bleibt, trotz eigener Zweifel. Bei diesem Aufstand dabei zu sein, gibt ihr ein Hochgefühl.
Lynsey ist 13 Jahre alt, als sie von ihrem Vater ihren ersten Fotoapparat geschenkt bekommt. Sie ist damals zu schüchtern, um ihre Kamera auf Personen zu richten und nimmt stattdessen Blumen, Friedhöfe und menschenleere Landschaften auf. Später studiert sie an der University of Wisconsin in Madison Internationale Politik. Während eines Auslandjahres an der Universität von Bologna entdeckt sie das Reisen. „Je mehr ich reiste, desto mehr sehnte ich mich nach einem Leben als Reisende.“
Nach dem Studienabschluss macht sie in New York ein Praktikum bei einem Modefotografen und arbeitet abends als Kellnerin. Mit dem gesparten Geld macht sie sich auf nach Buenos Aires. Sie will Spanisch lernen und Südamerika bereisen. „Die Fotografie gab meinem Reisen einen Zweck.“
Bei einer Salgado-Ausstellung wird ihr plötzlich bewusst, „was ich wollte: mit Fotos die Geschichten von Menschen erzählen, ihrer Menschlichkeit so wie Salgado gerecht werden, und beim Betrachter dasselbe Mitgefühl wecken, das ich im Augenblick der Aufnahme empfand. Ich bezweifelte, dass ich je imstande sein würde, solchen Schmerz und solche Schönheit einzufangen, aber meine Leidenschaft war geweckt. Ich ging durch die Ausstellung und weinte.“
In New York gibt ihr die AP (Associated Press) regelmässig Arbeit. Ein Fotograf namens Bebeto, der an den Wochenenden als Bildredakteur arbeitet, wird ihr Mentor. „Er erklärte mir, wie man in einem Raum am Fenster oder an einer leicht geöffneten Tür nach dem Licht sucht. Er lehrte mich Komposition. Er zeigte mir, wie man den Kamerasucher nicht nur mit dem Gegenstand, sondern auch mit wichtigen Kontextinformationen füllt, um das Bild an seinem Ort zu verankern.“
Es sind unter anderem solche Sätze, die mir dieses Buch wertvoll machen. Anders gesagt: Jeder Moment ist Ewigkeit ist auch wesentlich ein Buch über das Fotografieren. Aber ist das nicht selbstverständlich bei einer Fotojournalistin? Ist es nicht …
Sie erkundigt sich bei AP, ob es in Südasien Arbeit für sie gebe, macht sich nach Indien auf. „Ich fragte mich nicht, ob es ein Fehler gewesen war, nach Indien zu gehen. Ich hatte das Gefühl, in New York mein Leben vergeudet zu haben.“
Jeder Moment ist Ewigkeit bietet einen anderen als den üblichen Medien-Blick auf die Krisengebiete der letzten Jahre, weil Addario auch die Bedingungen schildert, unter denen ihre Bilder entstehen. Etwa wie sie in Pakistan, umgeben von Hunderten enthemmter Männer, das war nach 9/11, bei Protestkundgebungen gegen die US-Regierung aggressiv attackiert wurde (ich fühlte mich an die Silvester-Übergriffe in Köln erinnert) oder wie schwierig es ist, Menschen zu fotografieren, zu deren Leben man mangels fehlender Sprachkenntnisse oder aufgrund von Verboten, keinen wirklichen Zugang hat.
Lynsey Addarios spannende, lehrreiche, inspirierende und mit zahlreichen Fotos illustrierte Geschichte ist die Pressebild-Aufklärung, die wir nötig haben und leider viel zu selten ist.
Lynsey Addario
Jeder Moment ist Ewigkeit
Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt
Econ Verlag, Berlin 2016

Mistail, bei Tiefencastel, am 29. Januar 2020
Keine Kunst interessiert mich mehr als die Lebenskunst. Und so recht eigentlich ist sie die einzige, von der ich wirklich etwas halte. Kein Wunder also, bin ich Theodore Zeldins Gut Leben. Ein Kompass der Lebenskunst gespannt angegangen, merkte dann jedoch recht schnell, dass der deutsche Titel etwas irreführend ist. Der englische Untertitel trifft es besser: er spricht von einem neuen Weg, die Vergangenheit zu erinnern und sich die Zukunft vorzustellen.
