Anonyma: Plötzlich ein Sorgenkind

Der erste Eindruck: Diese Anonyma kann schreiben, wirklich gut schreiben. Und sie weiss zu erzählen, versteht, wie man eine Geschichte zu strukturieren hat, um den Leser/die Leserin nicht zu verlieren.
 
Anonyma und ihr Mann sind Akademiker, Doppelverdiener und führen einen Turbo-Lebensstil. Eines Tages kommt ihre Tochter Lenja von der Grundschule nach Hause, schaut die sie begrüssende Mutter kaum an und flüstert nach einiger Zeit: „Mein Leben ist scheisse. Ich will nicht mehr leben.“ Der Mutter wird übel, „eine körperliche Ahnung von Unglück“.
 
Bis zum ihrem fünften Lebensjahr war Lenja „ein unbekümmertes und mutiges Mädchen, eine kreative Bummlerin mit einem sonnigen Gemüt“ gewesen, dann kam sie in die Schule, weil sie sich in der Kita langweilte und innerhalb eines Jahres verwandelte sich die Kleine in ein unglückliches Schulkind“. Was war geschehen?
 
Vater und Mutter sind mit ihren eigenen Leben beschäftigt: „Unsere Jobs liessen es nicht zu, dass einer von uns jeden Mittag am Schultor stehen sollte. Dabei blieb es. Auch als sich die Mahnungen in den Schulheften und Wutanfälle häuften. Wir glaubten, dass es allen Eltern so erging …“. Das heisst jedoch nicht, dass ihnen das Schicksal ihrer Tochter egal ist. Ganz im Gegenteil. Sie begeben sich mit Lenja auf eine ernüchternde Diagnose-Odyssee: „… damals war ich noch der Meinung, dass eine Expertin vielleicht unerwartete Zusammenhänge erkennen könnte, die ich als Mutter übersehe. (Eine dämlich-naive Einstellung, die ich im Lauf unseres Testmarathons irgendwann hinter mir lassen konnte.)“.
 
Die Mutter sucht nach Ursachen, liest einschlägige Bücher und kommt zum Schluss: „Es hilft weder meiner Tochter noch mir, wenn ich jetzt unterschwellig nach der Quelle fahnde. Im Gegenteil. Im Moment leidet sie an den Symptomen und nicht an den Auslösern.“ Überzeugend zeigt Anonyma auf, wie sich das Schicksal von Lenja auf die ganze Familie auswirkt, sie in Beschlag nimmt, ihren Alltag bestimmt.
 
Lenja wird Ritalin empfohlen, doch die Gründe, die dagegen sprechen, überzeugen die Mutter weit mehr. Hilfe findet sie stattdessen bei den Gedanken des Hirnforschers Gerald Hüther, bei dem es nicht einfach um die Kinder geht, die nicht funktionieren. „Es geht genauso um Eltern und Lehrer, die nur noch funktionieren.“
 
Immer wieder schaut Anonyma zurück, fragt sich, ob sie etwas Wichtiges übersehen hat. Und natürlich gab es da Situationen, die sie stutzig gemacht haben, doch die sie dann verdrängt hat. „Vielleicht, weil sich schon damals eine Vorahnung von Kummer in mein Gefühl mischte, ohne dass ich es weiter hätte benennen können.“ Andrerseits: „Was war zuerst da? Lenjas eigenwilliges Wesen oder die Aufmerksamkeitsstörung?“
 
Was ganz besonders für dieses Buch spricht, ist die Einbettung des Familienschicksals (und der Auseinandersetzung damit) in den gesellschaftlichen Kontext. „Der erste Blick am Morgen und der letzte vor dem Einschlafen gelten nicht mir, die im selben Bett neben ihm liegt, oder den Kindern, sondern dem Display des Organizers.“ Dazu kommen die Konfrontation mit dem Berufsalltag, ständig wechselnden pädagogischen Heilsversprechen, überforderten Lehrkräften, Medizinern und und und ….
 
Eine der für mich bewegendsten Passagen in diesem differenzierten, selbstkritischen und einfühlsamen Buch handelt von dem misslungenen Versuch der Mutter, ihrer Tochter die Angst vor der Schule „mit ‚objektiven‘ Argumenten auszureden. Denn damit sagte ich ihr im Grunde nichts anderes, als dass ihr eigenes Gefühl sie trügt. Dass sie es nicht haben darf. Stattdessen hätte ich ihre Angst ertragen, mit ihr fühlen müssen. Ich hätte diese Furcht nicht wegschieben dürfen. Wie sollte sie Selbstvertrauen entwickeln, wenn sie den eigenen Empfindungen misstraute? (Nur weil ich es genauso mache? Und auf diese Weise die grössten Fehler meines Lebens begangen habe …)“.

