Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

Seit ich „Flugasche“ gelesen habe, ist mir Monika Maron sympathisch. Obwohl ich mich an die Geschichte gar nicht recht erinnere, nacherzählen könnte ich sie jedenfalls nicht. Hingegen weiss ich noch, was mich damals, vor vielen Jahren, beeindruckt hat: dass es keine Schwarz/Weiss-Malerei gewesen war, dass es sich bei den Kontrahenten auf beiden Seiten um intelligente, nachdenkliche Menschen gehandelt hat.
 
„Munin oder Chaos im Kopf“ lese ich, ganz entgegen meiner Gewohnheit, langsam, sehr langsam. Warum ich das tue, weiss ich nicht wirklich; doch mir fällt auf, dass ich es tue. Darüber hinaus fällt mir auf, dass dies das erste Maron-Buch ist, bei dem ich dauernd schmunzle und manchmal auch laut heraus lache. Etwa darüber: „Wenn das Wetter es zuliess, frühstückte ich auf dem Balkon und las in der Zeitung die täglichen Berichte über irrsinnige Finanztransaktionen, von denen ich nichts verstand, oder über die ständig wachsende Anzahl menschlicher Geschlechter, die sich neuerdings hinter einer unverständlichen Abkürzung verbargen, oder über einen Terroranschlag in Syrien, Irak, Jemen oder auch in Paris, oder jemand erklärte, warum wir mit Rücksicht auf muslimische Mitbürger auf einige säkulare Selbstverständlichkeiten verzichten müssen.“ Selten wurde unser ganz normaler Wahnsinn so treffend auf den Punkt gebracht.
 
Worum geht’s? Mina Wolf schreibt für eine Festschrift an einem Beitrag über den Dreissigjährigen Krieg. Ihre Erkenntnisse über diesen Krieg und die täglichen Nachrichten über Krieg und Terror vermischen sich mit der zunehmenden Aggression in der Nachbarschaft, die durch eine verwirrte Frau, die auf ihrem Balkon lauthals singt, ausgelöst worden ist.
 
Die Nachbarn tun sich zusammen, beraten, was zu tun sei, dabei gibt es Differenzen und es kommt zum Streit, der unter anderem in aufgeschlitzte Autoreifen ausartet.
 
„Bevor ein grosser Krieg endgültig ausbricht, hat er als Wissen, wenigstens als Ahnung um seine Unvermeidlichkeit von dem Volk schon Besitz ergriffen.“ Die Parallelen zwischen dem Dreissigjährigen Krieg und unserer Zeit drängen sich auf, doch ob Eingreifen gegen Despoten helfen würde? „Ein Krieg musste sich selbst verzehren und durfte kein Futter bekommen. Es war herzlos, so zu denken, aber das lag am Krieg.“
 
Das scheint ein Gesetz. Und ist nicht nur auf Kriege anwendbar, denn mit der Sucht ist genauso. Erst wenn sich etwas erschöpft hat, so scheint es, wird eine Veränderung möglich. Und so recht eigentlich ist es mit allem so.
 
Möglicherweise ist auch „unser“ westliches Gesellschaftssystem gerade dabei, sich zu erschöpfen, Auflösungserscheinungen werden jedenfalls von nicht wenigen wahrgenommen und Monika Maron hat nicht nur ein waches Sensorium dafür (Vom Atem der Gewalt, der durch unsere Städte ziehe, schreibt sie einmal treffend), sondern auch eine Haltung, eine realistische und im besten Sinne vernünftige, die nicht den Zeitgeist zum Massstab nimmt. „Wenn einem nichts mehr einfiel, musste man Respekt fordern, Respekt war das abgedroschenste Wort der letzten Jahre. Jeder Klein – oder Grosskriminelle berief sich auf mangelnden Respekt, wenn er erklären sollte, warum er sein Messer in eine fremde Brust gestossen hatte.“
 
Bei ihren Nachforschungen stösst Mina Wolf auch auf den Artikel eines Wissenschaftlers, „der die Gefahr gegenwärtiger Kriege vor allem in den überzähligen Söhnen armer, dafür bevölkerungsreicher Länder sah. Diese jungen Männer, obendrein sexuell frustriert, weil ohne berufliche Zukunft nicht heiratsfähig, würden wie Dynamit in einer Gesellschaft wirken, in der sie sich erobern müssten, was ihnen verwehrt sei.“ Wieder einmal erstaunt mich, dass dies kein Thema ist, worüber die Massenmedien berichten. Dem Mensch, so scheint es, ist es schlicht nicht gegeben, sich mit der Realität zu konfrontieren. „Mundus vult decipi“, nannten das die alten Römer, die Welt will betrogen werden. Und am allerliebsten betrügt sie sich selber.
 
