
Serneus, Prättigau, am 7. November 2019
Hans Durrers Buchbesprechungen

Serneus, Prättigau, am 7. November 2019
Es gibt ein Foto von Schostakowitsch, auf dem er wie mein Vater aussieht, ein nicht unwesentlicher Grund, weshalb mich dieses Buch interessiert. Dann aber auch, weil ich einiges von Julian Barnes gelesen habe und ihn einen guten Schriftsteller finde. Und nicht zuletzt, weil mich die Frage, um die es in diesem Roman wesentlich geht – Ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können? – , spannend dünkt, auch wenn es nicht wirklich eine Frage ist, denn diese setzt voraus, dass man eine Wahl hat. Ich denke nicht und mir scheint, dass „Der Lärm der Zeit“ dies eindrücklich zeigt.
„Es war ihm leichtgefallen, das Klavier und die Musik zu verstehen – zumindest leichter als alles andere. Und er hatte hart gearbeitet, weil es ihm leichtfiel, hart zu arbeiten.“ Er kommt an, hat Erfolg, bis Stalin eines Tages in die Oper geht und die ‚Prawda‘ im Anschluss daran befand: „Chaos statt Musik“. Ein Todesurteil. Schostakowitsch sucht Hilfe bei einflussreichen Freunden, er wird vorgeladen – und dann doch nicht befragt. Er fühlt sich ausgeliefert, ist voller Angst. In der Folge wartet er mit gepacktem Koffer vor dem Fahrstuhl darauf, abgeholt zu werden. Doch sie kommen nicht. Nach zehn Tage ist er seine eigene Angst leid und begibt sich wieder in die Wohnung, wo er voll bekleidet, den Koffer neben dem Bett, sich neben seine Frau legt.
Nach einem Jahr in Ungnade schickt ihn Stalin nach New York. Er soll dort am Kultur- und Wissenschaftskongress für den Weltfrieden teilnehmen, ein für Barnes willkommener Anlass die sowjetische Sicht auf Amerika, „das Land des Konkurrenzkampfs“ zu schildern. „Ilf und Petrow (die berühmtesten Satiriker der Sowjetunion) hatten nach einer Autoreise quer durchs Land geschrieben, es mache sie traurig, an Amerika zu denken, während es bei den Amerikanern selbst das Gegenteil bewirke. Sie berichteten auch, dass die Amerikaner im Gegensatz zu ihrer Propaganda von Natur aus völlig passiv seien, da ihnen alles fix und fertig vorgesetzt würde, von Gedanken bis zum Essen. Selbst die reglos auf der Weide stehenden Kühe sähen aus wie Reklamebilder für Kondensmilch.“
Schostakowitsch hatte gehofft, in Amerika Strawinsky zu treffen, doch dieser sagte ab, machte ethische und ästhetische Gründe geltend. Die Bespitzelung durch den Geheimdienst gab es in New York zwar nicht, in Amerika erfüllte diese Rolle die Presse, die sogar abdruckte, was die Fluggäste auf dem Flug getrunken hatten. „Der Lärm der Zeit“ ist auch ein Buch, in dem der Witz seinen Platz hat. „Russisch zu sein hiess, pessimistisch zu sein; sowjetisch zu sein hiess, optimistisch zu sein. Darum war das Wort ‚Sowjetrussland‘ ein Widerspruch in sich.“
Deutliche Worte findet Barnes für den antisemitischen und rassistischen Wagner, der seines niederträchtigen Wesens wegen kein Genie sein konnte, mochte seine Musik noch so viel Glanz und Pracht entfalten. Toscanini hält er für einen Tyrannen des Taktstocks, Strawinsky für einen gleichgültigen Egozentriker. Schostakowitschs Urteil über Picasso, Sartre, Shaw und Salonkommunisten generell ist vernichtend. Sich selber hält er für einen Feigling. „Er hatte soviel Mut bewiesen, wie ihm sein Wesen erlaubte; aber das Gewissen stand immer bereit und behauptete beharrlich, er hätte noch mehr Mut beweisen können.“
„Der Lärm der Zeit“ liest sich beklemmend. Der Terror Stalins, dem Millionen zu Opfer gefallen sind, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man in ständiger Unsicherheit lebt und es unerschöpfliche Mittel gibt, obrigkeitlichen Zwang auszuüben. Kein Mensch kann allein für sich bestimmen, immer ist auch seine Familie, seine Bekannten und seine Freunde, von seinen Entscheiden betroffen. Ist man einmal in den Fängen der Macht, gibt es kein Entkommen mehr. Man benutzt Schostakowitsch; Artikel – die er nicht geschrieben, aber unterzeichnet hat – erscheinen unter seinem Namen in der Presse. Bestimmt wird niemand ernsthaft glauben, diese seien von ihm, so hofft er – und natürlich irrt er sich.