Anonyma
Plötzlich ein Sorgenkind
Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie
DVA, München 2013

Katie Kitamura: Trennung

Ein junges Ehepaar ist sich einig, es will sich scheiden lassen. Die Beiden trennen sich. Der Mann bittet jedoch die Frau, Freunden und Bekannten vorerst nichts davon zu sagen. Sie willigt ein. Kurz darauf verschwindet der Mann. Die Schwiegermutter, die nichts von der Trennung weiss, ist beunruhigt und bittet die Schwiegertochter, ihn in Griechenland aufzusuchen. Die junge Frau macht sich auf den Weg, doch der Mann befindet sich nicht im angegebenen Hotel.

Sie bleibt ein paar Tage vor Ort, lässt sich von einem Taxifahrer die von Waldbränden verwüstete Gegend zeigen. Was sie dabei beobachtet, ihr durch den Kopf geht, sie sich überlegt – es sind nicht nur, doch häufig Gedanken an ihren Mann – schildert die Autorin sehr differenziert. Es ist die sensible Genauigkeit, die diesen Text wesentlich auszeichnet. Immer wieder staune ich, wie viele Gedanken man sich über erfundene Menschen, Romanfiguren, machen kann

Katie Kitamuras Erzählkunst – und ihr Erzählen ist in der Tat eine Kunst, das weiss man, weil man es spürt – zieht einen unwiderstehlich in diese Geschichte hinein (und das liegt auch an der überaus gekonnten Übertragung aus dem Englischen von Kathrin Razum), die ich hier natürlich nicht wiedergeben will, doch gesagt werden soll, was gesagt gehört: Obwohl die Handlung nicht ohne Spannung ist, ist es das psychologische Gespür, das Einfühlungsvermögen, das diese Geschichte auszeichnet.

Und es sind Beobachtungen, wie diese, die mich ganz unbedingt für diesen Roman einnehmen:

„Es gab keinen Anlass, ein schlechtes Gewissen zu haben, aber ich kam generell nicht gut damit zurecht, andere zu enttäuschen, selbst – ja insbesondere – Menschen, die ich nicht kannte.“

„ … wenn man verliebt ist, dann ist es manchmal schon aufregend genug, einfach nur den Namen des Geliebten auszusprechen.“

Und Bemerkungen wie diese, die mich das Touristen-Dasein neu (aber auch zu streng) sehen lassen: „Eine Touristin – schon fast per definitionem ein Mensch voller Vorurteile, dessen Interessen begrenzt waren, der die wettergegerbten Gesichter und die urtümliche Art der Einheimischen bewunderte, eine durch und durch herablassende Perspektive, die aber schwer zu vermeiden war. Ich an ihrer Stelle wäre auch von mir irritiert gewesen. Allein durch meine Gegenwart reduzierte ich ihre Heimat auf eine Kulisse für meine Freizeit, sie wurde pittoresk, malerisch, bezaubernd, Worte, wie sie auf eine Postkarte oder in einem Prospekt standen. Vielleicht gratulierte ich mir als Touristin sogar zu meinem Geschmack, meiner Fähigkeit, diesen Zauber wahrzunehmen.“

Schliesslich wird ihr Mann gefunden, er ist tot, erschlagen worden. War es ein Raubmord, eine Eifersuchtstat? Er war ein Mann der Seitensprünge gewesen. Seine Mutter, selber keine treue Seele, macht der Schwiegertochter deutlich, dass es um seine Untreue weit schlimmer bestellt war, als sie angenommen hatte.

„Doch obwohl wir in der Illusion leben, es gebe ein Gesetz, das das menschliche Verhalten reguliert – einen universellen ethischen Massstab, ein einheitliches Rechtssystem – , gibt es tatsächlich zahlreiche Gesetze, das war es, was ich Yvan zu sagen versucht hatte.“ So unterscheidet sich etwa der rechtliche Status (die beiden waren nach wie vor verheiratet) von ihrer Lebensrealität (sie lebten getrennt). Von diesem Nebeneinander verschiedenster Gesetze, bei dem die eine Realität der anderen immer wieder in die Quere kommt, handelt „Trennung“ – differenziert, intellektuell, und meisterhaft erzählt.

