Young-Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim, 70 Jahre alt, Tierarzt und Serienmörder, besucht einen Lyrikkurs, wo er dazu angeleitet wird, Gedichte zu schreiben. Gleichzeitig wird er mit Alzheimer diagnostiziert. Dies der ziemlich aussergewöhnliche Auftakt zu diesem ziemlich aussergewöhnlichen, philosophischen und witzigen Buch.

Er lebt mit seiner Adoptiv-Tochter Unhi, einer Agrarwissenschaftlerin, die an einem örtlichen Forschungsinstitut Planzenkreuzung und Auslesezüchtung („Pflanzen leben und wachsen, wie es ihnen passt.“) betreibt, zusammen. Durch einen Unfall, der zwei Gehirnoperationen nach sich zieht, erlebt er eine Persönlichkeitsveränderung. „Und dann dieser Friede. Ich hatte immer gedacht, endlos brodelnde Wut sei das Normale. Aber dem war nicht so.“

Von Serienmördern stelle ich mir vor, sie wüssten genau, was sie tun, seien höchst kontrolliert, würden ihre Taten im Detail planen. Allmächtig sind sie jedoch nicht, auch ihre Möglichkeiten stossen offenbar an Grenzen. „Was auch ein Serienmörder nicht lösen kann: das Mobbing eines Mädchens in der Mittelschule.“

Kurz nach seiner Demenz-Diagnose trifft Byongsu Kim auf einen Mann, in dessen Augen er sich selber wiedererkennt und von dem er glaubt, er habe vor, seine Tochter zu töten. Mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, plant er seinen letzten Mord. Doch dieser wird anders sein, als die vorangegangenen, triebgeleiteten, die er bereits 20 Jahre hinter sich hat; dieser Mord wird, in seinen Augen, ein notwendiger sein. Doch dann ereignet sich gänzlich Unerwartetes …

Eindrücklich, wie die fortschreitende Demenz geschildert wird und Byongsu Kim gegen die eigene Vergesslichkeit kämpft, sich Notizen macht, auf den Voicerekorder spricht. Ebenso eindrücklich ist die Schilderung der Hauptperson gelungen – eines Mannes, der einerseits als gefühllos („Mein Herz war eine Wüste. Nichts gedieh dort.“) und andererseits als jemand geschildert wird, der viel von Gefühlen versteht. „Schuld ist ein schwaches Gefühl. Angst, Wut und Eifersucht sind viel stärker. Angst und Wut bringen einen um den Schlaf.“ Ein Widerspruch? Widersprüche existieren nur im Kopf, im richtigen Leben gibt es sie nicht.

„Wer das Gedächtnis verliert, kann nicht länger Mensch heissen. Die Gegenwart ist nur ein imaginärer Verbindungspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Gegenwart an sich ist nichts“, heisst es einmal. Und das ist natürlich falsch, weil es den Augenblick unterschlägt – und der ist alles. Das ist übrigens so ähnlich auch bei Nietzsche nachzulesen, aus dessen „Also sprach Zarathustra“ der Autor zwei Mal zitiert.

Nichtsdestotrotz: Young-Ha Kim geht es in erster Linie darum (jedenfalls lese ich ihn so), aufzuzeigen, dass wir ohne Gedächtnis verloren sind, weil wir nicht wissen, was wir tun beziehungsweise getan haben, mithin also ohne Orientierung sind. Davon legt dieses spannende Buch Zeugnis ab.

Mir gefällt unter anderem der trockene Humor des 1968 geborenen Südkoreaners Young-Ha Kim; ich fühlte mich gelegentlich an Eugène Ionsescos absurde Theaterstücke erinnert. „Das Gefühl, Gedichte zu schreiben, die niemand liest, und das Gefühl, Morde zu begehen, von denen man niemandem erzählen kann, sind sich nicht unähnlich.“ Als der Protagonist im Fernsehen Kriminalexperten zuhört, die sich zu Serienmördern äussern, notiert er: „Die Experten dieser Welt kommen mir nur wie Experten vor, solange sie über Dinge reden, von denen ich nichts verstehe.“

