Kathryn Schneider-Gurewitsch: Reden wir über das Sterben

So recht eigentlich geht es in unseren Corona-Zeiten wesentlich um Fragen des Todes und des Sterbens. Und wie üblich steckt der Mensch den Kopf in den Sand. Reden wir über das Sterben, vor der gegenwärtigen Pandemie geschrieben, tut das Gegenteil und stellt sich der Realität, also dem Tod und damit auch dem Leben.

Reden wir über das Sterben ist das Vermächtnis der 2014 verstorbenen Ärztin Kathryn Schneider-Gurewitsch. Es sei gleich vorweggenommen: Dies ist eines der hilfreicheren Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, obwohl ich nicht mit allem einig gehe. So schreibt sie über ihr „Credo“, dass Offenheit immer der beste Weg sei: „Offenheit bedeutet, dass wir anerkennen, dass unsere Wertvorstellungen nicht unbedingt denen von anderen Menschen entsprechen. Respekt vor den anderen ist angesagt.“ So allgemein formuliert, als Grundüberzeugung und Leitlinie, stimme ich zu, in gewissen konkreten Fällen – gänzlich rücksichtslosen Menschen, zum Beispiel – hingegen nicht.

Ihre grundsätzlich offene Haltung ist bei allem, was sie schreibt, spürbar. Dazu gehört, dass sie nicht einfach von sich auf andere schliesst. Und auch, dass sie der Komplexität des Lebens Rechnung trägt. „Die Arbeit auf ein Ziel hin ist für mich Lebenselixir. Ob das zu einer Lebensverlängerung beigetragen hat? Das glaube ich nicht wirklich. Aber wir haben ja noch viele Wissenslücken.“

Die 1951 im amerikanischen Schenecetady geborene und in Zürich aufgewachsene Kathryn Schneider-Gurewitsch war Sängerin in verschiedenen Folk-Rock-Gruppen und machte einen Abschluss als Dipl.Arch. ETH bevor sie in Medizin promovierte. Ihre erste Krebsdiagnose erhielt sie im Alter von 37, die zweite im Jahre 2002 und die dritte 2009. Geeigneter kann man kaum sein, um übers Sterben zu schreiben.

Reden wir über das Sterben ist geprägt von einer Haltung, die sich durch das ganze Buch zieht: „Mir liegt am Herzen, dass sich die Menschen rechtzeitig auf den Weg machen, dass sie – soweit überhaupt möglich – Weichen stellen. Denn nur so können wir hoffen, unwürdige Situationen und Kämpfe zu vermeiden.“

Was ist besser, im Spital oder zu Hause zu sterben? Wie immer: Es kommt drauf an. „Es ist letztlich egal, wo wir sterben, wenn wir gut und liebevoll betreut werden. Es ist heute an vielen Orten möglich, würdevoll zu sterben: zu Hause, im Spital, in einem Pflegeheim, in einem Hospiz und sogar auf mancher Intensivstation.“ Angesichts der Bilder, die uns heutzutage aus Intensivstationen erreichen und an Science-Fiction-Szenarien gemahnen, kriegen Sätze wie diese noch eine ganz neue Dimension: „Wie dürfen nie vergessen, dass Todesumstände lebenslänglich bei den zurückbleibenden Familienmitgliedern nachwirken.“

Reden wir über das Sterben zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass es von der Praxis geprägt ist, von einer reflektierten Praxis notabene. Das meint unter anderem, dass es zu verstehen gilt, dass es weder die Ärzte noch die Patienten gibt, sondern dass da immer Individuen unterwegs sind, einige gut informiert, andere eher nicht, einige zwischenmenschlich begabt, andere überhaupt gar nicht. Als Richtlinie beim Arzt/Patient-Verhältnis sollte gelten: „man müsste den Patienten eben nicht nur sagen, was die Erfolgschancen bestenfalls ein könnten, sondern auch, was sie durchmachen müssen, um zu den seltenen Gewinnern in diesem Lotto zu gehören.“

Kathryn Schneider-Gurewitsch klärt auch darüber auf, dass die Medizin zwar mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet, jedoch keine exakte Wissenschaft ist – zu viele Faktoren spielen etwa bei einer Prognose hinein, die nicht genau gewusst werden können. Dazu kommt, dass gut zu informieren nicht bedeutet, dass der Adressat die Information auch versteht. Sich darüber im Klaren zu sein, ist überaus nützlich.

Auch mit den Kosten des Gesundheitssystems („dass die Gesellschaft letztlich entscheiden muss, wofür sie ihre beschränkten Ressourcen einsetzen will.“) befasst sich die Autorin sowie mit der Patientenverfügung („keine Vorstufe zum assistierten Suizid“) und der Hilfe beim Sterben, wobei sie auch den mir ausgesprochen sympathischen Satz äussert: „Ich denke, es ist sehr wichtig, die eigene Meinung nicht für die einzig richtige zu halten.“

Reden wir über das Sterben gehört nicht zu den Sterbebüchern, in denen der Werdegang sowie der Krankheitsverlauf der Schreibenden abgehandelt wird. Stattdessen ist es eine differenzierte, gescheite und von gesundem Menschenverstand geprägte Auseinandersetzung einer pragmatisch orientierten Frau, die ihre reflektierten Lebenserfahrungen teilt. Also keine persönliche Nabelschau, sondern der gelungene Versuch, engagiert, eigenwillig und selbstkritisch, das Erfahrene und Gelernte in den Dienst der Lebensqualität zu stellen.

Fazit: Ein wertvolles Vermächtnis, das Mut macht, sich auf die Komplexität des Lebens einzulassen.

Kathryn Schneider-Gurewitsch
Reden wir über das Sterben
Vermächtnis einer Ärztin und Patientin
Limmat Verlag, Zürich 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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