Avi Loeb: Ausserirdisch

Vom Science Fiction Autor Arthur C. Clarke stammt die Bemerkung, es wäre schon ziemlich beängstigend, wenn wir Erdenbewohner die einzigen Lebewesen im Universum wären, doch fast genauso beängstigend wäre es, wenn wir nicht alleine wären.

Der Mensch kann sich bekanntlich viel vorstellen, doch empirische Beweise, so Galileo Galilei, kümmerten sich nicht um Zustimmung, lässt der Astrophysiker Avi Loeb jeweils seine Studenten wissen. Mit anderen Worten: Der Autor von Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten ist durch und durch Wissenschaftler, für ihn sind empirische Beweise das A und O.

Loebs Ausgangspunkt ist die Allgegenwart der Naturgesetze. Sollte es also anderswo intelligentes Leben geben, sei es naheliegend anzunehmen, argumentiert er, dass sie sich vermutlich ähnlich orientieren wie wir Menschen das tun. Und da wir Menschen Forschungsreisen zum Mond unternehmen, ist doch auch vorstellbar, dass intelligente Wesen von ausserhalb unseres Sonnensystems zu Forschungsreisen aufbrechen.

Die empirischen Belege, die diesem Buch zugrunde liegen, wurden während elf Tagen gesammelt, angefangen am 19. Oktober 2017. Ein unbekanntes Flugobjekt schoss durch unser Sonnensystem. Der Name, der ihm die Wissenschaft gab, war Oumuamua, stammt aus dem Hawaiischen und bedeutet „Kundschafter“. Dieser war klein, merkwürdig hell, hatte eine ungewöhnliche Form und wich von der Flugbahn ab, die man aufgrund der Gravitationskraft der Sonne erwartete.

Ausserirdisches Leben, darüber rümpfen nicht nur die meisten Wissenschaftler die Nase, mir geht es genau so, doch dabei übersieht man geflissentlich all die anderen „komischen“ Dinge, an die wir vorbehaltlos und ohne jegliche Evidenz glauben: Dass das Leben Sinn mache, zum Beispiel. Klar, auch denen, die das nicht glauben, fehlt die Evidenz. Trotzdem: Wir wollen Beweise. Auch Avi Loeb will Beweise und legt dar, warum die Auffassungen, die ausserirdisches Leben in Abrede stellen, nicht überzeugen.

Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten berichtet nicht nur von diesen elf Tagen, sondern auch vom Aufwachsen des Autors im israelischen Beit Hanan. „Ich träumte davon, meinen Lebensunterhalt mit Denken zu verdienen.“ Doch da die Philosophie zwar grundlegende Fragen stellte, die sie jedoch nicht lösen konnte, entschied er sich fürs Studium der Physik, die geeigneter schien, Antworten geben zu können.

Avi Loeb gehört offenbar zu den Menschen, die mit einer Intelligenz gesegnet sind, die sie befähigt, ganz gleich was erfolgreich zu studieren, sei es Philosophie, Plasma- oder Astrophysik, und irgendwann begreifen, dass die grossen Fragen sich allen Disziplinen stellen und nicht auf Religion und Philosophie beschränkt sind „Ausserdem habe ich festgestellt, dass man einen Rahmen für die Beantwortung der Frage: ‚Was ist ein lebenswertes Leben?‘ erhält, wenn man in die Unermesslichkeit des Weltraums hinausblickt und über den Beginn und das Ende von allem nachdenkt.“.

Mir gefällt Avi Loebs Priorisierung der Naturwissenschaften vor allem deswegen, weil aus dem eigenen Kopf herauszukommen und mit der Welt in einen Dialog zu treten, überaus nützlich ist. Dabei lässt er sich von Daten leiten. „Es gibt eine einzige Wirklichkeit da draussen, und wir sind sehr weit davon entfernt, alle ihre Anomalien auszuschöpfen“, hält er fest. Und: „Wissenschaftler halten das für schön, was von einer Theorie nach ihrem Kontakt mit den Daten übrig bleibt.“

Dass nur schon die Frage, ob es ausserirdisches Leben gibt, auf soviel Ablehnung stossen kann wie sie Avi Loeb erfahren hat, hat nicht zuletzt psychologische Gründe. Denn wenn wir uns einmal entschieden haben, etwas zu glauben, sind wir nur schwer wieder davon abzubringen. Wir wollen nicht, dass unser Weltbild ins Wanken gerät. Es ist unser Gruppendenken, das unsere Zivilisation prägt, es sind nicht die Beweise. Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dies deutlich zu machen.

Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten nimmt unsere Illusionen aufs Korn und plädiert für das, was es selber praktiziert – Forschung ohne Scheuklappen. Ein höchst hilfreiches Buch!

Avi Loeb
Ausserirdisch
Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten
DVA, München 2021

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte