Paul T. Mason / Randi Kreger: Schluss mit dem Eiertanz

Was Borderliner und ihre Angehörigen lernen müssen, so Larry J. Siever im Vorwort, sei, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. „Für beide Parteien gilt: Einzig die Übernahme von Verantwortung für das eigene Verhalten als Erwachsener eröffnet die Chance zu authentischer Veränderung, unabhängig von der Lebensgeschichte.“ Das klingt einfacher als es ist (man lese M. Scott Pecks The Road Less Travelled), doch es ist notwendig.

„Wie verhält man sich als Angehöriger eines Borderline-Betroffenen richtig?“, fragt der Klappentext und antwortet wie folgt: „Der Angehörige ist nicht der Therapeut des Borderliners. Dies ist nicht die Aufgabe des Angehörigen. Man präge sich folgende Grundsätze ein:
– Ich bin nicht die Ursache der Störung
– Ich kann die Störung nicht kontrollieren
– Ich kann die Störung nicht heilen
– Ich lasse den Borderliner in Ruhe
– Ich lebe mein eigenes Leben“

Anders gesagt: Haltet Euch raus, lasst die Spezialisten machen. Nun ja, das würde voraussetzen, dass die Spezialisten wissen, was zu tun ist, und da habe ich so meine Zweifel. Und die beiden Autoren sehen das offenbar auch so, sonst könnten sie kaum Sätze schreiben wie diesen: „Wurde der Borderliner bereits von mehreren psychologischen Profis betreut, ist es durchaus möglich, dass jeder eine abweichende Diagnose gestellt hat.“

Es gelte, so lerne ich, wenn es zu einer Aussprache mit einem Borderliner komme, immer diese Worte von John M. Grohol  im Hinterkopf zu behalten: „Man kann niemanden zwingen, sein Verhalten zu ändern. Schliesslich handelt es sich für die Person, die an der Störung leidet, nicht nur um ‚Verhaltensweisen‘ – es sind Bewältigungsstrategien, auf die sie sich zeitlebens gestützt hat.“

Man kann es nicht genug betonen – und ist froh, dass dieses Buch es auch tut: Wer unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, ist nicht mit ihr identisch. Wichtig ist auch dies: Borderliner denken und fühlen nicht wie andere. „Um das Verhalten von Borderlinern verstehen zu können, muss man aus der eigenen komfortablen Welt heraustreten und die Reise in die Welt der Borderliner antreten. Dies gilt umso mehr, als ja auch von den Borderlinern erwartet wird, sich in der Welt des Angehörigen zu bewegen.“

Boderliner leiden an der Welt. „Beherrscht von der Angst vor dem Verlassenwerden, können sie überkritisch sein und so schnell in Wut geraten, dass andere schliesslich den Plan fassen, sie zu verlassen. Da der Borderliner nicht imstande ist, sich den Ursachen seines Schmerzes zu stellen, weil sein Selbstbild darunter leiden würde, gibt er anderen die Schuld und schlüpft selbst in die Rolle des Opfers.“ Ist der Borderliner wirklich nicht imstande, sich den Ursachen seines Schmerzes zu stellen? Einige sind es zweifellos und dürfen deswegen auch berechtigte Hoffnung auf Besserung haben.