Aufzeichnungen eines Serienmörders macht deutlich, dass einfache Gewissheiten nicht zu haben und höchstens ein Hinweis darauf sind, dass man nicht wirklich nachgedacht hat. Als Byongsu Kim im Wartezimmer des Zahnarztes ein Buch, das für den Genuss des Sich-Versenkens plädiert, in die Hände fällt, bemerkt er: „Herr Autor. Als ich ein Kind war, machten die Erwachsenen sich Sorgen, wenn ein Kind sich in etwas versenkte. Es hiess: Das Kind ist ein Eigenbrötler. Früher haben sich nur Verrückte in etwas versenkt. Wenn Sie wüssten, wie sehr mein altes Ich auf das Morden von Menschen fixiert war, wie es sich in dieses Morden versenkte, welchen Genuss es dabei empfand, wüssten Sie, wie gefährlich solches Sich-Versenken sein kann, und würden den Mund halten. Sich in etwas zu versenken ist gefährlich. Deshalb bereitet es Genuss.“

Fazit: Clever, witzig und überraschend. Ein grosser Wurf!

Young-Ha Kim
Aufzeichnungen eines Serienmörders
Cass Verlag, Bad Berka 2020

Lisa Taddeo: Three Women – Drei Frauen

Die Literatur-Kritik habe sich beinahe durchwegs nur wenig begeistert gezeigt, den Kritikerinnen seien die Frauen viel zu wenig emanzipiert gewesen, so die „Sonntagszeitung“ in Zürich, und „Die Zeit“ schrieb: „Aus feministischer Sicht ist es ein Scheissbuch.“ Ich fühle mich wieder einmal bestätigt – Literatur-Kritik und „Die Zeit“ brauche ich wirklich nicht zur Kenntnis zu nehmen. Zu diesem Schluss komme ich bereits nach den ersten fünfzig Seiten dieses Werkes, das mich auf vielfältige Art und Weise packt: Tonfall, Rhythmus, Sprache und natürlich das, was da erzählt wird. Ich verfüge über genügend Lebenserfahrung, um zu wissen, dass das, was da geschildert wird, realistisch ist. Und ich weiss auch, dass den meisten Menschen die Realität nicht passt – weshalb sich einige in den Konsum flüchten und andere in Ideologien.

Ein Buch über das menschliche Begehren habe sie schreiben wollen, so die 39jährige Journalistin, die dafür acht Jahre in den Vereinigten Staaten recherchiert hat – noch immer das beste Mittel gegen Voreingenommenheiten ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit und genau das hat Lisa Taddeo getan. In „Three Women – Drei Frauen“ (der englische Originaltitel heisst „Three Women“; Dank der Verlagsanstrengungen wissen wir jetzt auch, was das auf Deutsch heisst) gibt sie nun wieder, was die Protagonistinnen ihr berichtet haben.

Es ist exzellenter Journalismus, was die Autorin hier vorlegt. Und das meint: realistisch, informativ und spannend erzählt. Lisa Taddeo hat nicht nur gut zugehört, sondern es auch hervorrragend verstanden, komplexe Lebensrealitäten abzubilden. Es ist höchst eindrücklich, wie sensibel und genau die Frauen registrieren, was in ihnen und um sie herum vor sich geht – eindrückliche Lebensgeschichten dreier sehr unterschiedlicher Frauen.

Da ist die Schülerin Maggie, die sich auf ihren High-School-Lehrer, Mister Knodel, den Supermann, einlässt. „Maggies Schicksal läuft ihr an einem Nachmittag, ganz ohne Vorwarnung, über den Weg. Und wie alles auf der Welt, das die Macht hat, einen Menschen zu zerstören, kommt es auf Samtpfoten daher.“ Sie erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt, die auch damit zu tun hat, dass er sie zwar oral befriedigt, doch nicht mit ihr schläft. „Er bringt sie zum Orgasmus. Er ist der erste Mann, der das schafft, obwohl es vor ihm schon zweieinhalb andere gegeben hat.“ Als Knodels Frau sie auf seiner Anrufliste entdeckt, nimmt die Gechichte eine dramatische Wende.

Da ist Lina, deren Mann sie nicht küsst, und die von drei jungen Männern vergewaltigt wurde. In der Frauengesprächsgruppe sagt sie. „Wenn ich ehrlich bin, war es das, was zu meiner emotionalen Einsamkeit geführt hat. Es hat mir einfach den Stempel aufgedrückt, eine Schlampe zu sein. Dabei habe ich überhaupt nichts gemacht. Ich habe es noch nicht einmal verstanden. Und etwas, das ich nicht verstanden habe, an das ich mich kaum erinnern konnte, hat mein ganzes verdammtes Leben verändert.“ Sie ist katholisch, sucht Zärtlichkeit und Zuneigung, hat eine Affäre, lässt sich scheiden und fürchtet nichts so sehr wie das Alleinsein.

