Fabrizio Gatti: Der amerikanische Agent

Vor Kurzem erfuhren die Schweizer Medienkonsumenten von der Zuger Firma Crypto, die im Auftrag des BND und der CIA ihre weltweit verkauften Geräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation so manipulierten, dass die dahinterstehenden Nachrichtendienste die Kommunikation trotz Verschlüsselung mitlesen konnten. Wer hatte davon gewusst? Was war eigentlich mit der Schweizer Neutralität? Wie immer waren die Meinungen bereits gemacht, bevor auch nur annähernd klar war, was überhaupt geschehen war. Eines war jedoch so offensichtlich, dass man es nicht einmal zu untersuchen brauchte: der eigene (immer finanzielle) Vorteil geht allem anderen vor.

Dass sich die CIA nicht um die Schweizer Neutralität foutiert (die Schweiz tut es ja selber nicht), wundert niemand. Dass sie bei der Durchsetzung ihrer Interessen rücksichtslos vorgeht, daran zweifelt keiner. Wer wissen will, was das konkret heisst, sollte Der amerikanische Agent lesen, einen Tatsachenroman (mit einem originell gestalteten Buchumschlag) des italienischen Journalisten Fabrizio Gatti, der eines Tages von einem Mann kontaktiert wird, der sich als operativer Agent der CIA zu erkennen gibt. „Der operative Agent agiert an vorderster Front. Er führt die Operationen vor Ort durch.“

Gatti ist skeptisch, fragt unter anderem, ob Simone Pace, so nennt sich der Mann, Beweise vorlegen könne und erhält zur Antwort. „Beweise sind etwas, das man konstruiert. Nein, für reale Vorkommnisse gibt es keine Beweise. Ich werden ihnen die Wahrheit sagen.“ Und warum sollte er das tun?, fragt Gatti nach. Was ist seine Motivation? Er sei jetzt über fünfzig, „und in diesem Alter muss man mit seiner Vergangenheit abschliessen und an seine Zukunft denken.“

Die Anwerbung des Polizisten Simone Pace lässt an einen Kinofilm denken. Einer seiner ersten Aufträge besteht darin, am Mailänder Flughafen Linate einen Koffer abzuholen. Fabrizio Gatti fragt nach Namen. Es habe sich um eine verdeckte Operation gehandelt, erwidert Simone Pace, da existiere kein einziges Dokument. „… ein grosser Teil der zeitgenössischen Geschichte ist auf Wasser geschrieben. Und zwar mit voller Absicht. Was man uns erzählt, ist nur die offizielle Version (…) Wenn die Wähler die ganze Wahrheit kennen würden, wie könnten dann die Herrschenden den Konsens aufrechterhalten?“

Dann wird Simone Pace nach Brüssel beordert, wo er dem Mossad bei der Ermordung des kanadischen Ingenieurs Gerald Bull, der dem Irak eine Superkanone angeboten hatte, mit der auch Israel zu erreichen war, assistierte. Wieso er dabei mitmachte, hat sich mir nicht erschlossen (seine nachgereichte politische Begründung – es galt zu verhindern, dass Israel von einer solchen Langstreckenwaffe erreicht werden könnte – fand ich wenig glaubhaft, denn dazu bringt man doch keinen Ingenieur um. Wobei: Bei den Geheimdiensten weiss man nie).

Natürlich ist er nicht der einzige Polizist in Mailand, der auch für die CIA aktiv ist. Diese ist sowohl an laufenden Ermittlungen wie auch an der Stimmunslage der Staatsanwälte und der Ermittlungsbeamten bei der Gerichtspolizei interessiert wie auch an auf CDs gespeicherten Informationen von Schweizer Banken. Auch an Attentaten auf Journalisten und andere, welche die Zusammenarbeit zwischen italienischen Geheimdiensten und inhaftierten Mafia-Bossen publik gemacht hatten, war sie beteiligt.

