Eveline Hall: Ich steig aus und mach ’ne eigene Show

Eine Talkshow im Südwestfun.. Eine toll aussehende Frau, nicht mehr jung, doch alterslos in Haltung und Ausstrahlung. Eveline Hall. Ich war beeindruckt.

„Biografien“, schreibt sie im Vorwort, „sind nicht mehr so geradlinig wie früher. Wer jetzt jung ist, muss wieder und wieder aufstehen und von vorn anfangen, im Beruf, in der Liebe, in der Familie. Er muss lernen, Niederlagen anzunehmen und hinter sich zu lassen.“ Das ist eine Mentalität, die ich mir gerne gefallen lasse: Nüchtern, illusionslos, kämpferisch. Auch im Alter müsse man sich heute immer wieder neu erfinden, schreibt Eveline Hall: „Habt keine Angst! Vor euch liegt ein Abenteuer, das es auszukosten gilt. Ihr braucht nur den Mut, immer neue Herausforderungen anzunehmen, den Instinkt, die richtigen Gelegenheiten zu ergreifen und die Bereitschaft, mit Fleiss und Leidenschaft an die Arbeit zu gehen. Es lohnt sich.“

Als Kind spielte Eveline Hall Geschichtenball, ein selbst erfundenes Spiel, bei dem sie und ihre Freundin einen Ball gegen einen Betonpfeiler warfen und dann wieder auffingen, immer wieder, und sich dabei selbst ausgedachte Geschichten erzählten. „Heute denke ich, dass alles, was ich bin, auf dieses Spiel zurückgeht, auf Geschichtenball, die unendliche Fantasie, das Immer-wieder-neu-Anfangen, das Sich-ganz-Einlassen auf eine Sache, und alles aus dem Stegreif.“

Sie entdeckt das Ballett und ihre Liebe zum Tanz. Nichts anderes gab es mehr für sie. Noch während ihrer Ausbildungszeit wird sie, im Alter von sechzehn, für die Hamburger Staatsoper engagiert. Doch damit begann auch eine harte Zeit, einerseits wegen dem Neid der anderen, andrerseits, weil man sich in diesem Beruf nicht durchmogeln kann. „Man sieht genau, wie eine Tänzerin die Pirouette dreht, wie sie das Bein hebt, die Füsse setzt. Es ist sofort klar, wer etwas draufhat. Beim Ballett kannst du nicht lügen! Da kommst du nicht mit Beziehungen weiter.“

In den Ferien in Cannes nimmt sie acht, neun Kilo zu, die muss sie wieder runter kriegen – ein Magengeschwür ist die Folge, sie muss pausieren, fügt sich in ihr Schicksal und merkt, dass es neben dem Tanzen noch andere Dinge gibt im Leben. Sie liebt die Beatles und die Rolling Stones und so bald sie wieder gesund ist, geht sie oft abends aus.

Das Tanzfeuer war weg. Sie kriegt ein Engagement in Las Vegas. „Ich konnte nichts von dem, was sie wollten.“ Später wird sie auf Fotos sehen, dass die Eveline vom Ballett und die Eveline vom Lido in Las Vegas zwei völlige verschiedene Frauen waren. „Ich hatte am Lido meinen Ehrgeiz abgeschüttelt, die verbissene Tänzerin gab es nicht mehr. Der Spass mit den Mädchen war wichtiger als alles andere.“

In Las Vegas gehört sie zu den Bluebells, lernt Elvis Presley, Paul Anka, Petula Clark und viele andere kennen, Sammy Davis Jr. war für sie „fast ein Freund“. Doch sie macht darum kein Aufhebens. „Und, so komisch das klingt, untereinander waren die Stars alle gleich.“

In Las Vegas lernt sie auch ihren künftigen Mann kennen, der einen grossen Willen und auch ein Drogenproblem hat. Sie ziehen nach Hamburg. Jahre später zieht Eveline nach Paris und … doch soll hier nicht das ganze Buch nacherzählt werden …

„Ich steig aus und mach ’ne eigene Show“ ist die Geschichte einer Frau, die immer wieder neu angefangen und dabei immer wieder neue Welten entdeckt hat. Eveline Hall hat sich nie unterkriegen lassen, hat viel an sich gearbeitet, viel geleistet („Es ist bei allen Malaisen dasselbe: Wenn ich Angst habe, bald nicht mehr laufen zu können, muss ich meinen Hintern in Bewegung setzen. Deshalb trainiere ich jeden Tag …“) und ihr ist auch immer wieder, obwohl sie nicht der Norm entsprach, von wohlmeinenden Menschen eine Chance gegeben worden.