Mina Wolf schliesst Freundschaft mit einer einfüssigen Krähe namens Munin, die in der Folge regelmässig, des Fressens wegen, zu Besuch kommt. Die beiden pflegen einen höchst anregenden Dialog über Gott und die Welt. Was Wunder seien, will Munin wissen und erhält zur Antwort, das seien absolut unerklärbare Geschehnisse. „So etwas kennen wir nicht, weil wir keine erklärbaren Geschehnisse kennen. Es ist wie es ist. Wunder sind für Menschen, sagte Munin.“
 
So sehr „Munin oder Chaos im Kopf“ ein Buch über unsere aus den Fugen geratene Welt ist, so sehr ist es auch der Versuch einer philosophischen Standortbestimmung. Es tue ihr leid, sagt Mina Wolf einmal zu Munin, doch sie habe ein gestörtes Verhältnis zu Gott. Niemand wisse mehr, was er sich unter Gott vorstellen solle, wenn er an Gott denke, erwidert Munin verständnisvoll. „Der Gott im Himmel war eure Erfindung, und jetzt ist er euch auf den Kopf gefallen. Inzwischen sucht ihr ihn schon im Spiegel und findet ihn da natürlich auch nicht.“
 
Doch „Munin oder Chaos im Kopf“ ist keineswegs ein pessimistisches Buch. Und – Gott sei Dank! – auch kein optimistisches, sondern eines, in dem illusionslos geschildert wird, was ist, mit viel Humor, was ich als befreiend empfand. „Sie trug wieder die rote Seidenbluse, in der sie immer ein bisschen hysterisch wirkte. Oder sie bevorzugte diese alarmierende Farbe, wenn sie sich ohnehin schon in einem Zustand schwer beherrschbarer Erregung befand.“
 
Differenziert und lehrreich, gescheit und humorvoll – ein wunderbares Buch!

Monika Maron
Munin oder Chaos im Kopf
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018

Barbara K. Lipska / Elaine McArdle: Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor

Was wir denken, fühlen, träumen, wie wir uns bewegen und ob wir uns bewegen, all das hat seinen Ursprung im Gehirn. Unser Gehirn ist rund um die Uhr aktiv, funktioniert ohne unser Dazutun meist einwandfrei und steht im Dienst unseres Überlebens. Doch was passiert, wenn es nicht tut, was es soll, wenn es streikt?
 
Die Hirnforscherin Barbara K. Lipska hat das erlebt und zusammen mit der Autorin Elaine McArdle ein spannendes Buch darüber geschrieben: „Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor“. „Wegen eines Melanoms, das in mein Gehirn gestreut hatte, litt ich zunehmend an geistiger Verwirrung – eine zweimonatige Abwärtsspirale, die ich zu dem Zeitpunkt allerdings überhaupt nicht wahrnahm. Dank einer Mischung aus Glück, bahnbrechendem wissenschaftlichem Fortschritt und der aufmerksamen Fürsorge meiner Familie konnte ich dieses finstere Tal wieder verlassen.“
 
„Die Hirnforscherin, die den Verstand“ verlor beginnt mir einer Einführung ins Gehirn und in die Arbeit von Barbara K. Lipska. Dabei erfährt man, dass sie keine Ärztin, sondern Molekularbiologin ist und sich ihre Arbeit im Labor abspielt, wo „wir heute nach vererbten Genen und falsch strukturierten Proteinen oder nach dysfunktionalen Leitungsbahnen suchen, die mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen einhergehen.“
 
Ende Januar 2015, sie trainiert für den Ironman-Triathlon und ist in bester Form, fühlt sie sich eines Morgens plötzlich schwindelig. Bestimmt übertrainiert oder unterzuckert, beruhigt sie sich, doch als sie später am Computer sitzt, merkt sie, dass sie das untere rechte Gesichtsfeld nicht sehen kann. Als Expertin fürs Gehirn befürchtet sie, dass das nicht mit den Augen, sondern mit dem Hinterhauptlappen, wo die visuellen Informationen verarbeitet werden, zu tun hat. Sie will es nicht wahrhaben, hofft auf das Unwahrscheinliche, muss sich dann jedoch mit der Tatsache abfinden, dass ihr Krebstumor ins Gehirn gestreut hat.
 
Sie wird operiert, der Tumor entfernt. „Ich war wie auf Drogen, völlig getrieben.“ Um gegen das ins Gehirn gestreute Melanom vorzugehen, entscheidet sie sich für die Immuntherapie, welche die Abwehrmechanismen des Körpers nutzt, um den Krebs zu bekämpfen. Sie wird eingeladen an einer klinischen Studie teilzunehmen, unter der Voraussetzung, dass keine aktiven Tumoren vorhanden sind. Dann erhält sie in letzter Minute die Nachricht, dass bei ihr kleine Tumoren aktiv sind. Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt, die Barbara K. Lipska erlebt.
 