„Er konnte nicht mit sich leben“ ist im Falle von Schostakowitsch nicht nur eine Redensart.
Ein überragendes Buch!
Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
btb, München 2018

Serneus, Prättigau, am 7. November 2019
„Hinterher, als die Welt um ihn herum explodierte und die todbringenden Krähen sich im Schulhof auf dem Klettergerüst versammelten, wurmte es ihn, dass er den Namen der BBC-Reporterin vergessen hatte, die ihm sagte, sein altes Leben sei vorbei, für ihn beginne eine neue, eine dunklere Existenz.“ Wer so seine Autobiografie beginnt, hat meine vollste Aufmerksamkeit – und „Joseph Anton“ von Salman Rushdie verdient sie.
Man erinnert sich: am Valentinstag des Jahres 1989 erliess Khomeni, der Führer der islamischen Revolution, eine Fatwa, ein Edikt also, das Rushdie, den Verfasser der ‚Satanischen Verse‘, die sich angeblich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richten, zum Tode verurteilte. Im amerikanischen Fernsehen wird Rushdie gefragt, was er von der Drohung halte? Seine Antwort: „Hätte ich doch nur ein kritischeres Buch geschrieben.“ Eine Aussage, auf die er auch heute noch stolz ist, denn er hatte nicht den Eindruck, sich in seinem Buch besonders kritisch mit dem Islam auseinandergesetzt zu haben.
Rushdie glaubte damals, der Fatwa-Spuk würde sich in ein paar Tagen erledigt haben. Dass sein japanischer Übersetzer und sein norwegischer Verleger umgebracht werden würden, damit rechnete niemand. Erst 1998 distanzierte sich der Iran offiziell von der Fatwa. Der Personenschutz für Rushdie wurde 2002 aufgehoben.
Ich lese „Joseph Anton“ ganz langsam. Zum einen, weil ich nicht möchte, dass die Lektüre zu schnell vorüber ist, zum andern, weil mir sonst (der spannend erzählten Geschichte wegen) ganz viele ganz schlaue Gedanken entgehen könnten. Dieser zum Beispiel: „Es sind stets die Frauen, die sich entscheiden; den Männern bleibt nur, dankbar zu sein, wenn sie die Glücklichen sind, für die sie sich entscheiden haben.“ Stimmt das? Keine Ahnung, ich bin immer noch am Nachdenken. Oder dieser: „Verlässt ein Buch den Schreibtisch des Autors, verändert es sich. Noch ehe jemand anderes es gelesen hat, noch ehe der Blick eines anderen Menschen auch nur auf einen einzigen Satz fiel, hat es sich unwiderruflich verändert. Es wurde zu einem ‚Buch, das gelesen werden kann‘, das nicht mehr allein seinem Verfasser gehört. Es besitzt nun gleichsam einen freien Willen und wird seine Reise durch die Welt antreten, dagegen kann der Autor nichts mehr machen. Ja, er selbst liest jetzt, da seine Worte von anderen gelesen werden können, die eigenen Sätze anders, sobald er einen Blick ins Buch wirft. Sie kommen ihm wie fremde Sätze vor. Das Buch ist hinaus in die Welt gegangen, und die Welt hat es umgestaltet.“
‚Die satanischen Verse‘ wurden möglicherweise öfter verurteilt als gelesen. Auch der indische Parlamentsabgeordnete, der verlangte, dass man in Indien gegen dieses ‚blasphemische‘ Werk etwas unternehmen müsse, hatte das Buch nach eigenen Angaben nicht gelesen, schliesslich brauche er doch nicht ‚durch einen dreckigen Abwassergraben zu laufen, um zu wissen, was Dreck ist‘, was Rushdie treffend so kommentiert: „ein durchaus vernünftiger Standpunkt, zumindest wenn es um Abwassergräben ging.“