„Die Geschichte ist nicht nur eine Aufzeichnung dessen, was geschehen ist und warum es geschah, sondern regt vor allem die Fantasie an“, behauptet Zeldin nicht nur, sondern führt es höchst eloquent vor, indem er uns am Leben und den Gedanken von ganz unterschiedlichen Personen – vom Maler Lucian Freud (1922 – 2011) bis zum Schriftsteller und Politiker Benjamin Disraeli (1804 – 1881) – teilhaben lässt und daraus überaus hilfreiche Folgerungen zieht.
„Die Zwänge des gewöhnlichen Lebens nehmen einen so sehr in Anspruch, dass wir den grundsätzlicheren Problemen der Lebenskunst gewöhnlich ausweichen. Was am wichtigsten ist, wird oft am wenigsten diskutiert. Der Kampf gegen die Zensur ist nie gewonnen, aber die Selbstzensur ist noch heimtückischer.“
Er suche nicht nach Lösungen, notiert Zeldin einmal, „sondern nur nach zu erkundenden Wegen.“ Dabei bemerkt er auch, dass die Glorifizierung und Kommerzialisierung einer kleinen Schar von herausragenden Künstlern den Blick ablenkt von dem, was Kunst auch ist und mehr sein sollte, „nämlich einen wechselseitigen Austausch zwischen Menschen anzuregen, die in verschiedenen Ausschnitten der Wirklichkeit zu Hause sind und unterschiedlich empfinden.“
Theodore Zeldin, geboren 1933, lehrte viele Jahre in Oxford Geschichte. Kein Wunder also, liefert er in diesem Werk viel gelehrtes Wissen und orientiert sich dabei ebenso an den grossen Namen, wie er das bei den Kunstdebatten kritisiert. Ausserordentlich anregend ist ihm dabei die Auseinandersetzung mit dem Glauben beziehungsweise den Religionen gelungen. „Es gibt keinen Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam, sondern nur das Aufeinanderprallen von Vorstellungen, die in jeder dieser beiden Religionen zu finden sind.“
Dabei macht er auch klar, dass es bei religiösen Auseinandersetzungen oftmals gar nicht um die Religion geht, sondern um die Frage, ob man bereit und fähig ist, ein chaotisches Leben voller Widersprüche und komplexer Abläufe zu akzeptieren oder auf eindeutige und einfache Anweisungen angewiesen ist.
Was mich ganz unbedingt für dieses Buch einnimmt, ist, dass der Autor nicht einfach akademisch referiert, sondern danach trachtet, Wissen aus der Vergangenheit für sein eigenes Leben zu nutzen. So bezeichnet er etwa instinktive Abneigung als den Hauptgrund, weshalb so viele Menschen einander nicht zu schätzen vermögen. Und obwohl das eine universelle menschliche Reaktion sei, gebe es einen anderen Weg, „eine andere, langsamere Reaktion, die auf der Überzeugung beruht, dass man jedes Mal etwas Neues entdecken kann, wenn sich zwei Menschen in Situationen, Stimmungen, Gesprächen oder Herausforderungen begegnen.“
Theodore Zeldin stellt Menschen und Ideen aus verschiedenen Jahrhunderten und mit ganz unterschiedlichem Hintergrund einander gegenüber, „um so neue Antworten auf die Fragen zu finden, die die gegenwärtigen Bewohner der Erde umtreiben.“
Besonders angesprochen hat mich der chinesische Schriftsteller und Dramatiker Lao She (1899-1966), für den Humor „eine Geisteshaltung“ war, die es zu kultivieren galt, um das Leben erträglich zu gestalten. „Dazu gehörte, Leute zu beobachten wie ein Tourist, der alles interessant findet.“ Ein wunderbar hilfreicher Ratschlag, den ich letzthin (ohne ihn allerdings gekannt zu haben) instinktiv praktizierte, als ich am Bangkoker Flughafen beim Warten auf meinen Flug den Gang meiner Mitpassagiere beobachtete. Die Art und Weise des Gehens ist nicht nur ausgesprochen vielfältig, sie lädt auch zum Schmunzeln ein.
