Seit ich „Flugasche“ gelesen habe, ist mir Monika Maron sympathisch. Obwohl ich mich an die Geschichte gar nicht recht erinnere, nacherzählen könnte ich sie jedenfalls nicht. Hingegen weiss ich noch, was mich damals, vor vielen Jahren, beeindruckt hat: dass es keine Schwarz/Weiss-Malerei gewesen war, dass es sich bei den Kontrahenten auf beiden Seiten um intelligente, nachdenkliche Menschen gehandelt hat.
„Munin oder Chaos im Kopf“ lese ich, ganz entgegen meiner Gewohnheit, langsam, sehr langsam. Warum ich das tue, weiss ich nicht wirklich; doch mir fällt auf, dass ich es tue. Darüber hinaus fällt mir auf, dass dies das erste Maron-Buch ist, bei dem ich dauernd schmunzle und manchmal auch laut heraus lache. Etwa darüber: „Wenn das Wetter es zuliess, frühstückte ich auf dem Balkon und las in der Zeitung die täglichen Berichte über irrsinnige Finanztransaktionen, von denen ich nichts verstand, oder über die ständig wachsende Anzahl menschlicher Geschlechter, die sich neuerdings hinter einer unverständlichen Abkürzung verbargen, oder über einen Terroranschlag in Syrien, Irak, Jemen oder auch in Paris, oder jemand erklärte, warum wir mit Rücksicht auf muslimische Mitbürger auf einige säkulare Selbstverständlichkeiten verzichten müssen.“ Selten wurde unser ganz normaler Wahnsinn so treffend auf den Punkt gebracht.
Worum geht’s? Mina Wolf schreibt für eine Festschrift an einem Beitrag über den Dreissigjährigen Krieg. Ihre Erkenntnisse über diesen Krieg und die täglichen Nachrichten über Krieg und Terror vermischen sich mit der zunehmenden Aggression in der Nachbarschaft, die durch eine verwirrte Frau, die auf ihrem Balkon lauthals singt, ausgelöst worden ist.
Die Nachbarn tun sich zusammen, beraten, was zu tun sei, dabei gibt es Differenzen und es kommt zum Streit, der unter anderem in aufgeschlitzte Autoreifen ausartet.
„Bevor ein grosser Krieg endgültig ausbricht, hat er als Wissen, wenigstens als Ahnung um seine Unvermeidlichkeit von dem Volk schon Besitz ergriffen.“ Die Parallelen zwischen dem Dreissigjährigen Krieg und unserer Zeit drängen sich auf, doch ob Eingreifen gegen Despoten helfen würde? „Ein Krieg musste sich selbst verzehren und durfte kein Futter bekommen. Es war herzlos, so zu denken, aber das lag am Krieg.“
Das scheint ein Gesetz. Und ist nicht nur auf Kriege anwendbar, denn mit der Sucht ist genauso. Erst wenn sich etwas erschöpft hat, so scheint es, wird eine Veränderung möglich. Und so recht eigentlich ist es mit allem so.
Möglicherweise ist auch „unser“ westliches Gesellschaftssystem gerade dabei, sich zu erschöpfen, Auflösungserscheinungen werden jedenfalls von nicht wenigen wahrgenommen und Monika Maron hat nicht nur ein waches Sensorium dafür (Vom Atem der Gewalt, der durch unsere Städte ziehe, schreibt sie einmal treffend), sondern auch eine Haltung, eine realistische und im besten Sinne vernünftige, die nicht den Zeitgeist zum Massstab nimmt. „Wenn einem nichts mehr einfiel, musste man Respekt fordern, Respekt war das abgedroschenste Wort der letzten Jahre. Jeder Klein – oder Grosskriminelle berief sich auf mangelnden Respekt, wenn er erklären sollte, warum er sein Messer in eine fremde Brust gestossen hatte.“
Bei ihren Nachforschungen stösst Mina Wolf auch auf den Artikel eines Wissenschaftlers, „der die Gefahr gegenwärtiger Kriege vor allem in den überzähligen Söhnen armer, dafür bevölkerungsreicher Länder sah. Diese jungen Männer, obendrein sexuell frustriert, weil ohne berufliche Zukunft nicht heiratsfähig, würden wie Dynamit in einer Gesellschaft wirken, in der sie sich erobern müssten, was ihnen verwehrt sei.“ Wieder einmal erstaunt mich, dass dies kein Thema ist, worüber die Massenmedien berichten. Dem Mensch, so scheint es, ist es schlicht nicht gegeben, sich mit der Realität zu konfrontieren. „Mundus vult decipi“, nannten das die alten Römer, die Welt will betrogen werden. Und am allerliebsten betrügt sie sich selber.
Mina Wolf schliesst Freundschaft mit einer einfüssigen Krähe namens Munin, die in der Folge regelmässig, des Fressens wegen, zu Besuch kommt. Die beiden pflegen einen höchst anregenden Dialog über Gott und die Welt. Was Wunder seien, will Munin wissen und erhält zur Antwort, das seien absolut unerklärbare Geschehnisse. „So etwas kennen wir nicht, weil wir keine erklärbaren Geschehnisse kennen. Es ist wie es ist. Wunder sind für Menschen, sagte Munin.“
So sehr „Munin oder Chaos im Kopf“ ein Buch über unsere aus den Fugen geratene Welt ist, so sehr ist es auch der Versuch einer philosophischen Standortbestimmung. Es tue ihr leid, sagt Mina Wolf einmal zu Munin, doch sie habe ein gestörtes Verhältnis zu Gott. Niemand wisse mehr, was er sich unter Gott vorstellen solle, wenn er an Gott denke, erwidert Munin verständnisvoll. „Der Gott im Himmel war eure Erfindung, und jetzt ist er euch auf den Kopf gefallen. Inzwischen sucht ihr ihn schon im Spiegel und findet ihn da natürlich auch nicht.“
Doch „Munin oder Chaos im Kopf“ ist keineswegs ein pessimistisches Buch. Und – Gott sei Dank! – auch kein optimistisches, sondern eines, in dem illusionslos geschildert wird, was ist, mit viel Humor, was ich als befreiend empfand. „Sie trug wieder die rote Seidenbluse, in der sie immer ein bisschen hysterisch wirkte. Oder sie bevorzugte diese alarmierende Farbe, wenn sie sich ohnehin schon in einem Zustand schwer beherrschbarer Erregung befand.“
Differenziert und lehrreich, gescheit und humorvoll – ein wunderbares Buch!
Monika Maron
Munin oder Chaos im Kopf
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018


