Kate Brooks: Im Lichte der Dunkelheit

Die meisten Fotobücher – und dies schliesst die fotojournalistischen mit ein – zeigen viele Bilder, nicht besonders erhellende Bildlegenden (etwa: Mexiko 1957), wenn es denn überhaupt welche hat, und Texte, die mit den Abbildungen meist nur ganz entfernt zu tun haben (anders gesagt: ziemlich willkürliche Kontextualisierungen). Dass es auch anders geht, zeigt Kate Brooks‘ „Im Licht der Dunkelheit“ eindrücklich.

Der Einstieg ist ganz besonders gelungen, weil man nicht darauf vorbereitet (und auch erstaunt und fasziniert) ist, dass ein Band mit Fotos von Kriegsschauplätzen seinen Anfang mit der Schilderung einer englischen Hochzeit nimmt.
Obwohl: Eine besonders begabte Schreiberin ist Brooks nicht, auch intellektuell (im Sinne von detailliert analysierend und hinterfragend) ist sie nicht (jedenfalls nicht in den hier vorliegenden Texten) und genau dies spricht für dieses Buch: in unprätentiöser Sprache wird aufnotiert, was Kate Brooks tut, ihr durch den Kopf geht, sie sich überlegt. Und löst damit ein, was der Untertitel verspricht: „Ein fotografisches Tagebuch seit 9/11“, auch wenn „Kriegstagebuch“ treffender gewesen wäre.

„Am 2. Oktober verliess ich Moskau in Richtung Pakistan. In meinem Rucksack befanden sich einige Kleidungsstücke, meine Kameras, ein Filmscanner und 800 Dollar Bargeld. Für diesen Einsatz waren insgesamt vier Tage veranschlagt.“ Kaum war sie in Islamabad angekommen, kam jedoch alles ganz anders: „Mein Auftrag wurde verlängert, und es sollten bald noch andere folgen.“

Im Dezember 2001 macht sie sich zusammen mit einem Fixer (einer Mischung von Dolmetscher und Mittelsmann, ohne den Ausländer vor Ort meist aufgeschmissen wären) auf nach Afghanistan. Wenig überraschend findet sie sich da immer wieder in Situationen, die ihr Angst einjagen. „Ich stellte mir vor, wie meine Eltern am Boden zerstört erfuhren, dass ihre 24jährige Tochter in den Bergen von Afghanistan getötet worden war, als sie Gott versprach, sie würde mit dem Rauchen aufhören, wenn sie überlebte.“

Es sind Sätze wie dieser, die dieses Kriegstagebuch so überzeugend machen. Dieses Aufschreiben, was ist, aufrichtig und schnörkellos, vermittelt dem Leser eine Vorstellung der Situation vor Ort, wie es Nachrichten und Reportagen, die meist dramaturgischen Gesetzen und den Vorstellungen von Redakteuren in einem fernen Bürogebäude gehorchen müssen, nur selten können.

So schildert Kate Brooks die Auswirkungen einer schweren Autobombe im Irak: „Ich bog um die Ecke. Die Szene vor meinen Augen war ein Bild des Grauens. Brennende Autos. Verkohlte menschliche Überreste überall auf der Strasse. Ein Mann hielt ein verstümmeltes Bein in die Höhe und blickte mich fragend an, als erwarte er von mir eine Antwort. Hysterische Menschen versuchten voller Hektik, den Sterbenden zu Hilfe zu eilen. Andere waren ausser sich vor Schmerz und versuchten wütend, mich anzugreifen. Ein Polizist verhinderte, dass die Menschen auf mich einschlugen, weil ich Fotos machte, und zwang mich, alle paar Sekunden weiterzuziehen, um ihren Schlägen zu entgehen. Beiläufig liess er seine Erkennungsmarke sehen, die ihn als Polizist auswies.“ Und so liest sich die informative Bildlegende: „Bei einem Autobombenanschlag am Grabmal des Imam Ali in Nadschaf, der stattfand, als die Gläubigen nach dem Freitagsgebet die Grabstätte verliessen, verloren schätzungsweise 135 Menschen ihr Leben. Ziel des Anschlags war ein prominenter schiitischer Geistlicher.“

Kate Brooks sind viele eindrückliche und teilweise bewegende Aufnahmen gelungen, die ihre anhaltende Wirkung nicht zuletzt deswegen entfalten, weil sie in Verbindung mit aussagekräftigen Bildlegenden dargeboten werden. Es ist nicht immer einfach, sich auf diese zum Teil furchtbaren Zeitzeugnisse einzulassen, doch es ist notwendig. Wer glaubt, dass sich Bombenangriffe und Autobomben rechtfertigen lassen, sollte sich ansehen, was sie bei dem zehnjährigen Noor Mohammed (ein amerikanischer Bombenangriff im Tora-Bora-Gebirge) und bei der libanesischen Fernsehjournalistin May Chidiac (eine Autobombe) angerichtet haben. „Jeder Fotojournalist“, schreibt Brooks, „trägt zum kollektiven Gedächtnis menschlichen Bewusstseins bei.“ Es wäre schön, wenn es so wäre. Gewiss ist, dass „Im Licht der Dunkelheit“ einen Platz in diesem kollektiven Gedächtnis verdienen würde.

