Simon Borowiak: Alk

Ein gut geschriebenes, informatives und witziges Buch, bei dem ich ab und zu Tränen gelacht habe. Zum Beispiel bei diesem Abschnitt hier:

„Szene: Entgiftungsstation, Sitzungszimmer. Alle Patienten zusammengetrommelt, Auftritt dreier Abgeordneter einer Shg. (Selbsthilfegruppe). Das Dreigestirn bestand aus einer Frau und zwei Männern, von denen einer original aussah wie Spencer Tracy. Die Frau stellte sich vor als seit 16 Jahren trocken, sah dafür aber einen Hauch zu verquollen aus und hatte – wie später die Patienten aus der ersten Reihe berichteten – eine Fahne. Spencer Tracy sprach geordnet, appellierte an alle, unbedingt eine Shg zu besuchen, egal welche, Hauptsache Shg, obwohl er, Spencer, schon seit Jahren nicht mehr hingehe, aber es helfe enorm weiter. Danach erzählte er, wie das Verhältnis zu seiner Geschiedenen so läuft; man sei noch weiterhin befreundet, aber eigentlich melde sie sich nur noch bei ihm, wenn sie Geld brauche. Der Dritte ergriff das Wort und schilderte seinen Werdegang. Das heisst: vermutlich war es sein Werdegang. Denn dem Dialekt nach stammte er aus einem bisher unerforschten Teil der Eifel und war definitiv nicht zu verstehen bis auf die Brocken ‚Führerschein‘ und ‚Führerschein weg‘.
Nach zwei Stunden torkelten wir zurück auf die Station. Manche waren empört über das Trio, andere für die sofortige Verleihung eines Kleinkunst-Preises.“

Simon Borowiak ist ein durch Erfahrung Gestählter, er weiss, wovon er schreibt – und genau deshalb lohnt sich die Lektüre. Und weil er schreiben kann. Und gute Vorschläge macht. So mag er zum Beispiel das Wort „Krankheitseinsicht“ nicht. Stattdessen plädiert er für „ALK-Bewusstsein.“ Der Unterschied? Bei „Krankheitseinsicht“ assoziiert er „ins Direx-Zimmer gerufen werden, Geständnis mit hängendem Kopf und Brief an die Eltern“. Und: „Auch durfte ich in Therapien erleben, wie kurzfristig entgleiste Hobby-Trinker so lange mit diesem Schlagstock traktiert wurden, bis sie mit gebrochener Stimme zugaben Alkoholiker zu sein (Was sie – wie die Zeit zeigte – gar nicht waren)“. Bei „ALK-Bewusstsein“ denkt er hingegen an Worte wie positiv, aktiv, selbstbestimmt und Entwicklung.

À propos ALK-Bewusstsein, unter diesem Titel hält Borowiak fest: „Ich habe nie davon gehört, dass jemand eine Zahnarztpraxis verlassen und – vor Schmerzen zusammengerollt wie ein saurer Hering – gerufen hätte: ‚Der Arzt spinnt! Ich hab doch niemals eine Wurzelentzündung!’“ Besser kann man gar nicht illustrieren, worin ein Grundproblem der Alkoholsucht liegt, der Verleugnung.

Wer gegen seinen Alkoholismus angehen will, dem stehen keine Patentrezepte zur Verfügung. Das dürfte mittlerweile bekannt sein. In Borowiaks Worten: „Die erfolgreiche Behandlung ist russisches Roulette …“ Das kommt der Wahrheit (wenn es sie denn geben sollte) ziemlich nahe.

In „Alk“ werden übrigens auch vielfältige Begriffe geklärt. Zum Beispiel „Komorbidiät“. Das meint: „Was war früher da – Ei oder Henne? Depression oder Sucht?“ Oder anders gefragt: Was ist die Hauptmeise und was die Kollateral-Meise? Manche Therapeuten glauben offenbar, solches unterscheiden zu können …

Fazit: ein vergnügliches und lehrreiches Buch.