Da ist Sloane, magersüchtig („die absolut beste anorektische Bulimikerin“), schön, selbstbewusst, verheiratet mit dem einige Jahre älteren Richard, „wünschte sich nichts sehnlicher, als sich selbst zu mögen“. Die beiden führen zusammen ein Restaurant; eine ihrer jüngeren Angestellten überredet sie zu einem Dreier. Dann schlägt Richard Sloane vor, Männer für sie auszusuchen, mit denen sie Sex hat, während er dabei zusieht. Sie hat nichts dagegen, doch problemlos ist das alles nicht, denn der Mensch hat seine Gefühle, wenn er sie denn überhaupt kennt, selten im Griff – sie sind schlicht zu komplex.

Es geht viel um Sex in diesem Buch, jedoch nicht voyeurhaft. Vielmehr erfährt man, wie Frauen Sexualität erfahren, darüber denken und damit umgehen – vor allem sehr unterschiedlich. Dabei kommen noch andere (und weit mehr) als die drei Protagonistinnen zu Wort, so dass dieses Buch eine Art Bestandesaufnahme weiblicher Sexualitäts-Erfahrungen ist – empathisch und differenziert – , über die Lisa Taddeo im Epilog unter anderem festhält: „Ich hatte das Gefühl, niemand gönne einem anderen sein Verlangen, und schon gar nicht einer Frau.“

Es sind Geschichten von Sehnsüchten und Unsicherheiten, vom obsessiven Wollen und Nicht-Lassen-Können, von Anziehung und Bedürftigkeit. Darüber hinaus sind es Geschichten, die einen das heutige Nordamerika fühlen lassen – ich jedenfalls glaubte mich häufig vor Ort, in Hawaii und in Fargo, bei Barnes & Noble, bei den Selbsthilfegruppen.

Dass man ein Buch fast nicht aus der Hand legen kann, sagt man gemeinhin von Thrillern, doch auf dieses Werk trifft es genauso zu. Lisa Taddeo ist eine geborene Geschichtenerzählerin.

Fazit: Aufwühlend. Bewegend. Ein Meisterwerk.

Lisa Taddeo
Three Women – Drei Frauen
Piper, München 2020

Catherine Gray: Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein

Ob mich Bücher ansprechen, entscheidet sich manchmal nach dem ersten Satz, dem ersten Abschnitt oder den ersten Seiten. Manchmal aber auch erst nach fünfzig Seiten. Bei Catherine Grays Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein  war es der erste Satz. Dieser zitiert Joan Didion, die einmal gesagt hat: „Ich weiss nicht, was ich denke, bis ich anfange, es aufzuschreiben.“ Genauso geht es mir nämlich auch.

Teilt jemand seine Geschichte, so ist das eine Einladung zur Identifikation. Und umso mehr, wenn diese Geschichte so direkt und offen erzählt wird, wie Catherine Gray es in Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein  tut. „Ich habe einfach nie das Gefühl, die Wahl zu haben. Sobald ich was trinke, mache ich das richtig.“ Sie weiss zwar, dass sie zu viel trinkt, doch sie ist auch der Überzeugung, „dass das Trinken mein Leben mit Spass und Lachen erfüllte.“

Eines Morgens erwacht sie hinter Gittern. In Brixton, Südlondon. „Ich sah mal eine Frau, die um zwei Uhr morgens in Brixton aus dem Bus stieg, sich niederhockte, mal kurz kackte und dann wieder in den Bus stieg, als wäre das die normalste Sache auf der Welt. Als wäre sie nur mal schnell ausgestiegen, weil sie ihre Einkaufstasche vergessen hatte. Exzessiv zu saufen war in Brixton kinderleicht. Ich habe Leute im Park gesehen, die sich volllaufen liessen. Brixton war das Babel Londons, wo man selbst als total Irrer nicht auffiel …“. Und trotzdem war sie da wegen Trunkenheit und Störung der öffentlichen Ordnung verhaftet worden.

Sie nimmt sich vor, ihren Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen, unternimmt dabei auch ungewöhnliche Schritte wie betrunkene Frauen nach Hause zu bringen, doch sie befindet sich auf einer Abwärtsspirale und wird schliesslich auch physisch alkoholabhängig. Nach etlichen Überzeugungsmomenten (so bezeichnet sie Momente, in denen ihr klar wird, dass es so nicht weiter gehen kann) kommt sie an ihren persönlichen Tiefpunkt. „Der Neuanfang verbirgt sich häufig hinter der Maske des schmerzhaften Endes“, zitiert sie Laotse.

