Jake Finch Bonner unterrichtet Kreatives Schreiben an einem kleinen College in der Provinz. Einstmals ein gefeierter Autor, werden seine Texte mittlerweile von den Verlagen zurückgewiesen. Das nagt an seiner Selbstachtung, er hält sich für einen gescheiterten Schriftsteller. Es ist das Diktat des Erfolges, dass die Menschen in diesem Roman (und auch im richtigen Leben) leitet. Dass das würdelos, ja geradezu peinlich ist, fällt heutzutage überhaupt nicht auf.
Als das neue Semester beginnt, befindet sich unter seinen Studenten auch ein narzisstischer Kotzbrocken, der überzeugt ist, an einem Bestseller zu schreiben, der die Verlagswelt in Erstaunen versetzen wird. Dem Lehrer erklärt er, dass ein erfolgreiches Buch allein vom Plot abhängt. „Mir geht’s nur um die Story. Entweder man hat einen guten Plot oder nicht. Wenn’s kein guter Plot ist, dann hilft auch die beste Schreibe nichts. Und wenn’s ein guter Plot ist, dann macht auch die mieseste Schreibe ihn nicht kaputt.“
Diesen Plot klaut Jake Finch Bonner, das Buch wird ein Riesenerfolg. Dann erhält er eine Email: „Du bist ein Dieb.“ Und dann noch eine: „Du bist ein Dieb. Wir wissen es beide.“ Es wird spannend, mehr soll hier nicht verraten werden …
Doch was soll eigentlich problematisch daran sein, einen Plot zu klauen? Das ist doch gang und gäbe. „So, wie Jane Smiley Tausend Morgen von Shakespeare geklaut hat oder Charles Frazier Unterwegs nach Cold Mountain von Homer?“, fragt Jake rhetorisch seine Frau. Entscheidend ist doch, wie die Geschichte erzählt wird. Mit anderen Worten: Der Plot von Der Plot ist auf den ersten Blick wenig überzeugend, doch kommt im Verlaufe dieses Romans eine ganz unerwartete Komponente hinzu, die dieser Geschichte eine ganz besondere Wendung gibt.
Stephen King wird auf der Buchrückseite zitiert: „Eines der besten Bücher, die ich je über Schriftsteller und das Schreiben gelesen habe … bemerkenswert.“ Das Buch ist in der Tat bemerkenswert, doch so recht eigentlich handelt es nicht, jedenfalls nicht hauptsächlich, von Schriftstellern und ihrem Schreiben, sondern von Wettbewerb, Erfolg und Geld-Machen.
Zudem handelt Der Plot vom Buchgewerbe und wie sich dieses gewandelt hat. Als Jake Finch Bonner, mittlerweile Onlineredakteur und Berater, einer älteren Dame zur Veröffentlichung des ersten Teils ihrer Memoiren gratuliert, sagt sie: „Aber ich bitte Sie“, hatte sie seine Schmeichelei brüsk zurückgewiesen, „jeder kann doch ein Buch herausbringen. Sie schreiben einfach einen Scheck.“
Der Plot ist ein Buch für Buchliebhaber. So werde ich etwa an Jerzy Kosinski erinnert, dessen Cockpit ich einst gefressen habe (wovon der Roman handelte, weiss ich allerdings nicht mehr), und an James Freys A Million Little Pieces, wovon mir ganz viel geblieben ist. Beide Autoren wurden der Lüge bezichtigt. Beiden eignet ein beneidenswertes Vorstellungsvermögen. Und beide verstehen das Schreibhandwerk.
Übrigens: Jean Hanff Korelitz ist eine aufmerksame, scharfsinnige und witzige Beobachtern. Ein Beispiel: „Obgleich sie in einer Kleinstadt in Idaho aufgewachsen war, schaffte sie es mühelos, sich dem ortsüblichen rasanten Tempo anzupassen, und innerhalb weniger Tage schien auch sie zu einer typischen überarbeiteten New Yorkerin geworden zu sein, mit einem permanenten Stresslevel, der jeden ausserhalb der fünf Stadtbezirke fertiggemacht hätte.“ Und gerade noch eins: „Die Kellnerin brachte Jakes Schokoshake in einem vollen Glas und einem halb vollen Mixbecher. Es schmeckte fantastisch und lag ihm sofort wie ein Stein im Magen.“
Der Plot ist ein hoch aktuelles Buch, das sich mit der Frage der Aneignung (dankenswerterweise nicht der sogenannt kulturellen, die einigen „unguten Gefühlen“ und dem medialen Sommerloch geschuldet scheint) auseinandersetzt: Darf man die private Geschichte eines anderen nehmen und sie zu seiner eigenen machen, wenn man gar nicht weiss, ob dieser andere damit einverstanden ist?
Fazit: Packend, clever, reich an überraschenden Wendungen.
Jean Hanff Korelitz
Der Plot
Eine todsichere Geschichte
Heyne, München 2022