„Lebendig zu sein heisst mehr als nur ein Herz zu haben, das schlägt. Es heisst auch, sich bewusst zu werden, wie andere Herzen schlagen und wie andere im Austausch miteinander denken“, meint Zeldin, der mit diesem höchst gelungenen Buch seinen Beitrag leistet, damit wir miteinander ins Gespräch kommen können.
Theodore Zeldin
Gut leben
Ein Kompass der Lebenskunst
Hoffmann und Campe, Hamburg 2016

Zürich, Rosenhof, am 30. Januar 2020

Tiefencastel, vom Bahnhof aus gesehen, am 29. Januar 2020
Lee Miller war die einzige Frau, die im Zweiten Weltkrieg das Vorrücken der alliierten Streitkräfte in Westeuropa als Kriegsfotografin begleitete. Sie „führte ein erstaunliches Leben. Besser gesagt, sie führte ein halbes Dutzend unstete, für sich stehende, erstaunliche Leben nacheinander“, schreibt David E. Scherman, der selber von 1941 bis 1945 als Kriegsfotograf im Einsatz gewesen und für kurze Zeit ihr Lebensgefährte war, im Vorwort.
Als von ewig nagender Neugier, sympathischem Enthusiasmus und Erfindungsreichtum hat er sie erlebt, aber auch als nervig, zänkisch und egozentrisch. Wie konnte man diese Kombination bloss aushalten? „Das ist nicht schwierig zu beantworten. Sie war auf eine bissige Art brillant und dennoch vollkommen loyal, unprätentiös und unerbittlich gegenüber jeder Art von Augenwischerei. Sie war eine vollendete Künstlerin und ein vollendeter Clown, gleichzeitig eine Hinterwäldnerin aus Upstate New York und eine kosmopolitische Grande Dame, kaltes, soigniertes fashion model und Wildfang. Sie war eine durchgedrehte Diätspinnerin und im nächsten Moment eine ausgebildete Cordon-Bleu-Köchin …“.
Und die Frau kann schreiben. Besonders eindrücklich nachzulesen ist das in ihrer Reportage „Unbewaffnete Krieger“, die diesen verdienstvollen Band einleitet: „Auf der Intensivstation liegen sie, geschwächt, flach unter braunen Decken, zu jenem Zeitpunkt waren es 32, einige mit Blutplasmaflaschen, aus denen Tropfen des Lebens in einen ausgestreckten zerfetzten Arm sickern … Ein Mann mit schlimmen Verbrennungen bat mich darum, ein Foto von ihm zu machen, weil er sehen wollte, wie komisch er aussah. Es war eine ziemlich makabre Sache, und ich stellte die Brennschärfe nicht allzu gut ein.“
Man stösst in diesem Buch immer wieder auf ganz Erstaunliches, dass man so gar nicht mit seiner Vorstellung von Krieg zusammen bringt. Etwa, dass es niemand ungewöhnlich zu finden schien, dass da eine Frau von Zelt zu Zelt schlenderte, fotografierte und Fragen stellte. Oder dass zwei deutsche Chirurgen in einem Lazarett, wo beide als Kriegsgefangene einsitzen, Seite an Seite mit ihren amerikanischen Kollegen operieren.