Doch weshalb sollte sich die CIA für Schweizer Bankkonten von Italienern interessieren? Der damalige Sozialistenchef Bettino Craxi deponierte dort die Erlöse aus den Schmiergeldforderungen seiner Partei bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen. Das Ziel war, Craxis Machtsystem, das für die Kontrolle des Mittelmeerraums eine wichtige Rolle spielte, zu stürzen.

Immer mal wieder lesen wir, dass sich die Russen in die amerikanische, die britische und die französische Politik einmischen. Was sie zweifellos tun. Worüber wir hingegen eher selten lesen, ist, dass die Amerikaner (die sich meist unwidersprochen als die Guten porträtieren) genau dasselbe tun, überall auf der Welt. Wie das geschieht, davon handelt, detailliert und spannend erzählt, Der amerikanische Agent.

Fabrizio Gatti widmet diesen Roman allen Opfern staatlicher Gewalt. Und daran gilt es zu denken, wenn man von den Machenschaften der Geheimdienste liest, denn sie üben staatliche Gewalt aus – und ohne darüber Rechenschaft abzulegen.

Fazit: Wer den offiziellen Wahrheiten misstraut und wissen will, wie es wirklich zugeht in der Welt der angewandten Politik, sollte dieses Buch lesen.

Fabrizio Gatti
Der amerikanische Agent
Tatsachenroman
Verlag Antje Kunstmann, München 2020

Mena Kost & Annette Boutellier: Ausleben

„Wenn jemand Angst hat vor dem Tod, dann hilft es, darüber zu reden. Ich habe eine Freundin, die gestürzt ist und sich das Bein ausgekugelt und zerquentscht hat. Seither liegt sie. Ich besuche sie jeden Donnerstag. Mit ihr rede ich viel übers Sterben. Das muss schon sein, das muss man irgendwie abladen“, sagt die 90jährige Sofie Pfister-Odermatt, die im bündnerischen Waltensburg/Vuorz zu Hause ist und deren Geschichte dieses Buch einleitet. Diese Auffassung teilen die meisten, die sich in diesem Werk äussern.

Aufgeschrieben wurden diese Porträts von Menschen zwischen 83 und 111 von der Autorin Mena Kost, die dabei den gesprochenen Sprachrhythmus beibehalten hat, was den Texten ausgesprochen zugute kommt; die gelungenen, intelligent komponierten Bilder, welche die Porträtierten in verschiedenen Lebenssituationen zeigen, stammen von der Fotografin Annette Boutellier.

Ich habe viel gelernt in diesem Buch, das mich auch oft schmunzeln machte. Etwa von Ralph Gentner, geboren 1932 („Im Alter muss man junge Freunde haben, sonst redet man immer nur über die alten Zeiten. Man muss über das reden, was jetzt ist.“), der sich beim Tramfahren immer die Jungen anschaut und sich vorzustellen versucht, wie sie wohl aussehen werden, wenn sie alt sind. Und auch die Alten betrachtet er und versucht, sie sich jung vorzustellen. Seit ich das gelesen habe, mache ich da manchmal auch – und enmpfinde es als höchst anregend.

Oder von Werner Arber, geboren 1929, der den Tod als notwendig begreift, denn: „Jedes Lebewesen muss die Chance haben, sich zu vermehren und eine neue Mutation auszuprobieren.“ Wenn er sterbe, gebe er die Grundbausteine des Lebens, die ihm zur Verfügung gestellt worden seien, wieder zurück. Diese könnten dann zu etwas Neuem beitragen, möglicherweise auch zu einer Pflanze oder einem Wurm. „Ich finde es sehr befriedigend zu wissen, dass ich diese Grundbausteine wieder abgebe. Das ist für mich die Auferstehung. In dieser Betrachtungsweise fühle ich mich geborgen.“