Simon Borowiak
Alk
Fast ein medizinisches Sachbuch
Wilhelm Heyne Verlag, München 2007

Tom Franklin: Wilderer

Tom Franklins Krumme Type, krumme Type hat mich nicht zuletzt auch deswegen beeindruckt, weil ich mich bei den Naturschilderungen so recht eigentlich mit vor Ort fühlte, ein Eindruck, der sich auch bei den vorliegenden Geschichten wieder einstellte. Übrigens: „Ich weiss natürlich, dass Arkansas für die meisten Leuten zum Süden zählt, aber es ist nicht mein Süden – der mir bis heute im Blut liegt und meine Vorstellungswelt bestimmt, der Süden, in dem diese Geschichten spielen – ist das südliche Alabama, üppig, grün, und voller Tod, die zahlreichen Countys zwischen dem Alabama und dem Tombigbee River.“

Die Vorstellung, eine Gegend könne einem im Blut liegen, finde ich faszinierend und eigenartig, wohl weil mir solche Gefühle gänzlich abgehen. Doch mit Tom Franklin in diesen Wäldern unterwegs zu sein, regt meine Wahrnehmung an – und deswegen lese ich unter anderem Bücher.

Wilderer macht mich immer mal wieder laut heraus lachen. „Glen – ein zweiundvierzigjähriger von Magengeschwüren geplagter, unter Schlaflosigkeit leidender halber Alkoholiker und notorischer Spieler – liess sich Roys Idee an jenem Abend in seiner winzigen Wohnung durch den Kopf gehen, indem er drei Sixpacks Bud Light trank…“. Ein halber Alkoholiker? Echt jetzt?! Für mich klingt er eher nach einem vielfältig Abhängigen, wovon Alkohol und Spiele nur gerade die offensichtlichsten Manifestationen sind. „Glen hatte insgesamt vier Ex-Frauen und war noch immer in jede von ihnen verliebt.“

Die Geschichten in diesem Band handeln vom Aufwachsen und Sich-Behaupten-Müssen, von Spielschulden, Erpressung und illegalen Kies-Verkäufen, von Voodoo, Gerüchten und Aberglauben und und und. Was sie ausmacht und zusammenhält, ist das Atmosphärische. Tom Franklin vermittelt einem das Gefühl (klar doch, ich spreche von mir), vom richtigen Leben zu erzählen. Und das meint unter anderem, von einem gewalttätigen Amerika, das sich im Alltag zeigt, sei es bei der Jagd, sei es, dass einer mit Messern nach einem Gürteltier wirft (um ein vergleichsweise ‚harmloses‘ Beispiel zu nehmen), sei es, dass einer in den Wald fährt und Katzen erschiesst – die Gewalt scheint in diesem Amerika ständig in der Luft zu liegen.

Dass mir diese Geschichten so realistisch vorkommen, finde ich umso bemerkenswerter, als ich mir vorstelle, dass das Leben des Universitätslehrers Tom Franklin verschiedener von den Leben der Fabrikarbeiter und Säufer, die er so überzeugend schildert, vermutlich kaum sein könnte. Ein Triumph des Einfühlungsvermögens!

Eintönig und dumpf sind die in Wilderer geschilderten Leben. Und voller Absonderlichkeiten. Was das für Ballons seien, die da rumschwimmen, will der Fahrer eines Schulbusses wissen, der vor einem Klärwerk angehalten hat. „Kondome“, sagte Henry und erklärte, dass der Mann nach dem Sex oft einen Knoten in den Gummi mache und ihn die Toilette runterspüle. Im Abwassersystem werde es dann warm, fuhr er fort. Im Gummi bildeten sich Gase und dehnten sich aus, und wenn die Gummis dann aus der Kanalisation in Vorklärbecken kämen, schwämmen sie wie Ballons.“

Die für mich gelungenste Geschichte, Wilderer handelt von den drei Gates-Brüdern aus den Sumpf-Gebieten, in denen eigene Gesetze, die mit der staatlichen Ordnung wenig zu tun haben, herrschen. Ich fühlte mich an Mariane Pearls Ein mutiges Herz erinnert, die über einen pakistanischen Warlord festhielt: „Als wir ihn fragten, ob er die Absicht habe, Musharraf zu gehorchen, reagierte er amüsiert, als ob wir ihm einen Witz erzählt hätten.“

Nachdem der Vater der Gates-Brüder sich umgebracht hatte, waren die drei, ihre Mutter war vor einigen Jahren gestorben, auf sich gestellt aufgewachsen. Der Ladenbesitzer Kirxy nahm sich ihrer an und stellt sich auch an ihre Seite, als der Sumpf die Leiche des Wildhüters freigibt und die drei ins Visier der Behördenwillkür geraten. Was dies bedeutet, schildert Tom Franklin eindrücklich.