PS: „Ich danke dem späten Tim Hetherington …“, heisst es unter anderem in der Danksagung. Ich nehme an, dass der Dank in der englischen Originalausgabe an den „late Tim Hetherington“ ging. Und das meint nicht den späten, sondern den verstorbenen Tim Hetherington …

Kate Brooks
Im Lichte der Dunkelheit
Ein fotografisches Tagebuch seit 9/11
Benteli Verlag, Sulgen 2011

Walter Bosshard: China brennt

Seit ich 2002 ein Semester lang in China unterrichtet habe, betrachte ich Chinesisches mit anderen Augen. Neugieriger und skeptischer. Und mich immer wieder fragend, wie man über dieses riesige und höchst vielfältige Land überhaupt Verbindliches aussagen kann. Und mich überdies wundernd, dass ein paar wenige Auslandkorrespondenten unsere Sicht von Ländern, die wir nicht aus eigener Anschauung kennen, mitbestimmen. Was unter anderem mit ein Grund ist, weshalb uns die wirkliche Welt, die sich von der Medienwelt erheblich unterscheidet, immer wieder überrascht.

Ich bin damals mit Voreingenommenheiten in Fukkien eingetroffen, die mir wenig bewusst waren und ich gehe davon aus, dass es Walter Bosshard, als er sich 1933 in Peking niederliess, auch nicht viel anders erging. So nahm ich zum Beispiel an (meine damalige Naivität erstaunt mich noch heute), dass die Jahre, die ich in Thailand verbracht hatte, mich auf China, das schliesslich auch ein asiatisches Land ist, gut vorbereitet hätten – doch weit gefehlt: China ist eine ganz andere Geschichte. Nie war mir offensichtlicher als dort, dass es immer ums Überleben geht – da wurde, meist freudlos, um jeden Millimeter gekämpft. Von seinen eigenen Voreingenommenheiten berichtet Walter Bosshard nichts, stattdessen präsentiert er sich (das haben Auslandskorrespondenten so an sich) als Abenteurer.

„Ich habe in den letzten  zehn Jahren China von den unerforschten Gebieten des Kunlun und den Wüsten Zentralasiens bis zu den überfüllten Hafenstädten am Yangtse, von den mandschurischen Wäldern bis zu den Bambushainen des Südens bereist und kennengelernt. Ich habe die bedeutendsten Staatsmänner und Generäle getroffen. Ich bin den Massen des arbeitsamen, alten und doch ewig jungen Volkes begegnet und habe mit dem gewöhnlichsten Kuli die Mahlzeit geteilt. Ich habe mit Banditen Witze gemacht und ich zähle Priester und lebende Buddhas zu meinen Freunden.“ So klingt es heutzutage auch bei CNN. Anders gesagt: Erfolgreiche Medienleute verstehen vor allem das Sich-Selber-Anpreisen.

Mit den obigen Zeilen hat Walter Bosshard am 12. Juli 1935 seinen Vortrag im Kasino-Saal des Ullstein-Hauses in Berlin eingeleitet, wie der Herausgeber Peter Pfrunder dieses höchst aufschlussreichen Bandes – Walter Bosshard / China brennt, Bildberichte 1931 – 1939 – schreibt. Der letzte von Pfrunder zitierte Satz dieser Einleitung zeugt von einer Voraussicht, die sich mit den Jahren immer mehr zugespitzt hat. „Jedes Mal, wenn ich China verlassen hatte und dieses Reich von aussen betrachtete, wurde mir klar, dass in diesem Volk eine Energie steckt, die uns im alten Europa eines Tages gefährlich werden wird.“

Im Anschluss an Peter Pfrunders einleitenden Überblick, gliedert sich das Buch in die folgenden, chronologisch angeordneten Kapitel. 1931: Eröffnung der chinesischen Nationalversammlung. 1931-1933: Japanische Besetzung der Mandschurei. 1933-1936: Reisen ins Landesinnere. 1934-1936: Kühles Grasland Mongolei. 1937: Beginn des Zweiten Sino-Japanischen krieges. 1938: Im Roten China – Besuch bei Mao Zedong. Mobilisierung der Landbevölkerung. Song Meiling (die Gattin von Tschiang Kai-shek). Der Fall von Hankou (der provisorischen Hauptstadt).

