Bo Svernström: Opfer

In einer Scheune bei Stockholm wird ein gekreuzigter Mann, ein Krimineller mit einem langen Vorstrafenregister, aufgefunden. Die Polizisten halten ihn zuerst für tot, merken dann aber, dass er lebt. Dies ist der Auftakt zu einer Reihe von Opfern, die alle Kriminelle waren und grausam gefoltert wurden. Der von vielen Dienstjahren zermürbte Kriminalhauptkommissar Carl Eden ist für den Fall zuständig.
 
Bereits auf den ersten Seiten merkt man, dass man es mit einem sehr differenzierten Thriller zu tun hat. Die Rechtsmedizinerin wird auf eine Art und Weise charakterisiert, die mehr Aufschluss über Berufs- und Klassenzugehörigkeit gibt als viele soziologische Studien. „Sie sprach in einem herablassenden, selbstbewussten Ton und auf die typisch überlegene Art, die erfahrene Mediziner häufig an den Tag legten … Vielleicht lag es aber auch an ihrer High-Society-Ausstrahlung, dieser selbstverständlichen, natürlichen Überheblichkeit, die daher rührte, niemals gezwungen gewesen zu sein, Kompromisse einzugehen und auf irgendetwas zu verzichten, nicht einmal als Kind.“ Einleuchtend, doch ob das wirklich stimmt? Verzicht, so scheint mir, hat bei vielen Reichen doch einen hohen Stellenwert.
 
„Opfer“ ist ein Thriller voller überraschender Wendungen – immer, wenn man denkt, aha, in diese Richtung läuft es, geht es ganz plötzlich wieder in eine ganz andere. Zudem ist Bo Svernström mit diesem Buch ein eindrückliches Dokument aktueller schwedischer Befindlichkeiten gelungen. Wie etwa Alexandra Bengtsson den Weg in den Journalismus gefunden hat und womit sie als alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter klar kommen muss, ist jedenfalls sehr nahe bei der Realität. Auch die unterschiedlichen Polizisten-Charaktere wirken wie aus dem richtigen Leben gegriffen.
 
Wie das Ermittler und Journalisten gemeinhin so tun: sie suchen nach Mustern, die allerdings lange nicht erkennbar sind, bis dann im zweiten Teil eine für mein Empfinden übertrieben detaillierte und recht langatmige Reise in die Vergangenheit Licht in die Sache bringt
 
Und natürlich interessiert auch die Frage nach einem möglichen Motiv für die vielen extrem brutalen Morde. Die Rechtsmedizinerin, danach gefragt, sieht sich nicht zuständig – sie ist den Fakten verpflichtet. Das Rätselraten überlässt sie anderen. Und hat dafür meine ganze Sympathie.
 
Wie bei den meisten Thrillern üblich, ist der Kriminalhauptkommissar ein sensibler, komplizierter und lebenserfahrener Charakter. Weniger üblich ist – und das zeichnet „Opfer“ unter anderem aus – , dass etwa standardisierte Polizeibefragungen so brillant ad absurdum geführt werden. Das gegenseitige Unverständnis zwischen dem Radladerfahrer Claes Kullberg, der eine zerquetschte Leiche entdeckt, und den ermittelnden Polizisten liess mich laut herauslachen. Und auch, dass ich immer wieder Interessantes lerne: „Ärzte durften wegen Infektionsgefahr bei der Arbeit keine Ringe tragen.“
 
Neben der spannenden Handlung haben mich besonders Stellen wie etwa diese hier, die das Büro eines Richter beschreibt, fasziniert: „Bücherregale ragten hinter ihm an der Wand empor, vom Boden bis zur Decke, randvoll mit Akten, Gesetzestexten und Fachzeitschriften. Ausserdem hatte er sich eine ansehnliche Sammlung an Romanen zugelegt, deren Vorhandensein er vehement damit verteidigte, dass sie seine Vorstellungskraft anregten und ihm halfen, die Innenwelten anderer Menschen besser zu verstehen, wie bizarr und eigentümlich diese auch sein mochten – eine Fähigkeit, die ihm als Richter zugute kam.“ Ich wünschte mir mehr solcher Richter!
 
Bo Svernströms „Opfer“ ist ein Thriller voller ‚thrills‘, wenn auch im zweiten Teil mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit etwas zäh. Trotzdem: Grossartig, eine Entdeckung!

