Byongsu Kim, 70 Jahre alt, Tierarzt und Serienmörder, besucht einen Lyrikkurs, wo er dazu angeleitet wird, Gedichte zu schreiben. Gleichzeitig wird er mit Alzheimer diagnostiziert. Dies der ziemlich aussergewöhnliche Auftakt zu diesem ziemlich aussergewöhnlichen, philosophischen und witzigen Buch.
Er lebt mit seiner Adoptiv-Tochter Unhi, einer Agrarwissenschaftlerin, die an einem örtlichen Forschungsinstitut Planzenkreuzung und Auslesezüchtung („Pflanzen leben und wachsen, wie es ihnen passt.“) betreibt, zusammen. Durch einen Unfall, der zwei Gehirnoperationen nach sich zieht, erlebt er eine Persönlichkeitsveränderung. „Und dann dieser Friede. Ich hatte immer gedacht, endlos brodelnde Wut sei das Normale. Aber dem war nicht so.“
Von Serienmördern stelle ich mir vor, sie wüssten genau, was sie tun, seien höchst kontrolliert, würden ihre Taten im Detail planen. Allmächtig sind sie jedoch nicht, auch ihre Möglichkeiten stossen offenbar an Grenzen. „Was auch ein Serienmörder nicht lösen kann: das Mobbing eines Mädchens in der Mittelschule.“
Kurz nach seiner Demenz-Diagnose trifft Byongsu Kim auf einen Mann, in dessen Augen er sich selber wiedererkennt und von dem er glaubt, er habe vor, seine Tochter zu töten. Mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, plant er seinen letzten Mord. Doch dieser wird anders sein, als die vorangegangenen, triebgeleiteten, die er bereits 20 Jahre hinter sich hat; dieser Mord wird, in seinen Augen, ein notwendiger sein. Doch dann ereignet sich gänzlich Unerwartetes …
Eindrücklich, wie die fortschreitende Demenz geschildert wird und Byongsu Kim gegen die eigene Vergesslichkeit kämpft, sich Notizen macht, auf den Voicerekorder spricht. Ebenso eindrücklich ist die Schilderung der Hauptperson gelungen – eines Mannes, der einerseits als gefühllos („Mein Herz war eine Wüste. Nichts gedieh dort.“) und andererseits als jemand geschildert wird, der viel von Gefühlen versteht. „Schuld ist ein schwaches Gefühl. Angst, Wut und Eifersucht sind viel stärker. Angst und Wut bringen einen um den Schlaf.“ Ein Widerspruch? Widersprüche existieren nur im Kopf, im richtigen Leben gibt es sie nicht.
„Wer das Gedächtnis verliert, kann nicht länger Mensch heissen. Die Gegenwart ist nur ein imaginärer Verbindungspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Gegenwart an sich ist nichts“, heisst es einmal. Und das ist natürlich falsch, weil es den Augenblick unterschlägt – und der ist alles. Das ist übrigens so ähnlich auch bei Nietzsche nachzulesen, aus dessen „Also sprach Zarathustra“ der Autor zwei Mal zitiert.
Nichtsdestotrotz: Young-Ha Kim geht es in erster Linie darum (jedenfalls lese ich ihn so), aufzuzeigen, dass wir ohne Gedächtnis verloren sind, weil wir nicht wissen, was wir tun beziehungsweise getan haben, mithin also ohne Orientierung sind. Davon legt dieses spannende Buch Zeugnis ab.
Mir gefällt unter anderem der trockene Humor des 1968 geborenen Südkoreaners Young-Ha Kim; ich fühlte mich gelegentlich an Eugène Ionsescos absurde Theaterstücke erinnert. „Das Gefühl, Gedichte zu schreiben, die niemand liest, und das Gefühl, Morde zu begehen, von denen man niemandem erzählen kann, sind sich nicht unähnlich.“ Als der Protagonist im Fernsehen Kriminalexperten zuhört, die sich zu Serienmördern äussern, notiert er: „Die Experten dieser Welt kommen mir nur wie Experten vor, solange sie über Dinge reden, von denen ich nichts verstehe.“
Aufzeichnungen eines Serienmörders macht deutlich, dass einfache Gewissheiten nicht zu haben und höchstens ein Hinweis darauf sind, dass man nicht wirklich nachgedacht hat. Als Byongsu Kim im Wartezimmer des Zahnarztes ein Buch, das für den Genuss des Sich-Versenkens plädiert, in die Hände fällt, bemerkt er: „Herr Autor. Als ich ein Kind war, machten die Erwachsenen sich Sorgen, wenn ein Kind sich in etwas versenkte. Es hiess: Das Kind ist ein Eigenbrötler. Früher haben sich nur Verrückte in etwas versenkt. Wenn Sie wüssten, wie sehr mein altes Ich auf das Morden von Menschen fixiert war, wie es sich in dieses Morden versenkte, welchen Genuss es dabei empfand, wüssten Sie, wie gefährlich solches Sich-Versenken sein kann, und würden den Mund halten. Sich in etwas zu versenken ist gefährlich. Deshalb bereitet es Genuss.“
Fazit: Clever, witzig und überraschend. Ein grosser Wurf!
Young-Ha Kim
Aufzeichnungen eines Serienmörders
Cass Verlag, Bad Berka 2020




