„Für eine Geschichte im Pazifik wurde er beschossen, für eine andere wohnte er monatelang bei Strassengangs“, lese ich unter anderem über den Autor und in mir denkt es: Einer dieser Angeber-Journalisten, der sich für mutig hält. Ich habe einmal fürs IKRK gearbeitet und einige solcher „Helden“ mitgekriegt – und sie eigentlich nur peinlich gefunden. Zusätzlich skeptisch machte mich das Vorwort von Christian Drosten, der von des Autors „ganz eigenem Stil“ schreibt und meint: „Muss der dabei oft etwas ungewohnte Ton sein? Ich denke, es gibt durchaus eine Berechtigung dafür.“ Enthusiastisch klingt das in meinen Ohren nicht gerade.
Mein Start in dieses Buch war also eher suboptimal, doch ich bin sofort drin und schätze des Autors pro Wissenschaft Positionierung, was meint, dass er Prozess-orientiert und Fragen-stellend unterwegs ist, jedoch keine Sicherheit vermittelt. Mehr als vorläufiges Wissen ist nun einmal nicht zu haben. Zudem: „Objektiv bedeutet nicht, beide Seiten wiederzugeben, wenn eine Seite schon lange widerlegten Unsinn erzählt.“ So isses! Und klar doch, es sind auch definitive Aussagen möglich. Sympathisch ist mir überdies, dass es um Muster gehen soll, die immer wieder auftreten. Nicht zuletzt, weil den gegenwärtigen Medien-Debatten die emotionale Distanz abgeht. Denken ist nämlich etwas anderes, als nur gerade seine Gefühle zu rationalisieren, es ist die nüchterne, emotional distanzierte Auseinandersetzung mit Tatsachen. Wie sagte doch Philip K. Dick so treffend: „Reality is that which, when you stop believing in it, doesn’t go away.“
Auch des Autors Sprache ist nicht so mein Ding. Flotter Stil, gewöhnungsbedürftig, doch nach und nach komme ich rein – und finde gut, dass die Pandemien-Geschichte einmal so erzählt wird: Als storytelling, nachvollziehbar, dabei nicht simplifizierend, sondern reich an Details, der Komplexität Rechnung tragend, Zusammenhänge aufzeigend. Dass da Persönliches, Wissenschaftliches und Politisches, Ignorante, Schwachsinnige (eine Frau will ihren Hund nicht impfen lassen, weil sie Angst hat, er könnte Autist werden) und ausgesprochen Schlaue bequem nebeneinander zu stehen kommen, ist näher an unserer Wirklichkeit als das üblicherweise säuberlich voneinander Getrennte.
Dieses Buch handelt von SARS-CoV-2, HIV, Ebola, Pocken, Cholera, Nipah, Schweinegrippe, Masern und und und … Dann aber auch von PCR, R-Wert, Herdenimmunität, Impfen und Verschwörungen. Umfassender und eigenwilliger als Philipp Kohlhöfer in Pandemien informiert, geht kaum.
Ich gehöre zu denen, die vor der gegenwärtigen Pandemie, Viren höchstens mit Grippe- oder Computerviren in Verbindung brachten (ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen) und war dann recht baff, dass es überall Virologen und Epidemiologen zu geben scheint, wobei: „Die globale Corona-Szene ist übersichtlich. Man kennt sich. In Deutschland gibt es neben Drostens Labor nur noch John Ziehbur, Virologe der Justus-Liebig-Universität in Giessen, der seit Jahren an Coronaviren arbeitet.“
Pandemien ist ein höchst instruktives und, bei allen interessanten Details, grundsätzliches Werk. Nur schon die folgenden Sätze in Ruhe zu bedenken, macht einem bewusst, wie vulnerabel wir so recht eigentlich sind. „Zwei oder drei Menschen können eine neue Krankheit haben, ausgelöst von einem Virus, das noch keiner kennt und das das Potenzial hat, zu einer globalen Katastrophe zu werden, aber wenn diese zwei oder drei Kranken nicht auffallen, überregional, und niemand die Fälle miteinander verbindet, weil die Cluster fehlen, dann erkennt keiner ein Muster, und die Welt wird entweder nie davon erfahren oder sehr viel später. So gesehen ist es nicht gut, von einem Ausbruch zu hören, was auch immer es ist, der sich in achttausend Kilometern Entfernung ereignet hat.“ Das beschreibt auch eindrücklich, was unter anderem mit der vernetzten Welt gemeint ist.
