Thomas Bagger: Feuer

Der Auftakt zu diesen Morden auf den Färöern ist Thomas Bragger überaus gelungen – stimmungsvoll informiert er über die Geschichte der Inselgruppe, fasst mit drei Sätzen das gänzlich Ungesunde der 100-Seelen-Gemeinde, in der sich in der Kirche eine bizarre (und ziemlich unwahrscheinliche) Bluttat ereignet hat, zusammen. „Es war nicht gut, in einem Ort ohne Frauen zu wohnen. Zu wissen, dass hinter den erleuchteten Fenstern auf der anderen Strassenseite nur Männer hockten. Männer mit kräftigen Händen und finsterem Gemüt.“

Die Färöer liegen im Nordatlantik zwischen Schottland, Norwegen und Island; sie gehören zu Dänemark, sind allerdings nicht Teil der EU. Das erfährt man allerdings nicht in dem Buch, sondern von Wikipedia.

Lucas Stage, ein forscher und recht überheblicher Typ, mit einem Hang zu eigenständigen, philosophischen Gedankengängen „Wir ficken Mutter Natur mit illusorischen Kausalitäten wie Ethik und Moral … und Religion.“), von der Kopenhagener Task Force 14, wird zusammen mit Sidsel Jensen, die einmal als Kriminaltechnikerin, dann wieder als Forensikerin beschrieben wird, auf die Inseln geschickt, deren Bewohner recht verstockt sind, was natürlich Stoff für zahlreiche Konflikte in sich birgt. Nicht zuletzt richtet sich der Hass der Einheimischen auf Sidsel Jensen, die in jungen Jahren die Inseln verlassen hatte und jetzt zurück ist – und die Inselbewohner daran erinnert, dass es noch ein anderes Leben fern der Inseln gibt. Und das ertragen sie nicht.

Autor Thomas Bagger versteht sich aufs rasante Geschichten-Erzählen, was gelegentlich zu argen Simplifizierungen führt. „Die Seele wirft immer zwei Schatten.“ Nur zwei?! Schön, dass sich ab und zu auch sein Witz zeigt. „… war sie jeder Mal verblüfft, dass der gelbe Backsteinkasten neben hypermodernsten Laboren, einem Ballistikraum, einer Brandwerkstatt und einem ‚Blutraum‘ auch die absolut mieseste Kantine des Landes hatte.“ Oder: „Denk nur an Tinder, wo alle Männer Klimaaktivisten und Herzblutfeministen sind und behaupten, ihr Leben im Griff zu haben. In meinen Augen fällt das unter demonstrative Gutheitsbekundung.“

Bei den Opfern handelt es sich um vier Pfarrer, die sich zu einer Synode eingefunden hatten; ein fünfter Pfarrer ist spurlos verschwunden. So sieht es zunächst aus. Zu den Personen, die Lucas Stage in der Folge befragt, gehört auch Heralv, der im Alter von acht Jahren feststellte, dass er ein Mädchen ist. Die Inseln deswegen zu verlassen, was sein Leben vermutlich einfacher gemacht hätte, wollte er jedoch nicht – er hat einen missionarischen Drang, will mit den Gutheitsbekundungen des Bibelgürtels aufhören und die Menschen vereinen. „Für alle Übel gibt es zwei Mittel: Zeit und Stille“, zitiert er aus dem Graf von Monte Christo.

Thriller Autoren bedienen sich in der Regel einer spannend erzählten Geschichte, um darin ihre Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens darzustellen. Hier ein Beispiel, welches das Nachdenken lohnt. „ … der Mensch sich selbst von der Natur losgelöst hat. Wir sind das einzige Tier auf Erden, das einen Anspruch auf seine Existenz fühlt. Die Meeresschildkröte beispielsweise legt hundert Eier auf einmal, weil nur eins von tausend Jungen überlebt. Die Natur trifft die nötige Entscheidung, sortiert die Ungeeigneten aus. Der Mensch beansprucht diese Wahl für sich.“

Eine der Fragen, die im Zentrum dieses Thrillers stehen, handelt davon, ob der Mensch der Gestalter seines Schicksals ist. Oder ob es uns seit jeher vorgegeben ist, nach Traditionen (die wir „Kultur“ nennen) zu leben, Es spricht für die Ausführungen des Autors, dass diese sehr praxisnah sind.

Zudem lernt man einiges. Etwa übers Blut. „Blut war dynamisch und hochsensibel, voller lebender Zellen und aktiver Enzyme, die selbst bei mikroskopischen Abweichungen der Rahmenbedingungen ihren Charakter änderten.“ Oder über Messerstiche. „Schon ein zwei Zentimeter tiefer Stich kann mit einundvierzigprozentiger Wahrscheinlichkeit die Lunge oder noch wahrscheinlicher eine Arterie treffen.“

Thomas Baggers anregende Gedankengänge werden ergänzt durch Rückblenden in die Kindheit von Lucas Stage und Sidsel Jensen, die der heutzutage gängigen Vorstellung huldigen, dass das, was in unserer Kindheit und Jugend geschah, unser ganzes Leben beeinflusst. Ob das tatsächlich so ist, wissen wir zwar nicht, doch was wir uns einmal zu glauben entschieden haben, geben wir nicht so leicht wieder her.

Fazit: Atmosphärisch dicht, packend, reich an überraschenden Wendungen sowie vielfältig inspirierend.

Thomas Bagger
Feuer
Mord auf den Färöern
Knaur, München 2023

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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