Sie entschliesst sich trotzdem für die Immuntherapie und am Anfang geht alles bestens, doch dann entgleist sie, wendet sich ihr Körper gegen sie. Sie leidet unter einem Ganzkörperausschlag und Kopfschmerzen, zudem sind ihre Persönlichkeitsveränderungen dramatisch. Ihre emotionalen Überreaktionen (heftige Wut, ständiges Misstrauen, grosse Ungeduld) können ein Indiz dafür sein, dass der Stirnlappen seine Kontrollfunktion nicht mehr richtig wahrnehmen kann. „In gewisser Weise ist diese wichtige Hirnregion in einen früheren Zustand zurückgekehrt und mit dem Gehirn eines Kleinkindes vergleichbar, das über keinerlei Impulskontrolle verfügt und noch nicht gelernt hat, schwierige soziale Situationen zu entschärfen.“
 
Sie selber merkt es nicht, dass sie sich sonderbar benimmt. Sie kann es nicht, denn die sechs Tumoren und die sie umgebenden Schwellungen haben ihren Stirnlappen, der die Selbstreflexion ermöglicht, ausser Kraft gesetzt. Die mangelnde Krankheitseinsicht ist übrigens auch bei Schizophrenie oder einer bipolaren Störung anzutreffen und „eher ein Krankheitssymptom und weniger ein bewusstes Leugnen oder eine Bewältigungsstrategie, wie man vielleicht anfangs glauben könnte.“ Niemand denkt zu diesem Zeitpunkt daran, ein MRT (eine Magnetresonanztomographie) von ihrem Gehirn zu machen. Auch, weil sie niemandem davon erzählt, mit was für Problemen sie sich herumschlägt.
 
Als dann schliesslich doch ein MRT gemacht wird, stellt man fest, dass aus den ursprünglich drei Tumoren achtzehn geworden sind. Sie unterzieht sich einem CyberKnife-Eingriff, fühlt sich anschliessend bestens, doch der frontale Cortex funktioniert nach wir vor nicht wie er sollte.
 
Schliesslich bringt die Kombination neuer Wirkstoffe die Tumoren zum Schrumpfen, einige verschwinden sogar. Barbara K. Lipskas Odyssee in den Wahnsinn ist zu einem guten Ende gekommen. Sie staune immer wieder darüber, wie wenig wir Menschen uns ändern, schreibt sie. „Ich war sogar noch ich selbst – beziehungsweise eine Version meiner selbst – , als ein Drittel meines Gehirns dramatisch geschwollen war.“ Doch in einer Hinsicht habe sie sich geändert, stellt sie fest: sie lebe heute deutlich bewusster.
 
„Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor“ ist nicht nur allerbeste Aufklärung über die Funktionsweise des Gehirns, sondern auch die bewegende Geschichte darüber, was ihr eigener Hirntumor Barbara K. Lipska über die menschliche Persönlichkeit lehrte.

Barbara K. Lipska / Elaine McArdle
Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor
Was mich mein Hirntumor über das Wesen der menschlichen Persönlichkeit lehrte. Die Geschichte einer unglaublichen Heilung
Ludwig Verlag, München 2018

Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

Osaka, 1973. Der Pfandleier Kirihara wird ermordet in einem verlassenen Gebäude aufgefunden. Kurz zuvor hat er auf der Bank eine Million Yen abgehoben. Und seine Geliebte besucht. Doch war sie wirklich seine Geliebte, diese Frau, die seit einem halben Jahr in einer festen Beziehung ist? Ihr Freund gehört jedenfalls schon bald zu den Verdächtigen, doch dann stirbt er bei einem Autounfall und sie an einer Gasvergiftung – ihre Tochter Yukiho kommt zu Verwandten und führt ein Doppelleben, von dem ihre Adoptivmutter jedoch nichts weiss.
 
 Jahre später. Ryo, der Sohn des Opfers und ein skrupelloser Geschäftemacher, vermittelt gutaussehende Schulkollegen an ältere Damen. Eriko, Yukihos Freundin, wird überfallen, mit Chloroform betäubt und bewusstlos auf der Ladefläche eines Lastwagens gefunden. Es ist eine vielschichtige Geschichte, die Keigo Higashino erzählt, wobei er auch immer wieder von der Vergangenheit in die Gegenwart wechselt, was die Lektüre gelegentlich etwas verwirrend macht. Der rote Faden ist die mysteriöse Verbindung von Ryo und Yukiho.
 
So recht eigentlich stösst man in „Unter der Mitternachtssonne“ nicht nur auf eine, sondern auf ganz viele Geschichten. Ganz besonders gelungen ist dabei die Liebesgeschichte von Kazunari und Eriko (und die anderen berührenden Liebesgeschichten), die mit dem Überfall auf Eriko eine ganz unerwartete Wendung nimmt. Und dann unvermittelt wieder bei dem Schlitzohr Ryo Kirihara landet, der mittlerweile zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin aktiv beim Fälschen von Kreditkarten und Computerbetrügereien zugange ist. Erst nach und nach merkt man, dass die verschiedenen Geschichten alle miteinander zusammenhängen – ein Meisterwerk!
 
„Unter der Mitternachtssonne“ gibt auch vielfältig Auskunft über japanische Verhältnisse, Sitten und Gebräuche. Die Leute begegnen einander ausgesprochen höflich, scheinen dauernd Angst zu haben, anderen zur Last zu fallen, entschuldigen sich ständig. Zudem erfährt man, dass es Universitäten für Mädchen gibt, erhält Einblicke in Klassenunterschiede („Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass Leute aus der Oberschicht in der Regel nicht zu spät kamen.“) und Aufklärungen darüber, wie vielfältig die Yakuza in der Geschäftswelt mitmischen.
 