Tom Franklin
Wilderer
Pulp Master, Berlin 2020

Percival Everett: Ausradiert

Es gilt eine Entdeckung anzukündigen: „Ausradiert“ von Percival Everett, ein facettenreicher Lesegenuss erster Güte.

Die Rahmenhandlung geht so: dem Schriftsteller und Afroamerikaner Thelonius „Monk“ Ellison wird vorgeworfen, dass seine Bücher nicht nur schwer verständlich, sondern vor allem nicht schwarz genug seien, zu wenig Ghettoliteratur eben. Ihm selber ist genau diese (von Kritik und Publikum begeistert aufgenommene) total widerlich. Da er jedoch mit seinen eigenen, reichlich abgehobenen Texten kein Publikum findet, setzt er sich eines Tages hin und schreibt, unter einem Gangsta-Pseudonym, selber einen äusserst erfolgreichen Ghettoroman (den man übrigens unter dem Titel „Mein Ding“ auch in diesem Buch findet), den er als Parodie versteht.

Eine originelle Idee, sicher, und auch gut umgesetzt, und schon deshalb lohnt die Lektüre, doch was das Buch für mich so aussergewöhnlich und empfehlenswert macht, ist was anderes: dass da nämlich eine Vielzahl ganz verschiedener Geschichten erzählt und trotzdem die Spannung bis zum Schluss durchgehalten wird (nein, es ist kein Thriller, es ist einfach gut erzählt). Hier ein paar Stichworte zu dem, was auch in diesem Buch vorkommt: Gedanken über Holzarbeit und über’s Schreiben, Kurz-Dialoge zwischen Rothko und Resnais, Rauschenberg und de Kooning, Wilde und Joyce, Betrachtungen zum Literaturbetrieb und und und … Und das alles soll zusammengehen? Ja, das tut es. Weil der Percivel Everett nicht nur wunderbar schreiben kann, sondern auch was zu erzählen hat. Dazu kommt, dass das Buch auch noch witzig ist.

So beschreibt sich der Protagonist selber (aus Anlass seiner Aufnahme in die Jury einer Literaturpreises):
Autor von fünf Büchern. Weitgehend ungelesene, experimentelle Erzählungen und Romane. Als anspruchsvoll und oft unzugänglich betrachtet. Bekannt für seinen Roman Das zweite Scheitern. Ein einsamer Mann, der offenbar alle Freunde verloren hat. Besucht täglich seine Mutter, auch wenn sie vergessen hat, wer er ist. Kann nicht mit seinem Bruder reden, weil der ein Idiot ist. Kann nicht mit seiner Schwester reden, weil sie tot ist. Zu verwirrt, um tatsächlich depressiv zu sein. Mag Angeln und Holzarbeit. Sucht nach einer allein stehenden Frau mit ähnlichen Interessen. Lebt in der Hauptstadt.

Und so charakterisiert er den Jury-Vorsitzenden: Autor von sechs Romanen, sein letztes Buch war ein erzählendes Sachbuch mit dem Titel Die Zeit verrinnt, über seine Frau, bei der Krebs diagnostiziert wurde. Am Ende ist sie nicht gestorben und ihre Geheimnisse, die er offenbart hat, haben dazu geführt, dass sie sich scheiden liess, sodass die Literaturwelt mit Spannung sein kommendes Buch, Mein Fehler, erwartet. Er ist Professor an der Universität von Alabama.

Hier noch ein paar weitere Kostproben:
Früher suchte ich in allem eine tiefere Bedeutung, dachte, ich würde mich wie ein hermeneutischer Detektiv durch die Welt bewegen, doch als ich zwölf war, habe ich damit aufgehört. Auch wenn ich es damals nicht ausdrücken konnte, ich habe seither erkannt, dass ich jede Suche nach einer Erklärung dessen aufgegeben habe, was man subjektive oder thematische Bedeutungsschemata nennen könnte. Stattdessen habe ich sie durch die reine Schilderung von spezifischen Fallbeschreibungen ersetzt, aus denen ich zumindest Schlüsse ziehen konnte, wie vage diese auch immer waren, die mir erlaubten, die Welt, so wie sie auf mich einwirkte, zu verstehen. Mit anderen Worten, ich habe gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen. Mit noch anderen Worten, mir war alles egal.

