Hannes Råstam: Quick

In den Jahren zwischen 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick 30 Morde und wird von acht davon verurteilt. Die schwedische Presse erklärt ihn zum Monster, doch es gibt keinen handfesten Beweis für seine Schuld. Vor einigen Jahren habe ich Dan Josefssons Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen (btb, München 2017) gelesen, der sich diesen Fall vorgenommen hat – das Buch ist Hannes Råstam gewidmet. Es gehört zu den eindrücklichsten Werken, die ich kenne. Umso gespannter bin ich jetzt, ob mich Hannes Råstams Schilderung genauso zu packen weiss. Die Antwort ist ja, absolut. Und das ist umso verblüffender, als ich die Geschichte ja bereits kenne – aber eben nicht so.

Das liegt unter anderem auch daran, dass Hannes Råstam (1955-2012), der als investigativer Journalist für den Sender SVT (Swedish Public Broadcasting) arbeitete, so wunderbar launige Bemerkungen übers journalistische Metier einfliessen lässt: „Es war ein ganz normaler Freitag. Es ist immer ein ganz normaler Tag, an dem so etwas passiert.“ Oder: „Aber ihr fiel kein Kommentar ein, der in die Zeitung gepasst hätte.“ Oder: „Er war bekannt für seine Gabe, mit sonorer Stimme derart überzeugend seine Ansichten darzulegen, dass sie sowohl von seinen Untergebenen als auch von Journalisten für die Wahrheit gehalten wurden.“

Der Mensch ist, was er glaubt, heisst es in der Bhagavad Gita. Er ist sein Glaube. Hannes Råstams Quick illustriert das treffend – nur von ihrem Glauben, nicht von den Tatsachen, haben sich die an der Erschaffung des Serienkillers Thomas Quick (der mit bürgerlichem Namen Sture Bergwall heisst) Beteiligten leiten lassen. Selten ist mir bewusster geworden, wie wir Menschen (völlig unabhängig von der Intelligenz) uns selbst belügen,

Quick zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor beschreibt, wie er bei seinen Recherchen vorgegangen ist. Wen er getroffen hat und worauf er sich bei seinen Aussagen stützt. Dabei stösst er auf für mich Verblüffendes. „Als ich mich in der Literatur über die Forschung zum Thema falsche Geständnisse informierte, wurde mir klar, wie häufig solche auftreten. Und es handelt sich dabei keineswegs um eine neumodische Erscheinung.“

Angesichts der zahlreichen Ungereimtheiten, die Hannes Råstam aufführt, wundert man sich nicht wenig, wie es möglich ist, dass ein und derselbe Vorfall derart unterschiedlich interpretiert werden kann. Fassungslos lese ich, wie der Mensch Tatsachen schlicht nicht zur Kenntnis nimmt, wenn sie dem, was er sich einmal entscheiden hat zu glauben, zuwiderläuft. Obwohl: Es gab auch Zweifler. Unter ihnen die Krimiautoren Leif GW Persson und Jan Guillou.

Sture Bergwall ist ein Mann, der nach Aufmerksamkeit giert, der anerkannt werden will. Als er nach Drogen- und Gewaltvergehen in der Psychiatrie landet, bemüht er sich um eine Psychotherapie. Als ihm klar wird, dass er dafür als zu uninteressant betrachtet wird, verfällt er darauf, sich interessant zu machen. Mit Erfolg.

Er liest Bret Easton Ellis‘ American Psycho, macht sich mit Alice Millers Theorien vertraut. Er gibt den Ärzten und Therapeuten das Futter, das sie wollen. Was sie nicht sehen wollen, sehen sie nicht. „Aus Stures Akten und früheren Urteilen geht hervor, dass sein umfangreicher Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten immer wieder zu ernsthaften Problemen in seinem Leben geführt hat. Aber dieses Thema wird in seinen Patientenakten niemals berührt.“ Ein Phänomen, das bei Psychotherapien häufig anzutreffen ist – Suchtprobleme (bei denen man eh nicht weiss, wie man sie angehen soll), werden schlicht ignoriert. Stattdessen stülpt man das, was man studiert hat, über den Patienten.

Quick ist ein hervorragend geschriebener Bericht darüber, wie Sture Bergwall mit den Ermittlern, den Medien und den Therapeuten Katz und Maus spielte. Unfassbar ist dabei vor allem, dass diese durchwegs intelligenten Leute sich als „enabler“, als Möglich-Macher, entpuppten, denn hätten sie nicht aktiv bei der Erschaffung dieses Serienkillers mitgemacht, hätte es den Fall Thomas Quick nie gegeben.

Dieser gigantische Rechts- und Behandlungsskandal liest sich wie ein Thriller und sagt mehr über die Illusionen aus, zu denen wir Menschen Zuflucht suchen, um uns vor der Realität zu schützen, als uns womöglich lieb ist.

Fazit: Exzellenter Journalismus, notwendige Aufklärung und ein aussergewöhnliches Lehrstück in Sachen Selbstbetrug.

Hannes Råstam
Quick
Die Erschaffung eines Serienkillers
Wilhelm Heyne Verlag, München 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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