Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Die erste Erzählung dieses Bandes spielt in Recife und da dies „meine“ erste brasilianische Stadt gewesen ist, in der ich, 2006 war das, mehrere Wochen verbrachte, bin ich natürlich sofort positiv eingenommen. Und dann die ersten Sätze: „Sie war dick, klein, sommersprossig und hatte viel zu krauses Haar, mit einem Stich ins Rotblonde. Sie hatte einen riesigen Busen, während wir anderen Mädchen flachbrüstig waren. Und als wäre das nicht genug …“, doch Halt, Stopp, bevor ich hier noch die ganze Geschichte wiedergebe. Nur soviel: Dieses Mädchen verfügt über „ein Talent für Grausamkeit“, das natürlich nur dann ausgelebt werden kann, wenn es ein Pendant findet. „Ich begann inzwischen zu ahnen, dass sie mich ausgesucht hatte, um mich leiden zulassen, manchmal ahne ich so etwas. Doch selbst wenn ich es ahne, nehme ich es manchmal hin: als wäre ich derjenige, der mich leiden lassen will, verzweifelt darauf angewiesen.“

Das Schreiben der Clarice Lispector begeistert mich. Unverblümt, direkt, lebensbejahend und ja, unverfroren wirkt es auf mich. Es hat etwas Naiv-Kindliches, das mich rührt, freut und zum Lachen bringt. „… ich lief hüpfend durch die Strassen wie immer und fiel kein einziges Mal hin.“ Oder diese Sätze in der Erzählung „Das Hausmädchen“: „Ja, in Eremita war Tiefe. Aber niemand, der in ihre Tiefen hinabgestiegen wäre, hätte etwas gefunden – bis auf die eigene Tiefe, so wie man im Dunkel aufs Dunkel trifft.“ Ein „rätselhaftes Kind“, in der Tat, voller Ahnungen und Einsichten, von denen sie zwar wusste und auch wieder nicht. „Die Ahnungslosigkeit so grenzenlos, dass alle Weisheit der Welt hineingepasst und sich darin verloren hätte.“ Eigenartig, faszinierend, magisch und lebensklug, so wirken diese Erzählungen auf mich.

Natürlich, jeder liest anders, doch zu sagen, Clarice Lispectors Schreiben sei ungewöhnlich, wäre eine ziemliche Untertreibung. Sehr, sehr ungewöhnlich, das trifft es besser. Ich schmunzle, wundere mich, bin entzückt, verwirrt und fühle mich immer wieder höchst angeregt ob dieser rätselhaften, absurden, lustigen, realistischen und überaus fantasievollen Geschichten, die entstehen, so stelle ich mir vor, wenn man den Gedanken freien Lauf lässt, sie nicht einzwängt in Vorgaben, die wir zu verstehen gelernt haben.

„Ein Tag weniger“. Das Telefon klingelt. Eine „weibliche Stimme, deren Besitzerin über achtzig sein musste, der schleppenden Heiserkeit nach zu urteilen“, möchte mit Flávia sprechen, doch in dem Haus gibt es keine Flávia. Die anschliessende Unterhaltung zwischen der Anruferin und Margarida Flores de Jardim, die den Anruf entgegengenommen hat, liess mich an Eugène Ionescos Theaterstücke denken. „Also, ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich kann nur Fragen beantworten, über die ich schon nachgedacht habe.“ „Dann strengen Sie sich ein bisschen an und lassen den Namen Flávia vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen, Sie werden schon sehen, da fällt Ihnen gleich eine Antwort ein.“

Ich nehme Clarice Lispectors Schreiben als Puzzle wahr, als Sammelsurium, als Durcheinander von ganz Unterschiedlichem. Der Erzählung „Wo Wart Ihr in der Nacht“ sind vier Zitate von mir unbekannten Männern vorangestellt. Ich habe sie gegoogelt: Alberto Dines war ein brasilianischer Journalist und Autor: „Die Geschichten haben keine Auflösung.“ Fauzi Arap war ein brasilianischer Theatermann: „Das Unbekannte macht süchtig.“ Raul Seixas war ein brasilianischer Musiker: „Im Sessel, den Mund voller Zähne, darauf warten, dass der Tod kommt.“ William Harvey war ein englischer Arzt und Anatom: „Was ich kundtun werde, ist so neu, dass ich befürchte, mir die gesamte Menschheit zum Feinde zu machen, so tief verwurzelt sind auf der Welt die Vorurteile und Lehren, die einmal angenommen wurden.“ Keine Frage, diese vier Zitate beschreiben Clarice Lispector höchst treffend und könnten so recht eigentlich auch von ihr stammen.

„Der Körper“ handelt von Xavier, dem Bigamisten, dem zwei Frauen nicht genug waren und der deshalb auch noch zu einer Prostituierten ging, was seine beiden Frauen jedoch nicht akzeptierten. Eine hinreissend-komische Geschichte mit einem sehr brasilianischen Schluss. Sie beginnt so: „Xavier war ein wüster und heissblütiger Mann. Sehr stark. Er liebte Tango. Er ging sich Der letzte Tango in Paris ansehen, wurde davon schrecklich erregt. Er hatte den Film nicht verstanden: Er sah darin einen Sexstreifen. Dass es sich um die Geschichte eines Verzweifelten handelte, darauf kam er nicht.“

Das vorletzte Kapitel ist mit „Vision vom Glanz – leichte Eindrücke“ überschrieben und handelt von Brasília, dieser mich enorm faszinierenden Stadt, die ich jedoch nur aus Fotobüchern kenne, Clarice Lispector zeigt mir noch eine ganz andere Stadt. Ich zitiere ganz willkürlich: „Ich habe kein einziges Mal geweint in Brasília. Dafür war kein Platz. – Das ist hier ein Strand ohne Meer. – In Brasília gibt es keinen Eingang und es gibt keinen Ausgang.“ Verwirrend? Sowieso. Anregend? Unbedingt. Zudem unterhaltsam und witzig: „In Brasília liegt Euphorie in der Luft. Ich sagte zu dem Fahrer des gelben Taxis: ‚Heute ist es wie an einem Montag, oder?‘ – ‚Hmm‘, antwortete er. Und das war alles, Ich wollte ihm so gerne sagen, dass ich im heissgeliebten Brasília gewesen bin. Aber er wollte es nicht wissen. Manchmal bin ich überflüssig.“

Fazit: Wem die eigenen Denkmuster fad geworden sind, sollte es mit der fantastischen Welt der Clarice Lispector versuchen.

Clarice Lispector
Aber es wird regnen
Sämtliche Erzählungen II
Penguin Verlag, München 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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