
Bukarest Flughafen, am 9. Mai 2023
Hans Durrers Buchbesprechungen

Bukarest Flughafen, am 9. Mai 2023
Der englische König begegne der Schweiz mit sehr viel Sympathie, lautete letzthin eine der Schlagzeilen des Boulevardblattes Blick, die den Schweizer Botschafter in London zitierte. Womit wieder einmal demonstriert wäre, wie unglaublich kompetent die Medien ihre Informationsaufgabe nehmen und wie überflüssig der Schweizer Botschafter in London ist. Natürlich meine ich das nicht im Ernst; natürlich weiss ich um die Bedeutung der Diplomatie und des royalen Pomps, der die britische Arroganz maskiert.
Als ich dann später am Tag durch die Strassen von Bukarest spaziere, komme ich an einer Plakatwand vorbei, wo Jordan Peterson neben Al Bano hängt, und in mir denkt es wieder einmal: Schon irre, dieses beliebige Nebeneinander von Allem und Jedem – wie soll man bloss mit dieser gänzlich absurden sozialen Welt klarkommen? So wie es Funny van Dannen in Angst vor Gott tut, einer Zusammenstellung von Geschichten und Gedichten, die mich schon gleich zu Beginn laut heraus lachen lässt.
„Die Flüchtlinge werden immer frecher, sagt Elvira Schmitz zu ihrem Mann, dem pensionierten Kämmerer. Jetzt wollen die Ukrainer vor der Tagesschau ihre Nationalhymne hören. Ach, Quatsch! sagt Herbert. Du bist zu oft online. Lass mich jetzt bitte Fussball gucken. Das nennst du Fussball? lacht Elvira, Diese müden Millionäre verarschen dich und die 50.000 im Stadion nach Strich und Faden …“
Besser und prägnanter geht eigentlich kaum, denkt es so in mir, doch dann, bei der zweiten Geschichte, wird es so recht eigentlich fast noch besser.
„Dort, wo die meisten Schweine getötet werden, sind die Menschen besonders ernst und verschlossen, sagt Adele zu ihren Mann Hans-Horst beim Abendbrot. Wo hast du das denn wieder her? fragt der Mann, obwohl er es gar nicht wissen will. Das willst du gar nicht wissen, sagt Adele. Aber es ist glaubwürdig, glaub‘ mir. Ich glaube gar nichts mehr, sagt ihr Mann. Alle haben ihre Interessen und dementsprechend gestalten sie die Wahrheiten.“
Angst vor Gott ist überaus witzig, clever und differenziert, ein Sammelsurium realistisch absurder Dialoge, ein Nebeneinander von höherem Schwachsinn und fundamentalen Lebenseinsichten. „Das Leben ist kein Spaghetti-Western! ruft Kurt. Und nenn mich nicht ‚mein Lieber‘. Auch ich bin böse. Ich habe Geld unterschlagen, Steuern hinterzogen und der verfluchte Sexualtrieb verdirbt mir noch die edelsten Gefühle.“
Funny van Dannen, 1958 geboren in Berlin, nimmt in diesem Band Paarungen vor, die nicht nur unmittelbar einleuchten – etwa Donald Duck und Donald Trump; Pu, der Bär, und Vladimir Putin (den er von sich sagen lässt, es sei ein ganz normaler Petersburger Junge gewesen, schüchtern und gewalttätig – , sondern auch Zeugnis eines phantasievollen Umgangs mit der sogenannten Wirklichkeit, ohne den einen das Leben, das soziale, unweigerlich in die Verzweiflung treiben würde. Apropos Phantasie: Jean-Paul Belmondo und Papst Johannes Paul den Zweiten nebeneinander auf ein himmlisches Mäuerchen zu setzen – darauf muss man erst mal kommen!