Verdrängung, wird eine Borderlinerin zitiert, sei eine Bewältigungsstrategie, die helfe, Schmerz und Angst unter Kontrolle zu halten. Das gilt nicht nur für Borderliner, will man da sofort hinzufügen, nur ist eben das Ausmass an Schmerz und Angst, unter dem ein Borderliner leidet, wesentlich grösser als dasjenige eines ‚Normalos‘ „Bitte, bitte, bitte nehmt den Borderlinern, die noch nicht so weit sind, sich dem schwarzen Loch in ihrem Innern zu stellen, nicht die Verdrängung. Vielleicht hält nur sie uns am Leben.“ Doch warum fällt es den Borderlinern so schwer, sich zu stellen? Ist die Angst wirklich so überwältigend, dass man sie nicht direkt angehen kann? Und falls ja, wieso? Die beiden Autoren erklären es so: „Man stelle sich vor, man fühle sich völlig leer, als habe man praktisch kein eigenes Ich. Und nun soll man auch noch zugeben, mit dem Wenigen, das man als eigenes Ich identifizieren kann, stimme etwas nicht. Für viele Menschen mit Borderline ist dies, als hörten sie auf zu existieren – für jeden ein entsetzliches Gefühl. Um dies zu vermeiden, greifen Borderliner oft zu einem wirkungsvollen, weit verbreiteten Abwehrmechanismus: der Verdrängung. Sie behaupten, mit ihnen sei alles in Ordnung, trotz deutlicher Hinweise auf das Gegenteil. Sie sind eher bereit, den Verlust wichtiger Dinge oder Menschen hinzunehmen – ihrer Arbeit, von Freunden und Familie – als sich selbst zu verlieren. Übrigens: wer dies begreift, wird den Mut von Borderlinern zu schätzen wissen, die sich Hilfe suchen.“

„Schluss mit dem Eiertanz“ ist voll solcher nützlicher und hilfreicher Erläuterungen und sei hiermit wärmstens empfohlen. Auch wegen dieser Empfehlung, die sich nicht nur an Angehörige von Borderlinern, sondern so recht eigentlich auch an Borderliner selbst richtet: „Die Welt bleibt nicht stehen, wenn ein Angehöriger ein wenig Zeit für sich braucht und sich diese auch nimmt. Ja, er wird sogar erfrischt und gestärkt zurückkehren.“

Paul T. Mason / Randi Kreger
Schluss mit dem Eiertanz
Für Angehörige von Menschen mit Borderline
Balance Ratgeber
BALANCE buch & medien verlag, Bonn 2010

Siddharta Mukherjee: Das Gen

Inwiefern ist der Mensch ein selbstbestimmt handelndes Geschöpf? Wie viel ist in uns angelegt, vorbestimmt, unveränderlich? Glaubt man der Hirnforschung, so sind wir weitestgehend unbewusst, ja, automatisch unterwegs. Und auch die Psychoanalytiker meinen, dass unsere Möglichkeiten, uns zu verändern, höchst begrenzt seien.

Seit jeher hat der Mensch danach getrachtet, Einfluss auf sein Schicksal zu nehmen. Und dieses  hängt entscheidend von den Genen ab. „Wir sind letztlich nur Träger von Genen … Wir haben Glück oder Pech mit ihnen, aber sie wissen nichts davon“, meint Haruki Murakami und William Bateson behauptet: „Eine genaue Bestimmung der Vererbungsgesetze wird die Weltsicht des Menschen und seine Macht über die Natur vermutlich stärker verändern als jeder andere Fortschritt in der Naturerkenntnis, der absehbar ist.“

Der Mediziner und Autor Siddharta Mukherjee, dessen Gesetze der Medizin Pflichtlektüre sein sollte, hat sich in Das Gen. Eine persönliche Geschichte mit der Geschichte der Gene auseinandergesetzt. Angeregt durch seine Familiengeschichte – auffällig viele seiner Verwandten leiden an Schizophrenie – , hat er sich des Gens angenommen. „Das Atom ist die Grundeinheit der Materie, das Byte (oder ‚Bit‘) die der digitalisierten Information und das Gen die der Vererbung und der biologischen Information.“

Das Buch ist historisch angelegt, beginnt mit Mendel (der die Zulassung zum Lehramt zweimal nicht schaffte und sein Leben lang Hilfslehrer blieb) und Darwin – beide sehr unkonventionelle Charaktere –  und ist glänzend erzählt. Dass ihre Erkenntnisse freudig entgegen genommen wurden, kann man nicht behaupten – die Kurzsichtigkeit des damaligen Establishments ist dieselbe wie heute (und so recht eigentlich das Wesen des Establishments).