Lee Miller schreibt von der Belagerung von Saint-Malo, von Treffen mit Picasso, Cocteau und Maurice Chevalier in Paris, berichtet davon, wie der surrealistische Dichter Paul Éluard und seine Frau Nusch mit Hilfe eines Arztes Zuflucht als unheilbar Geisteskranke in einer psychiatrischen Klinik fanden, beschreibt Deutschland als schönes Land, das von Schizophrenen bewohnt wird und beginnt ihren Artikel „Hitleriana“ mit diesem Hammer-Satz: „Ich wohnte in Hitlers Privatwohnung, als sein Tod bekanntgegeben wurde.“
Ein irrationaler Hass auf Deutsche begleitete sie bis an ihr Lebensende, schreibt Antony Penrose, der Sohn von Lee Miller und Roland Penrose, im Nachwort. Und: „Es war kaum überraschend, dass sie viele Nachkriegsjahre mit Depressionen und Alkoholmissbrauch verbrachte, bevor ihr eiserner Wille wiederkehrte und sie sich aus dem Abgrund herauskämpfte.“
Was Lee Millers Kriegsberichte auszeichnen, meint Herausgeber Klaus Bittermann in seinem treffend betitelten Beitrag „Berichte aus einer fremden Welt“, sei, dass sie „die Realität, die Widersprüche und irritierende Beobachtungen“ nicht einer Ideologie unterordnete, sondern für sich sprechen liess. „Vielleicht vermitteln ihre für den Tag geschriebenen Artikel aus diesem Grund eine ziemlich genaue und lebendige Vorstellung vom Krieg und seinem Elend.“
Lee Miller
Krieg – Reportagen und Fotos
Mit den Alliierten in Europa 1944-1945
Edition Tiamat, Berlin 2013

Tiefencastel, vom Bahnhof aus gesehen, am 29. Januar 2020
Es sei gleich gesagt: Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, weshalb jemand freiwillig in den Krieg zieht. Für mich sind Kriegsfotografen Adrenalin-Junkies. Der Fotograf Michael Kamber sieht das nicht so. Warum also ging er in den Krieg? „Bei mir war immer Gewalt zu Hause“, sagt er, „vielleicht mag ich sie deshalb.“ Eine ziemlich eigenartige Erklärung. Im Vorwort lese ich: „Für ihn ist es kein Foto, wenn in einem Krieg ein Soldat mit einem Sturmgewehr durch die Gegend läuft. Es ist erst dann ein Foto, wenn ein Mensch schiesst, explodiert oder blutet. Deshalb gehen Kriegsfotografen an die Front, sie warten auf Sprengfallen, sie hoffen auf Hinterhalte.“
Man müsse wissen, schreibt Takis Würger, Reporter beim Spiegel, der das Vorwort beigesteuert hat, dass Fotografen für gewöhnlich keine grossen Redner seien, „besonders dann nicht, wenn es um ihre Ängste, Wünsche und Hoffnungen geht.“ Ein paar Seiten weiter wird dann Michael Kamber mit dem Satz zitiert: „Viele Fotografen sind grosse Geschichtenerzähler.“ Ja, was denn nun? Beides natürlich, doch glücklicherweise hat Kamber etwas mehr recht, jedenfalls machen einen die 18 Interviews in diesem Buch die Ängste, Wünsche und Hoffnungen der Fotografen gut nachvollziehbar.
Das erste Gespräch mit dem 1978 geborenen Deutschen Christoph Bangert, der im Irak fotografierte, als die berühmten Namen wieder abgereist waren, ist auf vielfältige Art erhellend: „Es gab im Irak damals keine permanenten Gefechte, Schiessereien oder ständige Explosionen – boom! boom! Nein, oft war es sehr, sehr ruhig., sehr viel komplizierter als in so einem Film.“ Etwas vom Schlimmsten sei die gewaltige Kluft zwischen den Amerikanern und den Irakern gewesen. Zudem habe die Kommunikation auch unter unfähigen Dolmetschern gelitten. Er mache seine Bilder, weil er sie für wichtig halte: „Du musst selbst entscheiden, was wichtig genug ist, um darüber zu berichten, nicht das, wovon du denkst, dass es dein Leser will. Das ist keine Anzeigenkampagne. Das ist Journalismus:“ Eines von Bangerts eindrücklichsten Bildern vom Irakkrieg, so erfährt man, zeige einen Mann auf einem Müllhaufen, dessen Hals beinahe vollständig abgeschnitten ist. Das Foto wurde nie veröffentlicht, umso unverständlicher, dass es auch in diesem Band nicht gezeigt wird.