Darüber hinaus werden in Nebensätzen ganze Lebensläufe erzählt. So erfährt man etwa, dass Egon, obwohl bereits Rentner, seinen richtigen Beruf noch nicht gefunden hat. Und unter dem Titel ‚Wie ich Lyriker wurde‘, liest man: „Du hast doch nichts zu sagen, meinte meine Frau. Willst du denn etwas sagen? Schriftsteller müssen nichts sagen, fand ich und wusste nicht mehr weiter.“
Doch Angst vor Gott ist nicht nur ein höchst unterhaltsames Werk, es enthält auch Sätze, die mir Erkenntnisse vermitteln, die meine Weltsicht entschieden bereichern. Dazu gehört auch dieser: „Wer die Welt nicht schöner machen kann, sollte die Finger von der Kunst lassen.“ Grossartig! Und überzeugender als alle mir bekannten Definitionen von Kunst …
Funny van Dannen
Angst vor Gott
Critica Diabolis 316
Edition Tiamat, Berlin 2023
Als ich vor mehr als zwanzig Jahren eine Magisterarbeit über Dokumentarfotografie schrieb, gehörte Dorothea Lange zu den Fotografinnen, die mich beeindruckten. Vor allem geblieben ist mir ihr Satz, dass die Kamera sie das Sehen gelehrt habe, eine Aussage, die ihre Biografin Jasmin Darznik im vorliegenden Buch sehr schön ergänzt. „Will man ein wahrhaft gutes Bild von etwas machen, muss man es wirklich sehen, nicht nur anschauen. Ich habe einmal gesagt, dass die Kamera ein guter Lehrmeister ist, aber manchmal steht sie einem auch im Weg.“
Von Dorothea Lange weiss ich kaum mehr als dass sie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, speziell wegen ihres Porträts ‚Migrant Mother‚, zu einiger Berühmtheit gelangte. Ich wusste hingegen nicht, dass sie wegen Kinderlähmung hinkte oder dass sie in San Francisco ein gutgehendes Fotostudio betrieb, bis dann im Herbst 2018 sich die Spanische Grippe in der Stadt verbreitete. Die Menschen reagierten darauf, wie wir es von Covid-19 kennen. „Zuerst gab es keine Regeln, dann plötzlich sehr viele, die sich noch dazu ständig änderten.“
Doch ist das eigentlich eine Biografie? Jasmin Darznik erzählt das Leben Dorothea Langes in der Ich-Form, was mich einerseits befremdlich dünkt, doch andererseits auch wieder nicht, denn so verschieden voneinander sind wir nun einmal nicht, was wir vor allem dann herausfinden, wenn wir uns intensiv mit einer Person beschäftigen, die uns aus dem einen oder anderen Grund fasziniert. „So wie jedes Porträt ein Selbstporträt ist, ist jeder historische Roman auch ein zeitgenössischer Roman“, schreibt die Autorin im Epilog.
Eindrücklich ist Dorotheas Ankunft im Mai 1918 in San Francisco geschildert. „Ich hatte erwartet, dass Kalifornien ein Sonnenparadies sei, aber es war hier um einiges kälter als in New York.“ Das Geld wird ihr geklaut, nunmehr mittellos muss sie sich zurecht finden. Caroline Lee, eine clevere Orientalin, kommt ihr zu Hilfe – vom damaligen Rassismus einiger Amerikaner gegenüber Chinesen, erfahre ich zum ersten Mal. Gleichzeitig war übrigens der Japonismus in Mode. Mit Logik lässt sich der Mensch wahrlich nicht erfassen!
Die 23jährige Dorothea findet eine Anstellung in einem Fotoladen, wo sie auch auf Aufnahmen von Imogen Cunningham stösst, die sie begeistern. Und sie lernt, dass der Schutz eines Hutes ihr ungeahnte Möglichkeiten beschert. „Ich trug ihn tief in die Stirn gezogen, sodass er meine Augen und die halbe Nase beschirmte. Jetzt konnte ich durch die Strassen spazieren, ohne dass mich jemand beachtete, stellte ich erstaunt fest.“
Dann lernt sie Imogen Cunningham und ihren Schützling Ansel Adams kennen. „Imogen war eine begnadete Lehrerin – grosszügig, geduldig und von bedingungsloser Ehrlichkeit.“ Jasmin Darznik macht einen auch mit unterschiedlichen Aspekten der Fotografie vertraut wie etwa der Geduld, die die Porträtfotografie erfordert oder mit Dorothea Langes Fotografie-Verständnis. „Alles ist es wert, betrachtet zu werden, man muss nur einen klaren Blick darauf werfen können.“ Und: „Die Menschen sind dankbar für ehrliche Aufmerksamkeit. Sie belohnen einen, indem sie den Blick erwidern.“