Katie Kitamura
Trennung
dtv, München 2019

Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit

Da ich bei Jens Sparschuhs „Der Zimmerspringbrunnen“ Tränen gelacht habe, gehe ich „Das Leben kostet viel Zeit“ mit hohen Erwartungen an – und werde nicht enttäuscht. Bereits auf den ersten Seiten lache ich bereits wieder Tränen, es ist ganz einfach wunderbar, was der Mann alles für Einfälle hat. „Sogar an Blumen für Wanda hatte er noch gedacht, Tulpen von Shell, gelbe und rote.“
 
Worum geht’s?
Titus Brose ist Memoirenschreiber in einer Seniorenresidenz am Rande von Berlin, wobei er manchmal auch Lebensläufe durcheinander bringt und es gelegentlich mit Söhnen und Töchtern zu tun kriegt, die ihre Mutter und Schwiegermutter mit Oma anreden. „Ja, das machen viele hier so, ein kleiner, ziemlich hilfloser Trick. Würde man von ‚Mutter‘ oder ‚Vater‘ sprechen, wäre klar, dass man als Nächstes selbst an der Reihe ist. ‚Oma‘, das stellt gewissermassen einen Sicherheitsabstand her.“
 
Alte Leute sind oft vergesslich, verwechseln schon mal das Telefon mit der Fernbedienung. „Lange hielten es die Gedanken nicht aus in ihrem Kopf. Brose fragte sich, wie viel versunkene Word-Dateien, die niemand mehr öffnen konnte, am Grunde ihres Gehirns liegen mochten.“ Das eigene Älterwerden nimmt man nicht wahr, erkennt es nur bei anderen – und wundert sich darüber, ohne dass das jedoch Konsequenzen hat.
 
Im Altersheim gelten Regeln, auch sprachliche. Den Lebensabend der Bewohner als „Restlaufzeit“ zu bezeichnen geht gar nicht und von der Altersweisheit meint eine Bewohnerin, es sei dies wohl eher „eine spezielle Form von Altersschwachsinn“.
 
Titus Brose nimmt an einer Sitzung der Biografie-Gruppe teil. Auch ein Männchen mit einem T-Sirt auf dem steht NOT MY DAY wird reingerollt. „Niemals schieben wir“, erklärte Frau Schwarz flüsternd Bose, „unsere Bewohner rückwärts. Das verstösst gegen unsere ethischen Prinzipien und gegen die Würde des Menschen. Ganz egal, was wir gerade um die Ohren haben: Es handelt sich ja nicht um Frachtstücke. Sie müssen immer sehen, wohin die Reise mit ihnen geht.“
 
Beim Biografie-Schreiben geht es laut der Leiterin der Firma um Genauigkeit und über diese verfügt Titus Brose in hohem Masse, was sich unter anderem darin zeigt, dass er seinen Kollegen Schulze, der seine Arbeit mit einem ausgeprägten Hang zur Systematik betreibt, auf seine sprachlichen Unbedarftheiten aufmerksam macht – vom ‚er nickte mit dem Kopf‘ (ja, mit welchem Körperteil denn sonst?‘) über ‚hohle Phrase‘ (Pleonasmus) bis zum ständigen ‚Es war einmal‘ – , allerdings ohne grossen Erfolg.
 
„Das Leben kostet viel Zeit“ ist nicht nur allerbeste Unterhaltung, sondern auch reich an cleveren Einsichten ins menschliche Selbstbild. „Ich habe den Eindruck“, so begann Bose, „dass viele den Fehler machen, rückblickend ihr Leben aus der Sicht eines Hauptdarstellers zu beschreiben, und dabei völlig ignorieren, dass sie oft nur Nebendarsteller oder Statisten in ihrem eigenen Leben waren.“
 
Wie kam es bloss, fragt sich Bose, dass die wirklich interessanten Leute keinerlei Wert auf eine Biografie legten? Und überhaupt: Was erinnert man wirklich? Schliesslich besteht das Leben doch nur aus Momenten. Einem flüchtigen Bild, einer Macke oder irgendeinem Satz.
 