„Ich steig aus und mach ’ne eigene Show“ ist ein Buch, das Mut macht.

Eveline Hall
Ich steig aus und mach ’ne eigene Show
Eden Verlag, Hamburg 2013

Kveta Legátová: Der Mann aus Zelary

„Kveta Legátová ist das Pseudonym einer in Brno lebenden Autorin (geboren 1919), die als politisch unzuverlässig galt und deshalb nach dem Studium der tschechischen und deutschen Sprache, der Physik und der Mathematik als Lehrerin von einer Dorfschule zur anderen versetzt wurde“, lässt einen der Verlag wissen. Was nun diese Kveta Legátová hier vorlegt, ist eine glänzend geschriebene, wunderbar anschaulich und witzig geschilderte Novelle, die hiermit uneingeschränkt empfohlen wird.

Worum geht’s? In den Jahren 1942/43 gerät eine junge Ärztin im Protektorat Böhmen und Mähren durch Kurierdienste für eine Widerstandsgruppe in Lebensgefahr, muss fliehen und sich eine neue Identität zulegen. Zu dieser gehört auch, dass sie sich – auf Anweisung ihrer politischen Freunde – mit einem Mann verheiratet, der überhaupt nicht ihren Vorstellungen von einem Ehemann entspricht, doch dann …

Das Tolle an diesem Buch sind der Sprachrhythmus und die Einsichten. So hält die Protagonistin etwa über ihren Liebhaber fest: „Der Mann einer anderen Frau, Vater zweier Söhne. Dieses Wissen sollte mich wieder auf den Boden der Tatsachen bringen, tat es aber nicht. Ich erkannte, wie wenig man über sich selbst entscheiden kann. Wie leicht ich mich damit abfand!“ Und über ihre Studienzeit notiert sie: „Wir waren albern, erfanden verrückte Spiele, dachten uns einen Studentenulk nach dem anderen aus, wie sie damals in Mode waren, und es amüsierte uns, wenn uns Vorübergehende für Vollidioten hielten.“

Bewundernswert ist auch, wie ungeheuer prägnant Legátová Dinge auf den Punkt bringt: „Das, was an uns vorbeifuhr, diese hässliche Type mit dem geistlosen Gesichtsausdruck, war weniger lebendig als ein Stein.“ Oder: „Richard (ihr verheirateter Liebhaber), dieser verräterische Schuft, hatte sich mir gegenüber nichts zuschulden kommen lassen. Er hatte die Hand ausgestreckt und ich war in sie hineingefallen.“

„Der Mann aus Zelary“ ist eine äusserst anrührende Liebesgeschichte, die jedoch weit darüber hinausgeht. Sätze wie die folgenden sollen davon eine Ahnung geben:

„Mit dem Hochmut der Ignoranten haben wir gerade Fragen gelöst, die so alt sind wie die Menschheit. Wir haben den Gipfel der Pyramide aus Fragezeichen erklommen, die über Jahrhunderte gleichzeitig mit der Erkenntnis angewachsen ist.“

„Er sah aus wie ein Mensch, der im Wachzustand, bei vollem Bewusstsein, in einem Traum hängengeblieben ist.“

„Ich war unter die Fuchtel der idiotischen Traditionen eines wilden Stammes geraten, für den so etwas wie Persönlichkeitsrecht keine Bedeutung besass.“

„Mit jedem Tag, der verging, wurde mir deutlicher, wie klug mein Mann gehandelt hatte, als er die Kate des alten Mánek auswählte. Leere Hütten gab es genug. Junge Paare errichteten nach bestehender Sitte gewöhnlich neue Häuser. Ein Monat aufreibender Arbeit mit einer Schar von Bekannten.
 Joza hatte nicht ein Haus gewählt, er hatte die Nachbarschaft gewählt. Zena, Juliska, Lucka. Das Beste, was zu haben war.“

Kveta Legátová
Der Mann aus Zelary
dtv, München 2008

Sarah Bakewell: Wie soll ich leben?

Es gibt Bücher, die sind wahre Glücksfälle – und Sarah Bakewells „Wie soll ich leben?“ gehört zweifellos dazu. Weil es glänzend geschrieben, originell und ganz wunderbar nützlich ist.