Was wir sahen, was wir träumten ist ein Zeitdokument, das auch darüber aufklärt, dass viele Leute zunächst froh waren, dass das Erdbeben von 1906 auch Chinatown zerstört hatte, dann aber entdeckten, dass man es mittels Kitschbauten im orientalischen Stil zu einer Touristen-Attraktion machen konnte. Und man lernt auch Erhellendes über die Medien. „Wenn ich eines durch meine Arbeit bei der Zeitung gelernt habe, dann dass man das, was darin steht, nicht mit dem verwechseln darf, was tatsächlich geschieht. In Wahrheit sollen wir nicht über die Spanische Grippe berichten. Das sei schlecht für die Moral in Kriegszeiten, hiess es.“
Ansel Adams hatte die Spanische Grippe heftig erwischt. „Ansel war immer so geistreich und energiegeladen gewesen. Nie hatte er ruhig und schweigend dagesessen, und jetzt war er völlig teilnahmslos und verkrampft. Das machte die Spanische Grippe. Sie erwischte die Jungen und Gesunden am schlimmsten.“ Als er schliesslich genas, war er ein anderer Mensch, „für den Rest seines Lebens wollte er nur noch Berge, Bäche und Flüsse fotografieren.“
Neben der eindrücklichen Schilderung von Landschaften, versteht sich Jasmin Darznik hervorragend, so wie ihre Protagonistin, auf Porträts. So notiert sie etwa über Caroline Lee: „Wenn man sie so sah, dachte man, dass sie mutig und stark war, und das war sie auch. Alles andere, was sie auch noch war, verbarg sie in diesem Moment.“ Und über Dorotheas Beziehung zum fast doppelt so alten Maler Maynard Dixon hält sie fest: „Und das war der grundlegende Unterschied zwischen uns. Er lebte in einem Tempel, den er Kunst nannte. Ich konnte nie woanders als in der Welt leben.“
Zum Verblüffendsten an diesem sehr gut geschriebenen historischen Roman gehört für mich, dass ich mich nicht nur vor Ort, sondern darüber hinaus in der Gegenwart wähnte – als ob sich menschliches Verhalten nicht ändern würde. „Immer wieder begegnete ich der Gegenwart, wenn ich in die Vergangenheit abtauchte“, erfährt man im Epilog.
Fazit: Ein einfühlsames, bewegendes Porträt sowie herausragende Geschichtsschreibung.
Jasmin Darznik
Was wir sahen, was wir träumten
C. Bertelsmann, München 2022

Sargans, am 2. Mai 2023
Diesem Werk ist ein Zitat von Carl Sagan vorangestellt, das die Grundhaltung der Autorin Sabine Hossenfelder, geboren 1976, zur Zeit Research Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies, sehr schön zusammenfasst: „Es ist weitaus besser, das Universum so zu begreifen, wie es wirklich ist, als in Täuschungen zu verharren, so befriedigend und beruhigend sie auch sein mögen.“
Offenbar war ihr das zu wenig, denn sie fügte gleich noch eine Warnung hinzu, worin sie sich als Agnostikerin und Heidin ‚outet‘ sowie klar macht, dass ihr die Empirie das Wichtigste ist. „Wenn ihre Überzeugungen mit empirisch belegtem Wissen im Widerstreit stehen, dass suchen sie nicht nach Sinn, sondern wiegen sich in einem Wahn.“
Sabine Hossenfelder beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen. Etwa mit der Zeit. Gibt es sie? Und falls ja, was ist sie? Wir wissen heutzutage, „dass der Ablauf der Zeit davon abhängt, wie sehr wir uns bewegen.“ Möglicherweise ändert sich dieses Wissen einmal, doch für heute gilt, dass Vergangenheit und Zukunft genau so real sind wie die Gegenwart. „Das entspricht nicht meiner Erfahrung und der Ihren wahrscheinlich auch nicht.“ Meiner schon, denn etwas anderes als die Gegenwart kann ich gar nicht erfahren.
Nichtsdestotrotz: Dass meine Erfahrung und die fundamentalen Gesetze der Natur nicht übereinstimmen müssen, ist empirisch belegbar. Und darum geht es Sabine Hossenfelder primär in diesem Buch: Was man messen kann. Auf Englisch würde man sie als ‚No-Nonsense‘-Typ bezeichnen.
Viele Menschen, schreibt sie, würden „die Möglichkeit, dass das menschliche Bewusstsein aus dem Wechselspiel der vielen Teilchen des Gehirns erwächst, reflexartig ablehnen. Sie scheinen der Idee verhaftet, dass irgendetwas beim Bewusstsein irgendetwas anders sein müsse. Und auch wenn die naturwissenschaftlich Orientierten unter ihnen es nicht Seele nennen, ist es das, was sie meinen.“ Nur eben: Gefunden hat man sie bisher noch nicht.