Eine Männerstimme sprach zu Bill (des Autors Bruder) und er antwortete, nannte den Mann ‚Liebling‘. Ich konnte nicht verleugnen, dass es mich schaudern liess, dies zu hören, und ich fühlte mich schlecht wegen meiner Reaktion.

Marilyn goss Kaffee ein …
„Es tut mir leid, dass ich gestern nicht angerufen habe.“
„Ich nahm an, du seist beschäftigt“, sagte ich.
„Clevon und ich haben uns jetzt offiziell getrennt.“
Diese Neuigkeiten gefielen mir, aber ich war unsicher, wie ich reagieren sollte.
Nach einer kurzen Pause sagte Marylin: „Ich muss dir trotzdem sagen, dass wir in jener Nacht miteinander geschlafen haben.“
Warum musste sie mir das sagen? Ich musste es nicht wissen und konnte auch ohne diese Information ganz gut auskommen. Hätte ich es nicht gewusst, es hättte mich auch nicht gekümmert, doch nun musste es mich kümmern. Es kümmerte mich, was er für sie bedeutete, was ich ihr bedeutete, ob sie oben gelegen hatte oder er, ob sie einen Orgasmus gehabt hatte oder mehr als einen, wie gross sein Schwanz war, warum sie es mir gesagt hatte. Ich betrachtete den abgenutzten Holztisch, verzogene Kiefernlatten mit einem auf Gehrung gesägten Rand aus Ahorn. Eine merkwürdige Zusammenstellung. Ich liess meine Finger über die abgerundete Kante vor mir gleiten. „Ich nehme an, solche Dinge passieren einfach“, sagte ich.
„Ich habe erkannt, dass er mir nichts bedeutet.“
Ich nickte. „Eine gute Erkenntnis.“ Wenn auch spät.

Percival Everett
Ausradiert
Jens Seelig Verlag, Frankfurt am Main 2008

Rolf Lyssy: Swiss Paradise

Wüsste man nicht, dass der Autor dieses autobiografischen Berichts Filmemacher ist, würde man es nach diesem fulminanten Auftakt vermuten: „Ich hätte mich ohrfeigen können. Freiwillig war ich in die Klinik eingetreten, auf Anraten meines Psychiaters Dr. K. Zuvor hatten wir es drei Monate lang mit ambulanter Gesprächstherapie und Psychopharmaka versucht. Vergeblich.“ Wer würde da nicht wissen wollen, wie es weitergeht? Rolf Lyssy, es ist offensichtlich, hat ein Händchen für Dramaturgie.

„Swiss Paradise“ berichtet von einer Höllenfahrt in einen „endlosen schwarzen Tunnel“ und beschreibt unter anderem wie Lyssy sich an der Premiere von Fredi Murers Spielfilm Vollmond seltsam entrückt fühlte: „Ich nahm zwar alle und alles wahr, gleichzeitig hatte ich den Eindruck, als ob ich nicht dazugehörte, als ob unsichtbare Wände zwischen mir und den Menschen bestehen würden.“ Er erhält die Diagnose schwere Depression, kriegt Medikamente verschrieben, kann jedoch vorerst keine Wirkung erkennen. Eine Randbemerkung: wer sich dafür interessiert, weshalb Anti-Depressiva häufig nicht wirken, sollte James Davies‘ Cracked. Why Psychiatry is Doing More Harm Than Good  lesen.

In der Klinik erhält er den Rat, seinen inneren Widerstand gegen die Krankheit aufzugeben. Und natürlich wehrt er sich dagegen, weil er, wie fast alle, die unter psychischen Störungen leiden, nicht versteht (kein Wunder, woher auch?), dass das Akzeptieren der Störung die Grundbedingung für eine mögliche Genesung ist.