Dann trifft Bose auf Dr. Einhorn und dessen Chamisso-Leidenschaft. Er beginnt zu recherchieren. Adelbert von Chamisso, ein bunter Vogel, der immer wieder Sachen beschrieb, bevor er sie erlebt hatte, war in den Jahren 1815 bis 1818 mit einer Entdeckungs-Expedition um die Welt gereist. Und hatte eine sehr spezielle Beziehung zu seinem Freund und Herausgeber Eduard Hitzig.
 
Ein wunderbar witzig-philosophisches Buch über das Alter und das Älterwerden. Ein Lesegenuss höchster Güte!

Jens Sparschuh
Das Leben kostet viel Zeit
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

„Ein wenig Leben“ spielt in New York und handelt von der lebenslangen Freundschaft von vier Männern, die sich im College kennengelernt haben. Willem, der kellnert, eine Karriere als Schauspieler anstrebt und berühmt wird, Malcolm, ein Architekt mit einem übermächtigen Vater, JB, der Künstler, und Jude, ein Anwalt, der auch einen Master in reiner Mathematik macht – was die vier trennt und verbindet, davon handelt dieses Buch, worin jedoch noch viele andere Charaktere auftreten. Das Wissen und die Erzählkraft der 1974 auf Hawaii geborenen Hanya Yanagihara ist stupend.
 
Dieser zu Recht viel gelobte und 960 Seiten dicke Roman ist schon allein deswegen beeindruckend, weil die Autorin es schafft, über so viele Seiten hinweg Intensität und Spannung aufrecht zu erhalten. Eine Herkulesarbeit vollbrachte auch der Übersetzer Stephan Johann Kleiner.
 
Jude ist bei Brüdern im Kloster aufgewachsen, wurde missbraucht, leidet unter Schmerzattacken, ritzt sich, zudem hinkt er. Was genau dazu geführt hat, dass er derart körperlich und seelisch beschädigt durchs Leben gehen muss, erfährt man zwar im Verlaufe der Geschichte, doch eigentlich will Jude nicht darüber reden, will die Misshandlungen, die er erlitten hat, nicht noch einmal durchleben. „Er wird sich daran erinnert fühlen, dass er eingesperrt ist, gefangen in einem Körper, den er hasst, zusammen mit einer Vergangenheit, die er hasst, und dass er beides niemals wird ändern können.“
 
Nicht ändern kann er auch, dass er am liebsten keinen Sex hätte, sich jedoch dazu durchringt, weil er glaubt, es seiner Beziehung schuldig zu sein. „Doch er hatte Sex als etwas erfahren, dass man so schnell wie möglich hinter sich brachte, mit einer Effizienz und Schroffheit, die an Brutalität grenzte, und wenn er spürte, dass Willem ihre Begegnungen zu verlängern suchte, begann er mit einer Entschiedenheit die Führung zu übernehmen, die Willem, wie ihm später bewusst wurde, fälschlicherweise für Leidenschaft halten musste.“ Dass solcher Sex letztlich für beide unbefriedigend war, ist milde ausgedrückt. Als Ausgleich schneidet sich Jude immer öfter, so versucht er seine Scham abzumildern, sich zu bestrafen und zu reinigen.
 
Willem, Malcolm und JB durchleben persönliche Katastrophen, Drogensucht (Crystal Meth), Schaffenskrisen und Erfolg, doch „Ein wenig Leben“ ist hauptsächlich ein Roman über den von Dämonen heimgesuchten Jude St. Francis, der von seinen Freunden geliebt und geschätzt wird und dem doch alle Liebe nicht hilft. Zu gross ist seine Scham über seinen verunstalteten Körper, zu sehr ist er im eigenen Schmerz gefangen, zu gross ist seine Angst, nicht zu genügen. Keinesfalls will er anderen zur Last fallen, jemandem wirklich zu trauen schafft er nicht, auch sich selber nicht. Er ist so anders als alle andern und möchte unbedingt so sein wie sie.
 
Was mich an diesem New York-Buch packt, sind Szenen, die mich seit der Lektüre begleiten. Diese U-Bahnfahrt, die JB schildert, zum Beispiel: „Er stieg in der Canal Street ein und sah zu, wie der Wagen sich an jeder Station füllte und leerte und eine Mischung unterschiedlicher Völker und Ethnien sich alle zehn Häuserblocks zu neuen provokanten und unwahrscheinlichen Konstellationen zusammensetzte: Polen, Chinesen, Koreaner, Senegalesen; Senegalesen, Dominikaner, Inder, Pakistaner; Pakistaner, Iren, Salvadorianer, Mexikaner; Mexikaner, Sri Lanker, Nigerianer und Tibeter – vereint allein dadurch, dass sie noch nicht lange in Amerika waren und denselben erschöpften Ausdruck auf den Gesichtern trugen, diese Mischung aus Entschlossenheit und Resignation, die man nur bei Immigranten findet.“
 
