Monika Geier: Alles so hell da vorn

Dies ist mein erster Monika Geier-Krimi und bereits nach ein paar Seiten bin ich wild entschlossen, ihn definitiv zu mögen, ja mehr, ihn gut zu finden. Das hat mit der Seite 9 zu tun, auf der geschildert wird, wie die Protagonistin mit dem Rauchen aufgehört hat. Wie? „Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“
 
Wer so schreibt, hat nicht nur viel Witz von der Sorte, die mir gefällt, sondern versteht auch etwas von Sucht (und vom Leben), denn besser als mit „Es war nur einfach nicht mehr notwendig“ kann man das Ende einer Sucht (und den Anfang eines neuen Lebens) nicht beschreiben.
 
In der „Sexy Bar“, einem Bordell im Vorort eines Frankfurter Vororts, wird ein Kunde erschossen – Bettina Bolls Kollege Ackermann. Die Täterin ist schnell ausgemacht – eine junge Zwangsprostituierte, die sich Manga nennt, flüchtig ist und kurz darauf in einer Dorfsturnhalle, wo Lehrer, Kinder und Eltern gerade einer Vorführung der Polizeipuppenbühne des Polizeipräsidiums Westpfalz zuschauen, den Schuldirektor Gutvatter erschiesst.
 
Den Plot fand ich eher so so, das Buch hingegen super. Das liegt daran, dass Monika Geier wunderbar erzählen kann, und spannend darüber hinaus, Krimigefühle kamen zunächst jedoch nicht auf. Weil Krimi für mich Page-Turner bedeutet und zu einem solchen wird „Alles so hell da vorn“ erst in der zweiten Hälfte, wo die Geschichte gehörig Fahrt aufnimmt. Doch ich will nicht meckern, denn das ist ein sehr gelungenes Buch.
 
Ein aktuelles Sittengemälde ist es, das besser als jede Sozialstudie vermittelt, wie Leute miteinander umgehen, wie sie reden, denken, was sie umtreibt, was auf der Welt los ist. Der Verlag sieht das offenbar anders, ganz anders, sonst hätte er kaum diesen Satz aus einer Besprechung auf der vierten Umschlagsseite platziert: „Leicht streift Geier den Zwang zur Wirklichkeitsstreue ab, ohne das Geisterbahngetröte aufgeregter Metzelthriller: Bettina Boll leistet an halben Tragen ganze Arbeit.“ Am Rande: Was um Himmels Willen sind bloss Geisterbahngetröte und Metzelthriller?
 
Monika Geier schaut den Leuten aufs Maul und lässt sie immer mal wieder ganz wunderbar exotisch-reale Dialekte reden. Überhaupt kennt sich diese Autorin im wirklichen Leben aus, mit den Tücken des Alltags, mit den Anstrengungen und Freuden alleinerziehender Mütter, mit dem Leben in Pirmasens. „In Pirmasens war es dann so, wie es eben ist, wenn Drama auf Bürokratie stösst: irgendwie unbefriedigend.“ Darüber hinaus ist sie eine eigenständige Denkerin. „Vielleicht war das, was posttraumatische Belastungsstörung genannt wurde, ja nur ein ganz natürliches Innehalten nach einer Krise. Eine plötzliche Weitsicht, gesunde Unzufriedenheit mit einem fehlerhaften System. Die dazu führte, dass man wirklich krank wurde, wenn man nichts änderte.“
 
„Alles so hell da vorn“ ist ein echt tolles Buch!

Monika Geier
Alles so hell da vorn
Argument Verlag, Hamburg 2017

Dr. med. Dierk Heimann: Wie ein Wunder

Am 6. Mai 2015 erlitt der Arzt und Moderator Dierk Heimann, Jahrgang 1968, einen Schlaganfall. Er zitiert dazu seinen Lieblingssatz aus dem Musical „Cinderella“: „Unmögliche Dinge passieren jeden Tag.“ Sowohl sein Schlaganfall (er gehörte nicht zu einer Risikogruppe) wie auch seine (fast gänzliche) Wiederherstellung sind statistische Ausnahmen.
„Das Leben ist nicht fair. Im Guten wie im Schlechten. Es gibt nicht immer einen erkennbaren Sinn. Medizin ist Statistik, und Statistiken haben keinerlei Aussagekraft für den Einzelnen“, schreibt er. Und: Er habe es oft vermisst, dass seine Therapeuten mit ihm redeten und so nimmt er sich vor, es in diesem Buch anders zu halten – und er tut es dann auch, offen und persönlich. Nur schon deswegen lohnt die Lektüre.