Diese Japan-Aufklärungen lesen sich besonders anregend und schon allein derentwegen lohnt die Lektüre dieses Thrillers, der nicht zuletzt auch wegen der höchst ansprechenden Buchgestaltung – vom Umschlag zum Format zum Satzspiegel – überzeugt.
 
„The Times“ hat Keigo Higashino als „Der japanische Stieg Larsson“ bezeichnet und mehr daneben kann man so recht eigentlich gar nicht liegen, denn Stieg Larsson schrieb spannungsgeladene Politthriller und ist damit meilenweit von „Unter der Mitternachtssonne“ entfernt, bei dem Kleinigkeiten Aufschlüsse über das Vorgefallene und detaillierte Befragungen Hinweise auf mögliche Täter geben. Was die beiden hingegen verbindet, ist, dass beide atemberaubend spannend sind und einen unwiderstehlichen Sog entwickeln, dem man sich kaum entziehen kann.
 
„Unter der Mitternachtssonne“ ist ein cleverer und höchst differenzierter Thriller darüber, dass nichts im Leben sicher und alles miteinander verbunden ist, reich an überraschenden Wendungen und wunderbar unterhaltsam, in dem man auch so zum Schmunzeln einladende Sätze wie diesen findet: „Die Vorlesung über Hochspannung war zum Einschlafen.“
 
Ein glänzender und überaus eindrücklicher Thriller voller rätselhafter und faszinierender Liebes- und Beziehungsgeschichten! Keigo Higashino ist für mich eine ganz wunderbare Entdeckung!

Keigo Higashino
Unter der Mitternachtssonne
Tropen Verlag, Stuttgart 2018

William E. Glassley: Eine wildere Zeit

„Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet“, schreibt der Geologe William E. Glassley in „Eine wildere Zeit“. Und genau das tut er denn auch. Zusammen mit zwei Kollegen macht er sich auf, um nach Beweisen für die These zu suchen, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben.
 
Doch was genau tun eigentlich Geologen, wie gehen sie vor? Im Falle der drei Grönland-Erkunder sieht das so aus, dass sie zu Fuss oder per Boot durch eine Welt unterwegs sind, in der grossteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Und das ist, wie die drei erfahren, nicht ungefährlich. Sie nehmen Proben, fotografieren und vermessen uralte Felsen – sie sammeln Daten.
 
In „Eine wildere Zeit“ schildert William E. Glassley fünf Expeditionen, die er zu den Gesteinen Grönlands gemacht hat. Dabei schreibt er unter anderem von Erwartungen, die zerbröckeln. Als er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“ Der zerstörerische Akt der Probenentnahme beschäftigt ihn.
 
Er stört sich an seinem Eindringen in die Stille, macht sich Gedanken über die Folgen seiner schweren Schuhe für diese empfindliche Welt. Und er denkt über die Wissenschaft nach, dieses eigenartige Geschäft, die mit einem vereinfachten und zwangsläufig fehlerhaften Abbild der Wirklichkeit arbeitet.
 
„Die Linien auf unseren Karten suggerieren Grenzen, die unsere Erwartungen bestimmen und einengen. Grenzen vereinfachen, kategorisieren und verleiten uns dazu, zu reagieren, ohne zu überlegen. In der Natur aber ist alles ein Fliessen, ein Prozess, der keine Grenzen kennt.“ Was bestenfalls möglich ist, ist eine Annäherung. Wesentlich ist, zu begreifen, „dass Grenzen eine andere Form der Fata Morgana sind.“
 
William E. Glassley ist nicht nur wissenschaftlich unterwegs, er beschreibt auch, wie er die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises erlebt und erfährt. Wie er das eiskalte Bad in arktischen Gewässern schildert, lässt einen selber fast vor Kälte erzittern; wie er bei seiner Rückkehr Licht, Luft und Geräusche mit geschärften Sinnen wahrnimmt, regt einen dazu an, die eigenen Sinne zu schärfen.
 
„Während ich halb gedankenverloren durch die Gräser und kurzstieligen Blumen des Tundrateppichs spazierte, breitete sich in mir ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, als hiesse mich der weite Raum willkommen.“ Es sind solche Passagen, die diesen schmalen Band zu weit mehr als einem geologischen Bericht vom Rande des Grönland-Eises machen.
 
Als er sich einmal mit seinem Gesicht dem Boden nähert, wird er ganz unvermutet von süssem Blumenduft überschwemmt. Dabei realisiert er unter anderem, dass wir Menschen üblicherweise nur einen winzigen Teil der Welt erleben. „Evolutionär sind wir mehr oder weniger optimal an einen Raum angepasst, der etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen ist hilfreich, wenn wir über unseren Platz auf diesem Planeten etwas erfahren wollen.
 
