Hélène Grimaud: Das Lied der Natur

In einem obskuren Laden in Hamburg stösst die Pianistin Hélène Grimaud, während einer Pause zu Proben von Brahms Zweitem Klavierkonzert, auf ein Manuskript, von dem sie glaubt, es sei von Brahms. Das ist packend geschildert, man wähnt sich mit dabei im Hamburger Regen, fühlt mit der ob des Fundes zwischen Unglauben und Irritation schwankenden Autorin.

„Ich mochte die raue Geradlinigkeit seines Wesens und seine Konzessionslosigkeit. Er konnte nein sagen, duldete keine Einbrüche der Welt in die seine und zog sich oft in die Natur zurück, um dem Hymnus der Schöpfung zu lauschen.“ Kein Wunder, gefällt ihr Brahms‘ Haltung, denn auch sie selber hat einen engen Bezug zur Natur. Sie empört sich über den Umgang des Menschen mit ihr, bedauert die Zerstörung, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass der Gesang der Vögel und das Rauschen der Bäche in den Wäldern zunehmend den Motorengeräuschen und dem Smog hat weichen müssen. Und sie fragt sich, was wir eigentlich dagegen tun, „ausser mit dem Finger auf die beiden Schwellenländer China und Indien zu zeigen, die wir beschuldigen, die grössten Umweltsünder des Planeten zu sein, während wir uns vollstopfen …“ und weiterhin das von den Politikern und der Industrie geforderte Wachstum garantieren, indem wir uns zu Tode konsumieren.

Hélène Grimaud will daran glauben, dass das Manuskript aus dem Hamburger Antiquariat von Brahms stammt. Sie identifiziert sich mit der Erzählung, ist sich allerdings unschlüssig, ob diese Fiktion oder Realität ist. Was für ein reales Geschehen spricht, ist das Staunen von Brahms‘ Freunden über dessen vollkommenes Einswerden mit der Natur, „das so weit ging, dass er den Regen einfach nicht traurig finden konnte. Wenn es regnete, entdeckte er in der Landschaft eine andere Art von Schönheit, die er später in seinen Liedern zum Vorschein brachte.“

Doch ganz sicher ist sich Hélène Grimaud nicht, ob der Text wirklich von Brahms ist. Sie beginnt in den Biografien des Komponisten nachzuforschen. Folgt Vermutungen und Ahnungen, macht sich auf nach Rügen. Und findet einen seelenverwandten Naturfreund.

Doch „Das Lied der Natur“ ist nicht nur ein Buch über ihre Beziehung zu Brahms, sondern auch ein Buch darüber, dass und wie alles zusammenhängt. Die Schumanns mit Brahms mit Adelbert von Chamisso mit E.T.A. Hoffman mit Edgar Allen Poe mit Dostojewski …

Hélène Grimaud erzählt auch von Schuberts (Gotthilf Heinrich von Schubert) Naturphilosophie und fragt sich, ob es sein könnte, dass wir derart mit der Schöpfung verbunden sind, „dass wir in unserem Geist durch eine Art unbestimmten Unbehagens, chronischer Depression die Leiden empfinden, die wir ihr zufügen?“

„Das Lied der Natur“ ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn. „Den Augenblick leben, das bedeutet, dass man lernt, sich all dessen bewusst zu sein, was uns umgibt, und unsere Seele damit zu nähren. Die Wölfe haben mich diese Wachsamkeit des Geistes gelehrt und dass die Zeit ein Territorium sein kann, um das man sich mit Leib und Seele kümmern muss.“

Sich dem hinzugeben, was ist, was wir sehen und empfinden können, ist vermutlich die weiseste Form, um sich auf dem Planeten Erde zuhause fühlen zu können. Hélène Grimaud erlebt diese Hingabe manchmal in der Musik. Und sie erlebt sie unter Wölfen. Und wenn sie Brahms liest.