Wie hat er es geschafft, wieder gesund zu werden? Indem er den Schlaganfall als eine weitere Herausforderung des Lebens begriff. „Sie haben sich immer etwas vorgenommen, das hat dann nicht geklappt – also haben Sie es anders gemacht. Das war Ihr Erfolgsrezept“, sagte ihm einmal ein Kollege. Ein gutes Rezept für alle Lebenslagen, wie ich meine.

Wie ein Wunder beginnt mit einem eindrücklichen Prolog, der einem vor Augen führt, dass ärztliches Wissen, wenn man selbst Patient ist, nicht immer hilft. So ist Dierk Heimann auf die mit dem Schlaganfall einhergehende Sprachlosigkeit nicht vorbereitet. „Obwohl ich das von Berufs wegen doch eigentlich können müsste. Auch meiner Frau fiel es schwer. Sie ist Psychiaterin und in  Fragen der Kommunikation noch besser ausgebildet als ich.“ Woraus man lernt: eine Ausbildung in Kommunikation (Anlage und Talent sind entscheidender) wird generell überbewertet.

Etwas studiert oder etwas erfahren zu haben, ist nicht dasselbe. Deutlicher als bei Dierk Heimann habe ich das selten so gelesen: „Für mich kann ich sagen: Obwohl ich als Arzt viel über Schlaganfälle und ihre Auslöser, Ursachen, Beschwerden, Diagnostik und Therapie wusste – was ich hier gerade erlebe, ist etwas völlig Neues. Ich weiss jetzt, wie es sich anfühlt – und es ist mehr, als ich vorher auch nur erahnen konnte. Es ist anders. Es ist schlimmer.“

Das Gehen bereitet ihm Mühe. Das Spechen, Lesen und Schreiben ebenso. Seine Wahrnehmung inklusive der Selbstwahrnehmung ist massiv beeinträchtigt. Er zwingt sich, er lügt, er schindet sich – er tut, was viele erfolgreiche Menschen tun, die nicht wissen, wie man pfleglich mit sich selber umgeht. Und da seine Anstrengungen nicht ohne Erfolg bleiben, fühlt er sich bestätigt.

Seine Lage zu akzeptieren ist nicht sein Ding. Sich helfen lassen auch nicht. Erst im Nachhinein merkt er, dass ihn das viel Kraft gekostet hat. Er wehrt sich, er kämpft. Seine  Willenskraft ist beeindruckend, seine Sturheit trägt Früchte. „Mir gelingt es, einen Grossteil von Frust, Ärger und Wut in Trotz zu verwandeln. Trotz gegen das Schicksal. Trotz gegen alle Prognosen. Ich nenne es meinen Genesungstrotz.“

„Will ich zuviel?“, fragt er sich. Das ist doch offensichtlich, denkt es in mir, doch Dierk Heimann sieht das anders. „Ich bin es gewohnt, mir selbst viel zuzumuten. So möchte ich sein. Mich hat das immer nach vorne gebracht.“ Er will auch kein neues Leben, er will sein altes zurück. Und er tut dafür, was er kann. „Bewegung ist mein Weg.“.Sein Bemühen um Aufrichtigkeit ist beeindruckend. Nicht nur schreibt er über Sex, sondern offenbart auch seine Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit – und wie er verbissen dagegen angeht. Gelassenheit gehört nicht zu seinen Charakterzügen, er will die Kontrolle behalten, seine Fassade aufrecht zu erhalten, ist ihm enorm wichtig. Dass er das zugibt, nötigt mir Respekt ab.