Bo Svernström
Opfer
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019

Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Nicht wenige haben heutzutage das Gefühl, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, die Welt, jedenfalls die gewohnte, dabei ist, sich aufzulösen. Dass Egomanen an der Spitze von demokratisch regierten Ländern stehen, war zwar schon immer so, aber noch nie (so scheint es) haben sie so offensichtlich gewütet. Trotzdem geht es den Menschen in den Konsumwelt-Systemen noch bestens, doch was, wenn die globale Wirtschaft zusammenbricht und dem Nationalismus weichen muss? Lionel Shriver hat sich das vorgestellt und darüber einen differenzierten und komplexen Roman geschrieben, der sich nicht zuletzt durch ganz viele clevere Einsichten auszeichnet, die für mich zum Markenzeichen dieser Autorin gehören.
 
„Vielleicht lernte man jemanden erst dann richtig kennen, wenn er nicht mehr bekam, was er wollte.“
 
„Es war nichts Erstaunliches daran, dass Dinge nicht funktionierten und zerfielen. Versagen und Verfall waren der natürliche Zustand der Welt. Erstaunlich war eher, dass überhaupt etwas wie beabsichtigt funktionierte, für wie lange auch immer.“
 
Doch worum geht’s?
Es ist das Jahr 2029.
Erzählt wird das Schicksal der Familie Mandible bestehend aus dem vermögenden, in zweiter Ehe verheirateten, steinalten Familienpatriarchen, dessen über 70jährigen Sohn und der in Paris lebenden Tochter sowie deren Nachkommen Florence, Avery und Jarred.
 
Florence Mandible, lebt mit ihrem Freund Esteban und dem dreizehnjährigen Sohn Willing in Brooklyn und arbeitet, nachdem viele ihrer Jobs wegrationalisiert wurden, in einem städtischen Obdachlosenheim in Fort Greene. „Das Einzige, was in New York City nie ausgehen würde, waren Obdachlose.“
 
Trinkwasser ist knapp, das Land hoch verschuldet, niemand will zu den Alten gehören, die meisten Zeitungen gehören der Vergangenheit und hatten „einem Gesindel von Amateuren Platz gemacht, die ungeprüfte Geschichten verbreiteten, und das so gut wie immer zu ideologischen Zwecken.“ Nur die Nachrichten hatten überlebt.
 
Die ‚New York Times‘ gibt es nicht mehr, Internethandel gibt es nicht mehr (alles lässt sich mittlerweile downloaden), dafür gibt es fahrerlose Autos, wodurch Alkohol- und Drogenmissbrauch am Steuer praktisch eliminiert worden sind. Doch nicht alle sind vom Wandel gleich betroffen. „Eine Latina am Empfang eines Altenheims gehörte eher zu denen, die einfach so durch die Krise segelten, in seliger Ignoranz, dass es überhaupt eine war. So jemand hatte kein Vermögen zu verlieren.“
 
China hat die USA als grösste Wirtschaft der Welt abgelöst. Der Dollar ist kollabiert, darf nicht mehr ausgeführt werden. Der Jetstream über Nordamerika ist weggesackt, in Florida erfrieren Zitronen und Avocados. Die USA gelten international als Schurkenstaat und Lowell, seines Zeichens Wirtschaftswissenschaftler, erklärt seiner Tochter, dass apokalyptische Vorhersagen mehr über die Gegenwart als über die Zukunft aussagen. „In Wahrheit werden die Dinge im Laufe der Geschichte aber besser und besser.“ Das wissen wir aus der Vergangenheit, doch kann dies ein verlässlicher Indikator für die Zukunft sein?
 