Hélène Grimaud
Das Lied der Natur
C. Bertelsmann, München 2014

Karine Tuil: Die Gierigen

Ein intensives, rasantes Buch. Der Titel „Die Gierigen“ charakterisiert treffend, warum es geht. Und spricht für die Übersetzung, denn das französische Original (L’invention de nos vies) sagt etwas ganz anderes, suggeriert eher etwas Schöngeistiges und das ist dieser Roman nicht, ganz und gar nicht, dazu ist er viel zu kraftvoll, furios und leidenschaftlich. Die Autorin Karine Tuil, Jahrgang 1972, gelernte Juristin, schreibt so wie sie in der Buchklappe abgebildet ist: mit Lederjacke und wilden Locken. Man kann sie sich bestens auf einem Motorrad vorstellen, am Lenker, und nicht etwa als Mitfahrerin.

Samuel, Nina und Samir sind eng befreundet. Samuel und Nina sind ein Paar, Nina und Samir haben eine Affäre. Samir setzt Nina ein Ultimatum. Sie muss sich entscheiden. Mitten im Hörsaal schneidet sich Samuel die Pulsadern auf. „Beim Aufwachen hatte er verstanden, dass sie sich für ihn entschieden hatte. Die Illusion, dass der erste Impuls nicht trügt. Dass er nicht manipuliert werden kann. Dass es keine Fehlerquote gibt. Die Fesseln der Theorie, das Gewicht der Vernunft, die Tyrannei der Moral, die Verlockungen des Konformismus und der Wiederholung – all das lässt uns erstarren. Die Geissel der Entscheidung. Ihre Risiken. Ihre Gefahren. Und doch muss man da durch.“

Samir Tahar, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, ist getrieben davon, zur Elite zu gehören. Er bringt es zum erfolgreichen Anwalt in New York und Ehemann der Tochter eines der reichsten Männer des Landes, der gegen diese Ehe ist. Doch Samirs Karriere gründet auf einer Lüge: er bedient sich der Identität von Samuel, verschleiert seine muslimische Herkunft (seine Mutter lebt mit seinem Halbbruder in der Pariser Banlieu), gibt sich als Jude aus, nennt sich Sam.

Samuel wollte einst Schriftsteller werden, hat jedoch das Schreiben aufgegeben und arbeitet als Sozialpädagoge: er ist voller Selbstmitleid, fühlt sich ausgelaugt, als Versager. Nina modelt gelegentlich für Kaufhauskataloge. Sie sind bereits seit zwanzig Jahren ein Paar als sie eines Tages Samir im Fernsehen sehen. Sie nehmen Kontakt mit ihm auf, treffen sich mit ihm.

Samir und Nina kommen wieder zusammen, fühlen sich nach wie vor voneinander angezogen. Samir ist sexsüchtig. „Er ist brutal, nervös, sinnlich, aber auch zärtlich und leidenschaftlich – er agiert wie ein Getriebener und kaum haben sie sich geliebt, da sagt er ihr auch schon, dass sie jetzt gehen soll. Er will allein sein.“ Nina genügt der Sinnentaumel, „alles andere ist von einer Komplexität, die sie nicht entschlüsseln kann und will.“

Nina trennt sich von Samuel, der in den Drogensumpf fällt, und zieht als Samirs Geliebte nach New York. Samir füllt sich durch seine neue Doppelexistenz von exklusivem Familienleben und Geliebter regelrecht beflügelt, bis eines Tages plötzlich sein Halbbruder in New York auftaucht …

Es ist eine spannende Geschichte von Verrat, Ambition und Gier, eingebettet in die Welt der Angst vor dem muslimischen Terror, die Karine Tuil erzählt. Interessanterweise empfand ich die beiden Männer, Samir und Samuel, überzeugender geschildert als Nina, die nicht wirklich ein eigenes Leben zu haben scheint.

„Die Gierigen“ ist ein äusserst gelungener Mix von Gesellschaftsroman und Krimi und gibt dabei auch immer wieder aufschlussreiche Einblicke (Samuel wird zum gefeierten Schriftsteller) in die Welt des Schreibens. „Schreiben bedeutet, Missfallen zu akzeptieren“, lese ich da unter anderem. Ein sehr wahrer Satz.