Nüchtern sein muss man lernen. Dabei geht es um eine grundlegende Wandlung. Catherine Gray gibt 30 Tipps für die ersten 30 Tage, die sie mit einem Zitat von Cynthia Occelli einleitet: „Damit ein Samenkorn sich vollkommen ausformen kann, muss es gänzlich zugrunde gehen. Seine Schale bricht auf, sein Innerstes tritt aus, und es wandelt sich grundlegend. Für jemanden aber, der Wachstumsprozesse nicht versteht, sieht es so aus, als würde es vollkommen vernichtet.“ Auf zwei der 30 Tipps will ich speziell hinweisen: „Ich behandelte mich selbst so, wie ich ein Baby behandeln würde“, also wie ein fürsorglicher Elternteil. Und: „Ich habe mir immer wieder ins Gedächtnis gerufen, dass ein Gedanke mich nicht zum Trinken zwingen kann.“ Denn ein Gedanke ist nur ein Gedanke und keine vollendete Tatsache, deren Sog man willenlos ausgeliefert ist.

Sie erzählt von der Zeit als sie gesoffen hat und davon, wo sie heute steht, war ihr jetzt wichtig ist. Dankbarkeit zum Beispiel. Dazu zitiert sie auch den Neurowissenschaftler Alex Korb: „Der entscheidende Punkt ist nicht die Empfindung der Dankbarkeit, sondern die regelmässige Ausschau danach. Sich erinnern, dankbar zu sein, ist eine Form emotionaler Intelligenz.“ Wer seine Dankbarkeit nicht pflegt, beraubt sich vieler positiver Gefühle, hat einmal ein lebenserfahrener Freund von mir gemeint. „Die Dankbarkeit verbessert den Schlaf. der Schlaf reduziert Schmerzen. Weniger Schmerzen heisst bessere Stimmung. Bessere Stimmung bedeutet keine Angst mehr.“
Natürlich könne jeder behaupten, er habe sich geändert, schreibt Catherine. Und lässt dann zwei Freundinnen zu Wort kommen, die sie sowohl vorher als auch nachher erlebt haben. „Diese Geschichten waren hart, wichtig und unglaublich berührend. Es ist erschreckend, wie wenig von all dem tatsächlich bei mir haften geblieben ist.“

Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein  gibt viele Anregungen, vom Umgang mit Leuten, die Alkohol trinken zum nüchtern Daten. Und Catherine Gray macht nicht zuletzt klar, dass es ein Wundermittel nicht gibt. Was für den einen funktioniert, ist für die andere keine Option. Und was zu Beginn hilft, muss nicht auf ewig helfen. „Die entschiedene Frage lautet nicht: ‚Bin ich Alkoholiker?‘ Verschieben Sie den Fokus auf: ‚Wäre mein Leben schöner, wenn ich nüchtern bleiben könnte?‘ Wenn die Antwort darauf ein Ja ist, dann sollten Sie sich fürs Nüchternsein entscheiden.“

Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass die Autorin offen und aufrichtig ihre Geschichte erzählt. Doch es sind nicht einfach Memoiren, die sie vorlegt, sondern sie lässt auch viele andere Stimmen zu Wort kommen, von Betroffenen zu Wissenschaftlern.Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein  ist keine Nabelschau, sondern ein überzeugendes Plädoyer, ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Catherine Gray
Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein
Frei und glücklich – ein Leben ohne Alkohol
mvgverlag, München 2018

Walter Mischel: Der Marshmallow-Test

Walter Mischel, geboren 1930 in Wien und im Alter von acht Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach New York geflohen, hat sich sein Leben lang eine gesunde Skepsis über die Aussagekraft psychologischer Tests bewahrt. Unter anderem auch deswegen, weil er kurz nach der Ankunft in Amerika einen Intelligenztest – auf Englisch – absolvieren musste und dabei (wenig überraschend, würde man meinen) schlecht abschnitt.

Mischel ist klinischer Psychologe. Seine Forschungen wurden angetrieben von der Idee, dass es sich bei der Fähigkeit, sofortige Belohnungen zugunsten künftiger Resultate aufzuschieben, um eine kognitive Kompetenz handelt, die man erwerben kann.