Beeindruckend ist die Aufrichtigkeit, die Rushdie zeigt. So macht er keinen Hehl daraus, dass er von einigen seiner Mitstudenten als recht unangenehm und arrogant wahrgenommen worden ist. Und er zitiert Robin Davidson („blond, blauäugig, stets sorgenvoll, überhaupt nicht sein Typ“), mit der er drei Jahre lang eine Affäre hatte und die in ihrem ersten und einzigen Roman einen sadistischen Mann vorkommen lässt, weswegen sie vom ‚Guardian‘ gefragt wurde, ob Salman Rushdie die Vorlage für den Mann gewesen sei: „Nicht so sehr wie in der ersten Fassung“, antwortete sie.
„Joseph Anton“ ist ganz vieles in Einem.
* Ein eindrückliches Plädoyer für die Meinungsäusserungsfreiheit (welche auch die Freiheit beinhaltet, ein Idiot oder ein schlechter Mensch zu sein, wie Rushdie in einem Interview sagte).
* Ein Thriller, ein wirklicher, kein erfundener, darüber, wie er plötzlich nicht mehr nach Hause konnte, ihm gesagt wird, er müsse sich eine neue Bleibe suchen und wie er sich, mit Hilfe der britischen Polizei verstecken musste.
* Ein Text darüber, wer nach Khomeinis Fatwa zu Rushdie gehalten (etwa Ian McEwan, Aziz al-Azmeh und Fadia Faqir) und wer ihn verraten hat (so Germaine Greer, John Berger und John le Carré). Für mich neu war auch, dass das amerikanische PEN-Zentrum, geführt von Susan Sontag, Lesungen aus ‚den satanischen Versen‘ veranstaltete. Zu den Vorlesern gehörten auch John DeLillo und Norman Mailer. Dabei gab es einige prominente Autoren (etwas Arthur Miller), die anfangs Ausflüchte vorbrachten, doch von Susan Sontag energisch zur Ordnung gepfiffen wurden.
* Ein Buch über seine Frauen, Bekannten und Freunde.
* Eine Auseinandersetzung mit dem Fremdsein, mit Rassismus und Diskriminierung.
* Die Schilderung eines ambitionierten, am Erfolg orientierten Egos.
* Und und und …
* Eine Geschichte übers Geschichtenerzählen. Salman Rushdie wuchs mit den wundersamen Geschichten und Fabeln des Ostens auf. „Mit diesen Geschichten aufzuwachsen bedeutete, zwei unvergessliche Lektionen zu lernen: Zum einen die, dass Geschichten nicht wahr waren (es gab keine ‚echten‘ Dschinns in Flaschen, keine fliegenden Teppiche, keine Wunderlampen), nur konnte ihre Unwahrheit in Wahrheiten fühlen und wissen lassen, die ihm die Wahrheit selbst nicht zu vermitteln vermochte; und zum Zweiten lernte er, dass ihm alle Geschichten gehörten, so wie sie auch seinem Vater Anis und allen übrigen Menschen gehörten … Der Mensch ist das Geschichten erzählende Wesen, die einzige Kreatur auf Erden, die sich Geschichten erzählt, um zu begreifen, was für ein Geschöpf sie ist.“
„Joseph Anton“ ist eines dieser seltenen Bücher, bei dem man spürt, dass es etwas ganz Besonderes ist. Weil der Autor hier ein Werk geschaffen hat, das weit über eine Autobiografie hinausgeht und so recht eigentlich eine moderne Sittengeschichte, eine veritable ‚comédie humaine‘ ist. Rushdies Geschichte („Die Geschichte war sein Geburtsrecht, und niemand konnte ihm das nehmen.“) zeigt das Gewöhnliche und Aussergewöhnliche, den Mut und die Zivilcourage, aber auch das Anpassertum und die Erbärmlichkeit der Welt, in der wir leben, differenziert, eindringlich und mit Humor. „Joseph Anton“ ist ein grossartiges Buch!