Und gerade noch ein Beispiel: „Das Restaurant war voller Geschäftsleute desselben Typus, die ihren Wohlstand und ihre Macht über den Schnitt ihrer Anzüge und die Subtilität ihrer Armbanduhren kommunizierten: Man musste selbst reich und mächtig sein, um den Inhalt der Botschaft zu verstehen. Für die anderen waren sie nur graue Männer in grauen Anzügen.“
 
Was mir „Ein wenig Leben“ wertvoll macht, sind auch die hoch differenziert geschilderten Charaktere, denen in ihrer überwiegenden Mehrheit eigen ist, das Leiden anderer zu spüren und sich nicht abzuwenden, im Gegenteil, sich dem leidenden Jude zuzuwenden. Dieser schätzt dies zwar, kann es jedoch kaum glauben, fühlt sich immer wieder verunsichert, unternimmt einen Selbstmordversuch, begreift selber nicht, wie ihm geschieht. Nicht jedem kann geholfen werden, nicht jede Vergangenheit überwunden werden.
 
Ausgesprochen spannend und anregend ist auch der Scheinwerfer auf die Jurisprudenz. Jude arbeitet zuerst im Büro des Staatsanwalts, wechselt dann aber die Seiten, sehr zum Missfallen seines Adoptivvaters, eines Jura Professors. „Die Moral hilft uns dabei, die Gesetze zu formulieren, aber sie hilft uns nicht dabei, sie anzuwenden.“ Und auf die Schauspielerei: „Die Schauspielerei war eine Form der Täuschung, und sobald man aufhörte zu glauben, dass man es konnte, taten es auch alle anderen.“
 
Eine besonders enge Freundschaft verbindet Jude mit Willem, der es gar nicht fassen kann, dass der brillante Jude sich mit einer „so niederschmetternd langweiligen“ Anwaltstätigkeit zufrieden geben kann und hätte ihn eher als Psychologen gesehen, „weil er so gut darin war, zuzuhören und seinen Freunden Trost zu spenden.“
 
Es gehört zur menschlichen Tragik, dass wer anderen helfen kann, häufig nicht imstande ist, sich selber zu helfen oder sich helfen zu lassen. An Selbstvorwürfen mangelt es Jude nicht – und auch seinen Freunden nicht. Sein Adoptivvater, als er das Ausmass von Judes Ritzen begreift, beschreibt die Schuldgefühle vieler ohnmächtiger Helfer: „Ich habe es toleriert. Ich habe mich entschieden zu vergessen, dass er es tat, weil es zu schwierig war, eine Lösung zu finden, und weil ich mich an dem Menschen erfreuen wollte, als der er von uns gesehen werden wollte, obwohl ich es besser wusste.“
 
Ein beeindruckendes, grossartiges, wahrhaft mitreissendes Buch!

Hanya Yanagihara
Ein wenig Leben
Piper, München 2018

Greg Iles: Natchez Burning

Natchez, Mississippi, in den 1960er Jahren. Es ist die Zeit der Rassenunruhen in den USA. Albert Norris wird ermordet. Bei den Weissen war der Besitzer eines Musikalienladens, der auch Zimmer an Liebespaare vermietete, als „guter Nigger“ bekannt.
 
Seine Mörder gehören zum Ku-Klux-Klan (KKK), der ihnen jedoch zu zahm ist, weshalb sie sich zu einer radikalen Spezialtruppe, den Doppeladlern, formieren, doch ohne deswegen aus dem KKK auszutreten.
 
Der Bruder der schwarzen Krankenschwester Viola Turner, ein Bürgerrechtler, wird ermordet, sie selber von mehreren Doppeladlern vergewaltigt. Sie zieht weg, nach Chicago. Als sie viele Jahre später an Krebs erkrankt, kommt sie zum Sterben zurück nach Natchez, obwohl ihr die Doppeladler mit Rache gedroht haben. Ihr Sohn, ein Rechtsanwalt, will Klage gegen den behandelnden Arzt, den Vater des Bürgermeisters führen, wegen Beihilfe zum Selbstmord.
 