Bosshards stilvolles Auftreten sei legendär gewesen, lese ich, und die Bilder, auf denen er in diesem Buch zu sehen ist, bezeugen das. Attraktiv, jovial, der perfekte Gastgeber sei er gewesen (auf mich wirkt er Dandy-haft), doch habe er auch eine andere Seite gehabt, eine durchaus fragile und sensible. „Bosshards Einsamkeit mag mitunter erklären, weshalb der ruhelose Fotojournalist immer wieder von Neuem einen unerhörten Aktivismus entwickelte und gerade getrieben war, sich den Gefahren und Risiken auf Expeditionen oder an der Front auszusetzen.“

Besonders interessant (nicht zuletzt, weil solche Ausführungen selten sind) fand ich Peter Pfrunders Aufklärungen zu den Bedingungen des Fotojournalismus jener Jahre und darüber, wie das Medium Film sich auf die Art und Weise wie Reportagen gestaltet wurden auswirkte. Und ebenso die Anekdoten um die Freunde und Rivalen Bosshard wie etwa Robert Capa, denn sie beleuchten in der Tat, wie Pfrunder schreibt, „die komplizierten Arbeitsbedingungen und den Druck, dem Fotojournalisten ausgesetzt waren.“ 

Auf den letzten Seiten dieses eindrücklichen Werkes geben Herausgeber Pfrunder und Madleina Deplazes, Research Curator (was es nicht alles gibt!) der Fotostiftung Schweiz, Hinweise auf den fotografischen Nachlass, welche erahnen lassen, was für eine Herkulesarbeit hinter diesem Projekt steht. Für an Fotografie und Weltgeschichte Interessierte ist dieses Buch ein wahres Juwel!

Walter Bosshard: China brennt
Bildberichte 1931 – 1939
Herausgegeben von Peter Pfrunder
Limmat Verlag Zürich / Fotostiftung Schweiz 2018

Wolfgang Korn: Die Weltreise einer Fleeceweste

„Die Weltreise einer Fleeceweste“ von Wolfgang Korn ist bei Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher erschienen, kann jedoch mit Gewinn auch von Erwachsenen gelesen werden.

Worum geht’s? Um die Hintergründe und Zusammenhänge der Globalisierung.

Wie kam es zu diesem Buch? Des Autors Verlag wollte ein Buch über die Globalisierung, doch obwohl dieser dazu schon lange eine gute Idee hatte, fehlte ihm noch der passende Hauptdarsteller. Und diesen fand er dann in der Fleeceweste. „Besser als es ein Notebook oder ein Wecker könnte, würde die abenteuerliche Geschichte meiner Weste zeigen wie heute alles mit allem zusammenhängt.“

Die Geschichte nimmt ihren Anfang in Dubai. Wieso in Dubai? Weil da das Erdöl zutage tritt, aus dem einmal eine Fleeceweste wird. Eine Fleeceweste aus Erdöl, wie soll das gehen? Durch Erhitzung wird aus Erdöl Polyethylen und andere Kunststoffe gewonnen. Aus diesen entstehen dann Einkaufstüten, Verpackungen für Lebensmittel und Chips, Gehäuse von Handys, Walkmen, Notebooks und anderes mehr.

Weiter geht es nach Bangladesh, wo in einem Schmelzofen, „in dem gerade ein Teil PET-Granulat, das aus unserem Rohöl gewonnen wurde, und ein Teil recycelter PET-Rohstoff aus Deutschland zusammen erhitzt werden“, um in der Folge ganz dünne Polyesterfäden auszuscheiden, die dann gehärtet (doch sie bleiben elastisch) und auf Spulen aufgerollt werden. Und weiter geht es in die Weberei, wo die Westen genäht werden.