Ist der menschliche Geist mehr als eine komplexe biologische Maschine? Wissenschaftler versuchen diese Frage mittels Experimenten zu beantworten. „Seit Jahrtausenden bestätigen zahllose Experimente, dass Dinge aus kleineren Dingen bestehen, und wenn man weiss, was die kleinen Dinge tun, kann man sagen, was die grossen Dinge tun. Von dieser Regel gibt es bislang keine einzige Ausnahme. Es gibt nicht einmal eine logische Theorie für diese Annahmen.“ Deutlicher und klarer und überzeugender kann man so recht eigentlich nicht argumentieren.
Mehr als nur Atome. Was die Physik über die Welt und das Leben verrät ist ein Werk voller Fragen. Jedes Kapitel ist mit einer Frage überschrieben. „Ist Wissen vorhersagbar?“, „Ist Bewusstsein berechenbar?“, „Denkt das Universum?“ sind nur einige. Sabine Hossenfelder schreibt für Neugierige, die offenen Geistes sind und die Anstrengung des Denkens nicht scheuen. Und sie lehrt uns: Je mehr man weiss, desto mehr staunt man.
Spannend fand ich insbesondere die Auseinandersetzung der Agnostikerin und Heidin Sabine Hossenfelder, die mit Doktortiteln offenbar Fachwissen (für mich ist es Detailwissen) verbindet („Wenn Sie keinen Doktortitel in Physik haben, ist es schwierig, unser Fachchinesisch von dem anderer zu unterschieden,“), mit Wissenschaft und Religion. „Ich meine nicht nur, dass Stephen Jay Gould Recht hatte, als er argumentierte, Religion und Wissenschaft seien zwei ’nonoverlapping magisteria‘ (deutsch etwas: ’sich nicht überschneidende Lehrgebiete. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass Wissenschaftler etwas von den organisierten Religionen lernen können.“ Und, neugierig geworden? Dann hat diese Besprechung ihren Zweck erfüllt …
Wir Menschen wollen das Universum verstehen. Um unseren Platz in dieser Welt zu begreifen, denn etwas zu verstehen tut gut. Und dieses Buch leistet seinen Beitrag dazu.
Sabine Hossenfelder
Mehr als nur Atome
Was die Physik über die Welt und das Leben verrät
Siedler, München 2023

Chur, am 1. Mai 2023
Der Auftakt ist eindrücklich, denn da wird aus der Sicht des 23jährigen Taxifahrers Albin, der einmal davon geträumt hat, Rennfahrer zu werden, seine Heimatstadt geschildert – es ist nicht das Amerika, das wir aus Fernsehserien kennen.
Mick Hardin, Mordermittler bei der Army, Irakkrieg-Veteran, geschieden, abhängig von Schmerzmitteln, ist zurück in Rocksalt, einer Stadt mit drei Kreuzungen: Main Street, First Street und Second Street. Ein stadtbekannter Drogendealer namens Barney Kissick wird tot aufgefunden. Die Polizei mache nichts, behauptet Barneys Mutter, und bittet Mick um Hilfe, was seine Schwester, mit der er zusammenlebt und die als Sheriff kandidiert, mit Unbehagen zur Kenntnis nimmt.