Berühmt geworden ist er durch den Marshmallow-Test. „Meine Studenten und ich stellten die Kinder vor die Wahl zwischen einer Belohnung (etwa einem Marshmallow), die sie sofort bekommen konnten, und einer grösseren Belohnung (zwei Marshmallows), für die sie jedoch – bis zu zwanzig Minuten – warten mussten.“

Die Forscher stellten fest, dass je länger Vier- oder Fünfjährige warten konnten, desto besser kamen sie als Erwachsene mit Frustrationen und Stress zurecht. Das hätten viele vermutlich auch ohne Forschungen gewusst.
Die Frage ist: Ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle genetisch vorgegeben? Oder können wir sie uns aneignen? Die wenig überraschende Antwort ist ein typisch akademisches Sowohl-als-Auch. „Die meisten Prädispositionen sind bis zu einem Grad ‚vorprogrammiert‘, aber sie sind auch flexibel, form- und veränderbar.“

Unser Gehirn lässt sich in ein heisses, emotionales System (das limbische System) und ein kühles, kognitives System unterteilen. Das heisse System „reagiert reflexartig, ohne nachzudenken und emotional, was dazu führt, dass es unwillkürlich ganz schnell die Konsumlust erhöht, die Aufmerksamkeit steigert oder impulsive Handlungen auslöst.“ Das kühle System sitzt im präfrontalen Kortex und „ist kognitiv, komplex und schwerer zu aktivieren.“

Die beiden Systeme stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. „In dem Masse, wie die Aktivität des einen zunimmt, sinkt die des anderen.“ Problematisch ist das bei andauerndem Stress, denn dieser „beeinträchtigt die Funktionstüchtigkeit des präfrontalen Kortex, der viele Dinge entscheidend beeinflusst – nicht nur auf Marshmallows zu warten, sondern auch die Highschool und das Studium abzuschliessen, länger bei einem Job zu bleiben, Bürointrigen durchzustehen, Depressionen zu vermeiden, Beziehungen aufrechtzuerhalten und keine Entscheidungen zu treffen, die intuitiv richtig zu sein scheinen, sich aber bei näherer Betrachtung als unvernünftig erweisen.“

Vieles von dem, was Walter Mischel und die vielen Kollegen, die er zitiert (und die wie er selbst meist in Harvard oder Stanford lehren und offenbar häufig weltweit führende Experten oder sonstwie herausragend sind) herausgefunden haben, scheint einigermassen banal. „Kurzum, wenn Kinder früh im Leben positive Erfahrungen machen, steigert sich dadurch ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit, Ziele beharrlich zu verfolgen, optimistische Zukunftserwartungen zu entwickeln und mit Frustrationen, Misserfolgen und Verlockungen fertigzuwerden, die unvermeidlich sind, wenn sie heranwachsen.“

Doch immer wieder weist er eben auch auf enorm hilfreiche Forschungsergebnisse hin, die die Lektüre dieses Werkes höchst lohnenswert machen. Etwa dass Menschen, die sich selbst häufig die Warum-Frage stellen, sich damit keinen Gefallen tun, weil dies dazu führt, dass es ihnen dann meist schlechter geht. Oder dass Menschen, die es schaffen, ihre Gefühle aus Distanz zu betrachten, damit ein Ereignis kognitiv neu bewerten können.

Wir können die Fähigkeit zum Aufschub lernen. Indem wir Strategien entwickeln, um schmerzliche Emotionen abzukühlen. Etwa indem wir tief einatmen, unsere Gedanken umlenken, an langfristige Ziele denken, uns ‚Wenn-dann‘-Pläne aneignen und das Grundprinzip nicht aus den Augen verlieren: „Das ‚Jetzt‘ abkühlen, das ‚Später‘ erhitzen.“

Doch so wichtig die Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch ist, „es sind die Ziele selbst, die uns motivieren und uns leiten. Und sie bestimmen massgeblich, ob wir mit unserem Leben glücklich und zufrieden sind.“

Walter Mischel
Der Marshmallow-Test
Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit
Siedler Verlag, München 2015

Ingo Niermann & Adriano Sack: Breites Wissen … nachgelegt

„Eine kleine Geschichte des Drogenkonsums – so fragmentiert, als hätte man selbst nicht mehr alle Sinne beisammen“, hat die Süddeutsche Zeitung Breites Wissen … nachgelegt von Ingo Niermann & Adriano Sack treffend charakterisiert. Und der Verlag informiert: „Die komplett durchgesehene, um 50% erweiterte Neuauflage des 2007 erstmals erschienenen Klassikers Breites Wissen  ist noch um vieles einmaliger; viele neue Drogen, viele neue Nutzer, viel neues Wissen in neuer, noch rauschhafterer Gestaltung.“