Wir wissen nicht, wie Gene entstanden sind. Wir wissen auch nicht, woher sie kommen. „Ebenso wenig können wir wissen, warum gerade diese Methode des Informationstransfers und der Datenspeicherung allen in der Biologie möglichen anderen Verfahren vorgezogen wurde. Wir können jedoch versuchen, den Ursprung der Gene im Labor zu rekonstruieren.“ Und genau dies wurde auch getan. Und noch vieles mehr – Das Gen gibt darüber umfassend Auskunft.

„Die gesamten Erbinformationen eines Organismus bezeichnet man als Genom (das man sich vorstellen kann wie eine Enzyklopädie sämtlicher Gene mit Fussnoten, Anmerkungen, Anweisungen und Verweisen). Das menschliche Genom umfasst 21 000 bis 23 000 Gene mit den Grundanweisungen für die Entwicklung, Reparatur und Erhaltung des menschlichen Körpers.“

Der Autor weist unter anderem darauf hin, dass Gene zu manipulieren und ein Genom zu verändern zwei ganz verschiedene Sachen sind – bei Ersterem verändern wir eine Zelle, bei Letzterem einen Organismus, also uns. Es verhält sich gegenwärtig wie bei der Atombombe im Jahre 1939: Alle dafür erforderlichen Schritten waren bereits erfolgt. Nur die Abfolge fehlte.

So sehr Eingriffe in das Erbgut wünschenswert sein können, so problematisch sind sie auch. Nicht zuletzt, weil wir aus der Geschichte wissen, dass es in der menschlichen Natur liegt, von grundsätzlich Positivem auch negativen Gebrauch zu machen, weshalb denn Siddharta Mukherjee ein Manifest für eine postgenomische Welt fordert. Grundlage dafür müssten die wissenschaftlichen, philosophischen und ethischen Erkenntnisse sein, über die wir heutzutage verfügen.

Eine ganz zentrale ist: „Die Geschichte wiederholt sich, teils, weil das Genom sich wiederholt. Und das Genom wiederholt sich, teils, weil die Geschichte es tut.“ Es wird uns kaum gelingen, aus dieser inneren Zirkularität heraus zu kommen, doch sie zu erkennen „und ihren Übertreibungen mit Skepsis zu begegnen, könnte die Schwachen vor dem Willen der Starken und die ‚Mutanten‘ vor der Auslöschung durch die ‚Normalen‘ schützen.“

Das Gen ist notwendige Aufklärung vom Feinsten.

Siddharta Mukherjee
Das Gen
Eine sehr persönliche Geschichte
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2019

Paul Beatty: Der Verräter

Auf Paul Beatty aufmerksam geworden bin ich eines Interviews wegen, das er dem Londoner Guardian gegeben hat. Das war im Januar 2017 und der amerikanische Autor sagte dabei unter anderem, dass Trumps Aufstieg für ihn kein Schock gewesen sei und dass die Rassenbeziehungen auch unter Obama sich nur marginal verbessert hätten. Zudem meinte er: Eines der Phänomene, die in den letzten Jahren (nicht nur in Amerika) zugenommen hätten, sei, dass Verantwortliche selten zur Rechenschaft gezogen würden.
Sein neuestes Buch, Der Verräter, für das er mit dem National Book Critics Circle Award sowie dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, handelt von den komplexen Rassenbeziehungen in Nordamerika, philosophisch, zornig und sarkastisch.

Ich habe Tränen gelacht, als ich den Prolog las. Er beginnt so: „Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen. Habe mich nie ins Kino gemogelt oder merkantile Gepflogenheiten und die Erwartungen von Mindestlohnempfängern ignoriert, indem ich einer Drugstore-Kassiererin das überschüssige Wechselgeld vorenthalten hätte. Ich bin nie in eine Wohnung eingebrochen Habe nie einen Schnapsladen ausgeraubt. Habe mich in vollbesetzten Bussen oder U-Bahnen nie auf einen Platz für Senioren gepflanzt, meinen gigantischen Penis rausgeholt und mir lüstern, aber auch leicht zerknirscht einen runtergeholt …“.