Oder von Cecy Renate de Carvalho, geboren 1934, die aus São Paulo stammt und die Menschen in der Schweiz als den hiesigen Jahreszeiten entsprechend erlebt. „Die Zwetschgen sind exakt von da bis da reif, dann ist es damit auch schon wieder vorbei. So sind hier ja auch die Menschen. Also ich finde das ulkig – obwohl die Pünktlichkeit der Schweizer natürlich auch bewundernsert ist.“ Manchmal werde sie gefragt, ob sie denn keine Sehnsucht nach Brasilien habe. „Aber nein! Ich habe doch mein ganzes Leben dort gelebt. Jetzt bin ich hier und froh, hier zu sein. Man muss ja nicht überall gleichzeitig sein.“

Ich will hier nicht das ganze Buch nacherzählen, obwohl mich jede einzelne Geschichte berührt hat (vielleicht auch, weil die Lebenswege unterschiedlicher nicht hätten sein können), doch da ich möchte, dass mir einige der darin aufgeführten Gedanken im Gedächtnis bleiben und das Aufschreiben dabei hilft, will ich hier zwei Überlegungen erwähnen. „Irgendwie liegt eine drohende Kriegsgefahr in der Luft. Die Waffenproduktionen nehmen überall zu …“, sagt Margrith Bigler-Eggenberger (geboren 1933) und die 1935 in Ghana geborene Annie Akuamoa, die sich gerne Dokumentarfilme anschaut, meint: „Ich liebe die Tiere unter Wasser. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die sagen, es gäbe keinen Gott. Aber wenn man diese Tiere beobachtet, merkt man doch, dass es einen Gott geben muss.“

Bemerkenswert fand ich, dass kaum jemand sich vor dem Tod zu fürchten scheint. Und auch dies: Die Lebenseinsichten der Porträtierten könnten viele Self-Help Bücher ersetzen. Akzeptanz und Loslassen bleiben hier nicht allgemeine Floskeln, sondern werden konkret, wie das Beispiel von Monica Gubser, geboren 1931, eindrücklich zeigt, die wegen Arthrose in den Beinen nicht mehr so schnell gehen kann. „Macht doch nichts, sage ich mir, dann gehe ich eben langsamer.“

Treffend hält Mena Kost in ihrem Vorwort fest: „Es tut gut, über den Tod zu reden. Weil man ihn damit, zumindest eine Stück weit, gemeinsam akzeptiert. Weil solche Gespräche ein Gefühl der Zusammengehörigkeit befördern – als Menschen.“ Nichts ist in unseren Zeiten nötiger.

Mena Kost & Annette Boutellier
Ausleben
Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später
Christoph Merian Verlag, Basel 2020

Rob Hart: Der Store

„Ich wollte ein Buch über etwas schreiben, das mich wütend macht – die Art und Weise, wie grosse Unternehmen ihre Angestellten zu einem Wegwerfprodukt gemacht haben“, so Rob Hart in einem Interview. Da ich Wut für einen hervorragenden Motivator halte, gehe ich „Der Store“ positivist gestimmt an, auch wenn mir die anscheinend um sich greifende Mode deutsch-englischer Buchtitel (im Original heisst das Buch übrigens: „The Warehouse“), ziemlich auf die Nerven geht. Als mich der Verlag darüber hinaus wissen lässt: „ ‚1984‘ und ‚Schöne Neue Welt‘ waren gestern“ – ‚Der Store‘ ist jetzt“ und ich mich, obwohl der Werbung gegenüber grundsätzlich skeptisch, generell gern verführen lasse, ist es um mich so recht eigentlich geschehen, denn besser in Erinnerung als diese beiden klassischen Dystopien ist mir kaum ein Buch.

„Tja, ich werde bald sterben“ – ein stärkerer Einstieg ist schwer denkbar. Gibson Wells, der Gründer und Eigentümer von „Cloud“, dem weltweit grössten Online-Warenhaus, wurde mit Krebs diagnostiziert, hat noch ein Jahr, blickt nun auf sein Leben zurück und teilt sich in einem Blog mit. „Mit grosser Demut sage ich, dass Cloud eine Leistung ist, auf die ich stolz sein darf. Es ist etwas, was den meisten Menschen nicht gelingt.“ Was ihn angetrieben hat? Das Bedürfnis zu gefallen. Und dieses hat ihn erfolgreich gemacht. 30 Millionen arbeiten in den übers ganze Land verstreuten MotherClouds.