Karine Tuil
Die Gierigen
Aufbau, Berlin 2014

Kim Thúy: Der Geschmack der Sehnsucht

Vor Jahren bin ich einige Male in Vietnam gewesen, sowohl im Süden als auch im Norden, und als ich nun in dieses schmale Buch eintauchte, wähnte ich mich sofort wieder vor Ort. Das liegt an Kim Thúys Erzählkunst. Sie schreibt schnörkellos, sachlich, konzentriert sich auf Wesentliches.

„Als Mama sich auf ihren Tod vorbereitete, suchte sie für mich einen Mann, der die Eigenschaften eines Vaters haben sollte. Eine ihrer Freundinnen, die bei der Gelegenheit zur Kupplerin wurde, kam uns eines Nachmittags mit diesem Mann besuchen. Mama bat mich, den Tee zu servieren, sonst nichts. Ich sah ihm nicht ins Gesicht, auch nicht, als ich die Tasse vor ihn hinstellte. Mein Blick war nicht gefragt, nur seiner zählte.“

Die junge Frau emigriert nach Kanada, wo sie mit einem älteren Mann verheiratet wird. Sie arbeitet in einer Suppenküche, besinnt sich auf vietnamesische Kochtraditionen und wird als Kochkünstlerin entdeckt. In Paris verliebt sie sich dann in den französischen Koch Luc. Dies die Rahmenhandlung. Dass man dabei auch einiges übers Essen erfährt, versteht sich:

„Litschis kannte Philippe schon, also machte ich ihn mit deren Cousins bekannt, den Longanfrüchten mit ihren runden, glänzenden Kernen, mit denen man die Augen schöner Mädchen vergleicht, und den Rambutanfrüchten mit ihrem borstigen roten Pelz, die wie Seeigel aussehen, sich aber weich anfühlen.“

„Es versteht sich von selbst, dass manche Geschmäcker exklusiv sind und eine starke Identitätsgrenze bilden. Beispielsweise wusste keiner der Küchenchefs, die ich kennenlernte, was er mit den Hühnerknorpeln machen sollte, während sie in Bangkok als panierte Hügelchen begeistert geknabbert werden.“

Überdies lernt man von Kim Thúy viel über Vietnamesisches, etwa dass Reinheit und Verzicht zwei „Grundtöne der vietnamesischen Seele“ seien, dass wenn Vietnamesen sich treffen, das Heimatdorf und der Stammbaum die beiden Themen sind, mit denen die meisten das Gespräch eröffnen, dass die Händler in Saigon „auch heute noch um jeden verfügbaren Quadratzentimeter dieser engen, wimmelnden, ohrenbetäubenden und doch so lebendigen Gassen“ kämpfen oder dass in Südvietnam nie über das Wetter gesprochen wird, „vielleicht weil es keine Jahreszeiten, keine Veränderungen gibt … Oder vielleicht weil wir die Dinge so nehmen, wie sie sind, wie sie uns zustossen. Ohne nach dem Wieso oder Warum zu fragen.“

Das Allerschönste und Originellste an diesem sehr poetischem Text ist für mich diese ganz wunderbare Stelle über französische Wörter, die die Protagonistin nach ihrem Klang zu entschlüsseln versucht, denn dabei geht es zwar um Wörter, doch es geht noch um viel mehr:

„Ich mache ständig Fehler; der bis heute erstaunlichste war, dass ich dachte, das Wort ‚rebelle‘ (rebellisch) sei von ‚belle‘ (schön) abgeleitet: Für mich hiess ‚rebelle‘: ‚wieder schön‘, weil man Schönheit ja erwerben und verlieren kann. Mama hatte mir oft eingeschärft, es sei besser, einen Streit abzubrechen, als jemanden zu beschimpfen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass der andere unrecht hatte. Wenn wir nämlich andere mit Dreck bespritzen, beschmutzen wir unseren Mund, weil wir ihn erst mit Zorn, Blut und Galle füllen müssen. Dann sind wir nicht mehr schön. Ich glaubte also, das das ‚re‘ in ‚rebelle‘ die Möglichkeit einer Erlösung bot, weil es uns erlaubte, die frühere Schönheit wiederzuerlangen.“

Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Antje Kunstmann, München 2014

Sue Townsend: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb

Schon lange hat Eva Biber davon geträumt, aus dem täglichen Trott auszusteigen. Der grosse Tag für die Neuausrichtung ihres Lebens kommt, als ihre Zwillinge ausziehen und zur Uni gehen. Eva entschliesst sich, fortan nicht mehr aufzustehen und im Bett zu bleiben.