William E. Glassley führt vor, dass Wissen und Erleben ganz verschiedene Dinge sind. Am Ende seiner Expeditionen ist er ein anderer Mensch geworden. Gewissheiten, die er für unumstösslich hielt, haben sich in der Abgeschiedenheit der Wildnis gewandelt. „Hier müssen wir uns nicht unermüdlich anstrengen, alles in richtig und falsch einzuteilen, denn die ungestüme Wildnis kennt keine Urteile, nur das Sein.“
 
„Eine wildere Zeit“ ist eine höchst eindrückliche Einladung, sich mit dem Wunder der Existenz auseinanderzusetzen.

William E. Glassley
Eine wildere Zeit
Verlag Antje Kunstmann, München 2018

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Mary Shelley: Frankenstein oder Der neue Prometheus

An der sogenannten Elite-Uni Stanford gehört Mary Shelleys Frankenstein zur Pflichtlektüre, gilt also als Klassiker und das meint in der Regel, dass das Buch eher selten aus freien Stücken gelesen wird. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Doch Vorstellungen lassen sich korrigieren. Mary Shelleys Frankenstein gehört für mich eindeutig zu den Klassikern, mit denen sich auseinanderzusetzen lohnt.
 
Der ehrgeizige Kapitän Robert Walton ist auf einer Entdeckungsfahrt zum Nordpol, als er und seine Mannschaft sich plötzlich vom Eis eingeschlossen finden und einen Mann, der mit einem von Hunden gezogenen Schlitten auf der Flucht war, an Bord nehmen, der sich als ebenso willensstark und ehrgeizig entpuppt wie Walton selbst. Dieser Mann hat etwas zu erzählen. „Hören Sie meine Geschichte, dann werden Sie begreifen, wie unwiderruflich alles vorbestimmt ist.“
 
Aufgewachsen sei er in Genf zusammen mit einer gleichaltrigen Cousine. „Für mich war die Welt ein Rätsel, das ich zu lösen hoffte; für sie war sie eine Leere, die sie mit ihrer eigenen Fantasie zu bevölkern suchte.“ Er verlebt eine glückliche Kindheit, wird zum Lernen ermuntert. „Unsere Studien wurden nie erzwungen, und irgendwie hatten wir stets ein Ziel vor Augen, das zu erreichen uns mit Begeisterung erfüllte. Auf diese Weise, nicht durch Wetteifern, wurden wir dazu gebracht, fleissig zu lernen.“
 
Von seinem Vater zum Studium nach Ingolstadt geschickt, befasst er sich in der Folge intensiv mit den Naturwissenschaften (und sagt über einen seiner Lehrer: „Vermutlich war es der anziehende Charakter dieses Mannes, der mich zu seinem Fachgebiet hinzog, und nicht eine grundlegende Liebe zur Wissenschaft selbst.“ – Pädagogikstudenten werden da wohl etwas ins Grübeln kommen) und wähnt sich schon bald nicht nur in der Lage, die Entstehung des Lebens zu ergründen, sondern selbst „lebloser Materie Leben zu schenken.“
 
Victor Frankenstein, so heisst dieser besessene Mann, schafft ein zweieinhalb Meter grosses und entsprechend breites Monster. Er hat seinen Traum/Wahn, als Erster die Schranken von Leben und Tod niederzureissen, wahr gemacht und fürchtet sich jetzt sehr heftig vor seiner Kreatur, die ganz plötzlich verschwunden ist. Er wird krank, hintersinnt sich, glaubt, dass er die Prioritäten falsch gesetzt hat. „Ein vollkommener Mensch sollte sich immer einen ruhigen, friedlichen Geist bewahren und eine Beeinträchtigung dieser Ausgeglichenheit durch Leidenschaft oder vorübergehende Begierde niemals zulassen. Ich glaube nicht, dass der Wissensdurst eine Ausnahme von dieser Regel darstellt.“ Sätze, die an Weisheitslehren gemahnen, für welche die moderne Welt wenig Bedarf zu haben scheint.
 
Kurz vor seiner Rückkehr nach Genf, erfährt Frankenstein, dass sein jüngerer Bruder William ermordet worden ist. Bei der Ankunft in seiner Heimatstadt meint er in der Dunkelheit sein von ihm geschaffenes Monster vorbeieilen zu sehen; er ist überzeugt, dass seine Schöpfung seinen Bruder umgebracht hat, doch wird Justine, das Hausmädchen und Gesellschafterin der Frankensteins, schuldig gesprochen und hingerichtet. Schuldgefühle quälen ihn. „Ich war der Urheber unabänderlichen Übels und fürchtete täglich, das von mir geschaffene Monster werde eine neue Teufelei aushecken.“ In den französischen Alpen trifft er wieder auf sein Geschöpf, das auf der Suche nach ihm gewesen war.
 