Mit „Cloud“ hat Gibson Wells Beeindruckendes geschaffen. Von der Reduktion von Treibhausgasen (weil sich Arbeits- und Wohnstätte am selben Ort befinden) bis zum Gesetz zur Vermeidung von Mechanisierung (weil dadurch nur eine beschränkte Anzahl Arbeitsplätze für Roboter reserviert werden dürfen, ist Vollbeschäftigung garantiert). Nur eben: Das hat alles seinen Preis – die Menschen werden ausgebeutet, persönliche Freiheit gibt es keine mehr. Wer das Arbeitssoll nicht erfüllt, fliegt raus. Totalitärer Terrorismus pur.

Paxton und Zinnia lernen sich kennen, als sie sich bei Cloud bewerben. Er wird als Security-Mann eingestellt und muss nun dazu sehen, dass es keine Sicherheitslücken im System gibt; sie für das Einsammeln von Waren für den Versand und muss, da sie in Wirklichkeit Industriespionin ist, für ihren externen Auftraggeber Sicherheitslücken im System finden. Beide wähnen sich bei der „Cloud“ auf einem anderen Planeten. „es ist, als würde man auf irgendeinem beschissenen Flughafen leben.“ Und kommen sich näher. Dann beginnt sich ein Manager namens Rick für Zinnia zu interessieren.

Das Cloud-Gelände, wo sich das alles abspielt (und die Angestellten auch wohnen), ist bestens organisiert beziehungsweise kontrolliert und erinnert an eine Shoppingmall „bevor sie ausser Mode gekommen waren.“ Zinnia kriegt an ihrem ersten Arbeitstag ein CloudBand ausgehändigt, das ihr angibt, was sie zu tun und wohin sie zu gehen hat. Mittels dieser virtuellen Stechuhr wird sie so recht eigentlich zu einem Roboter gemacht. Ihre Arbeit ist ausgesprochen geistlos, doch stressig. „Sie sind jetzt zu einer 15-minütigen Toilettenpause berechtigt“, wird sie informiert. „Die gesamte Infrastruktur von Cloud – von der Navigation der Drohnen bis hin zu den vom CloudBand übermittelteten Richtungsanweisungen – wurde durch ein eigenes Netzwerk von Satelliten gesteuert.“

Paxton kriegt das Angebot, in einer Art Task Force mitzumachen, die ein waches Auge auf die Droge Oblivion (ein besserer Name für eine Droge als ‚Vergessen‘ ist kaum denkbar) werfen soll, die von vielen konsumiert wird, teilweise mit tödlichen Folgen. Er weiss nichts von Zinnias Spionageauftrag. Als sie einen Ausflug machen, werden sie gefangen genommen, von Leuten, die ‚Cloud‘ gegenüber nicht nur feindlich eingestellt sind, sondern aktiven Widerstand organisieren. Die ausführliche Begründung für dieses Sich-Wehren („Wie könnt ihr nicht wütend darüber sein, dass sie euch und euer Leben im Würgegriff haben?“) gehört zu den überzeugendsten Passagen dieses Buches.

Dann erhält Zinnia einen neuen Auftrag: Sie soll Gibson Wells töten. Und auch Paxton erhält eine neue Aufgabe: Er wird dem Team zugeteilt, das Gibson Wells bei seinem Besuch vor Ort schützen soll. „Denk dran, die Freiheit gehört dir, bis du sie aufgibst“, sagt Zinnia zu Paxton.