| Salman Rushdie Joseph Anton C. Bertelsmann, München 2012 |

Susch, Engadin, Graubünden, am 4. November 2019
Die 1986 geborene Sanne Blauw ist Ökonometristin und Journalistin und hat über den Zusammenhang von Ungleichheit, Vertrauen und Glück promoviert, lese ich im Klappentext. Und wundere mich wieder einmal, worüber man alles dissertieren kann („Vertrauen und Glück“ sind für mich keine Begriffe, die sich für wissenschaftliche Analysen eignen, da sie nicht messbar sind) und lerne von Wikipedia, dass es in der Ökonometrie unter anderem darum geht, wirtschaftstheoretische Modelle empirisch zu überprüfen.
Sanne Blauw war bereits im Kindergarten den Zahlen verfallen. Was sie fasziniert, sind die Muster hinter den Zahlen. Zudem geben ihr Zahlen Halt und Orientierung – ein schlechter Notendurchschnitt liess sie in eine Krise stürzen, ein guter durch das Leben fliegen. „Wir scheinen massenhaft von Zahlen hypnotisiert zu sein. Während wir kein Problem damit haben, Wörter kritisch zu hinterfragen, erstarren wir bei Zahlen in Ehrfurcht.“
Das mag für die Autorin gelten, auf mich trifft es nicht zu. Doch obwohl ich ihre Obsession für Zahlen nicht teile, habe ich einiges gelernt in diesem Buch. Besonders die „Checkliste: was man tun sollte, wenn man auf eine Zahl trifft“, die aus sechs Fragen besteht, fand ich hilfreich. Die erste Frage lautet: „Wer legt die Zahl vor?“
Die Journalistin Sanne Blauw tut in diesem Buch, was Journalisten unter anderem so tun: sie erzählt Geschichten. Etwa von Florence Nightingale, die sich als Krankenschwester während des Krimkrieges (1953-1956 zwischen Russland einerseits und England, Frankreich, Sardinien-Piemont und dem Osmanischen Reich andererseits) für eine Reform des Sanitätswesens einsetzte, oder wie Tabakkonzerne gegen ihnen nicht genehme Forschungsergebnisse vorgingen – hier ist die Beantwortung der Checkliste-Frage „Wer legt die Zahl vor?“ besonders erhellend, denn die PR-Agentur Hill & Knowlton war damals federführend und deren Fähigkeiten in Sachen Desinformation (man denke an die irakische Invasion von Kuweit und den darauffolgenden amerikanischen Angriff) sollte Anlass genug sind, ihre Argumente (im Klartext: ihre Lügen) gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.
Dass Zahlen eine derart grosse Bedeutung zukommt, liegt unter anderem daran, dass, wie Siddhartha Mukherjee in „Der König aller Krankheiten, Krebs – eine Biografie“ ausführt, auch an unserer Wissenschaftsgläubigkeit: „Wissenschaft beginnt mit dem Zählen. Um ein Phänomen zu begreifen, muss es der Wissenschaftler zuerst beschreiben; um es objektiv beschreiben zu können, muss er es erst vermessen.“
Sanne Blauw stellt in „Der grösste Bestseller aller Zeiten (mit diesem Titel)“ Zahlen in einen grösseren Rahmen, erläutert, wie sie schon lange vor unserer Zeit in grossem Stil gesammelt, analysiert und interpretiert wurden. Dabei geht sie auch auf „die dumme Diskussion über den Zusammenhang von IQ und Hautfarbe“ ein, erläutert, was Stichproben sind und führt aus, dass Meinungsforscher an einem bestimmten Ergebnis Interesse haben.