Die Einleitung zum Gespräch mit dem 1970 geborenen Marco di Lauro fand ich wunderbar eindringlich geschildert, doch die der Einleitung und dem Gespräch vorangestellten Sätze erweckten meinen Widerwillen: „Für mich ist ein getöteter Zivilist ein getöteter Zivilist zu viel, egal aus welchem Grund und von wem er getötet wurde. Ich bin gegen niemanden. Ich bin nur gegen die Verletzung der Menschenrechte.“ Ich halte diese Kombination von Sätzen für unreflektiert, ja für dumm. Wer solches äussert, fällt auf die Propaganda rein, die zwischen toten Zivilisten und toten Soldaten einen Unterschied macht. In der letzten Konsequenz bedeutet das, dass wer eine Uniform trägt, getötet werden darf. Das ist hirnrissig.
Das Bild von di Lauro, das einen Jungen zeigt, der über in einer Schule aufgereihte Tote springt, ist aussergewöhnlich und eindrücklich. Überhaupt ist die Bildauswahl dieses Bandes superb. Und illustriert damit, dass Kriegsbilder, von denen es doch angeblich zu viele gibt, als dass wir noch von ihnen berührt sein könnten, uns nach wie vor erreichen und bewegen können. Treffend sagt es auch der 1957 geborene Ed Kashi, Mitglied der Agentur VII: „Interessant, wie uns die Fotografie durchs Leben begleitet und uns Dinge zeigt, die wir ansonsten womöglich nicht erkennen würden.“
Fotografen sind Augenzeugen: sie sind vor Ort und häufig nah am Geschehen. Selten erfährt man, was sie sich so für Gedanken machen. Und genau deshalb ist dieser Band zu empfehlen: weil man hier erfährt, wie Fotografen Konflikte, zu denen sie die Bilder beisteuern, erlebt haben. Was zum Beispiel der gerade erwähnte Ed Kashi zum Stammesdenken im Irak zu sagen hat, ist unbedingt lesenswert.
Bilderkrieger ist ein aufklärendes und aufklärerisches Buch: so wie hier habe ich zum Beispiel noch nie über den Irak gelesen. Zudem hat mein Bild vom Kriegsfotografen als Adrenalin-Junkie einen kleinen Riss bekommen. Und das meint. Kriegsfotografen auf Adrenalin-Junkies zu reduzieren ist zu kurz gegriffen, das Leben ist dann doch etwas komplexer. Konkret: „Man muss die Momente der Menschlichkeit zeigen, sei es einen Arzt, der seine Patientin in diesem Chaos weiterbehandelt oder eine Gemeinde, die sich gegen die Schrecken wehrt. Irgendetwas, das einem ein Gefühl der Hoffnung vermittelt, sonst ist es die totale Verzweiflung“ (Ed Kashi). „Ich habe mich stets mehr dafür interessiert, was am Rande passiert, wie das Leben der Menschen berührt wird. Die Männer interessieren sich mehr für die Kämpfe. Mitch, mein langjähriger Freund, ist definitiv eher der Actionjunkie …“ (Stephanie Sinclair).
Bilderkrieger ist ein notwendiges Buch: aufrüttelnd und nachdenklich machend. „Manchmal denke ich, ich habe komplett versagt. Nicht eines meiner Fotos hat gezeigt, was im Irak wirklich geschehen ist“ (Andrea Bruce). „Für mich waren die definitiven Fotos bislang die Bilder, die Soldaten in Abu Ghraib aufgenommen haben“ (Andrea Bruce). Das Foto, das mich am nachhaltigsten beeindruckt hat (zusammen mit der Bildlegende), ist das Hochzeitsfoto von Renee und Tyler Ziegel, der bei einem Selbstmordanschlag im Irak schwer verletzt worden war, es stammt von Nina Berman.
Michael Kamber
Bilderkrieger
Ankerherz Verlag, Hollenstedt 2013

Santa Cruz do Sul, Brasilien, Januar 2018