Aufgebaut ist „Der Store“ so, dass abwechselnd Gibson Wells, Paxton und Zinnia zu Wort kommen, was unter anderem den schönen Effekt hat, dass man erleben kann, wie Gibsons-Manager-Vision mit deren praktischer Umsetzung kontrastiert. Mit anderen Worten: Das Eine hat mit dem Anderen so ziemlich gar nichts zu tun. Woraus zu folgern wäre: Wer etwas über das reale Arbeitsleben wissen möchte, sollte nicht, wie das die Medien meist tun, Manager befragen, sondern sich die Arbeitsbedingungen vor Ort ansehen.

Dass wir auf dem Weg in eine solche Albtraum-Welt der totalen Kontrolle sind, in der nur das reibungsloses Funktionieren gefragt ist, steht für mich ausser Frage. Nicht, weil der Mensch eine solche Welt plant oder sich wünschen würde, sondern weil er unfähig zu langfristigem Denken ist und nicht merkt, dass er sich diese Albtraum-Welt gerade selber schafft.

„The Store“ spielt in der nahen Zukunft; vieles was darin vorkommt, gibt es bereits – von den Drohnenlieferungen (mit denen „Cloud“ grossgeworden ist) bis zu den Highways, die teilweise so schlecht gepflegt werden, dass sie zerbröseln.

Fazit: Ein spannendes, gut geschriebenes, engagiertes Plädoyer für den Widerstand gegen die eigene Entmündigung.

Rob Hart
Der Store
Wilhelm Heyne Verlag, München 2019

Katrin Bentley: Allein zu zweit

Die am 11. Mai 1960 in Thun geborene Katrin träumte als junges Mädchen davon, „einen Mann zu heiraten, der mein Romeo, mein Beschützer und mein bester Freund ist. Meine Eltern hatten mir vorgelebt, dass eine Ehe beglückend ist und man heiratet, um das Leben gemeinsam zu meistern und zu geniessen. Doch als ich meinem Traummann nach Australien folgte, musste ich lernen, dass das nicht selbstverständlich ist.“

Katrins Mann Gavin funktioniert nicht wie andere Menschen. „Seine Laune wechselt in Sekundenschnelle, während sein Gesichtsausdruck immer gleich bleibt. Er scheint verschiedene Persönlichkeiten zu besitzen.“ Er ist perfektionistisch, befolgt strikt genaue Verhaltensregeln und erwartet das auch von anderen, er hat immer Recht, entschuldigt sich nie, regt sich enorm über Kleinigkeiten auf und hat ein erstaunliches Gedächtnis für Fakten und Zahlen. Er lebt in seiner eigenen Welt, abgespalten von seiner Umwelt.

 Kennengelernt haben sich die beiden, als die engagierte Primarlehrerin Katrin 1987 für drei Monate Australien erkundet. Gegen Ende ihrer Reise will sie mit dem Bus nach Byron Bay, hört dann aber von einem Kanadier, dass ein junger Australier namens Gavin am nächsten Tag mit dem Auto dorthin fahre. Ob er sie mitnehme, fragt sie ihn. Er guckt gerade fern, sagt okay, wendet jedoch seinen Blick nicht vom Bildschirm. „Sein Verhalten schien mir damals nicht ungewöhnlich. Das Einzige, was mir auffiel, war, dass sich seine Stimmung nie änderte. Er schien weder extrem fröhlich noch traurig, sondern einfach immer cool und nett.“

Als Gavin sie kurz darauf in der Schweiz besucht, verhält er sich zwar schon ab und zu etwas eigenartig (Von der Schokolade, die sie als Geschenk zu einer Einladung mitnehmen, isst er bereits im Zug und überreicht dann die angebrochene Schachtel den Gastgebern), doch sie folgt ihrem Herzen und bereits fünf Monate später heiraten die beiden.