Sie macht auch deutlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht immer geradlinig verläuft und – dies ist für mich einer der zentralen Punkte in diesem Werk – befasst sich mit einem klassischen Denkfehler: „die Verwechslung von Korrelationen und Kausalität, das heisst, die irrtümliche Annahme, das Verhältnis zwischen zwei Dingen beruhe automatisch auf einem kausalen Zusammenhang.“
Zwei Fragen stellt die Autorin an den Schluss ihres Buches: „Wer benutzt eigentlich die Zahlen? Und welchen Interessen dient das Ergebnis?“ Nur schon diese Fragen zu stellen, wird unsere Wahrnehmung verändern.
Ein anregendes Buch, reich an praktischen Tipps.
Sanne Blauw
Der grösste Bestseller aller Zeiten (mit diesem Titel)
Wie Zahlen uns in die Irre führen
DVA, München 2019

Zernez, Graubünden, am 4. November 2019
Honor Tait, 80, ist Journalistin, „eine übelwollende Fremde“ also, die man einst dem New Journalism (subjektiv, mit Sachverstand, engagiert) zurechnete, der mittlerweile von einem noch neueren abgelöst worden ist, die auf Tamara Sim, 27, trifft, ebenfalls Journalistin, welche sie für ein Magazin porträtieren soll. Da treffen ganz verschiedene Welten aufeinander: die beiden verstehen sich nicht und mögen sich auch nicht. Doch stellt sich dann heraus, dass gar nicht Tamara, sondern eine ihrer Konkurrentinnen mit dem Porträt der Journalistenlegende Tait beauftragt worden ist, was wiederum Tamara, die mit dem detektivischem Spürsinn der Boulevard-Journalistin hinter ihrem Opfer her ist, dazu bewegt, ihre eigene Tait-Geschichte umso mehr voranzutreiben. Dabei hilft ihr, dass sie bei ihrem drogensüchtigen Bruder Ross auf Dave trifft, in dem sie den jungen Gigolo von Frau Tait zu erkennen glaubt. Sie macht sich an ihn ran, kriegt die Story, auf die sie gehofft hat und die dann (mit der Autorenzeile eines anderen) um die Welt geht … jedoch nicht wahr ist … Das alles ist spannend erzählt und leicht zu lesen. „Zeilenkrieg“ ist ein witziges, informatives, intelligentes und unterhaltendes Buch.
Dabei erfährt man einiges über den Medienbetrieb (man kriegt unter anderem ganz wunderbare Einblicke darüber, wie es auf Redaktionskonferenzen zu und her geht) und darüber, wie Journalisten arbeiten:
„Es war eine alte Masche: sich auf ein scheinbar unbedeutendes Objekt stürzen und es zum Schlüssel für die Psyche des Besitzers erklären.“
„Sogar die Grünen hätten noch von ihren Energiespartechniken lernen können. Manchmal recycelte sie dieselbe Geschichte vier- oder fünfmal und verkaufte sie an mehrere Abnehmer.“
„Ich dachte, die Zeitungen reissen sich heute geradezu um Interviews von Nullen mit anderen Nullen.“
Zu erwähnen ist auch, dass die Autorin nicht mit Anspielungen geizt. „Simon zufolge war Honor bedeutender als Martha Gellhorn und dermassen eingebildet, dass sie Snowdon beauftragt hatte, ihr Passfoto zu machen.“ Es steigert den Lesegenuss, wenn man weiss, dass Lord Snowdon ein berühmter englischer Fotograf und der Ex-Mann von Prinzessin Margaret ist. „Vertreter aus anderen Etagen, denen es gelang, zur Audienz bei Wedderburn empfangen zu werden – und das war höchstens eine Handvoll – bezeugten, er gleiche einem Eskimo: Er kannte fünfzig Ausdrücke für Nein.“ Man liest das natürlich mit besonderem Genuss, wenn einem die weitverbreitete, doch bestrittene Auffassung, die Eskimos hätten zwischen fünfzig und hundert Wörter für Schnee, bekannt ist.