Da guckt einer hin, genau und hart. Und da er selber schwarz ist, darf er sagen, was Weisse nicht sagen dürfen beziehungsweise sich nicht zu sagen trauen. Und er sagt es. „Sie würden es nie zugeben, aber jeder Schwarze glaubt, es wäre besser als jeder andere Schwarze.“ Von Hamp, eigentlich Hampton Fiske, dem Anwalt und alten Freund des Erzählers, heisst es. „Er nennt uns die Elenden der Erde. Leute, die einerseits zu arm sind, um sich Kabelfernsehen leisten zu können, und andererseits zu blöd, um zu wissen, dass sie gar nichts verpassen.“

Selten ist mir deutlicher geworden, wie unglaublich stupid und beschränkt es ist, jemanden auf seine Hautfarbe zu reduzieren. Toll, das es dieses wunderbar unterhaltsame und clevere Buch gibt, das nicht endlos Probleme diskutiert und Diskriminierung beklagt, sondern sich grundsätzliche Gedanken übers Leben macht, klar und deutlich, mit Witz und Haltung. 

Worum geht’s? Der Erzähler von Der Verräter wächst als Versuchskaninchen des Begründers und einzigen Praktizierenden der Freiheitspsychologie in Dickens, einem verarmten Vorort von Los Angeles auf, wo er friedlich Wassermelonen und Marihuana zieht. Als sein Vater von der Polizei erschossen wird, erwartet man in der Nachbarschaft, dass der Sohn der nächste Niggerflüsterer werden würde, doch dieser hat andere Pläne – er will das von der Gentrifizierung bedrohte Dickens retten, mit Hilfe des durchgeknallten Hominy, eines alternden Leinwandhelden, und unterstützt vom hochgeachteten Gangster King Cuz („Dein Dad hielt mich für bipolar, aber in Wahrheit bin ich nur ich selbst.“), das Ziel ist die Wiedereinführung von Rassentrennung („Die Apartheid hatte das schwarze Südafrika zusammengeschweisst, warum also nicht auch Dickens?“) und Sklaverei.

Entgegen den offiziellen Verlautbarungen gibt es sowohl Rassentrennung wie auch Sklaverei nach wie vor – nicht offiziell natürlich, doch in Gesetzen steht bekanntlich vieles, was in der Realität so nicht existiert. Dank Trump hat sich ein Amerika ans Licht gewagt, von dem man lange Jahre nichts hat wissen wollen. Der „ugly American“ ist wieder da, fürchten heute einige, wahrscheinlicher ist, dass er gar nie weg war.

Ich kann mich an kein Buch eines Schwarzen (oder einer Weissen) erinnern, das sich derart nüchtern und kritisch mit Afroamerikanern auseinandergesetzt hat. Für mich macht er damit die Schwarzen zu denselben Deppen wie die Weissen und das wirkt befreiend. „Eine traurige Ironie des afroamerikanischen Lebens besteht darin, dass jedes banale und chaotische Miteinander ‚Sitzung‘ genannt wird. Und weil die Sitzungen Schwarzer nie pünktlich beginnen, weiss man nie, wie viel Verspätung man riskieren darf, um cool zu wirken, ohne die Sitzung komplett zu verpassen.

Zu meinen Highlights gehört die Schilderung einer Sitzung, bei der einer der Teilnehmer („Er hatte sich im Laufe der letzten zehn Jahre kaum verändert, nur siebzehn Kilo zugelegt.“) Anstoss an Mark Twains Huckleberry Finn nimmt, weil Twain darin dauernd das ‚N-Wort‘ benutzt habe. „‚Ich habe das ekelhafte ‚N-Wort‘ durch ‚Krieger‘ ersetzt, das Wort ‚Sklave‘ durch ‚dunkelhäutiger Freiwilliger.‘ ‚Recht so!‘, schreit das Publikum. ‚Ausserdem habe ich Jims Sprache verbessert, den Plot etwas aufgepeppt und das Buch unbenannt in Die pejorativumfreien Abenteuer und intellektuellen und geistigen Reisen des afroamerikanischen Jim und seines jungen weissen Schützlings und Bruders Huckleberry Finn, die sich auf die Suche nach dem verlorenen Zusammenhalt der schwarzen Familie begeben.“