Penn Cage, der Bürgermeister, der Viola als Praxishilfe seines Vaters in bester Erinnerung hat, nimmt sich der Sache an. Sowie sein ehemaliger Konkurrent ums Bürgermeisteramt, der Staatsanwalt Shad Johnson, der sich ihm in den Weg stellt. Und auch Henry Sexton kommt ins Spiel, der Journalist vom ‚Concordia Beacon‘, den sowohl mit Albert Norris wie auch Viola Turner viel verbindet und der seit Jahren hinter den Doppeladlern her ist und deren Schandtaten an die Öffentlichkeit bringen will. Und der FBI-Agent John Kaiser, der mit der zweifachen Pulitzerpreis-Trägerin, der Kriegsfotografin Jordan Glass verheiratet ist, was die Zeitungsherausgeberin Caitlin Masters, die Verlobte des Bürgermeisters Penn Cage, ganz aus dem Häuschen geraten lässt und anspornt, selber die Wahrheit über die damaligen Gräueltaten zu veröffentlichen
 
Die Rollen sind bereits am Anfang dieses 1000 Seiten langen Wälzers verteilt, doch schwarz/weiss-Charaktere hat Greg Iles nicht geschaffen. Bewundernswert ist, wie es der Autor schafft, bei diesem Umfang die Spannung aufrechtzuhalten. Ich bin aus dem Mitfiebern gar nicht mehr heraus gekommen …
 
Dass es in den USA bis in die 1960er Jahre offenen Rassismus – gewalttätig, kriminell und oft nicht geahndet – gegeben hat, ist den meisten aus dem Geschichtsunterricht bekannt. Also irgendwie weit weg und nicht wirklich präsent. Daran ändern auch die nach wie vor immer wieder aufflackernden, rassistisch geprägten Ereignisse aus jüngster Zeit nicht viel. Da wird viel verdrängt.
 
„Natchez Burning“ gibt Gegensteuer. Die damalige Zeit wird einem derart plastisch vor Augen geführt, dass man wieder einmal weiss, dass es besser wäre, gute Krimis wie den vorliegenden zu lesen, als meist langweilige Schulstunden in Geschichte abzusitzen.
 
Doch Greg Iles erzählt nicht einfach die Historie spannender als viele Lehrer (und Lehrerinnen) es tun, er versteht es darüber hinaus auch meisterhaft, die Ängste, Begierden, Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen nachvollziehbar zu machen. Und er zeigt eindrücklich auf, was Karl Popper einmal in den Satz gefasst hat: Wir wissen nicht, wir raten.
 
So glaubt Penn Cage etwa, seinen Vater zu kennen, will ihm zur Seite stehen, hält es für Sturheit, dass dieser sich nicht helfen lassen will. Wie Dr. Cage seinem Sohn klarzumachen versucht, dass man einen anderen Menschen, auch einen nahestehenden Blutsverwandten nicht wirklich kennen kann, ist berührend und aufwühlend. Und je mehr man über Dr. Cages Verstrickungen lernt, desto plausibler scheint seine Haltung.
 
Das Ziel der Doppeladler (deren Nachkommen heutzutage mit Crystal Meth ihr Geld verdienen) war es, mit grausamen Morden Martin Luther King und Robert Kennedy in den Süden zu locken, denn auf diese hatten sie es abgesehen.
 
Wie realistisch und glaubwürdig ist ein solches Szenario? In Anbetracht der damaligen Zeit höchst glaubwürdig. Und in der Nach-Katrina-Zeit, in der diese Geschichte auch spielt, ist der geschilderte Rassenkonflikt ebenso glaubwürdig, die Fanatiker sind ja nicht weniger geworden.

Fazit: „Natchez Burning“ ist eine vielschichtige, höchst spannende, dramatische und tief bewegende Geschichte aus den Südstaaten Nordamerikas über menschliche Abgründe, Schuld und Sühne, Ehre und Karriere, Liebe und Anstand. Ein hochkarätiger Thriller, ein grossartiges Buch!

Greg Iles
Natchez Burning
Rütten & Loening, Berlin 2015

Zora del Buono: Gotthard

Bücher geht man voreingenommen an. Jedenfalls ist es bei mir so. Und deswegen auch gleich vorneweg: Ich mag Zora del Buonos Schreiben, sehr. Und bin mir gewiss, dass ich auch diese Novelle mögen werde. Der Sprache, des Tones, des Rhythmus wegen. Zudem: Ich habe einen starken Bezug zur Gegend, in der „Gotthard“ spielt. Seit ich vor Jahren während vieler Monate durch diesen langen Tunnel gependelt bin, stellen sich bei mir bei Leventina, Faido und Biasca sofort ganz viele Bilder im Kopf ein, Wehmuts- und Sehnsuchtsbilder.
 