Die nächste Station ist Singapur, der grösste Containerhafen der Welt. Und von da weiter, mit einigen Zwischenstationen, bis nach Senegal … Dieses instruktive Buch erläutert nicht nur wie heutzutage alles miteinander zusammenhängt, es liefert darüber hinaus viel hilfreiche Aufklärung darüber, was die Medien unterlassen, uns mitzuteilen. Etwa, dass es in Bangladesh nicht nur Überschwemmungen, Hunger und regelmässig sinkende Fähren gibt, sondern „auch Strände, Parklandschaften, sogar Berge und Wälder, in denen noch Bengalische Tiger leben.“

Wolfgang Korn
Die Weltreise einer Fleeceweste
Eine kleine Geschichte über die grosse Globalisierung
Bloomsbury, Berlin 2009

Sadhguru: Die Weisheit eines Yogi

Sadhguru, geboren im südindischen Mysore als Sohn eines Arztes und einer Hausfrau, war ein neugieriges Kind, das die Schule öde fand, und lieber auf eigene Faust die Welt erkundete. Und sich wohl nicht zuletzt deswegen zu einem sehr eigenständigen Denker entwickelt hat.

Die Frage nach dem Was und Warum hat ihn nie interessiert, ihn beschäftigte immer nur das Wie. Er lernte, „einfach ohne jedes Motiv hinzuschauen“, eine Fähigkeit, die heute in der Welt fehlt. Und er begriff, dass wie er sein Leben leben wollte, in seiner Hand lag.

Ursprung und Basis jeder menschlichen Erfahrung liegt in unserem Inneren. „Jede menschliche Erfahrung ist zu hundert Prozent von uns selbst geschaffen.“ Und das bedeutet, das wir unser Schicksal selber gestalten.

Als ein Teilnehmer einer internationalen Konferenz über Armut auf der Erde, provokativ fragte: „Wieso versuchen wir überhaupt, solche Probleme zu lösen? Ist das nicht alles der göttliche Wille?“ antwortete Sadhguru: „Tja, wenn jemand anders stirbt oder hungrig ist, muss es wohl der göttliche Wille sein. Aber wenn Ihr eigener Magen leer ist, wenn ihr eigenes Kind an Hunger stirbt, werden Sie doch etwas unternehmen, oder etwa nicht?“

Sadhguru ist praktisch unterwegs, theoretische Überlegungen hält er für wenig relevant, persönliche Verantwortlichkeit ist ihm zentral. „Bei Verantwortlichkeit geht es schlicht um deine Fähigkeit, bewusst zu reagieren. Wenn du beschliesst: ‚Ich bin verantwortlich‘, dann besitzt du diese Fähigkeit; wenn du beschliesst: ‚Ich bin nicht verantwortlich‘, dann besitzt du sie nicht.“

Das ist nicht einfach eine Wort- oder Gedankenspielerei, das ist eine Realität, denn: „Sobald du dich verantwortlich fühlst, wirst du unweigerlich Möglichkeiten erkunden, mit der Situation umzugehen. Du wirst nach Lösungen suchen. Wenn du diese Haltung häufig einnimmst, verbessert sich kontinuierlich deine Fähigkeit, deine Lebenslage zu gestalten.“

Jeder Mensch, so Sadhguru, lebe ständig in einem Zustand des Mangels. Nichts sei ihm genug, immer wolle er mehr. Sein wahres Bedürfnis sei jedoch grenzenlose Ausdehnung. „Die meisten Menschen sind sich der Natur ihrer Sehnsucht nicht bewusst. Wenn diese einen unbewussten Ausdruck annimmt, sprechen wir von Gier, Bestreben, Ehrgeiz. Findet unsere Sehnsucht hingegen einen  bewussten Ausdruck, nennen wir das Yoga.“

Im Yoga geht es um Selbstharmonisierung. Wie man diesen bewussten Weg der Selbstentdeckung und Selbstfindung geht, erläutert Sadhguru im zweiten Teil dieses Buches. Dabei stellt er auch Sadhanas (Übungen) vor, die ich wunderbar hilfreich finde. Hier ein Beispiel:
„Setze dich einige Minuten vor eine Pflanze, zum Beispiel einen Baum. Erinnere dich daran, dass du das einatmest, was er Baum ausatmet, und das ausatmest, was der Baum einatmet. Auch wenn das keine bewusste Erfahrung darstellt, kannst du so eine geistige Verbindung zu diesem Baum herstellen. Du kannst das mehrmals täglich wiederholen. Nach einigen Tagen wirst du dich allmählich mit allem, was dich umgibt, auf eine neue Weise verbinden. Das wird nicht auf einen einzelnen Baum beschränkt sein.“

Die Weisheit eines Yogi ist nicht nur ein eindrücklicher Augenöffner, sondern auch eine überzeugende praktische Anleitung für ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben.