Doch Paul Beatty hat mit Der Verräter kein Buch über Rassismus geschrieben („… und eigentlich solltest du klug genug sein, um zu wissen, dass nicht die Rasse das Problem ist, sondern die Klasse.“) und auch als Satire, wie viele Kritiker es bezeichnet haben, sieht er seinen Text nicht, weil eine solche Charakterisierung auch eine Leseanleitung ist, die er ablehnt. Was also ist es? Ganz Vieles und ganz Unterschiedliches, ein scharfer, illusionsloser und humorvoller Blick auf die soziale Realität. Kein Sich-Wegducken vor der Komplexität der Welt, sondern ein Sich-Damit-Konfrontieren und Stellung beziehen.

Der Verräter ist ein grossartiges Buch, hervorragend aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Ahrens, mit einem ganz wunderbaren Umschlag, gestaltet von buxdesign München – ein in jeder Beziehung höchst gelungenes Werk!

Paul Beatty
Der Verräter
Luchterhand, München 2018

Dr. Jill B. Taylor: Mit einem Schlag

Jill Taylor hat einen Bruder, achtzehn Monate älter und als Kind die Realität ganz anders wahrnehmend als sie. Er leidet unter Schizophrenie. Sie wird Hirnforscherin: „Ich wollte verstehen, warum sich meine Träume mit der Realität in Verbindung bringen liessen und warum das bei meinem Bruder nicht der Fall war. Was lief in seinem Gehirn so grundlegend anders ab?“

Sie ist Mitte dreissig, bezeichnet sich als „beruflich als auch privat erfolgreich“, als sie eines Morgens erwacht und „merkte, dass mein Gehirn nicht mehr richtig funktionierte. Ich hatte einen Schlaganfall erlitten. Innerhalb von vier Stunden verlor ich die Fähigkeit, äussere Reize mit meinen Sinnen zu verarbeiten. Ich konnte nicht mehr gehen, reden, lesen, schreiben oder mich an irgendwelche Aspekte meines Lebens erinnern.“
Um zu verstehen, was bei einem Schlaganfall passiert, ist es hilfreich, sich mit ein paar medizinisch-wissenschaftlichen Zusammenhängen vertraut zu machen.

Der genetische Code des Menschen ist für alle Lebensformen auf unserem Planeten derselbe und das meint, dass wir im Hinblick auf unsere DNA mit Vögeln, Reptilien und Pflanzen verwandt sind. Von anderen Säugetieren unterscheiden wir uns in Bezug auf das Grosshirn, das beim Menschen zweimal so dick ist „und man nimmt an, dass es auch eine zweifache Funktion hat.“

Die linke und die rechte Hirnhälfte verhalten sich unterschiedlich. „Für die rechte Hirnhälfte existiert nur der gegenwärtige Augenblick“, sie ist also der Sitz des Gefühls; die linke Hirnhälfte wird hingegen mit der Ratio, dem Denken und der Sprache assoziiert. Man muss sich vor Augen halten, dass dies Verallgemeinerungen sind, die strengen wissenschaftlichen Standards nicht genügen, doch im Kern sind diese Zuordnungen richtig.

„Obwohl jede der beiden Hirnhälften Informationen auf einzigartige Weise für sich verarbeitet, arbeiten sie doch auch eng zusammen.“ So recht eigentlich sind ihre Wahrnehmungen der Welt so nahtlos miteinander verknüpft, dass wir gar nicht bewusst unterscheiden können, welche Hirnhälfte gerade aktiv ist.