Dass das amerikanische System zusammenbricht, finden nicht alle schlecht, einige erfüllt es mit Hoffnung, sie sehen es als Chance für einen gerechteren Neubeginn, bei dem den schreienden wirtschaftlichen Ungleichheiten endlich der Garaus und mit den amerikanischen Grundüberzeugungen – „Wir halten diese Wahrheit, dass alle Menschen gleich sind, für selbstverständlich.“ – ernst gemacht wird. Bis dann die Realität mit diesen idealistischen Ideen kurzen Prozess macht…
 
Armeeangehörige im Kampfanzug machen auf der Suche nach verstecktem Gold Hausdurchsuchungen. Auch bei Florence, Esteban und Willing. „’Was zum Teufel machen diese Arschlöcher in unserem Haus?‘ Esteban hatte ein tödliches Autoritätsproblem.“ Sofas werden aufgeschlitzt, Drucke und Bilder von den Wänden genommen. „Sie zogen die Bücher vom Regal, blätterten sie durch und schienen nicht glauben zu können, dass man so etwas aufbewahren konnte, ohne etwas darin verstecken zu wollen.“ Ich liebe diesen Humor! Und gerade noch ein Beispiel: „Anstelle der alten Läden fanden sich da nur noch Pilatesstudios, Yogazentren und Hundefrisöre.“
 
Die Preise steigen ins Astronomische, Familienstreitigkeiten darüber, wem was zusteht sowie der Verlust von Anstand und Höflichkeit, werden zur Tagesordnung. Auswandern nach Frankreich scheint auch keine Option, wie die Mandible-Tochter berichtet. „Früher haben sie uns gehasst, dass wir so unhöflich waren und dass wir die Welt beherrschten, heute hassen sie uns, weil wir sie nicht mehr beherrschen. Plötzlich sind wir hinterlistige Diebe, die das gesamte internationale Währungssystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben, und allein Putin und Co mit dem mutigen Bancor haben die Rettung gebracht. Es ist eigenartig persönlich geworden.“
 
Lionel Shriver, eine sehr eigenständige Denkerin, ist mit der Schilderung dieser Apokalypse eine höchst eindringliche Warnung gelungen, allerdings mit ein wenig arg vielen Familiendebatten über Finanz- und Wirtschaftsthemen. Nichtsdestotrotz: „Eine amerikanische Familie“ ist ein gut geschriebenes und wichtiges Buch, das dazu beiträgt, uns bewusst zu machen, dass Lebensmittel in Supermarktregalen und sichere Strassen keine Selbstverständlichkeiten sind. Die Zivilisation ist eine Errungenschaft, wir sollten pfleglich mit ihr umgehen.

Lionel Shriver
Eine amerikanische Familie
Piper, München 2018

Dambisa Moyo: Dead Aid

„Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann“, lese ich im Untertitel. Na ja, denkt es da in mir, Entwicklungshilfe funktioniert doch, schliesslich verschafft sie vielen Entwicklungshelfern Arbeit, doch da mir schleierhaft ist, was Afrika besser machen könnte, bin ich einigermassen gespannt auf die Lektüre und kurz darauf leicht enttäuscht, weil da Niall Ferguson behauptet, der Lebenslauf von Dambisa Moyo (Harvard, Oxford, Weltbank, Goldmann Sachs), sei ein ganz besonderer, wo ich ihn eigentlich nur ambitioniert einfaltslos finde.
 
Doch was ich lese, spricht mich an. Zum einen, weil die in Sambia geborene Autorin meine Afrika-Ignoranz etwas kleiner werden lässt, indem sie mich etwa darüber aufklärt, wie vielschichtig und unterschiedlich dieser Kontinent von über 55 Nationen ist („In Sambia mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern gibt es über 70 verschiedenen ethnische Gruppen, während im Nachbarland Simbabwe mit genauso vielen Menschen die Bevölkerung mehr oder weniger, wenn auch zu ungleichen Anteilen, in bloss drei Stammesverbände {Shona, Ndebele und Chewa} aufgeteilt ist“).
 
Dambisa Moyo geht es in diesem Buch nicht um Notfallhilfe und um die Arbeit von Wohlfahrtsorganisationen, denn diese seien, wie sehr im Einzelfall auch willkommen, „bloss Ausdruck der im Westen verbreiteten, grundlegenden (aber irrigen) Ansicht, dass Hilfe, in welcher Form auch immer, eine gute Sache ist.“ Mehr: „Entwicklungshilfe ist bösartig. Sie ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Sie ist das Problem.“ Weil nämlich von all den Hilfsgeldern kaum etwas zu den Notleidenden gelangt. Und überhaupt: weil mit solchen Hilfeleistungen kein nachhaltiges, wirtschaftliches Wachstum zu generieren ist.
 
Doch wie könnte man Entwicklung möglich machen und nachhaltiges, wirtschaftliches Wachstum generieren? Was wäre, fragt Moyo, wenn man Afrika einfach den Geldhahn zudrehen würde? Vermutlich, so meint sie, würde die Korruption abnehmen, das Unternehmertum mehr werden und der Wachstumsmotor zu brummen beginnen. Denn: „Dort, wo es eine reelle Chance gibt, das eigene Leben zu verbessern, das der eigenen Kinder und der künftigen Generationen, würde Afrika zupacken und durchstarten.“
 
Moyo argumentiert, dass es auch andere Entwicklungsregionen ohne Entwicklungshilfe geschafft haben, zu prosperieren, und so müsste das doch auch in Afrika möglich sein. „Man erinnere sich nur daran, dass vor kaum 50 Jahren Malawi, Burundi und Burkina Faso, um nur drei Beispiele zu nennen, mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen auftrumpfen konnten als China. Eine radikale Trendwende ist immer möglich.“
Frau Moyo hat natürlich recht, warum also werden also ihre einleuchtenden Lösungsvorschläge nicht umgesetzt? Weil ganz viele von dem jetzigen System profitieren und deswegen auch nicht wirklich daran interessiert sind, es aufzugeben.
 
Übrigens liegt die Autorin auch ab und zu ganz falsch. Etwa wenn sie schreibt: „Nur einen satten Bauch zieht es zur Wahlurne.“ Die Stimm- und Wahlbeteiligung in der satten Schweiz spricht da eine ganz andere Sprache.

Dambisa Moyo
Dead Aid
Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann
Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2011

Arthur Isarin: Blasse Helden

Russland figuriert zur Zeit höchst prominent in den westlichen Medien. Russische Hacker sollen in den amerikanischen Wahlkampf eingegriffen haben, in England soll ein russischer Ex-Spion vergiftet worden sein. Wo bleibt die Evidenz, gilt die Unschuldsvermutung nichts mehr?, fragen russische Regierungsvertreter zurück. Ein medialer Propagandakrieg spielt sich vor unseren Augen ab. Und dieser macht einem (zugegeben, ich spreche von mir) wieder einmal deutlich, wie wenig man von Russland, diesem riesigen Vielvölkerstaat mit einer Fläche von 17 Millionen Quadratkilometern eigentlich weiss. „Russland umfasst mehr als ein Achtel der bewohnten Landmasse der Erde und steht mit 144 Millionen Einwohnern (2017) an 9. Stelle der bevölkerungsreichsten Länder; es ist zugleich eines der am dünnsten besiedelten“, lese ich auf Wikipedia.

Wer Russland heute verstehen wolle, solle Isarin lesen, hat der berühmte russische Autor Viktor Jerofejew gemeint. Das liegt daran, dass Arthur Isarin Russland nicht erklärt, sondern von seiner Faszination für alles Russische berichtet. Da wohnen alle Musiker in einer Strasse konzentriert, weil die Sowjets das Volk nicht unnötig vermischen wollten. Da kämpften junge Ärzte in einer Klinik täglich um ihre Existenz, „was auch Organ- und Drogenhandel oder Prostitution einschloss.“

Arthur Isarin ist ein Pseudonym. Der Autor wurde 1965 in München geboren, hat Philosophie, Politik und Ökonomie studiert, in England, den USA, Russland und Kasachstan gearbeitet und lebt heute in Queensland, Australien.

Die Geschichte, die er in seinem Blasse Helden erzählt, handelt von einem jungen Deutschen mit Namen Anton, der zu Beginn der 1990er nach Moskau zieht und sich nur für Geld, Frauen und die grosse russische Kultur interessiert. Er steht im Sold des Oligarchen Paul Ehrenthal, eines im Grunde höchst banalen Menschen. „Ständig überfordert und unfähig, selbst einfachste Zusammenhänge objektiv zu analysieren, war er ein Einfaltspinsel, den man in Moskau lange überschätzt und dem man verblüffende Privilegien eingeräumt hatte.“

Es ist die Zeit der Moskauer Restaurants, Diskotheken, Kasinos und Clubs, die bis zu hunderttausend Dollar Mitgliedsbeitrag verlangten. Mobs sind aktiv, stoische Leibgardisten sitzen inmitten ihres Waffenarsenals in Limousinen, nur Ausländer brauchten keine Bodyguards – sie werden zu der Zeit schlicht nicht ernst genommen. „Anton vermutete dahinter einen taktvollen Nachhall der sowjetischen Schwäche für Völkerfreundschaft.“

Blasse Helden ist ein fabelhaftes Buch.