Gavins Benehmen verunsichert und verstört Katrin zunehmend. Ihr Mann erweist sich als extrem knauserig, scheint gefühlslos, ist besserwisserisch und detailfixiert, bekundet ausserordentlich Mühe, Entscheidungen zu treffen und lebt nach rigiden Regeln, die ihm Halt geben. „Er war nun für unser Wohl verantwortlich, daher sah er unsere Flitterwochen als eine Art Rekrutenschule, um mir beizubringen, wie man das Leben richtig anpackt.“ Katrins Selbstwertgefühl nimmt rapide ab, am liebsten würde sie in die Schweiz zurückkehren. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

„Hie und da versuchte ich, eine romantische Atmosphäre zu schaffen, aber es gelang mir nur selten. Gavins Liebe zum Detail, sein Bedürfnis, andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, seine Empfindlichkeit in Bezug auf Geschmack und Berührung, seine Überzeugung, dass man schonungslos alles sagen durfte, solange es der Wahrheit entsprach, und seine Schwierigkeit die Mimik anderer Menschen zu deuten, machten Romantik zu einem fast aussichtslosen Projekt.“

Doch es gab auch Momente, wo sich die beiden wieder nahe waren. Und dann kamen ein Sohn und eine Tochter zur Welt, die für neue Herausforderungen sorgten. Gavins Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein sowie seine extremen Stimmungswechsel hielten an.

Katrin und Gavin scheinen in gänzlich unvereinbaren Welten zu leben. Und es dauert unfassbar lange, bis Katrin endlich auf die Idee kommt, dass es möglicherweise eine medizinische Erklärung für Gavins sonderbares Verhalten geben könnte. Tony Attwoods Buch „Asperger-Syndrom“ öffnet ihr schliesslich die Augen.

Nach und nach beginnt sie zu verstehen, dass sie Gavin nicht ändern kann, sich selber aber schon. „Während ich alles Mögliche über das Asperger-Syndrom gelernt hatte, um unsere Beziehung zu verbessern, war mir entfallen, dass ich mich auch intensiv um meine Wunden kümmern musste.“ Sie gibt auf, Gavin ändern zu wollen. Stattdessen konzentriert sie sich auf ihr eigenes Wohlergehen und darauf, sich an den vielfältigen Fähigkeiten ihres Mannes zu freuen.

Katrin Bentley
Allein zu zweit
Mein Mann, das Asperger-Syndrom und ich
Wörterseh Verlag, Gockhausen 2015

Claudia Hammond: Tick Tack

Die Zeit ist relativ, das weiss jeder. Die gute soll so lange wie möglich dauern, die schlechte möglichst schnell vorbei gehen. Dazu kommt, dass wir sie ganz unterschiedlich wahrnehmen – die Stunde, die einem Kind wie eine Ewigkeit vorkommen mag, geht im Alter rasend schnell vorüber.

Claudia Hammonds Prämisse in Tick Tack ist die folgende: „Der Kern des Buches bildet die Vorstellung, dass die Wahrnehmung der Zeit etwas ist, dass von unserem Verstand aktiv erzeugt wird.“ Gibt es also die Zeit gar nicht? „Die Physiker sagen uns, dass die gängige Vorstellung, nach der die Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, schlichtweg falsch sei. Die Zeit vergeht nicht, sie ist einfach.“

Und trotzdem gibt es sie, jedenfalls in unserer Wahrnehmung. Und von dieser, unserer Wahrnehmung der Zeit, und wie sie zu beeinflussen ist, davon handelt dieses Buch. Einleitend finden sich diese Worte von Einstein: „Der einzige Grund, warum es die Zeit gibt, ist, dass nicht alles gleichzeitig geschieht.“