Schon bald gibt es einen weiteren Toten, Mason Kissick, den Bruder von Barney Kissick. Mick trifft im Wald auf aggressive, schiesswütige Männer; dir Hütte seines Grossvaters geht in Flammen auf. „Die Hütte war seine letzte Verbindung zur Vergangenheit gewesen, und jetzt war sie eine ausgebrannte Ruine.“
Was zu Beginn nach einer Drogengeschichte aussieht, entpuppt sich schliesslich als das illegale Abladen von Giftmüll, dem Mick Hardin zusammen mit Raymond Kissick, dem Bruder der zwei Ermordeten, auf die Spur kommt. Die Spannung nimmt im Laufe der Geschichte zu, doch es sind vor allem die Randbemerkungen, die mir diesen Kriminalroman sympathisch machen. Etwa diese Charakterisierung des Jurastudiums: „Da muss man alles aus jedem Blickwinkel beleuchten und auseinanderpflücken, und man muss gut lügen können.“
Chris Offutt versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre des ländlichen Kentucky zu vermitteln – die eigenwilligen Bewohner, die sich wie ausgestorben anfühlenden Kleinstädte, das Gefühl, dass eigentlich nie etwas passiert. Was die Lokalkultur der Kentucky Hills verlangte, war „die unbedingte Loyalität der Familie gegenüber. Jeder Art von Bildung stand man ganz allgemein skeptisch gegenüber. Wer studierte, musste seiner Familie immer wieder beweisen, dass der schädliche Einfluss des Seminarraums ihn nicht verdorben hatte und man sich nicht einbildete, etwas Besseres als die Eltern zu sein. Die Furcht war weitverbreitet, die Kinder würden einen Abschluss machen, anderswo einen Arbeitsplatz finden und die Eltern im Alter allein zurücklassen.“
Was diesen Krimi überdies auszeichnet sind die anregenden Unterhaltungen. Als Mick einen Tüftler fragt, als was er sich bezeichnen würde, „Als Erfinder oder als Künstler?“, antwortet dieser: „Keine Ahnung. Wo liegt der Unterschied?“ Und es sind so ganz wundervolle Szenen wie etwa die, als ein Goldfink gegen eine Fensterscheibe fliegt und betäubt zu Boden fällt. „Er hob das Vögelchen an den Mund und blies ihm dreimal Luft in den offenen Schnabel. Schnell atmend stand der Fink auf seinem Handteller. Er legte den Kopf schief, um Mick anzusehen, blickte sich um, als müsse er sich orientieren und flog davon.“
Leider ist nicht alles so gelungen, denn die nordamerikanische Fleiss-Kultur bringt es mit sich, dass Beschreibungen jeweils derart detailgetreu ausfallen, dass es manchmal auch etwas komisch wirkt. Etwa dann, wenn der Weg zum Campus einerseits nur schwer gefunden, jedoch andererseits kurz darauf über das Gebäude gesagt wird, dass es an der Vorderseite über vierundsechzig (!) Fenster verfüge.
Es ist Chris Offutts sehr differenzierte Lebenswahrnehmung, die Ein dreckiges Geschäft wesentlich ausmacht. „Mick schaute aus dem Wagenfenster und dachte über den Frühling nach – das überall im Wald sich regende neue Leben, die unsichtbare Kraft, mit der sich die Knospen der Sonne entgegenschoben. Die Saison hatte etwas Melancholisches an sich. Jedes Jahr erneuerten die Hügel sich wieder, nur die Menschen alterten sichtbar. Die Schönheit der Natur verhüllte die ihr innewohnende Brutalität, aber bei den Menschen lag sie nackt zutage.“
Dass Ein dreckiges Geschäft unter der Bezeichnung Ein Kentucky-Krimi läuft, hat seinen guten Grund, denn es ist die Atmosphäre des ländlichen Kentucky, die diesen Krimi hauptsächlich prägt. Man kennt sich, regelt Konflikte untereinander, übt Selbstjustiz, erwartet von der Obrigkeit wenig.
Fazit: Sympathisch, erhellend und clever.
Chris Offutt
Ein dreckiges Geschäft
Ein Kentucky-Krimi
Tropen Verlag, Stuttgart 2023

Sargans, am 22. April 2023
In meiner Wahrnehmung gibt es kaum jemanden, der präsenter in den Medien ist als Harald Lesch – was mich, zugegeben, nicht gerade für ihn einnimmt, da ich damit ein übergrosses Ego sowie Massentauglichkeit verbinde, und dagegen bin ich allergisch. Psychologen bitte nicht vortreten – gemäss einem vorgegebenen Denksystem interpretieren kann jeder und jede.
Nur eben, man sollte sich nicht alleine von seinen Urteilen (Vorurteil spare ich mir, denn mein Urteil steht ja bereits fest) leiten lassen, denn Professor Lesch sagt auch wirklich gute Dinge, etwa, dass die Versicherungen Kernkraftwerke nicht zu versichern bereit sind – ein besseres Argument gegen die Atomkraft ist so recht eigentlich nicht vorstellbar. Und auch das Vorwort zu Die unheimliche Stille zeigt, dass er (und sein Mitautor) nüchtern und fantasievoll (ja, das geht durchaus zusammen) unterwegs sind.