Die erste der zwanzig Antworten lautet: Habe keine Angst vor dem Tod! Zugegeben, so wahnsinnig originell ist das nicht, doch das Kapitel, das Sarah Bakewell ihr widmet, ist es. Wegen der Geschichten, die sie darin erzählt. Die eine geht so: Montaigne war um die 30 und arbeitete beim obersten Gerichtshof für Straf- und Zivilsachen, der auch Verwaltungsbefugnisse hatte, als er eines Tages mit einer Gruppe von Bediensteten seines Landgutes ausritt, vom Pferd fiel und eine Todeserfahrung machte. Hatte er bis dahin der Auffassung seiner Lieblingsphilosophen, den Stoikern, zugeneigt, die da meinten, wenn man auf den Tod vorbereitet sei, könne man ohne Furcht vor ihm leben, kam er nun zum gegenteiligen Schluss: „Je eindringlicher er sich vor Augen hielt, was ihm oder seinen Freunden alles zustossen konnte, desto unruhiger wurde er.“ Besser also, nicht daran zu denken und den Augenblick zu leben, denn Sterben bedeutet nichts anderes als das Bewusstsein zu verlieren: „Man stirbt, als würde man in den Schlaf hinübergleiten … Die Vorstellung, man könne ’sterben lernen‘, war ein Hirngespinst.“

Wie ein roter Faden ziehe sich die Überzeugung von der Vielfalt der Perspektiven durch die ‚Essais‘ schreibt Bakewell. Beispiele dafür finden sich in ihrem Buch zuhauf. Auch müsse man sich am Ende jeder Passage die Bemerkung hinzudenken: „doch nicht einmal dessen bin ich mir sicher“.

Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Bakewell treffend: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

„Wie soll ich leben?“ ist auch ein hilfreiches Buch, weil es clevere Ratschläge bereit hält. Etwa: „Sei gewöhnlich und unvollkommen!“ Oder: „Philosophiere nur zufällig!“ Oder: „Bediene dich kleiner Tricks!“ Letzteres hat damit zu tun, dass es häufig keinen direkten Weg zu einem angestrebten Ziel gibt. In den Worten von Sarah Bakewell: „Die innere Einstellung zu ändern ist das Ziel vieler philosophischer Gedankenexperimente. Wenn man einen wertvollen Menschen oder ein wertvolles Gut verloren hat, stelle man sich vor, man habe diese Person oder diesen Gegenstand nie besessen. Und wie kann man etwas vermissen, das man nie besessen hat? Plutarch beschrieb dieses Experiment in einem Brief an seine Frau nach dem Tod der gemeinsamen zweijährigen Tochter. Er empfahl ihr, sich in die Zeit zurückzuversetzen, das das Kind noch nicht geboren war. Ob Plutarchs Gattin auf diese Weise leichter über den Tod des Kindes hinwegkam, ist nicht bekannt, doch zumindest wurden ihre Gedanken auf etwas anderes gelenkt, und sie versank nicht im Meer der tiefen Trauer.“

Richtig lebt man dann, so meinten die Stoiker (die mit den Epikureern viele Grundgedanken gemeinsam hatten), wenn man der alltäglichen Lebenspraxis möglichst viel Aufmerksamkeit schenkt und „amor fati“, Schicksalsergebenheit, lernt. Wie der Stoiker Epiktet schrieb: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern sei zufrieden, dass es so geschieht, wie es geschieht, und du wirst in Ruhe leben.“

Sarah Bakewell
Wie soll ich leben?
oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten
C.H. Beck, München 2012

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Am elften November 2009 heiraten die Schriftstellerin Connie Palmen, geboren 1955, und der vierundzwanzig Jahre ältere Politiker Hans van Mierlo. Genau elf Jahre und elf Tage sind die beiden an diesem Tage ein Paar. Am elften März 2010 stirbt van Mierlo. Das „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ beschreibt Connie Palmens Zeit danach.