Das ist schön gesagt und sicher wahr, obwohl, ich kann das nicht wirklich beurteilen, ich kenne den Klassiker von 2007 (und da dachte ich immer, bis etwas zum Klassiker werde, müssten schon etwa zehn Jahre vergehen …) nicht. Andererseits haben seither sowohl Drogen als auch Nutzer zweifellos zugenommen, schliesslich leben wir in einer Konsumgesellschaft, die sich ja – man höre nur den Wachstum, Wachstum fordernden Politikern zu – am „Immer mehr, und bitte von allem“ orientiert.

Breites Wissen … nachgelegt  liefere „reines Entertainment und reine Information“, lese ich unter anderem in der Verlagsinformation. Das stimmt nicht nur, das trifft es sogar sehr genau.

War die Einnahme von Drogen einstmals mit Avantgarde und Rebellentum verbunden, ist sie heutzutage so recht eigentlich normal. „Eine Fernsehserie über Tony Blairs New Britain wäre so wenig ohne Kokain denkbar wie ‚Mad Men‘ ohne Zigaretten und harte Drinks.“ Und, so die beiden Autoren: „Die meisten, die heute illegale Drogen nehmen, sind nicht süchtig.“ Das meint nicht, dass Breites Wissen … nachgelegt  den Drogenkonsum propagiert, es bietet ganz einfach eine recht ungewöhnliche Sicht auf die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer, wie der Untertitel so schön heisst: unterhaltend, witzig und informativ. Unter dem Titel „Drogen kann man nicht besiegen“ wird unter anderem die Meinung vertreten, dass die Legalisierung der Drogen sinnvoll wäre. Und überhaupt, und auch das steht in diesem Buch: „Drogen müssen nicht sein.“

Was man hier vorfindet ist ein Sammelsurium von gänzlich Unterschiedlichem. Klatsch (Prominente und ihre Drogenprobleme) und Kuriosa (eine Auflistung der deutschsprachigen Kokainlieder), eine kleine Drogenkunde wie auch Angaben über „angebliche Höchstdosierungen, die überlebt wurden“ (falls nicht, wären sie schwer zu berichten gewesen), literarische Drogenklassiker sowie Fantasie-Drogen aus Literatur, Film und Fernsehen.

Breites Wissen … nachgelegt  ist ein wunderbar unterhaltendes Buch; selten, dass man dermassen amüsant über Drogen und ihre Nutzer (insgesamt 34 werden porträtiert) aufgeklärt wird.

Als Nutzer Nummer 23 figuriert Brian Wilson, dessen Autobiografie offenbar von seinem Therapeuten Eugene Landy mit Hilfe eines People-Redakteurs geschrieben wurde, „um ein möglichst positives Bild von seiner Arbeit zu vermitteln.“ Übrigens nimmt der 1942 geborene Wilson heute „nur noch milde Psychopharmaka, komponiert und geht auf Tournee. Er gilt als ‚gut eingestellt'“.

Breites Wissen … nachgelegt  ist auch auf vielfältige Art lehrreich. Und ganz besonders – jedenfalls für mich – die Rubrik „Bedeutende und weniger bedeutende Theorien, die unter Drogeneinfluss entstanden“. Dazu gehören neben den Selbstbetrachtungen des Marc Aurel (Opium – daher sein stoischer Gleichmut) auch die Psychoanalyse des Sigmund Freud („Unerschütterlich ist der Glaube des vom Kokain Berauschten, er müsse sich nur mit allem, was ihm durch den Kopf geht, vor einem Gegenüber offenbaren, dann werde alles gut“).

Wussten Sie übrigens wogegen Heroin hilft? Husten, schlechte Laune, Aggressivität, Angst, Schmerzen, Schlafstörungen, Durchfall, Übergewicht, Atmen, Folterqualen, Lügen.

Und noch dies: es gibt in dem Buch auch eine Rubrik „Drogenfreie Musiker“. Aufgeführt ist darunter gerade mal ein Name: Frank Zappa. 

Fazit: Ein Genuss. Unbedingt empfehlenswert

Ingo Niermann & Adriano Sack
Breites Wissen … nachgelegt
Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte