Vor Kurzem erfuhren die Schweizer Medienkonsumenten von der Zuger Firma Crypto, die im Auftrag des BND und der CIA ihre weltweit verkauften Geräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation so manipulierten, dass die dahinterstehenden Nachrichtendienste die Kommunikation trotz Verschlüsselung mitlesen konnten. Wer hatte davon gewusst? Was war eigentlich mit der Schweizer Neutralität? Wie immer waren die Meinungen bereits gemacht, bevor auch nur annähernd klar war, was überhaupt geschehen war. Eines war jedoch so offensichtlich, dass man es nicht einmal zu untersuchen brauchte: der eigene (immer finanzielle) Vorteil geht allem anderen vor.
Dass sich die CIA nicht um die Schweizer Neutralität foutiert (die Schweiz tut es ja selber nicht), wundert niemand. Dass sie bei der Durchsetzung ihrer Interessen rücksichtslos vorgeht, daran zweifelt keiner. Wer wissen will, was das konkret heisst, sollte Der amerikanische Agent lesen, einen Tatsachenroman (mit einem originell gestalteten Buchumschlag) des italienischen Journalisten Fabrizio Gatti, der eines Tages von einem Mann kontaktiert wird, der sich als operativer Agent der CIA zu erkennen gibt. „Der operative Agent agiert an vorderster Front. Er führt die Operationen vor Ort durch.“
Gatti ist skeptisch, fragt unter anderem, ob Simone Pace, so nennt sich der Mann, Beweise vorlegen könne und erhält zur Antwort. „Beweise sind etwas, das man konstruiert. Nein, für reale Vorkommnisse gibt es keine Beweise. Ich werden ihnen die Wahrheit sagen.“ Und warum sollte er das tun?, fragt Gatti nach. Was ist seine Motivation? Er sei jetzt über fünfzig, „und in diesem Alter muss man mit seiner Vergangenheit abschliessen und an seine Zukunft denken.“
Die Anwerbung des Polizisten Simone Pace lässt an einen Kinofilm denken. Einer seiner ersten Aufträge besteht darin, am Mailänder Flughafen Linate einen Koffer abzuholen. Fabrizio Gatti fragt nach Namen. Es habe sich um eine verdeckte Operation gehandelt, erwidert Simone Pace, da existiere kein einziges Dokument. „… ein grosser Teil der zeitgenössischen Geschichte ist auf Wasser geschrieben. Und zwar mit voller Absicht. Was man uns erzählt, ist nur die offizielle Version (…) Wenn die Wähler die ganze Wahrheit kennen würden, wie könnten dann die Herrschenden den Konsens aufrechterhalten?“
Dann wird Simone Pace nach Brüssel beordert, wo er dem Mossad bei der Ermordung des kanadischen Ingenieurs Gerald Bull, der dem Irak eine Superkanone angeboten hatte, mit der auch Israel zu erreichen war, assistierte. Wieso er dabei mitmachte, hat sich mir nicht erschlossen (seine nachgereichte politische Begründung – es galt zu verhindern, dass Israel von einer solchen Langstreckenwaffe erreicht werden könnte – fand ich wenig glaubhaft, denn dazu bringt man doch keinen Ingenieur um. Wobei: Bei den Geheimdiensten weiss man nie).
Natürlich ist er nicht der einzige Polizist in Mailand, der auch für die CIA aktiv ist. Diese ist sowohl an laufenden Ermittlungen wie auch an der Stimmunslage der Staatsanwälte und der Ermittlungsbeamten bei der Gerichtspolizei interessiert wie auch an auf CDs gespeicherten Informationen von Schweizer Banken. Auch an Attentaten auf Journalisten und andere, welche die Zusammenarbeit zwischen italienischen Geheimdiensten und inhaftierten Mafia-Bossen publik gemacht hatten, war sie beteiligt.
Doch weshalb sollte sich die CIA für Schweizer Bankkonten von Italienern interessieren? Der damalige Sozialistenchef Bettino Craxi deponierte dort die Erlöse aus den Schmiergeldforderungen seiner Partei bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen. Das Ziel war, Craxis Machtsystem, das für die Kontrolle des Mittelmeerraums eine wichtige Rolle spielte, zu stürzen.
Immer mal wieder lesen wir, dass sich die Russen in die amerikanische, die britische und die französische Politik einmischen. Was sie zweifellos tun. Worüber wir hingegen eher selten lesen, ist, dass die Amerikaner (die sich meist unwidersprochen als die Guten porträtieren) genau dasselbe tun, überall auf der Welt. Wie das geschieht, davon handelt, detailliert und spannend erzählt, Der amerikanische Agent.
Fabrizio Gatti widmet diesen Roman allen Opfern staatlicher Gewalt. Und daran gilt es zu denken, wenn man von den Machenschaften der Geheimdienste liest, denn sie üben staatliche Gewalt aus – und ohne darüber Rechenschaft abzulegen.
Fazit: Wer den offiziellen Wahrheiten misstraut und wissen will, wie es wirklich zugeht in der Welt der angewandten Politik, sollte dieses Buch lesen.
Fabrizio Gatti
Der amerikanische Agent
Tatsachenroman
Verlag Antje Kunstmann, München 2020




