Jonathan Franzen liebe Scheingegensätze, schreibt der Klima- und Meeresforscher Stefan Rahmstorf im „Spiegel“: „Krieg gegen den Klimawandel lässt sich in der Argumentation entweder noch gewinnen, oder er ist schon verloren – Franzen behauptet Letzteres. Doch in der Realität geht es um Schadensbegrenzung und die Sicherung einer möglichst guten, mindestens aber annehmbaren Zukunft für unsere Kinder und Enkel, und nicht um Schwarz oder Weiss, um Gewinnen oder Verlieren.“
Weder von Schwarz oder Weiss, noch von Gewinnen oder Verlieren habe ich in Franzens Essay gelesen, sondern vor allem davon, sich möglichst realistisch mit der Klimakatastrophe, die nicht nur eine, sondern ganz unterschiedliche Ursachen (von den Kohlendioxidemissionen bis zum Gefälle zwischen armen und reichen Nationen) hat, auseinanderzusetzen. Diese sei theoretisch abwendbar, sagen die Wissenschaftler. Praktisch jedoch ist sie es nicht, denn dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich venünftig und vorausschauend zu verhalten.
Franzen liege falsch, wir seien nicht verloren, sagen einige Wissenschaftler. Vielleicht sehen sie das ja auch deswegen so, weil er als Nichtwissenschaftler auch die menschliche Psyche und die Politik in seine Überlegungen einbezieht, Bereiche also, die sich den harten Wissenschaften entziehen.
„Als Nichtwissenschaftler führe ich meine eigenen Modellversuche durch. Ich speise diverse Zukunftsszenarien in mein Gehirn ein, bedenke dabei die Grenzen der menschlichen Psyche und der politischen Wirklichkeit, berücksichtige den unaufhörlichen Anstieg des globalen Energiekonsums (bisher werden die durch erneuerbare Energien entstandenen CO2-Einsparungen durch die Verbraucherfrage mehr als wieder aufgehoben) und zähle die Szenarien, in welchen sich die Katastrophe durch kollektives Handeln abwenden lässt.“
Angesichts der gegenwärtigen Lage und den sich daraus ableitenden Prognosen ist eine radikale wirtschaftliche Neuausrichtung sowie eine Rückbesinnung auf die Werte des Miteinander nötig. Dass dies angesichts der menschlichen Psyche (der Mensch ändert sich erst, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht – und selbst dann nur widerstrebend) ziemlich unwahrscheinlich ist, liegt auf der Hand, weshalb denn auch Jonathan Franzen zu einer nüchternen Sicht der Dinge rät, die sich an der Realität und nicht am Wünschen und Hoffen ausrichtet. So wäre zum Beispiel sinnvoll, uns auf zunehmende Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme vorzubereiten. Auch wäre dringend notwendig, etwas weniger eindimensional zu denken, sich also nicht nur aufs Klima zu fokussieren (dass der CO2-Ausstoss drastisch reduziert werden muss, ist für ihn selbstverständlich), sondern auch das Artensterben viel stärker zu thematisieren.
Diesem sehr differenzierten Plädoyer gegen den Selbstbetrug (nichts beherrscht der Mensch besser!) und für eine realistische Auseinandersetzung mit dem Leben auf dem Planeten Erde ist ein breites Publikum zu wünschen.
Jonathan Franzen
Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen
Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, Februar 2020