Von diesem erfährt Frankenstein, dass was er mit den allerbesten Absichten geschaffen hat, nicht nur nirgendwo dazu gehört und wie ein Aussätziger behandelt wird, sondern gefürchtet wird. Das Monster leidet und bittet Frankenstein, ihm eine Gefährtin zu schaffen. Dieser verspricht es, doch entscheidet sich dann, sein Versprechen nicht zu halten. „Während meines ersten Experiments hatte mich eine wahnsinnige Begeisterung blind gemacht für das Grauen meiner Tätigkeit. Mein Verstand konzentrierte sich ausschliesslich auf die Fortführung meines Werks, und meine Augen verschlossen sich vor den Schrecken meiner Taten. Nun aber ging ich kaltblütig daran und wurde angesichts meines Schaffens oft von Ekel gepackt.“ Für den Bruch seines Versprechens muss er einen extrem hohen Preis zahlen.
 
Verblüffend ist vieles an diesem Buch und ganz besonders das Alter der Verfasserin: Sie war gerade einmal 18, als sie ihr Werk in Angriff nahm und erst 21 als es veröffentlicht wurde. Mir haben es vor allem die vielen cleveren Einsichten der jungen Autorin angetan. „Leben Sie wohl, Walton! Suchen Sie Ihr Glück im Frieden und entsagen Sie dem Ehrgeiz, auch wenn es sich nicht nur um den scheinbar unschuldigen Wunsch handelt, sich als Wissenschaftler und Entdecker einen Namen zu machen. Aber was rede ich da? Meine eigenen Hoffnungen auf diesem Gebiet haben sich zerschlagen, doch vielleicht hat ein anderer Erfolg.“
 
Angesichts der wissenschaftlichen (und zum Teil atemberaubenden) Fortschritte auf allen Gebieten, drängt sich die Lektüre von ‚Frankenstein oder der moderne Prometheus‘ gerade zu auf. Denn nach wie vor gilt: Was man kann, muss man nicht notwendigerweise auch tun.
 
PS: Dieser gut in der Hand liegende, fachmännisch gesetzte und gedruckte und mit Fadenheftung versehene Band ist überdies ein schönes Beispiel ansprechender Buchkunst.

Mary Shelley
Frankenstein
oder Der neue Prometheus
Manesse Verlag, München 2017

Kent Nerburn: Nicht Wolf Nicht Hund

Kent Nerburn, Ethnologe und Theologe, arbeitete zuerst als Bildhauer, bevor er über die Arbeit an einem ‚Oral History‘-Projekt in der Red Lake Ojibwe Reservation (in Minnesota) zum Schreiben kam. Und dabei auch dies gelernt hatte: „Ich würde ein für alle Mal damit aufhören, meine indianischen Brüder und Schwestern als Rollenmodelle anzusehen. Ich betrachtete es als meine Pflicht, eine Brücke zwischen zwei Welten zu bauen – der Welt, in die ich hineingeboren worden war, und der Welt eines Volkes, das ich kennen und lieben gelernt hatte.“
 
Eines Tages wird er von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Grossvater Dan, einen 78jährigen Lakota Indianer, in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen. Dan hat über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht und möchte nun, dass Kent Nerburn daraus ein Buch macht. „Der Alte war weder ein Spinner noch ein Chronist. Sondern ein Denker, der die Welt um sich herum lange und eingehend studiert hatte.“
 
Während mehrerer Monate durchforstet er einen Stapel zerfledderter Heftseiten und mehrere Schuhkartons voller Notizen. Nachdem er ein paar Kapitel zusammengebracht hat, legt er diese Dan vor, der davon angetan scheint, nicht jedoch sein Kumpel Grover, der Kent Nerburns Arbeit missbilligt. Dann verbrennt Dan alle seine Unterlagen. Und beginnt zu erzählen.
 
Als die Weissen aufgetaucht seien, hätten sie das Land in Besitz genommen, ja, es ihnen geraubt, denn für die Ureinwohner sei das Haben keine Kategorie ihres Denkens gewesen. „Ihr seid in unser Land eingefallen und habt es uns gestohlen, ohne uns auch nur einmal Gehör zu schenken. Jedes einzelne eurer Versprechen habt ihr gebrochen.“
 
Dazu kommt, dass die Ureinwohner eine völlig andere Vorstellung von der Natur hatten als die Weissen. Sie war lebendig, sprach zu ihnen, war ihre Mutter, sie hörten auf sie. „Wie sollten zwei Völker je miteinander auskommen, wenn beide das Land mit völlig andere Augen sehen? Es konnte nicht funktionieren, und so war es auch.“ Dazu komme, so Dan, dass die Weissen immer zuerst an sich selber und ihre Rechte dächten. „Aber wir denken zuerst an unsere Kultur, daran, wie wir an ihrer Kraft wachsen könne.“
 
Was er von der Bezeichnung „Indianer“ halte?, will Kent Nerburn wissen. „Weil Kolumbus glaubte, er hätte die Westindischen Inseln gefunden, heissen wir jetzt Indianer“. Das passe vielen seiner Leute nicht, sie seien der Meinung, dass ihnen dieser Name ihren Stolz und ihre Identität raube. „Was wäre wohl los, wenn ihr die Schwarzen plötzlich Russen oder Chinesen nennen würdet? Glauben Sie, die würden das einfach so schlucken?“ Zudem: Sie seien keine Einwanderer, sondern immer schon hier gewesen, erläutert Dan.
 