Dieses Werk besteht aus einer Fülle von Informationen, die, in gut erzählte Geschichten verpackt, überaus nützliche Aufklärung für Wissens-Hungrige liefern. Treffend drückt es das Zitat von Steven Weinberg aus dem Jahre 1977 aus: „Das Bemühen, das Universum zu verstehen, ist eines der ganz wenigen Dinge, die das menschliche Leben ein wenig über die Stufe einer Farce erheben, und gibt ihm etwas von der Anmut der Tragödie.“
So recht eigentlich erzählen die beiden Autoren in diesem Buch eine überaus spannende Wissenschaftsgeschichte. So beschreiben sie etwa den Zeitgeist vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, der von viel Skeptizismus geprägt war. Damals meinte etwa Gottlieb Daimler. „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nie überschreiten, allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren.“ Und der Chef von IBM schätzte den Weltmarkt für Computer auf fünf!
Warum schweigen ausserirdische Intelligenzen und Superzivilisationen?, fragen die Autoren im Untertitel. Wie meist, so gibt es auch auf diese Warum-Frage höchstens Interpretationen, schlauere und weniger schlauere bzw. uns einleuchtende. Doch was uns einleuchtet, muss deswegen ja noch lange nicht wahr sein. Und so tun sie, was Wissenschaftsautoren eben so tun: Sie berichten von Experimenten mittels Radioteleskopen, die bislang allerdings allesamt fehlschlugen.
Auch Botschaften wie die Pioneer-Plaketten aus Aluminium, auf denen ein Mann und eine Frau abgebildet waren, schickten Wissenschaftler mit interstellaren Sonden ins All, auf dass etwaige ausserirdische Lebensformen von der Menschheit und dem Planeten Erde erfahren konnten.
Wie es Büchern von Akademikern eigen ist, wird auch in Die unheimliche Stille ständig erwähnt, wer was wann gesagt haben soll, auch wenn es sich um einigermassen banale Gedanken, Fragen oder Aussagen handelt wie etwa: Angenommen es gibt Ausserirdische, wo sind die denn eigentlich?
Die unheimliche Stille ist ein interessantes und unterhaltsames Werk, das auch viel Vergnügliches beinhaltet, wie etwa, dass die „unbescheidene Art“ des Physik Nobelpreisträger Richard Feynman (1918-1988) „legendär war“. Oder dass bei einer Dschungelparty für die Apokalypse in Puerto Rico neben NASA-Vertretern auch Regierungs-Repräsentanten zugegen waren, „von denen es sich einige nicht nehmen liessen, die schwitzende Zuschauerschar mit ihren Dankesreden und Lobpreisungen phrasenreich zu langweilen.“
Was dieses Buch auszeichnet, sind die ausgesprochen vielfältigen Informationen („Allein unsere Milchstrasse könnte einer Studie zufolge mehr als sechs Milliarden erdähnlicher Planeten beherbergen.“), die Denkanstösse („Es ist eine Unterstellung, dass sie friedliebend sein werden – eine gefährliche Unterstellung.“ Sir Bernard Lovell, 1987), die spannenden Spekulationen („Eine hochentwickelte Zivilisation, die in der Lage ist, die Galaxie zu bevölkern, hat mit Sicherheit auch die Möglichkeit entwickelt, sich vor allen irdischen Einfaltspinseln zu verstecken.“ John Silk, 2006) sowie der Einbezug von Science Fiction Autoren wie Isaac Asimov, offenbar auch so ein eitler Tropf, oder Arthur C. Clarke.
Es gehört zu den Vorzügen von Die unheimliche Stille, dass es themenübergreifend unterwegs ist, sich also sowohl Gedanken darüber macht, was wohl die kulturell-religiösen Folgen nach einem Erstkontakt wären, wie auch über die vielen Bedrohungen räsoniert (von einem Aufstand von Cyborgs oder Robotern bis zu Pandemien, ausgelöst durch Kleinstlebewesen), die von unserer, offenbar nicht zu bändigenden Ignoranz verursacht werden.
Die unheimliche Stille schliesst mit einer antiken Weisheit, die anscheinend auf den griechischen Philosophen Zenon von Elea (490 v. Chr. – 430 v. Chr.) – noch nie gehört, doch deshalb lese ich ja Bücher – zurückgeht: „Die Natur gab uns zwei Ohren und nur eine Zunge, auf dass wir mehr zuhören und weniger reden.“
Fazit: Unterhaltsam, die Fantasie anregend, lehrreich.
Harald Lesch / Harald Zaun
Die unheimliche Stille
Warum schweigen ausserirdische Intelligenzen und Superzivilisationen?
Herder; Freiburg, Basel,Wien 2023

Zwischen Wangs und Vilters, am 2. April 2023