Sein Verarbeitungsmuster ist narzisstisch, auch weiss er, dass er für die meisten der Prototyp des Horrorpatienten ist: „ein besserwissender, bislang gesunder Arzt, der sein Schicksal noch nicht angenommen hat.“ Dieses Wissen nützt ihm nicht viel. Als er von einem Oberarzt die Einschätzung kriegt, sein Schlaganfall sei auf seinen vielen Stress zurückzuführen, verbittet er sich diese „Küchenpsychologie in 15 Sekunden“. Da er ein gescheiter Mann ist, gelingt es ihm auch ohne Weiteres plausible Gegen-Argumente zu finden. „He was so smart, he missed the point completely“, ist mir da durch den Kopf gegangen.

Dierk Heimann ist seinen eigenen Weg gegangen. Dabei hat er auch eine Lebensschule durchgemacht, die ihn ganz viel über sich selber sowie Geschäfts-Freundschaften, Ärzte und Krankenkassen gelehrt hat. Und auch über die Familie und echte Freunde. Verstehen gelernt hat er nicht zuletzt auch das Wesentlichste, was es im Leben zu verstehen gilt: „Meine Zeit ist die des Lebens. Jetzt.“ 

Aufrichtigkeit befreit. Wie ein Wunder legt davon eindrücklich Zeugnis ab.

Dr. med. Dierk Heimann
Wie ein Wunder
bene! Verlag, München 2019

Mohammed Hanif: Rote Vögel

Mohammed Hanif, geboren 1965 in Okara, Pakistan, wandte sich nach einer Pilotenausbildung bei der pakistanischen Luftwaffe dem Journalismus zu. Sein überaus witziger Debütroman Eine Kiste explodierender Mangos wurde 2008 für den Booker Preis nominiert. Rote Vögel ist ebenso witzig, ich komme aus dem Lachen gar nicht mehr heraus.

US-Major Ellie stürzt mit seinem Hightech-Kampfjet in der orientalischen Wüste ab. „In Survivallehrgängen geht es darum, Offensichtliches möglichst oft zu wiederholen. Bei welcher Temperatur verliert man den Orientierungssinn? Das hängt vom Orientierungssinn der Person ab.“

So recht eigentlich hätte er ein Flüchtlingscamp bombardieren sollen, jetzt würde er vermutlich durch einen ’nerd‘ in Houston ersetzt werden, „der eine Drohne fernsteuert, jemanden, der mit einer Hand Krieg führt und mit der anderen seine Pommes in Barbecuesosse tunkt.“

Die Absurdität des modernen Krieges wurde selten pointierter zusammengefasst als in diesem Buch. In der „Einführung in interkulturelle Sensibilität“ hatte der Major unter anderem gelernt: „Krieg bedeute heute nur noch Bombenteppiche, gefolgt von Trockennahrung und Bastelkursen für die Flüchtlinge. Menschen, die jahrhundertelang ihre Weiler nicht verlassen hätten, Ziegenhirten, die an nichts als saftige Weiden und traditionelles Liedgut glaubten, Frauen, die nie weiter als bis zum Dorfbrunnen gegangen waren – sie alle könnten nun endlich in UN-Zelten wohnen, von USAID gespendete exotische Lebensmittel essen und von sprudeligen Softdrinks rülpsen.“

In einem dieser Flüchtlingscamps leben auch Momo, sein Hund Mutt („Doch oh, die Falschheit der Menschen. Immer wenn ich die Wörter ‚Fürsorge‘ oder ‚Mitgefühl‘ von Momos Lippen höre, sehe ich in seinen Augen Dollarzeichen.“) und Momos Eltern, die nicht über das Verschwinden seines älteren Bruders hinwegkommen. Und dann ist da noch Lady Flowerbody, die Entwicklungshelferin, die er als „professionelle Steuergeldschnorrerin“ begreift, die seine Seelenlage („Posttraumatische Belastungsstörung. Erst werfen sie Bomben auf uns, dann bemühen sie sich, unsere Belastung zu lindern.“) dokumentieren will. Momo ist ein gewitzter Kerl, der das Leben als Geschäftsmöglichkeit sieht.