Sadhguru
Die Weisheit eines Yogi
Wie innere Veränderung wirklich möglich ist
O.W. Barth, München 2017

Huang Nubo: Herr Huang in Deutschland

Der chinesische Unternehmer, Bergsteiger und Dichter Huang Nubo möchte so viel wie möglich von der Welt sehen und nimmt sich vor, innerhalb von zehn Jahren alle 759 UNESCO-Weltkulturerbestätten zu besuchen. Ausgestattet mit Kamera und Diktiergerät beginnt er mit Deutschland, für das er grosse Bewunderung hegt, der effizienten Arbeitsweise und Höflichkeit der Deutschen wegen. Herr Huang in Deutschland  berichtet von seiner Begegnung mit der Realität.

Herr Huang reist mit einem Punktesystem. Das Gepäcksystem der Lufthansa erhält auf einer Skala von eins bis zehn gerade mal einen Punkt, der Service am Schalter hingegen neun. „Die junge Chinesin kommunizierte kompetent, war sehr freundlich, zwischenmenschlich absolut fit und gab uns geduldig Anweisungen zur Gepäckabgabe.“ Von der ersten Klasse zeigt er sich dann regelrecht begeistert. „Es gab alles, was das Herz begehrte.“

Herr Huang in Deutschland ist höchst vergnüglich zu lesen. Und das hat viel mit Huang Nubo zu tun, der weniger durch seine Schreibkunst überzeugt, als dadurch, dass er über so ziemlich alles und jedes eine Meinung hat und diese auch ungeniert zum besten gibt. Was mich für ihn einnimmt, ist seine Neugier und sein breiter Horizont.

In Wismar macht er sich Gedanken über den Tod, die fehlende Achtung der Menschen voreinander („Ein Leben wird nicht mehr als wertvoll erachtet, eine andere Person wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, man sieht in jedem nur noch den Feind.“) und darüber, dass in China die Städte keine eigenen Merkmale mehr haben und alle gleich aussehen: „Ein Phänomen wie in Korea, wo sich die Mädchen alle künstlich verschönern lassen und am Ende nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind, weil sie alle gleich aussehen. Wenn aber alles gleich schön aussieht, was bedeutet diese Schönheit dann überhaupt noch‘.“

Er sieht hin, stellt Fragen und vergleicht was er sieht und hört mit dem heimatlichen China. Er setzt sich zu ein paar Punks auf die Strasse, trinkt mit ihnen ein Bier und denkt über Foucault nach, der gemeint hat, jeder moderne Mensch sei geformt und diszipliniert und in seiner ursprünglichen Form im Grunde genommen ausgelöscht worden.

In Lübeck besucht er das Buddenbrookhaus und ist enttäuscht, auch darüber, dass alle Hinweisschilder auf Deutsch waren. „Hinterher habe ich mir gedacht: Es wäre doch toll, wenn man sich gleich beim Eingang eine chinesische Broschüre mitnehmen könnte. Dann würden die Touristen mehr erfahren, anstatt genau wie ich nur verwirrt auf Bilder zustarren, nicht zu wissen, wer da eigentlich wer auf dem Foto ist, danach eine kleine Runde umherzuirren, nur um dann genauso klug wie zuvor das Museum wieder zu verlassen.“

Meine Erfahrung mit offiziellen chinesischen Essen ist, dass ein solches genau eine Stunde dauert. Kein Wunder also, dass es Herr Huang fast nicht fassen kann, dass ein viergängiges Menu in Deutschland geschlagene vier Stunden dauert. „Ein ganz ermattender Prozess – man isst sich müde …“

Was ich hier gerade auszugsweise wiedergegeben habe, sind einige der Ereignisse der ersten beiden Tage von Huangs insgesamt 26 Tage dauernden Reise. Mögen sie zur Lektüre dieses wunderbar informativen und unterhaltenden Buches anregen!

Doch beifügen will ich noch dies: so unterhaltsam und zum Schmunzeln verführend dieses Buch auch ist, es ist viel mehr als das. Nämlich eine höchst instruktive Anregung, einmal einen kritischen Blick auf das eurozentrische Denken zu werfen. Ich jedenfalls fand in Huangs Ausführungen ganz vieles, das mich auf noch nie bedachte Selbstverständlichkeiten aufmerksam machte. Ein Beispiel: „Im Westen gibt man sich zur Begrüssung die Hand wie früher verfeindete Parteien, weil man dadurch signalisiert, keine Waffe zu tragen. Es ist eine Methode, um Hass zu vermeiden. Im Osten, zum Beispiel in China, faltet man die Hände und verbeugt sich leicht. Damit drückt man aus: ‚Ich bin höflich zu dir, sei auch du nett zu mir‘.“

Huang Nubo
Herr Huang in Deutschland
Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe
Georg Olms Verlag, Hildesheim-Zürich-New York 2015

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