Ohne Hoffnung sei der Mensch prinzipiell nicht lebensfähig, schreibt Lyssy. „Wenn der Mensch nicht mehr hoffen kann, aus was für Gründen auch immer, dann vegetiert er nur noch.“ Das sehe ich ganz anders. So sehr wir Erwachsenen die Hoffnung auch brauchen, so sehr hindert sie uns eben auch, gegenwärtig, ganz im Hier und Jetzt, zu sein.

Seine Tage in der Klinik sind geprägt von Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, und Entscheidungsunfähigkeit. Auf das routinemässige Erkunden des Arztes nach Schlaf, Appetit, Verdauung und Grübelzwang, antwortet er „genauso routinemässig: ‚Ich schlafe gut, mein Appetit ist ausgezeichnet, die Verdauung funktioniert nicht, der Grübelzwang hält unvermindert an.‘ Und alles nur dank der Chemie, aber das behielt ich für mich. Tatsächlich äusserte sich als Nebenwirkung der Medikamente mein ‚ausgezeichneter Appetit‘ in Form eines derart intensiven Hungergefühls, wie ich es nie zuvor gekannt hatte …“.

À propos Entscheidungsunfähigkeit: Lyssy schildert diese sehr detailliert und auch deswegen gut nachvollziehbar. Und wunderbar anschaulich: „Mein Hirn hatte etwas von einem Netz, prall gefüllt mit zappelnden Fischen, die nach Wasser schnappten.“

Immer mal wieder verspürt er Angst, er müsste womöglich für ewig in der Klinik bleiben. Lithium und Schlafentzug werden als Therapie vorgeschlagen. Er erinnert sich an die freimütige Aussage eines Mediziners, dass psychiatrische Therapie nichts anderes als trial and error  sei, und meint trocken, mit der error-Erfahrung sei er mittlerweile vertraut. Was ihn schliesslich rettet und von der Depression erlöst, ist eine Mischung unterschiedlichster Faktoren zu denen Lithium, die sich an der unmittelbaren Gegenwart orientierende Verhaltenstherapie und die Zeit gehören.

„Swiss Paradise“ erzählt die Geschichte von Rolf Lyssys Depression eingebettet in seine bewegende Familiengeschichte (das Buch enthält auch den gut geschriebenen und beeindruckenden {wiewohl lückenhaften, der Sohn weist darauf hin wie auch auf seine diesbezüglichen Recherchen} Lebensbericht der Mutter, einer deutschen Jüdin mit russischen Wurzeln, die es in jungen Jahren in die Schweiz verschlug) und in ein Stück Schweizer Filmgeschichte, womit dieses Werk, wie es Urs Widmer im Vorwort formuliert, „ein gewaltiges Stück Welthaltigkeit hinzu“ gewinnt. Und darüber hinaus klar macht, dass eine seelische Krankheit nie isoliert, sondern immer auch im grösseren Ganzen gesehen werden muss.

Rolf Lyssy
Swiss Paradise
Ein autobiografischer Bericht
Rüffer und Rub Verlag, Zürich 2001

Maja Linnemann: Letzte Dinge

Tod und Bestattungskultur in China“ lautet der Untertitel dieses Buchs von Maja Linnemann, die in ihrer Einführung auch auf einen 2012 erschienen wissenschaftlichen Sammelband hinweist, in dem es um aktuelle Bestattungstrends in Japan, Korea und der Volksrepublik China geht, dessen Titel für den heutigen Umgang mit dem Tod symptomatisch ist:  Invisible Population: the Place of the Dead in East Asian Megacities.  Erinnert hat mich dies auch an ein Gespräch mit einem Bekannten, der mich darauf aufmerksam machte, dass Friedhöfe in der Schweiz schon vor langem an den Stadtrand verlegt worden seien. Wie offenbar auch in China.

Dass der Tod zum Leben gehört, wird heute weltweit immer weniger akzeptiert. Stattdessen hält man ihn für etwas, dem wir tunlichst aus dem Weg gehen, mit dem wir uns lieber nicht auseinandersetzen sollen. Doch das Leben im Nicht-Wahrhaben-Wollen, in Illusionen (die einzige Gewissheit, die wir haben, ist, dass wir alle sterben) hat natürlich seinen Preis – die Angst. Dieses Leben in Angst ist uns meist nicht bewusst, doch im Schlaf holt sie uns alle ein.