Warum ein Logbuch, warum kein Tagebuch? Und was ist das überhaupt ein Logbuch? „Das Wort Tagebuch sagt mir nicht zu. Ein Tagebuch ist regressiv, mädchenhaft, weckt zu viele Erinnerungen an die Zeit, da ich tatsächlich Tagebuch führte, von meinem zehnten bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, ein ohnmächtiges Schreiben als Gegengewicht zu meinem Verschweigen. ‚Logbuch‘ erscheint mir besser. Man kann ein Log in den Strom des Kummers senken, dessen Geschwindigkeit messen, dessen Tiefe peilen. Da darf man auch tagelang untätig liegen bleiben, weil man nicht mehr weiter kann, weil das Log im Schlamm stecken geblieben ist oder weil man an der eigenen Ohnmacht angelegt hat … Mit einem Log kann man die Schiffsgeschwindigkeit messen. Man senkt es an einer mit Knoten versehenen Leine ins Wasser, die man durch seine Hände gleiten lässt. Die Knoten auf der Leine haben einen einen festgelegten Abstand voneinander, der einer verstrichenen Zeit entspricht. Fahrtrichtung und Kurs auf offener See kann man damit zwar nicht bestimmen, wohl aber die Distanz, die man von da nach dort zurückgelegt hat, und somit die Position.“

Connie Palmens Logbuch handelt von der Liebe, und es handelt vom Tod, denn die beiden gehören zusammen: „ich sage, dass die Liebe und der Tod untrennbar miteinander verbunden sind, dass man von dem Moment an, da man liebt, mit dem Tod befasst ist, mit vorauseilender Trauer um einen Tod, der kommen wird, und manchmal um Trauer um das, was nicht war.“ Dieses Buch ist voll von solch hellsichtigen Einsichten, doch es ist auch noch was ganz anderes, es ist auch ein Buch darüber, dass Liebe weh tut, schmerzt, und aus Angst manchmal fast nicht auszuhalten ist. Weil sie schön ist, tut sie weh.

„Erinnerungen an unsere letzten Wochen lasse ich nur in dosierter Menge zu, sie schmerzen zu sehr.“ Halt geben ihr Sätze wie diese: „Du darfst nie vergessen, dass ich nie zuvor eine Frau so sehr geliebt habe wie dich, dass dich zu heiraten das Schönste ist, was ich je getan habe, und dass ich die vergangenen elf Jahre die glücklichsten Jahre meines Lebens gewesen sind.“ Nicht, dass es nur gute Zeiten gewesen wären. Es gab auch Streitereien, Beleidigungen und Alkohol, und die Erinnerung daran schmerzt: niemand entgehe dieser Reue, meint Palmen sicher zu Recht.

Im Jahre 2001 habe ich „I.M.“ (ebenfalls bei Diogenes erschienen) gelesen, Connie Palmens bewegende Auseinandersetzung mit ihrer anderen grossen Liebe, dem in den Niederlanden bekannten Talkmaster, Entertainer und Journalisten Ischa Meijer, der im Februar 1995, im Alter von 52 Jahren, an einem Herzinfarkt stirbt. Ich erinnere mich nicht mehr an die Details der Geschichte, doch präsent ist mir nach wie vor ein ungeheuer intensives Leseerlebnis. Vorzustellen, dass sich diese Frau noch einmal verlieben könnte, war mir damals unmöglich. Dass und wie eine andere, gleichermassen unfassbare Intensität wieder möglich wurde, erzählt dieses Logbuch, worin auch ein ganz wunderbares Gedicht zu finden ist, das wie folgt endet:
 schau
 es ist viel schlimmer
 als du denkst
 wenn du denkst
 ist es noch schlimmer

Connie Palmen
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
Diogenes, Zürich 2013

Dan Lungu: Die rote Babuschka

Die Rahmenhandlung dieses wirklich witzigen Buches findet sich auf der vierten Umschlagseite gut zusammengefasst. Hier ist sie:

„Zehn Jahre nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur stehen Neuwahlen an. Die Rentnerin Emilia Apostoae, die den grössten Teil ihres Lebens unter dem Regime der „Volksmacht“ verbracht hat, erhält einen nach Anruf von ihrer nach Kanada emigrierten Tochter Alice: ‚Wähle ja nicht die Kommunisten.’ Dieses Telefonat und die folgenden Diskussionen stürzen Emilia in eine Identitäts- und Nostalgiekrise und sie erinnert sich wehmütig an eine Zeit, in der alles perfekt schien (aber gar nichts stimmte). Nach und nach verwebt die ‚rote Babuschka’ den problematischen Alltag des heutigen Rumänien mit dem Alltag der Vergangenheit und geht sich dabei selbst auf den Leim.“