Kent Nerburn ist kein Möchtegern-Indianer, er hat aufrichtiges Interesse an den Ureinwohnern. Und es ist verblüffend, was er sich alles an Belehrungen und Unhöflichkeiten (jedenfalls aus weisser Sicht) gefallen lässt. Alsbald kommt er an seine Grenzen, denn Dan und sein Freund Grover nehmen auf seine Bedürfnisse überhaupt keine Rücksichten. „Die Stille machte mich nervös. Eben noch hatte Dan zu einer längeren Ausführung über Sitting Bull angehoben, und nun fuhren wir in gleichsam selbstverständlichem indianischem Schweigen dahin. Ich fühlte mich wie ein kompletter Aussenseiter.“
 
Weshalb viele von ihnen ihre untüchtigen Schrottmühlen vor dem Haus stehen lassen, will Kent wissen und erhält zur Antwort, dass Dinge, die nicht mehr gebraucht würden, einfach liegen gelassen werden. „Eine Coladose am Wegesrand findet ihr schlimmer als die Highways, mit denen ihr das Land zubetoniert, eine Mülltüte im Wald schlimmer als eure blitzblanken Einkaufszentren.“
 
Ständig beklagt Dan die Ignoranz der Weissen; er selber glaubt an die Weisheit seiner Vorfahren und versteht die Weissen genau so wenig wie sie ihn. Doch was genau in den beiden Indianern Dan und Grover vor sich geht, erfährt man nicht, Kent hingegen spricht von seinen Gefühlen – die weite Landschaft und die Stille bewegen ihn. Und als die beiden unterwegs im Auto zu singen beginnen, fühlt er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal Bachs h-Moll Messe gehört hatte. „Es war, als würde ich im Gesang zweier alter Lakota Indianer und dem sonoren Brummen des Buick das Sanctus, das Agnus Dei und das Kyrie der Prärie vernehmen.“
 
„Nicht Wolf Nicht Hund“ macht vor allem deutlich, mit was für verschiedenen Denk- und Wertesystemen Ureinwohner und Weisse unterwegs sind. Und bietet vielfältige Aufklärung über die daraus resultierenden Missverständnisse. In den Augen von Dan liegen diese wesentlich daran, „dass für die Weissen Freiheit ganz obenan steht. Und für uns Indianer die Ehre.“ Und es klärt auf, wie unterschiedlich mit Autoritäten umgegangen wird. Es ist selten, dass ich auf derart viele Gedanken stosse, von denen ich in meiner Jugend überzeugt gewesen bin und die mir „das System“ versucht hat auszutreiben. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube!
 
Die Welt bestehe nicht aus Zufällen, sagt der alte Lakota einmal. „Der Schöpfer hat Ihnen eine Aufgabe gestellt, so wie mir auch. Das ist kein Witz. Er hat sie ausgewählt. Kommen Sie nicht auf die Idee, es zu vermasseln.“ Wir sind gut beraten, uns diese Haltung anzueignen!

Kent Nerburn
Nicht Wolf Nicht Hund
Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer
C.H. Beck, München 2018

Irene Dische: Schwarz und Weiss

Ich bin sofort drin, in diesem Buch, und das hat mit dem Ton, der Sprache, dem Rhythmus, dem Humor zu tun, diesem mich sehr ansprechenden Humor, der keine Angst hat vor diesen korrekten Langweilern, die vielen öffentlichen und nicht so öffentlichen Debatten den Riegel vorgeschoben haben und damit mitverantwortlich sind für die Aggressionen, die jetzt aus allen Löchern gekrochen kommen. „Wenn ich rauchte, hustete sie, um zu zeigen, dass mein Rauchen sie stört, aber weil ihr Husten mich nicht störte, rauchte ich weiter.“
 
„Schwarz und Weiss“ ist die Geschichte von Lili und Duke Butler, einem auch in New York höchst ungewöhnlichen Paar, das sich in Kenia kennengelernt hatte. Duke ist schwarz, stammt aus einfachen Verhältnissen, aus dem Süden, „wo der staatlich sanktionierte Menschenbesitz sich schon immer grosser Beliebtheit erfreut hatte. Im Süden heirateten die Leute und blieben zusammen, bis sie ihren Ehepartner satthatten, und dann brachten sie ihn um.“ Lili ist weiss, die Tochter eines Komponisten und einer Journalistin aus dem New Yorker Kulturkuchen, die Duke anfänglich für einen Nachkommen Jeffersons halten (wollen), bis sich dann nach und nach herausstellt, dass die Dinge etwas anders liegen. Zum Brüllen komisch anders, inklusive einer vierhundertpfündigen Schwester, die sich zu wehren weiss.
 
Lilis Eltern, Vlado und Bucky Stone, verschaffen Duke eine Anstellung bei einem Weinhändler namens Perkins, der ihn in gerade mal einem Monat von einem blutigen Laien in einen jungen Experten verwandelt, während Lili, die als Krankenschwester arbeitet, seine New Yorker Grundausbildung übernimmt. In der Folge entwickelt sich Duke zur Wein-Legende und Lili macht Karriere als Model. Beide sind auf ihre jeweils eigene Weise höchst eigen: Lili, von abrupten Stimmungswechseln gebeutelt, Duke, ein Verdränger erster Güte – „normal“ ist anders.
 