Geschrieben wurde „Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb“ von Sue Townsend, der Autorin der Adrian Mole-Bücher, und wer diese kennt, erwartet nun natürlich tolle, intelligente, immer wieder überraschende, die Lachmuskeln reizende Unterhaltung – und die kriegt er auch

Die Zwillinge heissen Brianne und Brian, sind Mathematikgenies, schlagen das Angebot des Trinity College in Cambridge aus und gehen stattdessen nach Leeds, weil dort die berühmte Lenya Nikitanova lehrt. Die beiden sind etwas eigenartig, das Mädchen wird wie folgt beschrieben: „Brianne besass eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und hörte schon bald nicht mehr zu, nickte aber und sagte ‚cool‘, wenn es angebracht schien. Sie war ein grosses Mädchen mit breiten Schultern, langen Beinen und grossen Füssen. Ihr Gesicht war grösstenteils hinter einem langen strähnigen Pony versteckt, den sie sich nur aus den Augen strich, wenn sie tatsächlich etwas sehen wollte.“

Nach ein paar Tagen im Bett, als das Telefon nicht aufhört zu klingeln, nimmt Eva den Hörer ab und wartet bis jemand spricht. „Schliesslich sagte eine gewählte Stimme: ‚Hallo, ich bin Nicola Forester. Ist das der schwere Atem von Mrs. Eva Biber oder ist das ein Haustier?‘ Eva sagte: ‚Ich bin’s, Eva.‘ Die Stimme sagte: ‚Oje. Sie klingen so nett. Leider muss ich einen Eimer kaltes Wasser über Ihre Ehe kippen.‘ Eva dachte: ‚Warum überbringen feine Leute immer schlechte Nachrichten?‘ Die Stimme fuhr fort: ‚Ihr Mann hat seit acht Jahren eine Affäre mit meiner Schwester.’“

Eva ist nicht sonderlich betrübt über diese Nachricht, eher erleichtert, die wöchentliche Tortur hinter sich zu haben, bei der Brian, bevor er ejakulierte, jeweils „Komm zu Papa!“ rief. Nach einer Woche im Bett, kommt auf Betreiben von Ruby, Evas Mutter, Dr. Bridges zur Visite, verspürt aber das überwältigende Gefühl, sofort wieder zu gehen, als er von Eva gefragt wird, ob es möglich sein könnte, dass sie, seit der Geburt ihrer Zwillinge vor siebzehn Jahren, an einer postnatalen Depression leide …

Evas Ehemann, Brian, Astronom von Beruf, der gerade grossen Stress hat, weil einer seiner Kollegen einen Aufsatz geschrieben hat, in dem er die statistische Gültigkeit von Brians „Abhandlung über Olympus Mons bezweifelt“, sucht medizinischen Rat und erhält ein Beruhigungsmittel verschrieben; Gemeindeschwester Spears, von Dr. Lumbago aufgefordert, Eva zu besuchen, wird von dieser beschieden, sie sei nicht krank. „’Haben Sie Medizin studiert‘, fragte Schwester Spears. ‚Nein‘, sagte Eva, die ahnte, worauf der Wortwechsel hinauslief. ‚Aber ich bin voll qualifiziert, eine Meinung zu meinem eigenen Körper zu haben, ich studiere ihn seit fünfzig Jahren.’“