Die Gedanken und Überlegungen, die sich Emilia Apostoae so macht, liessen mich immer mal wieder laut herauslachen. Als Tochter Alice und der Schwiegersohn in spe, Alain, zu Besuch nach Rumänien kommen, kommentiert sie etwa: „Er hatte Discoklamotten an – Jeans, ein T-Shirt und Laufschuhe. Ich habe ja keine Ahnung, wie man es so in Kanada hält, aber wenn man sich bei uns schick macht, weil man um die Hand eines Mädchens anhalten möchte, dann zieht man sich ganz anders an. Hatte er denn nichts Besseres im Schrank? Tucu schwitze sich halbtot in seinem Nadelstreifenanzug, und mit verging in dem viel zu eng sitzenden Tupfenkleid Hören und Sehen. Nun, wer schön sein will, muss eben leiden.“ Beim anschliessenden Essen wundert sie sich, dass Alain nur „einen Salat und zwei mickrige Stücke Fisch mit einer Zitronenscheibe bestellt“ und schliesst, dass ein Leben lang „ewig auf Diät, immer am Hungertuch nagen“ ziemlich unnatürliche Folgen habe müsse: „Deswegen werden sie alle neunzig, und ihre Kinder warten im Rentenalter noch auf das Erbe.“ Am selben Abend dann, vor dem Einschlafen der Schweigereltern in spe, liest man diesen ganz wunderbaren Dialog:

„Hör mal, weißt Du, woran ich eben dachte?“
  „Mm?“
  „Dieser Junge, Alin …“
  „Alain!“
  „Für mich ist er Alin, lass mich in Ruhe!“
  „Was ist denn mit ihm?“
  „Wenn der eine Schubkarre voll Beton schieben müsste, würde er nach zehn Metern tot umfallen.“
  „Und?“
  „Ich mein’ ja nur.“
  „Wozu soll er denn Beton durch die Gegend schieben, er arbeitet doch bei einer Bank.“
  „Tia, da hast du auch wieder recht.“
  Danach sind wir beide eingeschlafen.

Was diesen Roman lesenswert macht, sind die Schilderungen davon, was für Vorstellungen sich Emilia Apostoae von der Welt macht. Ganz wunderbar ist zum Beispiel diese hier: „Alice und Alain haben uns Hochzeitsfotos geschickt. Kaum zu glauben, dass die in Kanada aufgenommen worden sind: Stühle wie bei uns, Tische wie bei uns, Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen. Erst durch die toten Fische auf den Tellern wird einem klar, dass es hier um keine hundertprozentig rumänische Hochzeit geht.“ Wer jetzt wissen will, was denn eine hundertprozentig rumänische Hochzeit sein könnte, wird um den Gang zur nächsten Buchhandlung nicht herum kommen.

Lesenswert macht diesen Roman aber auch die Beschreibungen des Lebens im Rumänien unter Ceausescu – die sind in der Tat, wie der Verlag schreibt, amüsant und schräg.
 „Erstens: In Rumänien hat jeder Arbeit. Zweitens: Obwohl jeder Arbeit hat, arbeitet keiner. Drittens: Obwohl keiner arbeitet, wird der Plan zu hundert Prozent erfüllt. Viertens: Obgleich der Plan zu hundert Prozent erfüllt wird, sind die Läden leer. Fünftens: Obwohl die Läden leer sind, können sich alle satt essen. Sechstens: Obwohl sich alle satt essen können, ist keiner zufrieden. Siebtens: Obwohl keiner zufrieden ist, spenden alle Applaus.“

Was aber diesen Roman ganz besonders lesenswert macht, sind Schilderungen wie diese: „Catrina war auf Tucu gar nicht gut zu sprechen. Sie meinte, der elterliche Hof sei in einem chaotischen Zustand, seitdem er dort erschienen war. Weder würde er säen, noch den Garten bewässern. Unkraut jäten oder zur richtigen Zeit ernten. Er tat so, als hätte er alles im Griff, baute aber rund um die Uhr nur Mist. Die Hälfte der Hühner hatte das Zeitliche gesegnet und die übriggebliebenen musste man auf den Knien anflehen, ein Ei zu legen. Im Sommer hatte er die Tomatensträucher nicht zurückgeschnitten, sodass sie in den Himmel wuchsen, die Früchte jedoch so klein wie Kirschen waren. Die Mohrrüben waren zu dicht aneinander gepflanzt und mickrig. Das Unkraut stand so hoch wie der Mais. Die Pflaumenbäume wimmelten vor Raupen. Die Äpfel waren kaum grösser als Walnüsse.
  ‚Er spielt den erfahrenen Bauer, und das ganze Dorf lacht ihn aus!“, sagte sie.
  Mit anderen Worten: Ich hatte goldrichtig gelegen, als ich ihn mir in der Jugend ausgesucht hatte.“
  Das ist wunderbar knapp geschildert, hat einen überzeugenden Rhythmus, ist witzig und überrascht. Mit andern Worten: die Lektüre lohnt.