Jill Taylors Schlaganfall wurde durch eine schwere Blutung in der linken Hirnhälfte ausgelöst. Zuerst nahm sie einen scharfen Schmerz wahr, der direkt hinter dem linken Auge das Gehirn durchbohrte. In der Folge realisierte sie, dass ihr Gleichgewichtsgefühl stark beeinträchtigt war. Auch gelang es ihr nicht mehr, Geräusche von aussen zu verarbeiten. Panik verspürte sie nicht, doch da war der Wunsch sich hinzulegen, der jedoch von einer Stimme in ihrem Inneren überlagert wurde, die klar und deutlich sagte: „Wenn du dich jetzt hinlegst, stehst du nie wieder auf.“

Obwohl sich ihre Fähigkeit zu denken auflöste, war sie noch fähig zum Telefon zu greifen. „‚Hier ist Jill. Ich brauche Hilfe!‘ Nun, zumindest versuchte ich das zu sagen, aber was aus meinem Mund drang, war eher ein Grunzen und Stöhnen. Zum Glück erkannte Steve jedoch meine Stimme, und ihm war sofort klar, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte.“
Im Spital realisierte sie, dass sie sich an nichts aus ihrem früheren Leben erinnern konnte. „Ich trauerte zwar sehr um den Tod des Bewusstseins meiner linken Hirnhälfte und um die Frau, die ich einmal gewesen war, empfand aber zugleich auch grosse Erleichterung … Ich konnte nur wahrnehmen, was hier und jetzt war, und es war wunderschön.“

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Geist mit allem im Fluss und eins mit dem Universum war; ein tiefer innerer Frieden durchdrang sie. Und sie nahm sensibel wahr, wie gut ihr einige Besucher und wie schlecht ihr andere taten. „Auf die Menschen, die mir Energie gaben, indem sie mich sanft berührten, Blickkontakt hielten und ruhig mit mir sprachen, liess ich mich ein … Vor denjenigen jedoch, die meine Energien anzapften, schützte ich mich, indem ich sie ignorierte.“

Jill Taylor musste das Leben neu lernen. Das Wichtigste dabei war die Bereitschaft, es zu versuchen. Dazu brauchte sie viel Geduld und Durchhaltewillen. „Manchmal musste ich tausend Mal versuchen, versuchen, versuchen, ohne dass sich etwas tat, aber wenn ich es nicht versuchte würde es nie klappen.“

Doch sie will nicht mehr die Jill werden, die sie vorher gewesen ist. „Plötzlich hatte ich viel mehr dazu zu sagen, wie ich mich fühlte, und ich hatte nicht vor, die alten emotionalen Schaltkreise, die viel schmerzlicher gewesen waren, wieder in Gang zu setzen.“

Der Schlaganfall hat Jills Bewusstsein geschärft, hat sie aufmerksamer werden lassen. Und sie gelehrt, dass Gedanken gepflegt werden können. „Habe ich erst einmal die Verantwortung für die Pflege meiner Gedanken übernommen, dann hege ich die Kreisläufe, die wachsen sollen, und unterbreche diejenigen Schaltkreise, die ich nicht in meinem Leben haben möchte.“

Dr. Jill B. Taylor
Mit einem Schlag
Wie eine Hirnforscherin durch ihren Schlaganfall
neue Dimensionen des Bewusstseins entcdeckt
Knaur Menssana, München 2010

Robert Macfarlane: Alte Wege

„Dieses Buch hätte nicht im Sitzen geschrieben werden können. Es handelt von der Beziehung zwischen Pfaden, Gehen und Vorstellungskraft, weshalb sich das Denken meist im Laufen vollzog – und nicht anders hätte vollziehen können“, schreibt Robert Macfarlane in der Vorbemerkung zu Alte Wege, dem dritten Buch „einer losen Trilogie über Landschaften und das Innere des Menschen“. Friedrich Nietzsche kam mir in den Sinn, der einmal gemeint hat: „So wenig wie möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“

Alte Wege  ist ein schön gestalteter, mit ansprechenden Bildern versehener Band, der gut in der Hand liegt. Der hervorragend geschriebene Text ist nicht nur vielfältig informativ, sondern auch geeignet, die Sinne zu schärfen, denn es gibt bestimmte Arten von Wissen, „die alle Aussagenlogik übersteigen und gleichsam nur im Vorbeigehen erspürt werden können.“
Robert Macfarlane erzählt von seinem Unterwegssein und was er dabei, oft zusammen mit anderen, erlebt hat. Etwa „die für das Wandern typische Mischung aus Aufregung, Ohnmacht, Langeweile, Abenteuer und Erleuchtung.“