Alexander, ein „grosser, schlanker Mann mit ergrauten Dreadlocks, die ihm bis zur Taille reichten, und gut sitzenden Kleidern in dezenten Farben …“, erhält den Auftrag, Eva zur Hand zu gehen. Unter anderem dabei, die Schränke auszuräumen und ihr Bett mit ihr darin im Zimmer hin und her zu schieben.
  Die Nachbarschaft beginnt sich zu wundern. „Während Alexander die alten Dielen abzog, kniete Eva auf dem Bett und blickte aus dem offenen Schiebefenster. Sie trug eine Atemschutzmaske, was schnell zu einem Gerücht in der Nachbarschaft führte, gestreut von Mrs. Barthi, der Frau des Zeitschriftenhändlers, Brian habe seine Frau mit irgendwelchen Mondbazillen infiziert und die Behörden hätten Quarantäne über sie verhängt.“

Dann verliebt sich Brianne in Alexander; Poppy, Briannes und Brians nervige, usurpatorisch veranlagte Studienkollegin, eine notorische Lügnerin, ergattert sich Weihnachtsferien bei den Bibers; Titania, die Geliebte Brians – es geht, wie immer, sehr turbulent zu und her bei Sue Townsend – wird von ihrem Mann auf die Strasse gesetzt und taucht im Haus der Bibers auf, worauf sich unter anderem dieser Dialog zwischen Geliebter und Ehefrau ergibt: „Eva sagte: ‚Eins müssen sie mir noch verraten. Täuschen Sie Ihre Orgasmen auch vor?‘ ‚Gewöhnlich ist dafür keine Zeit, er ist nach ein paar Minuten fertig. Ich mach’s mir selbst.’“

„Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb“ ist ein aberwitziges, unterhaltsames, witziges, gescheites und scharfsinniges Buch. „Später am Abend, nachdem Eva zwei Fernsehkomödien gesehen hatte, ohne zu lachen …“, heisst es einmal, und das ist bei „Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb“ garantiert ganz anders.

PS: Ich habe viel und laut gelacht während der Lektüre dieses cleveren Buches, das jedoch nicht einfach unter die Kategorie „humorvoll“ gehört, obwohl es das zweifellos ist. Denn es ist mehr, es ist auch ein sehr wahres Buch. Nach einer Amateurproduktion, in der Brian einen überzeugenden Irren abgegeben hatte, hatte Eva noch Wochen später der Gedanke verfolgt, „dass der Wahnsinn hinter jeder Ecke lauerte und nur darauf wartete, im Schlaf in deinen Kopf zu kriechen und dich zu verschlingen.“

Sue Townsend
Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb
Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Durch ein Interview im Fernsehkanal der BBC bin ich auf Lionel Shriver aufmerksam geworden. Ich erinnere mich nicht mehr, was sie damals gesagt hat, doch geblieben ist mir der Eindruck von einer erfrischend eigenwilligen, höchst differenziert argumentierenden Frau. Geboren 1957 in Maryland, USA, lebt sie mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff Williams, in London und Brooklyn. „Wir müssen über Kevin reden“ wurde in 25 Sprachen übersetzt.

Dieser Kevin erschiesst kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag an seiner Schule elf Menschen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Eva, der Mutter, die ihrem Ehemann, Franklin, ihre Gefühle, Gedanken, Empfindungen brieflich mitteilt. Es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selber, die Eva vorlegt – ein höchst eindrückliches Dokument der Selbstanalyse, das sich nicht nur mit den eigenen Verantwortungs- und Schuldgefühlen auseinandersetzt, sondern auch immer wieder Bezug nimmt zur politischen Lage in den Vereinigten Staaten zur Zeit als die Republikaner die Präsidentschaftswahlen klauten und George W. Bush ins Weisse Haus beförderten.

„ … aber ich wundere mich noch immer über eine Rasse, die sich selbst dermassen als Nabel der Welt betrachtet, dass alle Ereignisse, von Vulkanausbrüchen bis hin zu globalen Klimaveränderungen, zu etwas geworden sind, für das einzelne Mitglieder der Gesellschaft geradezustehen haben. Der Mensch ist ein Werk Gottes, ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich persönlich würde sogar sagen, dass auch die Geburten einzelner gefährlicher Kinder Gottes Werk sind, aber genau das war Gegenstand der Gerichtsverhandlung.“