Es sind spannende Zeiten, die wir gerade erleben – es gibt viel zu lernen. Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, von der Rolle, die Viren und Bakterien spielen, und bin verblüfft, dass ich mich plötzlich für Fledermäuse (fünfzehn Fledermausarten gibt es allein in Schleswig Holstein) und Leukozyten (die weissen Blutkörperchen, die zur Infektabwehr da sind) zu interessieren vermag. Das ist nicht nur, aber eben auch, das Verdienst dieses Buches
Apropos Fledermäuse: Diese scheinen zuerst eine Höhle auszukundschaften, bevor sie einziehen. „Es gibt ein paar Theorien, aber letztlich liegt die Motivation der Tiere im Dunklen.“ Ein Satz, der mich schmunzeln liess, da ich die Motivforschung nicht mal bei Menschen ernst nehmen kann (wir sind viel zu komplex, um zu verstehen, wieso wir so und nicht anders funktionieren), aber bei Tieren …!?
Was Muster angeht: Bereits bei der Spanischen Grippe war zu beobachten, was sich auch heute zeigt: Impf- und Maskengegner auch unter einigen wenigen Medizinern. Die Argumente sind sich weitgehend gleich geblieben, weshalb sich denn auch der Eindruck aufdrängt, die Gegnerschaft habe mit etwas anderem zu tun, als den vorgebrachten Argumenten – starre, in sich geschlossene Weltbilder mit eindeutigen Antworten auf wirklich alle Fragen als Ausdruck einer fundamentalen Lebensangst.
Pandemien ist auch eine Einladung zu einer Entdeckungsreise, bei der es nicht nur um Viren (obwohl: das ist ein unerschöpfliches Thema) geht, sondern um das Rätsel des Lebens. Auf dieser Reise hat Philipp Kohlhöfer einige wunderbar anregende Menschen getroffen, deren Begeisterung für ihr Forschen ansteckend ist. Und deren Mut – etwa im Falle der belgischen Delegation, die sich wegen Ebola in die Zentralafrikanische Republik aufmachte und nicht wusste, was sie dort erwarten würde – mir grossen Eindruck machte.
Immer wieder stosse ich auf Stellen, von denen ich im Nachhinein merke, dass sie sich in mein Hirn eingegraben haben. Beispiele: „Steht in jedem Lehrbuch, Impfen ist gut. Kann man keine zwei Meinungen drüber haben, wenn man in die Medizingeschichte guckt.“ Und: „Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel. Sie können keine eigene Energie erzeugen und brauchen zu ihrer Vermehrung einen Wirt. Letztlich sind sie nicht mehr als eine leblose Sammlung von Genen, geschützt durch eine Eiweisshülle.“ Und: „Wir werden von Viren kontrolliert.“
Dieses Buch ist eine ungeheure Fleissarbeit. Was Philipp Kohlhöfer zusammengetragen hat, ist enorm, wie er dieses riesige Ganze gegliedert und zusammengefügt hat, eine Meisterleistung. Seine intensive Auseinandersetzung mit diesem Fachgrenzen überschreitenden Wissenschaftsthema, das höchst beeindruckend journalistisch abgehandelt wird, verblüfft auch deswegen, weil der Autor kein ausgebildeter Wissenschaftler ist (Geisteswissenschaften sind für mich keine Wissenschaften – gerade hatte ich mich verschrieben, fast wäre Geisterwissenschaften herausgekommen). Das Schöne am Journalismus, hat Herbert Riehl-Heyse einmal geschrieben, sei, dass man sich ständig mit Themen befassen dürfe, von denen man eigentlich nichts verstehe. Tut man dies mit Neugier und Verstand und in einer derartigen Breite und Tiefe wie Philipp Kohlhöfer es in Pandemien getan hat, hat man einen veritablen Glücksfall vor sich.
Fazit: Grossartig! Spannender und vielfältiger bin ich selten aufgeklärt worden.
Philipp Kohlhöfer
Pandemien
Wie Viren die Welt verändern
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021