Auf der Suche nach Mutt trifft er in der Wüste auf den US-Bruchpiloten Major Ellie, den Mutt („Wobei ich betonen möchte, dass ich nie behauptet habe, aussergewöhnliche Kräfte zu besitzen. Hunde glauben nicht an Magie, Hunde können es sich nicht leisten, im Leben den Weg der Spiritualität einzuschlagen.“) irrtümlich für einen Vogel hielt. Dem Major, der seit acht Tagen nichts gegessen hat, ist übel, was Momo, der die beiden rettet, so kommentiert: „Ein Amerikaner, dem übel ist, Gott bewahre. Amerikaner sind übel und gehen dem Universum übel auf den Sack.“

Momos Bruder ist verschwunden. Mit Hilfe von Major Ellie und Lady Flowerbody will er ihn finden. Dieser Rahmen bietet dem Erzähler auch die Möglichkeit, sich pointiert und kreativ zu den Auswüchsen des gesellschaftlichen Daseins zu äussern. So lässt er etwa Momo sagen: „Auch wenn ich überzeugter Anhänger der freien Marktwirtschaft bin, lasse ich die Finger vom Drogenhandel, denn eines darf man nicht vergessen: Mit Waffen, Öl und Gutmenschentum lässt sich noch viel mehr Kohle verdienen, und das völlig legal. Denn offensichtlich lohnt es sich ja, herumzulaufen und Leute zu fragen, wie es ihnen damit geht, dass ihre Geschwister verschwunden sind.“

„Rote Vögel“ ist ein Roman und ein Buch über die Realität, in der die Weisheiten des Kurses „Interkulturelle Sensibilität“ einen Praxistest zu bestehen haben. Dabei treffen Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Unterhaltsamer und illusionsloser, spöttischer und grotesker ist das selten geschildert worden. Dem cleveren und unerschrockenen Mohammed Hanif ist mit „Rote Vögel“ ein grossartiges Buch gelungen!

Mohammed Hanif
Rote Vögel
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019

Edward Snowden: Permanent Record

Der 1983 in Elizabeth City, North Carolina geborene Edward Snowden wuchs in der Nähe des NSA-Hauptquartiers Fort Meade in Maryland auf, dem grössten Arbeitgeber weit und breit und so landete er auch dort, als Computerspezialist, denn Snowden ist ein ’nerd‘ (ein von Computern Angefressener), der Aussagen macht, die eben nur einem ’nerd‘ einfallen. „Alle Teenager sind Hacker. Das müssen sie sein, und sei es auch nur, weil sie unter unhaltbaren Umständen leben. Sie selbst halten sich für Erwachsene, aber die Erwachsenen halten sie für Kinder.“

Hacker sind Regelbrecher. Doch um Regeln zu brechen, muss man diese zuerst einmal kennen. Mehr noch: man muss sie besser kennen als diejenigen, welche sie geschaffen haben. Snowden verbringt fast seine ganze Zeit im Internet, seinem Heiligtum. „Wäre es möglich gewesen, hätte ich nur noch sitzend gelebt (….) Meine Neugier war ebenso riesig wie das World Wide Web; ein grenzenloser Raum, der exponentiell wuchs.“

Nach 9/11geht er zur Armee, verunfallt, wird entlassen, bewirbt sich bei der CIA, deren rigorose Background-Checks vor allem dazu dienen, dass künftige Mitarbeiter nicht erpresst werden können. Er ist 22, verliebt, wird eingestellt als Vertragsmitarbeiter (dass im US-Staatsdienst selbst die sensibelsten Systeme von Privaten und nicht von Staatsangestellten betrieben werden, wird mit Innovation schön geredet), wechselt in den Staatsdienst, nimmt dabei eine Gehaltskürzung in Kauf, und trägt nun bei zur weltweiten amerikanischen Zerstörungswut. „In Amerikas anschliessendem Rachefeldzug wurden mehr als eine Million Menschen getötet.“

Im Staatsdienst lernt er unter anderem, „dass Botschaften vor allem als Stützpunkt für Spionage dienen.“ Und auch, dass er, der nicht nur über ein intaktes Gerechtigkeitsempfinden verfügt, sondern auch diesem entsprechend handelt, für die Bürokratie ungeeignet ist.

