James Douglas zu lesen bedeutet nicht nur, sich nicht zu langweilen, es bedeutet, sich bestens zu unterhalten. Dies jedenfalls meine bisherige Erfahrung mit seinen Büchern. Diesmal hat er sich wiederum einiges vorgenommen (wobei: das ist bei ihm so recht eigentlich immer so): „Ein Heilmittel gegen Covid-19, genetisch veränderte Mikroben, verschiedene Mafia-Organisationen. die CIA – und mittendrin zwei Schweizer Ermittler der Militärjustiz.“
Der Autor war selber Oberstleutnant der Schweizer Armee, verfügt also über militärisches Wissen. Es ist demnach anzunehmen, dass ein Fall Amos durchaus möglich wäre. Etwas weniger wahrscheinlich sind jedoch moderne Helden wie Major Michael Cooper und Hauptmann Laura Winter, eine Art schweizerisches James Bond Team, denen Fähigkeiten und Kompetenzen eignen, die man in der realen Schweizer Armee wohl kaum findet. Andererseits: Ich habe die Schweizer Armee zwar noch nie ernst genommen, doch dann klärte mich ein amerikanischer Militärberater über die Professionalität der Schweizer Luftwaffe auf – zuerst schwieg ich beschämt, dann fühlte ich mich etwas stolz.
Worum geht’s? Jens Amos, als Armeebiologe und Virologe mit brisanten Geheimnissen vertraut, ist verschwunden. Und er hat Virenproben und Sequenzierungsdaten aus dem Virenforschungsinstitut mitgehen lassen. Cooper und Winter machen sich auf seine Spur. Ihre Vorgesetzten sind wie üblich damit ausgelastet, nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. „Brigadegeneral Vonkeck sagte: ‚Was Sie jetzt sehen werden, ist geheim.‘ Cooper war sicher, dass der Mann diesen Satz jeden Morgen vor dem Spiegel einübte.“ Der Fall Amos ist auch ein witziges Buch.
Amos wird in Neapel gesichtet, wo die Camorra herrscht und Laura Winter im Osten der Stadt ein Airbnb für fünfzig Euro pro Nacht gefunden hat. „Wahrscheinlich neben der Mülldeponie, dachte Cooper.“ Manchmal liest sich dieser Thriller auch absurd-komisch: Als Cooper und Winter sich auf Initiative von ihr kurz näherkommen, sie jedoch einen Rückzieher macht, geht Cooper durch den Kopf: „… war er sehr froh, dass er heute Abend nicht seiner Lust nachgegeben hat.“ Nun ja, es war umgekehrt, Laura Winter hatte ihrer Lust nicht nachgegeben. Eine gelungenere Macho-Beschreibung geht kaum.
Der von Michael Coopers Vater, Ken Cooper, vor Jahren in Zürich gegründete Shop, der das Ziel verfolgt, die Sicherheitsbedürfnisse von Organisationen, Privaten oder Regierungen abzudecken, orientiert sich strikt an Fakten: Nicht nur entwendete Amos die Sequenzierung eines SARS-Virus, er nahm auch den Immunwirkstoff Xaurum, ein Mycobakterium, mit. „Amos könnte ein Interesse haben, dass die Ausrottung des Virus scheitert“, so Michael Cooper. „Dann hofft er, dass alle nach seinem Wirkstoff schreien, um es zu stoppen. Das Geschäft seines Lebens. Aber ich denke. Er braucht eine schlagkräftige Vertriebsorganisation.“ Die Camorra? Eine Fiktion, gewiss, doch vor allem eine spannende und anregende.
Es gibt bekanntlich verschiedene Theorien wie Covid-19 in die Welt kam. Und auch wenn das möglicherweise nie definitiv geklärt werden kann (unsere Ursache-Wirkung-Erklärungen sind oft nicht viel mehr als eine Gewohnheit zu denken), dass einige von der Pandemie zu profitieren trachten, erstaunt nicht (fehlerhafte Masken, Impfstoff mit falschen Etiketten etc.), hat man uns doch beigebracht, dass jeder sich selbst der nächste ist und nichts besser bezahlt wird als Egoismus
Am Rande: Ab und zu wird ein va bene oder ein Grazie eingestreut (eine eigenartige Marotte vieler Thrillerautoren, bei Nordamerikanern geht es selten ohne Hasta la vista ), doch sollte man, wenn man das schon tut, es auch richtig tun. Occupado (auf Seite 97) sollte Occupato heissen.
Dann geht es weiter in den Kosovo, wo sich Jens Amos in einem ehemaligen UCK-Stützpunkt verschanzt hat, wo er eine Forschungsanlage betreibt und Cooper und Winter gefangengenommen werden … mehr soll nicht verraten werden. Nur so viel: Da verfolgen viele ganz unterschiedliche Interessen, die Komplexität des Einfluss- und Machtgerangels kommt nicht zu kurz.
Wie jeder Thriller, so bietet auch Der Fall Amos dem Autor Gelegenheit auf Phänomene pointierter aufmerksam zu machen als dies die Massenmedien gemeinhin tun. Etwa darauf, „dass Mut und Entschlossenheit von Männern im Lauf der Zeit unter den Verdacht geraten waren, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein.“ Oder dass Pädophilie ein weithin unterschätztes Problem ist. Oder dass Geldgier auch Schweizer Bundesbeamte zu korruptem Verhalten verleitet.
Fazit: Ein rasanter Page-Turner, packend und lehrreich.
PS: Wie auch alle andern Thriller von James Douglas, der sich stets aktueller Themen annimmt und diese auf dem Hintergrund von Sicherheitsfragen behandelt (nach nichts giert der Mensch bekanntlich mehr als nach Sicherheit), eignet sich auch dieser bestens, verfilmt zu werden.
James Douglas
Der Fall Amos
Langen Müller Verlag, München 2021