Richtet ein Jugendlicher ein Blutbad an, sind auch die Medien nicht weit, die natürlich nur ihren Job machen. „Ich weiss, dass er nur seinen Job macht, aber ich mag seinen Job nicht. Ich habe die Spürhunde satt, die an meiner Tür Witterung aufnehmen, wie Köter, die das Fleisch riechen. Ich bin es leid, zu einer Mahlzeit verarbeitet zu werden.“

Sie bemüht sich, eine gute Mutter zu sein, doch dass Eva, im Gegensatz zu Franklin, keinen Draht zu ihrem Sohn hat, zeigt sich schon früh. Aber auch die Babysitterin Siobhan kommt mit dem aggressiven Kleinen, dem alles gleichgültig ist und der genau zu wissen scheint, wie man seine Umgebung terrorisiert, nicht klar. Wie soll man bloss damit umgehen, wenn die gängigen Wertvorstellungen nichts, aber auch gar nichts mit dem Verhalten des eigenen Kindes zu tun haben? Was macht man, wenn sich dieses Kind als manipulierendes Monster, als bösartiger Psychopath entpuppt? Davon handelt dieses eindrückliche Werk.

Immer mal wieder gibt es Stellen in diesem komplexen, feinfühligen und gescheiten Buch, bei denen ich richtigehend innerlich gejubelt habe. Hier drei ganz willkürlich ausgewählte Beispiele:

„Sechzig! Wir! Damals ein Alter, so unfassbar theoretisch wie das potenzielle Baby. Dabei werde ich in fünf Jahren auch dieses fremde Territorium erreichen – es ist so simpel wie eine Fahrt mit dem Bus. 1999 machte ich einen Zeitensprung, obwohl mir mein Älterwerden weniger im Spiegel auffiel als an den Reaktionen anderer Leute.“

„Mein Kopf würde erst an einem wirklich anderen Ort ankommen, wenn ich mich in ein anderes Leben begab und nicht an einen anderen Flughafen.“

„Seit Kinder nicht mehr die elterlichen Felder bestellen oder ihre inkontinenten Eltern im Alter zu sich nehmen, gibt es doch keinen vernünftigen Grund mehr, Kinder zu kriegen, und es ist kaum zu fassen, dass sich Menschen, seit es wirksame Verhütungsmittel gibt, überhaupt noch freiwillig fortpflanzen.“

Vor allem das dritte Zitat illustriert bestens, dass Kevins Mutter nicht gerade von einem Kinderwunsch beseelt war. Sicher, sie hatte auch Momente, in denen sie ganz anders empfand. Wie Lionel Shriver diesen Zwiespalt schildert, zeigt, wie Eva sich hinterfragt, quält und rechtfertigt, ist nicht nur beeindruckend, sondern nachempfindbar – man wird regelrecht in diese Geschichte hineingesogen.

Warum tötet ein Sechzehnjähriger? „Es ist die Sehnsucht, sich als etwas ‚Besonderes‘ zu fühlen.“ Trotzdem töten die meisten nicht. Weil die meisten eben keine Psychopathen sind. Einige aber eben doch. Wer ist dafür verantwortlich, wer ist schuld? Doch geht es hier wirklich um eine Schuldfrage? Haben denn Eltern eine Wahl, was für Kinder sie bekommen?

„Wir müssen über Kevin reden“ ist auch ein witziges Buch über die USA und die Vorstellungen nicht weniger seiner Bürger (und Bürgerinnen): „Du dachtest, du hättest einen Haudegen geheiratet. Statt dessen entpuppte sich deine Frau als Heulsuse, als genau die sauertöpfische Sorte, die sie unter den übellaunigen Überfütterten Amerikas auf keinen Fall dulden wollte, für die eine banale Tätigkeit wie das Abholen einer FedEx-Lieferung, die sie dreimal hintereinander verpasst hatten, einen unerträglichen ‚Stress‘ bedeutete, Anlass für kostspielige Therapien und Medikamente.“

„Wir müssen über Kevin reden“ ist exzellent geschrieben, intelligent, unterhaltend und anregend, ein wesentliches Buch!