Er wird nach Genf geschickt, wo er einmal auch „einen gutgekleideten Mann aus dem Nahen Osten, der demonstrativ ein Schweizer Hemd (Was das wohl ist?) in Rosa mit Manschettenknöpfen trug“ rekrutieren soll und ihm bewusst wird, „dass etwas, was für die breite Öffentlichkeit verheerende Folgen hat, für die Eliten gewinnbringend sein kann und häufig auch ist.“

„Permanent Record“ bietet überaus vielfältige Aufklärung: Über den Autor, der sich eine angeborene Streberhaftigkeit attestiert, wie auch über das Internet, das er als durch und durch amerikanisch bezeichnet (von der Infrastruktur, Software, Hardware, Chips, Modems und Routern bis zu den Webservices und -plattformen), was den Nachteil hat, dem amerikanischen Recht und damit der US-Politik zu unterliegen, was „der US-Regierung erlaubt, praktisch alle Männer, Frauen und Kinder zu überwachen, die jemals einen Computer berührt oder eine Telefontaste gedrückt haben.“

Mit zum Aufschlussreichsten in diesem gut geschriebenen Buch gehören Snowdens Ausführungen zum Begriff „Massenüberwachung“, unter der sich die meisten Leute vorstellen, es gehe darum, mit wem sie sich worüber austauschen. Nur eben: Dafür interessiert sich der Staat kaum. Interessiert ist er hingegen an den Metadaten, also die durch Daten erzeugten Daten. Sie sind die „Aufzeichnungen aller Dinge, die wir mit unseren elektronischen Geräten tun, und aller Dinge, die sie von selbst machen.“ Was wir also wann und wo und wie lange machen; an wen wir E-Mails verschicken, wer sie bekommt. „Sie liefern genau diejenigen Informationen, die die Partei, von der sie überwacht werden, als Ausgangspunkt benötigt.“

Nicht nur die digitale Welt interessiert den jungen Edward Snowden, sondern auch die amerikanische Verfassung. „Ich las die Verfassung unter anderem deshalb so gern, weil sie grossartige Ideen enthält, aber auch, weil es gute Prosa ist; vor allem aber, weil es meine Kollegen wahnsinnig machte.“ Zunehmend wird ihm klar, dass die Geheimdienste systematisch die Verfassung brechen – er wird zum Whistleblower („Ein Whistleblower ist nach meiner Definition eine Person, die durch bittere Erfahrungen zu dem Schluss gelangt ist, dass ihr Leben innerhalb einer Institution sich nicht mehr mit den Prinzipien verträgt, die sie in der Gesellschaft ausserhalb dieser Institution entwickelt hat.“) und enthüllt das geheime Massenüberwachungssystem seines Landes

„Permanent Record“ macht selten deutlich bewusst, dass die amerikanische Politik (unter Obama, wohlverstanden) zynisch und antidemokratisch war und dabei die hehren Werte, die sie zu vertreten vorgab (Freiheit etc.), in den Staub trat. Mit Trump scheint dies alles nur offensichtlicher geworden zu sein.

Edward Snowden
Permanent Record
Meine Geschichte
S. Fischer, Frankfurt am Main 2019

Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch

„Minutiös recherchiert“, „spannend“, „differenziert“, „ein Wirtschaftskrimi“, so urteilte die Presse und all das ist dieses Buch. Zudem ist es aufklärende Geschichtsschreibung, weil es ganz einfach beschreibt, und zwar aus ganz verschiedenen Perspektiven, was damals, als die Treuhand das Volksvermögen der DDR verteilte, geschehen ist.
 
Der Autor, 1973 in Hamburg geboren, ist (so der Klappentext) investigativer Journalist (verdient einer, der als Journalist nicht investigativ tätig ist, eigentlich die Bezeichnung Journalist?), Autor und Filmemacher. Hauptsächlich befasst er sich mit Dokumentationen (die bekanntlich überzeugend strukturiert sein müssen) und möglicherweise liegt es daran, dass sich „Der deutsche Goldrausch“ so gut liest.
 