Fritz Bergundthal, fünfzig, Steuerfachmann, Junggeselle und Eisenbahn-Fan, begibt sich von Berlin ins Tessin, um dort Fotos von aus dem Berg auftauchenden Lokomotiven zu machen. „ … um diesen einen kurzen Moment ging es wohl … die Lok vor sich und den Tunnelbogen gleichförmig dahinter … das perfekte Bild.“
 
Doch zuvor besucht Bergundthal noch seinen Eisenbahn-Freund Hanspeter in Zürich. Hinreissend, wie Zora del Buono diesen Hanspeter zeichnet – als vergnügt spielendes Kind in seiner selbst gebastelten Welt. „Frühmorgens wurde Bergundthal dann von einem eigentümlich wischenden Geräusch geweckt, er zog seine Pantoffeln an, schlich zum Ende des Flurs, öffnete die angelehnte Tür zum Hallenbad und sah Hanspeter, im Trainingsanzug und mit aufgesetzten Kopfhörern, wie er auf einem Sportgerät sitzend ruderte, mitten im wasserleeren Becken, um ihn herum eine Berglandschaft mit Kühen und Bauernhöfen, mit Schienen, Ampeln, Viadukten und Tunneln, eine Spur-Z-Anlage, so gross, wie Bergundthal sie in einem Privathaushalt noch nie gesehen hatte. Er schloss leise die Tür und ging duschen. An jenem Morgen verstand er, Hanspeter was ein glücklicher Mensch.“
 
Auf dem Tessiner Campingplatz trifft Bergundthal auf die Lastwagenfahrerin Flavia. Und später auf deren Mutter, Dora Polli-Müller, die einmal von Hollywood träumte und aus der Deutschschweiz ins Tessin gezogen ist, und ihren Vater, den rasenden Motorradfahrer Aldo Polli, der kein Hotelier geworden ist.
 
Und dann gibt’s da noch Robert Filz, 29, den ehemaligen Kleinstadtbäcker aus dem Aargau, der jetzt „Baustellenlokführer im längsten Tunnel der Welt“ und Puffgänger ist, und in einer Hitze arbeitet, von der Aussenstehende so ziemlich gar keine Ahnung haben. Und Tonino (di Torino), der früher gesoffen hat und jetzt nicht mehr. „Im Tessin nüchtern zu bleiben, war nahezu unmöglich, insofern konnte er stolz auf sich sein.“ Und Thomas Oberholzer aus der ehemaligen DDR. Und Mônica aus Brasilien. Und alle sind sie miteinander verhangen …
 
Die geschilderten Geschichten ereignen sich im Laufe eines Tages, was die einzelnen Stränge zusammenhält, ist der im Bau befindliche Gotthardbasistunnel, über den man so nebenbei einiges lernt. Was diese Novelle für mich speziell macht, ist Zora del Buono scharfer Blick, ihre smarten Bemerkungen über scheinbar Nebensächliches, die mich immer wieder an den Satz von Maezumi Roshi denken lassen: „Kleinigkeiten sind nicht klein“.
 
Hier ein Beispiel (ohne Rücksicht auf Zusammenhänge – die respektiere ich eh nur, wenn es mir passt): „Er schaute auf sein Handydisplay, es war Luciana, die anrief. Tonino steckte das Gerät in seine Hosentasche zurück, ein wenig Autonomie.“ Wunderbar, toll, das gehört in die Liga eines Satzes wie „Sie war eine von denen, die wegen eines klingelnden Telefons nun wirklich nichts weglegten“ von J.D. Salinger.
 
Ich finde Zora del Buonos Schreiben gescheit, unterhaltend, lehrreich und witzig. „Beim Schrankenhäuschen grüsste sie Sabrina, über die sie entschieden zu viel wusste, dass sie sich das blondierte Schamhaar in doppelter Streifenform rasierte zum Beispiel …“. Mit „Gotthard“ ist ihr ein differenzierter, anregender und höchst spannender (gekonnt streut sie Hinweise auf ein bevorstehendes Drama …) Text gelungen.

Zora del Buono
Gotthard
C.H. Beck, München 2015

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