Arthur Isarin
Blasse Helden
Knaus Verlag, München 2018

Georges Simenon: Maigrets Memoiren

Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Maigret gelesen zu haben. Klar, Georges Simenon ist mir ein Begriff, obwohl: ich weiss von ihm nur, dass er Belgier war, in Lausanne lebte, dem Alkohol zusprach, Prostituierte frequentierte und auf Fotografien immer Pfeife rauchte. Letzteres hat er mit dem Fernseh-Maigret gemein, es ist anzunehmen, dass er noch anderes mit ihm gemein hatte. Aufschluss darüber geben möglicherweise Maigrets Memoiren.

Ein junger und höchst selbstbewusster Mann namens Sim, der schon bald zu (einem abgeklärten) Simenon mutiert, „braucht für einen Roman einen genauen Einblick in die Arbeit der Kriminalpolizei.“ Maigret soll ihn informieren und lernt in der Folge einiges über sich und seine Arbeit. Simenon klärt ihn nämlich auf. „Erzählen Sie irgendjemandem irgendeine Geschichte. Wenn Sie sie nicht frisieren, wird man sie unglaubwürdig und unecht finden. Aber wenn Sie sie frisieren, wird sie echter wirken, als sie eigentlich ist.“

Wie der Schriftsteller Simenon seinem Protagonisten Maigret erklärt, wie er seine Rolle wahrzunehmen habe, ist in diesem Roman sehr schön geschildert. Überdies nimmt Maigret nicht nur wahr, dass sein Schöpfer glaubt, über ihn bestimmen zu können – auch Filmregisseure und Fotografen beharren auf ihrem jeweils eigenen Bild des Kommissars, der sich wundert, dass er selber nicht viel dazu zu sagen hat – , gelegentlich freut er (und vor allem seine Frau) sich auch, wie Simenon ihn gezeichnet hat. Überdies mag seine Frau, die so treffende Bobachtungen wie diese macht: „Räume, in denen sich nur Männer aufhalten, sind nie sehr sauber. Und es riecht dort anders“, zwischen dem, was Simeon über ihren Mann und was er selber geschrieben hat, keinen grossen Unterschied erkennen, abgesehen von ein paar Details.

Wir erfahren von Maigrets Jugend auf dem Land bei Nantes, vom tragischen Tod seiner Mutter, seinem abgebrochenen Medizinstudium, seiner Heirat und seinen Anfängen bei der Polizei. „Es gibt wenige Strassen in Paris, in denen ich mir nicht die Sohlen abgelaufen habe.“

Erhellend ist, was er zum Verhältnis von Polizist und Wild schreibt: „Ausser in einigen sehr seltenen Fällen kennt der Polizist weder Hass noch Groll. Auch Mitleid ist ihm fremd, in dem Sinn, den man gewöhnlich mit diesem Wort verbindet. Unsere Beziehungen sind, wenn man so will, rein beruflicher Natur.

Bei der Sitten-, der Bahn- und der Fremdenpolizei wird er eingesetzt. Ob er nicht angewidert sei, von dem Abschaum? wird er immer mal wieder gefragt. „Wir befassen uns mit Menschen. Wir beobachten ihr Verhalten. Wir registrieren Tatsachen und versuchen, weitere festzustellen.“ Auch mit den Reichen hat er zu tun, bei denen es oft um langfristige Interessen geht und die immer Panik vor den Konsequenzen haben. „Es ist doch unmöglich, dass unsere Familie in den Schmutz gezogen wird. Es muss doch eine Lösung geben.“

Im Alter von dreissig landet er schliesslich im Morddezernat und ist überglücklich. In den folgenden Jahren lebt er die bürgerliche Variante des Lebens, kennt jedoch andere Milieus ebenso gut. Sich mit den Schattenseiten des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen, widert ihn weder an noch hat es ihn nicht bitter gemacht. „Wenig Wissen entfernt uns vom Menschen, viel Wissen führt ihn zu ihm zurück“, zitiert er seinen Religionslehrer.

Ein unterhaltsames und lebensweises Buch!

Georges Simenon
Maigrets Memoiren
Atlantik Verlag, Hamburg 2019

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