Lionel Shriver
Wir müssen über Kevin reden
Piper, München 2017

T. Christian Miller / Ken Armstrong: Falschaussage

„Sie sagt, sie wurde vergewaltigt. Die Polizei sagt, sie lügt“, steht auf dem Umschlag dieses mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buches. Und damit ist so recht eigentlich schon fast alles gesagt, denkt es so in mir. Nur eben: Dies ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang dieses brisanten Fakten-Thrillers, der sich sehr spannend liest.

Nachdem die 18jährige Marie brutal vergewaltigt wurde, macht sie widersprüchliche Aussagen. Einmal sagt sie, sie sei vergewaltigt worden, dann wieder, nein, sie sei nicht vergewaltigt worden. „Marie kam es so vor, als würden die Leute von nun an denken, sie wäre geisteskrank.“ Zwei Jahre später werden Kriminalbeamtinnen (auch über die nicht immer einfache Situation von Frauen im Polizeidienst erfährt man Einiges) mit demselben Tatmuster konfrontiert und kommen einem Serientäter auf die Spur.

In typisch nordamerikanisch-journalistischer Manier erzählen T. Christian Miller, ein ehemaliger Reporter der Los Angeles Times, der heute in Berkeley Online Journalismus unterrichtet, und Ken Armstrong, der unter anderem für die Chicago Tribune gearbeitet hat und akademisch in Princeton und Harvard tätig ist, diese wahre Geschichte – detailreich und ausführlich. Was die beiden neben einer akribischen Fleissleistung vorlegen, ist Storytelling vom Feinsten, bei dem man auch viel über die unterschiedlichen Lebensläufe, Ansichten und Wertvorstellungen der ermittelnden Polizistinnen erfährt. Und auch darüber, wie Polizeiarbeit vor sich geht – dass etwa die Beweissammlung bei Sexualdelikten heutzutage standardisiert ist, man spricht von einem Rape Kit.

Höchst aufschlussreich ist, was man über die Erinnerungen von Vergewaltigungsopfern erfährt. Unser Gedächtnis ist ja an sich keine besonders verlässliche Referenz, doch bei traumatisierten Menschen ist das nochmals eine ganz andere Sache, da ein Trauma das Gehirn in beträchtliche Unordnung bringen kann. „Viele konnten sich nicht in chronologischer Reihenfolge an das Erlebte erinnern.“ Und: „Manchmal gelangen Bilder Tage, Monate oder sogar Jahre später wieder an die Oberfläche, ungewollt und ungebeten, in perfekter Klarheit wie eine Landschaft, die plötzlich von einem Blitz erhellt wird.“ Unter anderem macht das auch klar, weshalb Justizverfahren, die auf Chronologie und simple Ursache/Wirkung-Abläufe bauen, so recht eigentlich völlig lebensfremd sind.

Der Überlebenstrieb ist unser stärkster Trieb. Befindet sich jemand in einer Gefahrensituation, klammert sich das Gehirn an alles, das ihm zu überleben hilft. Es fokussiert, richtet zum Beispiel seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Waffe oder auf ein Kleidungsstück – auf irgendetwas. „Indem sich der Geist auf dieses Detail fixiert, vermag er sich von dem unmittelbaren Grauen abzuwenden und an einen kognitiv sicheren Ort zu begeben.“

Miller und Armstrong schildern auch den zwanghaft obsessiven Täter und dessen seelische Notlage; er weiss, was mit ihm los ist („Doch das Monster ruhte niemals. Stets sammelte es neue Kräfte. Das Verlangen, zu beherrschen und zu unterwerfen, stieg ein weiteres Mal in ihm auf.“) und kann trotzdem nichts dagegen tun – jedenfalls kommt es ihm so vor.

„Falschaussage“ macht eindrücklich klar, wie unsere Voreingenommenheiten, sei es aufgrund unseres Denkens oder unserer Lebenserfahrung, uns zu Fehlschlüssen verleiten. Unvoreingenommenheit zu lernen, müsste unser wichtigstes Lernziel sein.

Fazit: Dringend nötige, höchst aktuelle Aufklärung. Ein erhellendes Buch!

T. Christian Miller / Ken Armstrong
Falschaussage
Eine wahre Geschichte
btb, München 2019

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