„Die Treuhand wird im März 1990 gegründet. Die Anstalt soll alle ostdeutschen Fabriken, Firmen und Betriebe privatisieren. Als einzige DDR-Institution übersteht die Treuhand die Wende, wird zur „Superbehörde“ und gleichzeitig grössten Holding der Welt“, schreibt Dirk Laabs auf seiner Website. Sein Buch ist ein Lehrstück darüber, wie rücksichtslos um wirtschaftliche Macht gekämpft wird.
 
Am 4. Februar 1990 (die Detailtreue ist eine der Stärken dieses Buches) gibt Bundesfinanzminister Theo Waigel dem „Süddeutschen Rundfunk“ ein Interview, in dem er sich für eine Währungsunion ausspricht. Eine Woche zuvor hatte er noch genau das Gegenteil gesagt. Ebenfalls im Februar trifft sich Edgar Most, seit kurzem stellvertretender Chef der DDR-Staatsbank, mit Vertretern der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Eine neue Bank soll gegründet werden: „Für 49 Prozent der Anteile, für die 122 Bankfilialen in bester Lage und für das Know-how soll die Deutsche Bank keine müde Mark zahlen. Sie verpflichtet sich lediglich, in die Infrastruktur der Bank zu investieren. Einer der grössten Deals der Vereinigung vollzieht sich schnell und geräuschlos im Verborgenen.“
 
Es sind unter anderem solche Informationen (und dieses Werk ist voll davon), die zeigen, wie Politik, die Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen also, in der Praxis funktioniert.
 
Dabei mussten die ostdeutschen Verantwortlichen, die auch beim eigenen Volk kaum mehr über Autorität verfügten, dem Treiben der deutschen Goldgräber (immer mal wieder kamen im Westen gescheiterte Existenzen im gemieteten Mercedes angefahren und versuchten im Osten, billig einen Betrieb aufzukaufen) machtlos zusehen.
 
 Originalton Laabs:
„Unmittelbar nach dem Mauerfall fahren Aufkäufer der westdeutschen Handelsketten durch die DDR und kaufen Grossimmobilien auf. Ein Beauftragter der Realkauf-Kette sichert sich mit Hilfe des Generaldirektors des Kombinats WtB (Waren des täglichen Bedarfs) die Rechte an sieben grossen Immobilien in Leipzig. Eine Tochter des Energiekonzern VEBA – Raab Karcher – erwirbt ein Exklusivrecht in den grösseren Städten Mecklenburg-Vorpommerns: Nur Raab darf hier Baumärkte errichten.
Die westdeutschen Konzerne nutzen das Machtvakuum aus, bevor die Wahlsieger die Situation beeinflussen können und die Treuhandanstalt überhaupt etabliert werden kann.“
 
„Der deutsche Goldrausch“ zeigt auf, wie unverblümt die Wirtschaft ihre Interessen durchzusetzen weiss. „Die lukrativsten DDR-Unternehmen oder diejenigen mit Potenzial haben sich Investoren aus dem Westen, meist mit Hilfe von ostdeutschen Geschäftsführern, gesichert. Auf dem Rest und den Schulden bleibt die Treuhand – und damit der Staat – sitzen.“
 
Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass der Autor die Fakten sprechen lässt. Eindrücklicher kann man kaum darlegen, wie die Wirtschaft die Politik vor sich her treibt. Dass dabei keine blutleere Aktengeschichte heraus gekommen ist, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Dirk Laabs auch die Akteure als Menschen erfahrbar macht. So fand ich etwa die Charakterisierung des Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder sehr gelungen. Und gar nicht mehr aus dem Kopf will mir diese Schilderung hier: „De Maizière mag Kohl ebenfalls nicht. Als der asketische Ostdeutsche Helmut Kohl zum ersten Mal trifft, beobachtet er verwundert, wie der Bundeskanzler zwölf Stück Kuchen verschlingt.“

Dirk Laabs
Der deutsche Goldrausch
Die wahre Geschichte der Treuhand
Pantheon, München 2012

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