Wie erzeugt nun also unser Verstand unsere Empfindung von Zeit? Claudia Hammond hat dazu hauptsächlich Neurowissenschaftler und Psychologen befragt beziehungsweise deren Studien zu Rate gezogen. Doch auch Soziologen, Sozialpsychologen und Psychophysiker (was es nicht alles gibt – der Mensch ist wahrlich ein erfindungsreiches Geschöpf) kommen zu Wort. Ich habe gestaunt über die vielen ganz unterschiedlichen Experimente, die da vorgenommen worden sind und mich gelegentlich auch gewundert. Als etwa die Frau des Psychologen Hudson Hoagland mit einer Grippe im Bett lag und sich darüber beklagte, dass immer dann, wenn sie ihn brauchte, er für längere Zeit aus dem Zimmer veschwunden sei (obwohl er immer nur wenige Minuten von ihrer Seite wich), bewegte diesen das zu einem Experiment zum Zusammenhang von Zeitwahrnehmung und Körpertemperatur. Und ich selber dachte so bei mir: Dass Kranke wenig geduldig sind, weiss doch eigentlich jeder. Das Resultat war wenig überraschend: Die Körpertemperatur kann unsere Wahrnehmung verzerren.

Auch wenn ich mich über einige Experimente gewundert habe (so weckten die beiden Wissenschaftler Boring und Boring {die hiessen wirklich so!} schlafende Leute und forderten sie auf, die Uhrzeit zu schätzen – was die meisten übrigens auf 15 Minuten genau schafften), wirklich verblüfft war ich, dass Wissenschaftler offenbar auf ausgefüllte Fragebogen vertrauen. Mir selber käme nie in den Sinn, mich auf Selbstauskünfte von Befragten zu verlassen, denn dies würde ja so recht eigentlich voraussetzen, dass uns Menschen die genaue Selbstwahrnehmung eigen ist. Und dies, um es milde zu formulieren, ist eher unwahrscheinlich, denn selten täuscht sich der Mensch mehr als in der Beurteilung seiner selbst. Claudia Hammond hält denn auch fest: „Alles basiert auf der subjektiven Wahrnehmung der Zeit, und das Subjektive ist nur schwer zu messen.“

Unter dem Titel „Warum die Zeit beim Älterwerden immer schneller vergeht“ finden sich ganz unterschiedliche Ereignisse aufgelistet (John Lennon wird erschossen, Der Wirbelsturm Katrina verwüstet New Orleans, In Mexiko treten erste Fälle von Schweinepest auf etc.). Sodann werden Leser und Leserin aufgefordert, Jahr und Monat zu nennen. Ich selber konnte nur sehr wenige Zuordnungen (Der Fall der Berliner Mauer, zum Beispiel, weil ich da vor Ort gewesen bin) vornehmen. Doch wozu soll das gut sein? Weil, so Claudia Hammond, „die Erklärung für dieses Schnellerwerden der Zeit in unserer Wahrnehmung der Vergangenheit liegt.“

Tick Tack ist nicht nur reich an verblüffenden Erkenntnissen (So kommt uns etwa Schlangestehen häufig lang vor, weil wir uns im Modus der Antizipation befinden. Wer nicht das Gefühl hat, er müsse sich beeilen, wird das Warten in der Schlange hingegen leicht erträglich finden), es leitet auch dazu an, wie man konstruktiv mit Situationen umgeht, in denen es keine Ablenkungen gibt (indem man diese Zeit zum Beispiel für eine Achtsamkeitsübung nutzt). Und nicht zuletzt ist Tick Tack gut geschriebene und höchst unterhaltsame Aufklärung wie das Kapitel „Die Erinnerung an die Zukunft“ ganz besonders schön illustriert – sie beginnt so: In einem Pflegeheim in Windsor Locks, Connecticut verstarb ein 82jähriger Mann, was Suzanne Corkin, Neurologin am MIT („die ausnahmsweise einmal nicht bei irgendeiner Konferenz weilte“), auf den Plan rief, da dessen Gehirn seit seinem 27sten Altersjahr, als eine Operation schiefgelaufen war, nicht mehr recht funktionierte – Erlebnisse aus der Kindheit erinnerte er nach wie vor, doch was am Vortag geschehen war, blieb für ihn ständig neu.

Wer auf sein Zeitgefühl Einfluss nehmen will, sollte zu Tick Tack greifen.

Claudia Hammond
Tick Tack
Wie unser Zeitgefühl im Kopf entsteht
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

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