Ein Thriller, und speziell ein Politthriller, erschöpft sich nicht einfach in einer spannenden, rasant erzählten Geschichte (was Der Hacker ist), sondern gibt dem Autor auch die Möglichkeit, dem Leser seine Sicht der Weltlage vorzustellen. Bei James Douglas sieht die so aus, dass er – wie er seine Protagonisten sagen lässt – die russische Invasion der Ukraine als von den Amerikanern provoziert begreift und offenbar annimmt, die Chinesen sollten in Sachen Taiwan ebenfalls in eine Falle gelockt werden. Nun ja: Ob mit oder ohne Provokation, der Mensch wird sich immer seinem Naturell entsprechend verhalten.
Die Schweiz ist bekanntlich ein sicheres, stabiles und wenig aufregendes Land, wo man durchaus das Gefühl haben kann, dass da überhaupt nie irgendetwas passiert, obwohl täglich Menschen geboren werden, geliebt, gelitten und gestorben wird. Dass James Douglas seine Thriller teilweise in der Schweiz spielen lässt, macht ihn zu einer Ausnahme. Genauso, dass es in seinen Büchern nicht an action mangelt. Die Schweiz und action – das muss man sich trauen! Kein Wunder, ist der Autor im wenig inspirierenden Schweizer Feuilleton nicht präsent.
James Douglas liebt Planspiele, ist ein Strategie-Fan. Am chinesischen Beispiel zeigt er auf, wie man sich die Welt gefügig zu machen versucht. Im Visier haben die Chinesen Sizilien, wo der aussergewöhnlich talentierte Hacker Gladio aus dem Gefängnis entwichen ist; neben der CIA und der NSA, ist ihm auch Michael Cooper von der Schweizer Kronos Security auf den Fersen. Sehr schön, wie das politische Italien geschildert wird, in dem auch ein Medienzar eine Rolle spielt und eine ehemalige Miss Italia als Bürgermeisterin von Catania auftritt. Auch über die Schweiz erfährt man Einiges, besonders die Ausführungen über die Zürcher Goldküste habe ich schmunzelnd zur Kenntnis genommen.
Dieser Politthriller ist beileibe nicht nur ein Fantasieprodukt des mit Sicherheitsfragen vertrauten Autors, sondern beruht auf bekannten chinesischen Einflussnahmen – man denke an Piräus, Montenegro, Djibouti sowie diverse afrikanische Länder (vor Kurzem war überdies zu vernehmen, dass sich die Chinesen auch für eine Wasserquelle in der Schweiz interessierten; nur schon, dass Schweizer dies in Betracht ziehen, zeigt ein Ausmass von Ignoranz, das kaum zu übertreffen ist) – , die James Douglas plausibel weiterspinnt.
Der Hacker ist ein höchst aktueller Thriller und das meint, dass so recht eigentlich so ziemlich alles darin vorkommt, was in der politischen Welt von heute gang und gäbe ist, von Söldner-Armeen bis zu den Aktivitäten konkurrierender Geheimdienste. Doch vor allem geht es um die chinesische Strategie, die Welt mittels einer Informatik-Invasion, die erlauben soll, öffentliche Verwaltungen, Infrastruktur wie auch die Versorgung lahmzulegen. Mit anderen Worten: Dieser Thriller klärt auch über eine Bedrohung auf, die den wenigsten wirklich klar ist. Und er erinnert uns daran, dass das Motto der Chinesen (die einzigen, die langfristig denken) schon lange ist: Blumen pflücken in fremden Ländern, um dann in China Honig zu machen.
Des Weiteren lernt man Einiges über die Mafia, wird darüber aufgeklärt, dass Alitalia für die Abkürzung Always Late In Takeoff And Late In Arrival steht, und dass von den vierundzwanzigtausend Beamten in Rom gerade mal zweitausend über einen Hochschulabschluss verfügen. Doch Der Hacker liefert nicht nur unterhaltsam verpackte Informationen, die mehr über Italien aussagen als viele gescheite Analysen, sondern auch ein paar Stilblüten wie etwa: „… das Lenkrad seines emotional blauen Maserati.“
James Douglas ist mit Der Hacker ein vielfältig lehrreicher Politthriller geglückt, der unter anderem vorführt, was der Westen von den Chinesen lernen könnte/sollte. Dass es um die Sicherung von Bodenschätzen und künftigen Militärstützpunkten geht. Oder dass, gemäss Sun Tzu, die beste Strategie ein gewaltloser Gewinn ist. Oder „dass man nicht befördert wird, wenn man Emotionen zeigt und wie ein Klugscheisser dem Vorgesetzten bedeutet, was er besser sagen und machen soll.“
Der Hacker ist in der James-Bond-Welt angesiedelt. Es ist dies eine Welt der Fünf-Sterne-Hotels, attraktiver Menschen, skrupelloser Bösewichte und kompetenter Profis, die immer wissen, was zu tun ist und auch über die dazu notwendigen Mittel verfügen. Eine Welt der Klischees (die meist einen Kern Wahrheit enthalten) also, in die wir immer wieder gerne flüchten, auch wenn sie uns gelegentlich lachen macht. Auf diesem gelungen geschilderten Hintergrund bringt uns James Douglas nicht nur Fragen der Cybersicherheit zu Bewusstsein, sondern auch den immer offenbarer werdenden chinesischen Machtanspruch – und das ist nötiger denn je.
James Douglas
Der Hacker
Politthriller
Langen Müller Verlag, München 2023