Einen Roman zu schreiben, bedeutet natürlich immer auch, die Protagonisten Meinungen, Überzeugungen und Einschätzungen äussern lassen zu können, für die man in einem Meinungsartikel womöglich heftig gescholten würde und Annalena McAfee, so scheint es mir, macht ausgiebig Gebrauch davon. Und mir gefällt das, denn ich teile diese Einschätzungen, jedenfalls diese beiden hier: „’Und jetzt auch noch der psychoanalytische Ansatz?‘ Honor lachte. Sie hatte oft gestaunt, wie unverwüstlich die grösste Pseudowissenschaft des 20. Jahrhunderts war.“ „’Sie gehören zur Pflichtlektüre in Medienwissenschaften.‘ ‚Ich habe das schon immer für einen Widerspruch gehalten. Medien. Wissenschaften …’“.
Annalena McAfee
Zeilenkrieg
Diogenes, Zürich 2012

Zernez, Graubünden, am 4. November 2019
Welch monumentales Werk! Schon das Format, fast schon ein Coffee-Table-Book, allerdings mit nur wenigen Bildern. Und dann der Umfang – 570 Seiten, ohne den überaus beachtlichen Anhang.
Das Vorwort stammt von Fritz Pleitgen, dem Präsident der Deutschen Krebshilfe e.V., der feststellt: „Dieses Buch ist für jedermann geschrieben – insbesondere für Patienten, aber auch für Ärzte und Wissenschaftler.“ Mukherjee selbst charakterisiert es als einen viertausendjährigen Kampf gegen den Krebs. „In gewisser Weise ist dies die Geschichte eines Krieges – gegen einen Gegner, der gestaltlos, zeitlos und allgegenwärtig ist.“
Das Buch beginnt wie ein Thriller. Als Carla Reed am Morgen des 19. Mai 2004 mit heftigen Kopfschmerzen aufwacht, spürt sie, dass das nicht irgendein Kopfweh ist, sondern dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Sie hat Leukämie, das ist Krebs der weissen Blutkörperchen, „Krebs in einer seiner explosivsten und aggressivsten Formen“, ihr Zustand ist dramatisch, ihre Heilungschancen liegen bei dreissig Prozent.
„Der König aller Krankheiten“ ist ein gut geschriebenes, fesselndes Buch, das einiges Interesse an geschichtlichen Details voraussetzt. Gefragt habe ich mich immer mal wieder, woher er gewisse Dinge hat, doch Mukherjee ist sich der Fragwürdigkeit historischer Erkenntnisse durchaus bewusst: „Die aussergewöhnlichste Erkenntnis aber ist nicht, dass Krebs auch schon in prähistorischer Zeit auftrat, sondern dass er äusserst selten war. Als ich Aufderheide darauf ansprach, lachte er. ‚Die Frühgeschichte von Krebs‘, sagte er, ‚ist, dass es kaum eine Frühgeschichte von Krebs gibt.’“
Mukhrejee schreibt: „Dieses Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine ‚Biografie‘ – ein Versuch, in den Geist dieser unsterblichen Krankheit einzudringen, ihre Persönlichkeit zu verstehen, ihr Verhalten zu entmystifizieren. Letztlich aber geht es mir um eine Frage, die über das rein Biografische hinausreicht: Ist irgendwann in der Zukunft ein Ende des Krebses vorstellbar? Wird es möglich sein, diese Krankheit aus unserem Körper und unserer Gesellschaft endgültig auszumerzen?“
Ein ziemlicher Anspruch, und möglicherweise ein zu grosser. So informativ, aufschlussreich und aufklärend das Buch auch ist, den Eindruck, dass es dem Autor gelungen sei, „in den Geist dieser unsterblichen Krankheit einzudringen, ihre Persönlichkeit zu verstehen, ihr Verhalten zu entmystifizieren“, hatte ich nicht, vielleicht auch deswegen nicht, weil ich nicht verstehe, wie das gehen soll, in den Geist einer Krankheit einzudringen? Müsste man da nicht selber zur Krankheit werden? Und wie sollte so etwas praktisch gehen?
