Anna Burns‘ Milchmann vermittelt mir bereits auf den ersten Seiten die Erfahrung von etwas Ungewohntem, Neuem, Verblüffendem und Packendem. Es liegt am Ton, dem Rhythmus, der Sprache sowie der Art zu denken und zu formulieren. Geschrieben ist Milchmann als innerer Monolog, es ist die Stimme der Erzählerin, die diesen Roman prägt. Erwähnt werden muss auch die Übersetzerin, Anna-Nina Kroll, die über ein bewundernswertes Sprachgefühl verfügt.
Eine junge Frau, genannt Mittelschwester, die im Gehen liest (beim Joggen jedoch nicht, wie sie anmerkt), wird von einem älteren Mann, dem Milchmann, angebaggert. Es ist ihr unangenehm. doch weiss sie nicht so recht, wie sie sich wehren soll, denn er behandelt sie höflich („… und ich konnte schlecht unhöflich sein, wenn er nicht unhöflich war.“) Meisterhaft schildert die Autorin die Schwierigkeiten, ’sich richtig zu verhalten‘, unser Eingebundensein in sozialen Konventionen, die uns oft an unseren vermeintlichen Platz verweisen und uns hindern, Rückgrat zu zeigen. Wie wir das auch in komplexen Situationen lernen können, demonstriert die in Belfast, Nordirland, geborene und heute in East Sussex, England, lebende Anna Burns, die für Milchmann den Man Booker von 2018 erhielt, eindrücklichst.
Von unerwünschter Annäherung hat die 18jährige Ich-Erzählerin, die nur Bücher aus dem 19. Jahrhundert liest, weil sie das 20. Jahrhundert nicht mag, noch nichts gehört. „Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert.“ Sie beginnt dem Milchmann auszuweichen, spürt, dass ihre Rationalisierungen nicht aufgehen. Selten habe ich derart überzeugend ausgeführt gelesen, wie komplex unser Rechtfertigungsapparat funktioniert, der uns davon abhält, zu tun, was wir wissen, dass wir tun müssen.
Ein zweiter Mann interessiert sich für sie, von der Autorin Irgendwer McIrgendwann genannt. Er stammt aus dem Bezirk der jungen Frau, behauptet ein Staatsverweigerer zu sein, weil diese in diesem Bezirk die Guten sind, für die sich auch die Groupies interessieren. Spannend, wie die Cliquenbildung und das jugendliche Sich-Behaupten geschildert wird, insbesondere wie sich die Jugendlichen einerseits ihre eigenen Regeln geben und andererseits vom familiären und sozialen Umfeld geprägt sind. Spannend auch, dass sich nicht alle im Bezirk das Terrorregime der Staatsverweigerer gefallen lassen.
Beeindruckend wie auch ungemein bedrückend ist die Vielschichtigkeit der sozialen Gepflogenheiten, die die Menschen im Zaum halten, sie hindern, ihrer Natur gemäss zu leben. Bereits mit sechzehn Jahren wird Mittelschwester von ihrer Mutter dazu angehalten, sich nach einer guten Partie (noch nicht verheiratet gewesen, die richtige Religion) umzuschauen. Der richtigen Religion anzugehören, kann im Nordirland der 1970er, wo Krieg herrscht zwischen Katholiken und Protestanten, Leben oder Tod bedeuten, doch das Problem der ‚richtigen‘ Zugehörigkeit ist ein globales Phänomen und Milchmann zeigt das eindrücklich.
Auch die familiäre und gesellschaftliche Konditionierung (Konformitätsdruck, Stammeszugehörigkeit etc.) ist universell. Wie auch die (eher seltenen) Ausbruchsversuche, zu denen auch Depressionen gehören, die im damaligen Nordirland Stimmungen genannt wurden. Im Französischunterricht plädiert die Lehrerin dafür, sich Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Doch obwohl wir alle nach Freiheit schreien, wollen wir sie nicht, denn wir haben Angst vor ihr, weil freie Wahl bedeutet, Verantwortung zu übernehmen „und was, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden konnten?“
Wir ertragen die Wirklichkeit nicht, flüchten uns in Probleme und Rechthabereien. Und in Depressionen, die ich noch nie so treffend beschrieben gefunden habe. „Natürlich wussten wir alle, dass der Holocaust und die Weltkriege und die Tiere fressenden Tiere, dass alle diese Betäubungsmittel, zu denen auch unsere politischen Probleme gehörten, wenn er sich wieder mit ihnen beschäftigen konnte, genauso wenig aufmunterten. Klar war jedoch auch, dass sie irgendeinen Zweck erfüllten, nach dem Motto: „Da! Guck dir das an. Wo ist da der Sinn? Es gibt keinen“, was ihm in seiner Verzweiflung Trost spendete, ihn in der Absicht bestätigte, dass es so, wie die Dinge standen, wie sie schon immer gestanden hatten, keine Erfolge und keine Besserung geben konnte, weil Besserung und Erfolge Hirngespinste waren und jede noch so grosse Mühe reine Zeitverschwendung war.“
Milchmann ist ein Werk voller starker Emotionen. „Schon erstaunlich, was für Gefühle in einem schlummern“, lässt Anna Burns einen sogenannt gewöhnlichen Menschen „von der anderen Seite der Hauptstrasse“ sagen, als der einmal seinen ganzen grossen Hass zeigt. „Man muss eigentlich all die hinderlichen und irreführenden Erkenntnisse über die politischen Probleme ausser Acht lassen, um das Ausmass dieses Hasses tatsächlich erkennen zu können.“
Dass weder der Ort des Geschehens namentlich genannt wird (England wird als „Land auf der anderen Seite der See“ bezeichnet, Irland ist das „Land auf der anderen Seite der Grenze“), noch die Protagonisten Namen tragen, sondern als Vielleicht-Freund, Schwager, Lehrerin, Ma, Schwester etc. bezeichnet werden, interpretiere ich so, dass das, was hier geschildert wird, universell verstanden werden soll.
Milchmann ist ein lebensgescheites Buch, das mich ständig zu zustimmendem Nicken und befreiendem Lachen verleitete.
Anna Burns
Milchmann
Tropen Verlag, Stuttgart 2020