Eric Klinenberg: 2020

Verschiedene Länder haben ganz unterschiedlich auf Covid-19 reagiert. Der Soziologe Eric Klinenberg ist der Frage nachgegangen, weshalb sich in den USA, trotz ähnlicher Massnahmen (Büros wurden geschlossen, Grenzen abgeriegelt, das gesellschaftliche Miteinander eingeschränkt) ganz andere Phänomene zeigten als in anderen Ländern. „… verzeichnete kein anderes Land als die USA einen Rekordanstieg bei Tötungsdelikten. Nirgendwo sonst gab es einen Anstieg tödlicher Autounfälle. Und selbstverständlich erlebte auch kein anderes Land einen sprunghaften Anstieg der Waffenverkäufe.“ Woran liegt es, dass die USA ein so aussergewöhnlicher Nährboden für Aggressionen darstellt?, fragt Autor Klinenberg. Andererseits: Was wissen wir denn über Staaten, die von Informationsfreiheit weit entfernt sind wie etwa Russland, China, Iran, Saudi Arabien etc.?

Wir benötigen eine „gesellschaftliche Autopsie“, meint Eric Klinenberg, als „eine Untersuchung der gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Organe, die im Jahr 2020 kollabierten“ und in mir denkt es: Nein, bitte keine neuen Untersuchungen, die dann sowieso in der Schublade verschwinden. Was er dann jedoch hauptsächlich vorlegt, ist, „auf welche unterschiedliche Weise ganz normale Menschen die Pandemie erlebt haben.“ Und das ist sehr spannend …

Die Schulleiterin May Lee, 59, in Chinatown, tat, was gut vernetzte Chinesen tun: „Wenn du von einem tödlichen Virus erfährst, hör genau hin, was die Regierung sagt, und geh davon aus, dass die Situation viel schlimmer ist, als die Regierung zugibt. Schütze dich und deine Familie. Vertraue niemandem ausser deiner Familie und deinen Freunden.“

Fotograf Brandon English, 33, der über einem Bestattungsunternehmen lebte und es als surreal empfand, „von der greifbaren Wirklichkeit so vieler Tode überschwemmt zu werden, während Skeptiker, darunter der Präsident, überall im Fernsehen und in den sozialen Medien verkündeten, das Virus wäre überhaupt nicht gefährlich und würde bald einfach verschwinden.“

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte bietet einerseits packende, detaillierte Aufklärung – so war mir vieles, obwohl ich mich für recht gut informiert hatte, komplett neu, wie etwa der offene Rassismus von Piers Morgan – und andererseits viel akademische Arroganz, die zu wissen vorgibt, wie man die Dinge hätte angehen sollen. Nur eben: Soziologen wir Eric Klinenberg wissen bestenfalls, was die Daten hergeben. Und das meint: Das Wesentliche bleibt ihnen zumeist verborgen. Erfreulicherweise erfährt man dies auch aus diesem Buch: „ … war den taiwanischen Behörden klar, dass sie die Katastrophe nicht durch hilfreiche politische Entscheidungen abgewendet hatten – sie hatten schlicht Glück gehabt.“

Journalismus sei nichts als lautes Getöse, das einfach begleite, was sowieso geschehe, habe ich einmal gelernt. Das liesse sich ebenso von diesem Werk sagen, das sich sehr differenziert ganz unterschiedlichen Aspekten von Corona annimmt, doch letztlich wortreich zudeckt, dass der Mensch mit den verschiedenen Ausprägungen des Lebens schlicht überfordert ist. Speziell was die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten und die Johnson-Regierung im Vereinten Königreich boten, war ein Trauerspiel erster Güte, geprägt von Ignoranz und Inkompetenz.

Irritierend an diesem Werk ist das Vertrauen, das Sozialwissenschaftler in ihre Untersuchungen setzen, denn diese beruhen wesentlich auf Umfragen bzw. Befragungen. Wie falsch diese liegen können (kein Mensch weiss, warum er tut, was er tut), zeigte sich zum Beispiel bei der Wahl von Trump, die, soweit ich mich erinnere, niemand vorhergesehen hatte. Auffallend ist auch, dass die meisten Untersuchungsergebnisse in der Regel nur bestätigen, was man eh schon weiss. „Es geht nicht darum, sich in Krisenzeiten un Einigkeit und Verständnis zu bemühen, sondern hauptsächlich um Schuldzuweisungen.“

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte ist auch Ausdruck ganz unterschiedlicher Wertvorstellungen. Etwa bei der Frage des Maskentragens. „Nicht kulturelle Unterschiede, sondern die Politik war es, die die Maske im ersten Pandemiejahr immer wieder zur Ursache der Zwietracht in den USA machte.“ Nur eben: In der Politik manifestieren sich kulturelle Unterschiede.

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte ist nicht zuletzt ein Werk, das fassungslos macht. Und wütend. Ich meine das positiv. Denn die geballte Unwissenheit, Dummheit und Kurzsichtigkeit „unserer“ Interessenvertreter gehört konfrontiert, auch wenn sie schwer zu ertragen ist. Genauso schwer übrigens wie unsere eigene Unwissenheit, Dummheit und Kurzsichtigkeit, die solche Regierungen möglich macht.

2020. Das Jahr, das die Welt veränderte macht auch deutlich, dass der Mensch definitiv kein zivilisiertes Wesen ist, denn dazu würde gehören, seine Lage im Universum nüchtern zu bedenken. Wie schrieb doch Pauline Melville in Der Bauchredner (2000) so überaus treffend: Meiner Meinung nach ist das Virus der König auf diesem Planeten, und wir sollten uns nach ihm richten. Der Mensch existiert nur als Gast dieses Meisters der Quantensprünge, der sich so hervorragend an das anpasst, was er nicht vorhergesehen hat.

Für mich lohnt sich dieses Werk hauptsächlich der sieben sehr verschiedenen Porträts wegen, sieben Personen aus unterschiedlichen New Yorker Stadtteilen, die darüber berichten, wie sie mit der Pandemie umgegangen sind. Das ist exzellenter Journalismus und hat gegenüber der politischen Kritik den Vorteil, dass konkret nachvollziehbar ist, was vorgefallen ist und was nicht. Die politische bzw. soziologische Analyse beschränkt sich dagegen weitestgehend darauf, die Anordnungen der Regierung darzustellen. Ob und wie diesen Anordnungen Folge geleistet wurde, erfährt man hingegen nicht – weil man es schlicht nicht weiss.

Wir Menschen vergessen schnell. Gut also, dass es dieses Buch gibt, das uns daran erinnert, dass wir meist trotz „unserer“ Interessenvertreter überleben, dass ein System nur so gut ist wie die Leute, die es bedienen. Und vor allem: Dass wir nichts wirklich im Griff haben, gegen nichts wirklich gefeit sind. Und uns letztlich nichts anderes bleibt, als so anständig wie möglich durchs Leben zu gehen.

Eric Klinenberg
2020
Das Jahr, das die Welt veränderte
Droemer, München 2024

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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