Zudem: das Problem mit Zukunftsvoraussagen ist bekanntlich, dass sich die Zukunft nicht voraussagen lässt. Mukherjee beantwortet übrigens seine Frage, ob in der Zukunft ein Ende des Krebses vorstellbar sei, selber so: „Wie genau eine künftige Generation lernen kann, die eng verschlungenen Stränge gesunden und bösartigen Wachstums zu entflechten, bleibt ein Rätsel. ‚Das Universum‘, pflegte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der englische Biologe J.B.S. Haldane zu sagen, ‚ist nicht nur verrückter, als wir denken, es ist auch verrückter, als wir es uns vorstellen können‘: Dasselbe gilt für die Wege der Wissenschaft.“ Womit gesagt wäre, was es über den Krebs und die Zukunft zu sagen gilt.
Eindrücklich ist Mukherjees Werk, weil es ganz vieles in einem ist. Ein umfassendes historisches Werk, biologische und medizinische Aufklärung, Sozialstudie sowie grossartige Reportage.“Der König aller Krankheiten“ ist ein ausserordentlich lehrreiches Buch. Illustrieren möchte ich seine Vielfältigkeit mit ein paar Zitaten:
„Wissenschaft beginnt mit dem Zählen. Um ein Phänomen zu begreifen, muss es der Wissenschaftler zuerst beschreiben; um es objektiv beschreiben zu können, muss er es erst vermessen. Wenn aus der Krebsmedizin eine exakte Wissenschaft werden sollte, galt es, den Krebs irgendwie auf verlässliche, reproduzierbare Art zu messen.“
„Krebs, wissen wir heute, ist eine klonale Krankheit: Fast jeder bekannte Krebs stammt von einer einzigen, veränderten Zelle ab, die, nachdem sie die Fähigkeit zu unbegrenzter Zellteilung erworben hat, eine unbegrenzte Zahl von Nachkommen erzeugt – und Virchows Erkenntnis ‚omnis cellula e cellula‘ unendlich wiederholt.“
„Es ist und bleibt erstaunlich und verstörend, dass in den USA, wo fast jedes neue Arzneimittel als potentieller Krebserreger strengsten Prüfungen unterworfen wird und schon der blosse Hinweis auf eine Verbindung zwischen einem Wirkstoff und Krebs einen Aufschrei öffentlicher Hysterie und von den Medien geschürter Angst auslöst, eines der stärksten und am weitesten verbreiteten Karzinogene, die wir kennen, frei verkäuflich und für ein paar Dollar an jeder Strassenecke zu haben ist.“
Siddhartha Mukherjee beendet sein Buch wie er es beginnt: mit einer Patientengeschichte. Germaine Berne hatte 1999 eine nicht mehr nachlassende Übelkeit erfasst, aus heiterem Himmel. Ihr ganzer Körper war voller Metastasen, im Winter 2000 stand ihr Todesurteil fest. Da stiess sie im Internet auf Leidensgenossen, erfuhr von einem neuen Heilmittel und genas – es war ein medizinisches Wunder. Doch die Übelkeit kehrte innerhalb von Monaten zurück, wieder durchforstete sie das Internet, wieder wurde sie fündig, das neue Medikament wirkte aber nicht sehr lange. Dann wollte sie nichts mehr Neues probieren. Sie fand, die Jahre von 1999 bis 2005 „hätten sie geschärft, geklärt, geläutert“ Sie sah, dass ihre Gnadenfrist um war, jetzt wollte sie nach Hause, um zu sterben.
„Der König aller Krankheiten“ erhielt den Pulitzer-Preis 2011.
Siddhartha Mukherjee
Der König aller Krankheiten
Krebs – eine Biografie
DuMont, Köln 2012