Dan Lungu
Die rote Babuschka

Residenz Verlag, Wien und Salzburg 2009

Heimo Schwilk: Hermann Hesse

Wie so viele habe ich Hesse in meiner Pubertät gelesen. Und fand mich darin wieder. Vor Jahren wieder gelesen habe ich „Unter dem Rad“ und auch damals fand ich mich darin wieder, doch als ich letzthin, es ist noch nicht so lange her, mich am Glasperlenspiel versuchte, kam ich nicht rein, blieb mir der Zugang verschlossen.

Hermann Hesse ist mir immer sympathisch gewesen, weniger als Schriftsteller (sprachlich überzeugte er mich häufig nicht), denn als Suchender und Denker, seine Weltsicht erlebte und erlebe ich als inspirierend.

Das Bild, das mir Heimo Schwilk in seiner ungemein anregenden, spannenden Biografie von Hesse vermittelt, zeigt mir einen sehr schwierigen und nicht besonders sympathischen Menschen. Eigensinnig ist er und dass er sich in „Demian“ sagen lässt: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte“, spricht mich an. Wie er hingegen mit seinen Ehefrauen umgeht (schon Kleinigkeiten wie ein falsch zurückgestelltes Buch oder eine verschimmelte Banane können zu Wutanfällen führen), stösst mich nicht nur ab, sondern macht mich fast schon wütend. Was für ein selbstbezogener Egoman! Nun gut, er weiss es selber: „Kurz, ich bin theoretisch ein Heiliger, der alle Menschen liebt, und praktisch ein Egoist, der nie gestört sein mag.“

Erstaunt war ich, wie stark Hesse von vermögenden Gönnern abhängig gewesen ist, dass vieles (etwa seine selbstzerstörerischen Seiten) „grösstenteils gespielt, blosse Pose“ war, dass er Kriegsgedichte geschrieben hat, er rastlos unterwegs und weit entfernt von Siddhartas Gelassenheit gewesen ist.

Schreiben ist für Hesse auch immer Therapie, seine Selbstanalyse schonungslos. So schreibt er im Mai 1918 seinem Vertrauten Walter Schädelin: „Meine Bücher mögen sein wie sie wollen, es ist jetzt nicht wichtig. Aber wenn sie auch alle guten Erkenntnisse der Welt enthielten, so bliebe doch das bestehen, dass Schreiben nicht Leben ist und dass man edle Psalmen dichten, dabei aber ein höchst ungerechter Kammermacher sein kann. Ich habe als Dichter Kelche geleert und Pillen gefressen, um die ich mich als Herr Hesse gedrückt habe. Daraus den Weg zu finden, der Krämpfe löst und weiterführt, das ist’s. Die Askese, die mir vor Jahren einige Dienste tat, ist nicht mehr was mir dient, es muss schon synthetischer und erlösender zugehen.“

Der zerrissene Hermann Hesse „hat dem Geist gedient, indem er als der Erzähler, der er ist, vom Widerspruch zwischen Geist und Leben und vom Streit des Geistes gegen sich selber erzählte. Eben dadurch hat er den hindernisreichen Weg wahrnehmbar gemacht, der zu einer neuen Ganzheit und Einheit führen kann“, hat Martin Buber gesagt.

„Je älter Hesse wird, desto mehr zieht er sich in sich selbst zurück“, schreibt Schwilk. Seine Verkrampfungen lösen sich auf, ein allmähliches Loslassenkönnen und Gelassenheit stellt sich ein. Das wirkt sich auch auf die Ehe zu seiner viele Jahre jüngeren, dritten Frau, Ninon, aus. „Die Fotos der späten Jahre strahlen Verbundenheit und gegenseitige Achtung aus.“ Hermann Hesse stirbt am Donnerstag, dem 9. August 1962 in Montagnola an einer Hirnblutung.

Heimo Schwilk schreibt wunderbar leicht und eingängig; er be-schreibt, legt dar, zeigt auf, erzählt und dichtet dergestalt überzeugend das Leben Hesses nach. „Das Leben des Glasperlenspielers“ gehört in die Reihe der mir wichtigen und wertvollen Bücher.

Heimo Schwilk
Hermann Hesse
Das Leben des Glasperlenspielers
Piper, München 2013

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte