„Ich blickte direkt in die Mündung einer Waffe. Auf leisen Sohlen war sie hereingeschlichen.“ Ein gelungener Einstieg, wenn auch sprachlich eher suboptimal. Eine Waffe auf leisen Sohlen? Es war nicht das einzige Mal, dass ich sprachlich über diesen Text stolperte, doch wurde dies wettgemacht durch die clevere, frische, rasante und äusserst packende Handlung. Keine Frage, Candice Fox weiss ausgesprochen spannend zu erzählen.
Die Geschichte spielt in Los Angeles; die Stadt und ihre sehr voneinander verschiedenen Bewohner werden so gut geschildert, dass ich mich sofort vor Ort fühle – auch natürlich, weil ich sie aus eigener Anschauung kenne. Übrigens: „Candice Fox stammt aus einer eher exzentrischen Familie, die sie zu manchen ihrer Figuren inspirierte.“ Klingt verheissungsvoll, denkt es so in mir. Zu recht, wie es sich schon bald zeigen wird.
Dark handelt von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die sich zusammentun, um die verschwundene Tochter von Sneak Lawlor, einer notorischen Diebin, zu finden. Als da wären: Die vorbestrafte Kinderchirurgin Blair Harbour, ihre ehemalige Zellengenossin Sneak, deren Tochter verschwunden ist, die Polizistin Jessica Sanchez, der gerade eine Millionenvilla vermacht wurde, die Gangsterin Ada Maverick. („Ich gebe keine Ratschläge“, sagte Ada. „Ich mache Ansagen. Und die Leute hören, sonst müssen sie fühlen.“).
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Blair und Jessica, die Blair einst wegen Mordes verhaftete, doch sich mittlerweile fragt, ob sie sich damals geirrt habe. Sie geht der Sache nach und stösst auf Ungereimtheiten. Blair leidet übrigens unter einer Sucht, die im Gefängnis ihren Anfang genommen hatte. „Seit sechs Jahren tat ich das schon, wählte in Stresssituationen willkürlich irgendwelche Telefonnummern und redete mit Fremden.“ Was wieder einmal deutlich macht, dass wirklich alles, das einem Halt verspricht, zur Sucht werden kann.
Witzig, überraschend, schnell ist das Ganze geschildert, mit einem sehr realistischen Flair. Klar, man weiss, das hat sich die Autorin ausgedacht, doch trotzdem hat man das Gefühl, dass genau solche Kotzbrocken, wie die hier geschilderten, bei der Polizei sind. Der Mensch ist des Menschen Wolf, heisst es bekanntlich, doch es gibt eben auch die Anständigen, dank denen es gelegentlich so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit (im echten, nicht im juristischen Sinne) gibt.
Die Dialoge sind dem Leben abgeguckt; misstrauisch, skeptisch und voller Vorurteile begegnen sich die Leute in diesem Buch. Auch originelle Rache-Ideen kommen nicht zu kurz. Und dann gibt es natürlich auch Sex und Gewalt, doch vor allem eine durchgehende ’no-nonsense‘-Atmosphäre. Zudem erfährt man was Mörderabilien sind …
Wie jeder gute Thriller ist natürlich auch dieser wesentlich Zeitdokument. Beispiel Nummer eins: „Die Berichterstattung zum aktuellen Zeitgeschehen ist eine teuflische Mischung aus politischer Korruption und den naiven Denkmustern narzisstischer Hipster.“ Beispiel Nummer zwei: „Der Highway I-110. Obdachlose in Zelten und Bretterverschlägen, Fabriken, die Dreck in den gelblichen Himmel pusten, die Wüste und dahinter die stoppelig braune Berglandschaft. Reklametafeln für Casinos. Neil Diamond im Paillettenanzug. Rod Stewarts strahlend weisses Gebiss im kürbisgelben Gesicht.“
Fazit: Grossartig! Uneingeschränkt zu empfehlen!
Candice Fox
Dark
suhrkamp taschenbuch, Berlin 2021