„Schwarz und Weiss“ ist die Geschichte der ganz aussergewöhnlichen, aberwitzigen und tragischen (und unwahrscheinlichen) Liebe zweier Menschen, die gegensätzlicher kaum sein könnten und sich gleichwohl die meiste Zeit ihrer Ehe allerbestens ergänzen. Erzählt wird aber auch vom New York der 1970er,1980er und 1990er, wozu natürlich, neben Aids, Kokain, Crack und Klagen/Anwälten auch die Therapie gehört, die offenbar dann am besten gelingen kann, wenn Therapeut und Patientin sich gegenseitig zu schmeicheln wissen, sowie, es versteht sich, reichlich Geld vorhanden ist. „Er kannte den Code: Sei höflich zu denen, die finanziell über dir stehen. Im Land der Freien gab es, wie er wusste, keine Ausnahmen. Selbst die grösste Diva legte den Hörer nicht auf, wenn der Opernintendant in der Leitung war.“ Und natürlich auch der Snobismus, der intellektuelle und der auf Geld gegründete.
 
Zwischendurch lässt sich auch immer mal wieder Dukes Mutter vernehmen, um die Dinge aus ihrer Sicht zu schildern. „Soll ich mich jetzt vorstellen? Mein richtiger Name ist Jutta, Jutta Brolin. Für mein Alter sehe ich phantastisch aus. Ich bin blond, Single, Raucherin und verstehe was von engen Jeans. Mit Cowboystiefeln. Manchmal hört jemand meinen leichten Akzent und fragt, wer ich ‚wirklich‘ sei. Wenn ich nicht sage ‚Verpiss dich‘, sage ich: ‚Griechin‘. Eine Notlüge. Bei Deutschen gehen die Leute immer vom Schlimmsten aus.“
 
„Schwarz und Weiss“ (hervorragend übersetzt von Elisabeth Plessen) ist ein dichtes Buch, spannend erzählt und überaus witzig. Es gibt da so viele wunderbar gelungene Sätze, dass man sie so recht eigentlich gleich alle zitieren möchte. Über die Beziehungslosigkeit zwischen Tochter, Vater und Mutter: „Was sie verband, war die Vorliebe für Camels, die sie nach ihrem Auszug an die Uni von ihm übernommen hatte, um ihm auf ihre Art nahezubleiben. Seine Frau rauchte Kents.“ Über Journalismus: „Da sie nicht das Geringste von Essen und Trinken verstand, hatte sie einen unvoreingenommenen Blick. Ein Journalist braucht nur den Verstand von jemandem, der ihm alles erklärt.“ Über Tagträume: „Als es noch keine elektronischen Spielzeuge gab, waren Tagträume ein beliebter Zeitvertreib. Sie waren gebührenfrei, mobil, unterlagen keiner Zensur und mussten nicht bestellt oder nachgeladen werden.“ Über Drogensüchtige: „Niemand ist geschäftiger als ein Drogensüchtiger, der ständig das beschaffen muss, was er braucht. Nur die mit dem klarsten und schärfsten Verstand halten sich in diesem Job, der so anstrengend ist, wie eine Doppelschicht im Krankenhaus.“
 
Herrlich auch Irene Disches (realistischer) Sarkasmus, der sich durchs ganz Buch zieht. So beginnt etwa Vlado sich im fortgeschrittenen Alter für junge Männer zu interessieren. „Die solide Konstruktion ihres täglichen Lebens erwies sich als zu schwach, um das Schnauben eines älteren Mannes zu ertragen, der vom Sofa der Routine aufgesprungen war.“ Im Gegenzug entdeckt Bucky im Ostblock aufstrebende Schriftsteller mit hohen Wangenknochen. Und als Mister Perkins sich auf die Suche nach Dukes Schwester nach Florida aufmacht, liest sich das so: „Er hatte sich am Flughafen einen kleinen Wagen reserviert, aber die Autovermietung hatte keinen mehr, so musste er sich mir einem mittelgrossen Spritsäufer abfinden. Acht Zylinder sind nicht gerade sinnvoll in einem Landstrich voller Greise, in dem jeder innerhalb des Tempolimits fährt und an Kreuzungen Staus entstehen, weil alte Knacker anhalten und nachdenken, bevor sie abbiegen.“
 
Robyn Davidson bemerkte einmal, sie schreibe, um die Welt für sich wirklicher zu machen. Daran musste ich bei „Schwarz und Weiss“, diesem wunderbar scharfsinnigen, illusionslosen Porträt unserer haarsträubend absurden Welt, immer mal wieder denken, denn mir kam es vor, als ob ich am realen Leben teilhaben würde – so schön ist das alles erfunden. Ein grandioses Buch!

Irene Dische
Schwarz und Weiss
Hoffmann und Campe, Hamburg 2017

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