Leben bedeutet Wandel und ständige Veränderung, und dies zeigt sich auch auf den Friedhöfen beziehungsweise der Friedhofsgestaltung, die auch vom Zeitgeist (alles muss sich rentieren) geprägt ist. Siehe dazu das Kapitel „Das Geschäft mit dem Tod“.

Maja Linnemann hat zwischen 2018 und 2020 an verschiedenen Orten in China Friedhöfe besucht und auch an Beerdigungen teilgenommen. Und sie hat sich viele Fragen gestellt. „Was geschieht mit den rund zehn Millionen Menschen, die jedes Jahr in der VR China sterben? Wo kommen die vielen Toten hin, auf dem Land, in den Kleinstädten und Metropolen? Welche Formen der Bestattung gibt es? Welche Entscheidungen treffen die Angehörigen? Wie sind die Einstellungen zum Tod? Und wie läuft eine ’normale‘ Trauerfeier ab? Was sind die neuen Trends? Was beinhaltet die Bestattungsreform? Welche gesetzlichen Regelungen bestimmen den Umgang mit den Toten, welche traditionellen Rituale, die zu zerschlagen sich die Bestattungsreform zum Ziel gesetzt hat, haben ‚überlebt‘, sich angepasst oder wurden durch welche neuen Rituale ersetzt? Wie sehen die Friedhöfe aus?“

Es versteht sich: Einige dieser Fragen sind nicht wirklich beantwortbar. Etwa: „Welche Entscheidungen treffen die Angehörigen?“ Oder: „Wie sind die Einstellungen zum Tod“. Vermutungen anstellen kann man trotzdem, informierte Vermutungen. Maja Linnemann hat nicht nur in China gelebt und gearbeitet, sondern ist auch mit einem Chinesen verheiratet, was ihr Einblicke in „Chinesisches“ gibt, die denen, die „nur“ Beobachter sind, unmöglich sind. Anlass, sich mit dem Tod und der Bestattungskultur in China zu befassen, war der Tod ihres Schwiegervaters im Jahr 2016.

Der schöne Titel „Kurzer Exkurs in Chinas lange Bestattungsgeschichte“ deutet es an – eine alte Kultur zeichnet sich nicht zuletzt durch eine umfassende Bürokratie (die der britische Anthropologe Nigel Barley einmal treffend als „an end in itself“ bezeichnete) aus und einer der Zwischentitel bringt es denn auch auf den Punkt: „Über den  korrekten Umgang mit dem Tod: Jede Menge Anweisungen.“

Letzte Dinge  ist ein höchst lehrreiches Werk. So erfahre ich etwa, dass der „Friedhof als ein Ort, wo Menschen, die sich zu Lebzeiten nicht kannten, eine gemeinsame letzte Ruhestätte finden“ (ein Augenöffner, diese  Charakterisierung), in China, mit Ausnahme von Shanghai, bis zum Eintreffen der Europäer unbekannt war. Und ich lese von Familiengrabstätten wohlhabender Pekinger Bürger, von Gräbern, in denen vor allem Prostituierte begraben wurden, von Märtyrerfriedhöfen und von speziellen Grabstätten für grosse Männer und für einige wenige Frauen (etwa Konfuzius oder die Kaiserinwitwe Cixi, die am 9. November 1909 bestattet wurde, einem Datum, das die Astrologen bestimmt hatten).

Was mich vor allem für Letzte Dinge  einnimmt, ist, dass die Autorin den Leser an ihrer persönlichen Entdeckungsreise teilnehmen lässt, indem sie schildert, wie sie vorgegangen ist und was sie dabei erlebt hat. So berichtet sie etwa, dass ein Bild der ‚Grabstelle‘ des Neo-Konfuzianers Zhu Xi, der vor über 800 Jahren starb, sie neugierig machte. „In der Annahme, es handele sich um ein Foto des Originalgrabes aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, fragte ich beim Museum auf der Hardt in Wuppertal an, das die Nachfolge des Missionsmuseums Barmen angetreten hat …“. Die Antwort findet sich auf Seite 174.

Maja Linnemann
Letzte Dinge
Tod und Bestattungskultur in China
Drachenhaus Verlag, Esslingen 2020

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