Unter seinen wandernden Vorgängern ist ihm der wichtigste Edward Thomas, für den „das Alte neben dem Neuen und ihm zum Trotz fortbestand“ und auf den Natur und Landschaft häufig diese Wirkung hatten: „Bäume, Vögel, Felsen und Pfade sind nicht einfach nur Objekte seiner Betrachtung, sondern werden zu einem aktiven Gegenüber, das es ihm erlaubt, Dinge zu begreifen, die ihm andernorts oder unter anderen Umständen unbegreiflich blieben.“

Edward Thomas entwickelte mit der Zeit ein Modell des Denkens und des Seins. „Landschaft und Natur lassen sich nicht einfach nur betrachten; nein, sie hinterlassen deutliche Spuren in Körper und Geist und beeinflussen unsere Stimmung und unser Empfinden auf komplexe Weise.“

Macfarlane wandert nicht nur über Stock und Stein, er wagt sich auch ins Watt, obwohl er gewarnt wird. „Den Broomway wird es auch morgen noch geben. Sie vielleicht nicht, wenn Sie versuchen ihn bei Nebel zu gehen.“ Und natürlich herrscht dann Nebel, als er sich entscheiden muss, ob er die Warnung ignorieren soll. „Ich spürte eine leichte Übelkeit aus Angst, aber auch ein starkes Verlangen, diesen Weg zu gehen.“

Begleitet wird er dabei von seinem gleichfalls nervösen alten Freund David Quentin. Unnachahmlich wie er diesen beschreibt, sehr, sehr englisch, ich musste laut herauslachen. „David war Dozent für Literatur der Renaissance, dann Antiquar, später Rechts- und dann Steueranwalt. der vermutlich einzige marxistische Steueranwalt von ganz London, vielleicht sogar der Welt. Er trägt bevorzugt Kniehosen, geht gern barfuss und hofft jeden Tag auf den Zusammenbruch des Kapitalismus. David ist zwei Meter gross, sehr dünn, sehr klug und hat wenig für Menschen übrig, die sich bemüssigt fühlen, ungefragt seine Körpergrösse und Schlaksigkeit zu kommentieren. Wir haben schon viele Kilometer gemeinsam zurückgelegt.“

Robert Macfarlane wandert in England, Schottland, Palästina, Spanien und Tibet. Und Wandern ist nicht gleich Wandern, da gibt es viele Unterschiede. So ist es für einen Palästinenser offenbar wenig ratsam, sich ausserhalb der grossen Städte zu bewegen, weil man da schnell einmal verhaftet werden kann, wenn man etwa am falschen Ort fotografiert oder für einen israelischen Siedler gehalten wird.

Die wohl extremste Form der Pilgerreise wird in Tibet praktiziert. Dabei „muss der Pilger die gesamte Strecke mit einem ritualisierten Kniefall zurücklegen: verbeugen, niederknien, Stirn auf den Boden legen, mit den Fingern den Boden markieren, aufstehen, beten, Schritt nach vorn bis zur Markierung, verbeugen, niederknien … und dies über dreiundfünfzig Kilometer auf einem Pfad aus rauem Fels bis hinauf zum Drölma-Pass in einer Höhe von 5700 Metern.“

Was mich vor allem für dieses Werk einnimmt, ist die Mischung aus physischer Herausforderung, genauer Beobachtung, vielfältiger Instruktion und Witz. Alte Wege macht eindrücklich nachvollziehbar, dass wir Teil eines grösseren Ganzen sind.

„Am Himmel erschien eine Mondsichel. Ein Fasan rappelte in einem weit entfernten Wald herum. Saatkrähen flatterten an mir vorbei zu ihren Schlafplätzen. Die Sonne sank, errötete. Was ich für den ersten Stern hielt, war in Wirklichkeit das Nachtlicht eines Flugzeugs über Luton.“

Robert Macfarlane
Alte Wege
Naturkunden No 25
herausgegeben von Judith Schalansky
bei Matthes & Seitz, Berlin 2016

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