Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen

Jonathan Franzen liebe Scheingegensätze, schreibt der Klima- und Meeresforscher Stefan Rahmstorf im „Spiegel“: „Krieg gegen den Klimawandel lässt sich in der Argumentation entweder noch gewinnen, oder er ist schon verloren – Franzen behauptet Letzteres. Doch in der Realität geht es um Schadensbegrenzung und die Sicherung einer möglichst guten, mindestens aber annehmbaren Zukunft für unsere Kinder und Enkel, und nicht um Schwarz oder Weiss, um Gewinnen oder Verlieren.“

Weder von Schwarz oder Weiss, noch von Gewinnen oder Verlieren habe ich in Franzens Essay gelesen, sondern vor allem davon, sich möglichst realistisch mit der Klimakatastrophe, die nicht nur eine, sondern ganz unterschiedliche Ursachen (von den Kohlendioxidemissionen bis zum Gefälle zwischen armen und reichen Nationen) hat, auseinanderzusetzen. Diese sei theoretisch abwendbar, sagen die Wissenschaftler. Praktisch jedoch ist sie es nicht, denn dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich venünftig und vorausschauend zu verhalten.

Franzen liege falsch, wir seien nicht verloren, sagen einige Wissenschaftler. Vielleicht sehen sie das ja auch deswegen so, weil er als Nichtwissenschaftler auch die menschliche Psyche und die Politik in seine Überlegungen einbezieht, Bereiche also, die sich den harten Wissenschaften entziehen.

„Als Nichtwissenschaftler führe ich meine eigenen Modellversuche durch. Ich speise diverse Zukunftsszenarien in mein Gehirn ein, bedenke dabei die Grenzen der menschlichen Psyche und der politischen Wirklichkeit, berücksichtige den unaufhörlichen Anstieg des globalen Energiekonsums (bisher werden die durch erneuerbare Energien entstandenen CO2-Einsparungen durch die Verbraucherfrage mehr als wieder aufgehoben) und zähle die Szenarien, in welchen sich die Katastrophe durch kollektives Handeln abwenden lässt.“

Angesichts der gegenwärtigen Lage und den sich daraus ableitenden Prognosen ist eine radikale wirtschaftliche Neuausrichtung sowie eine Rückbesinnung auf die Werte des Miteinander nötig. Dass dies angesichts der menschlichen Psyche (der Mensch ändert sich erst, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht – und selbst dann nur widerstrebend) ziemlich unwahrscheinlich ist, liegt auf der Hand, weshalb denn auch Jonathan Franzen zu einer nüchternen Sicht der Dinge rät, die sich an der Realität und nicht am Wünschen und Hoffen ausrichtet. So wäre zum Beispiel sinnvoll, uns auf zunehmende Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme vorzubereiten. Auch wäre dringend notwendig, etwas weniger eindimensional zu denken, sich also nicht nur aufs Klima zu fokussieren (dass der CO2-Ausstoss drastisch reduziert werden muss, ist für ihn selbstverständlich), sondern auch das Artensterben viel stärker zu thematisieren.

Diesem sehr differenzierten Plädoyer gegen den Selbstbetrug (nichts beherrscht der Mensch besser!) und für eine realistische Auseinandersetzung mit dem Leben auf dem Planeten Erde ist ein breites Publikum zu wünschen.

Jonathan Franzen
Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen
Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, Februar 2020

Abt Muho: Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Abt Muho, 1968 als Olaf Nölke in Berlin geboren und jetzt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im japanischen Antaiji lebend, geht es in seinem Buch Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück um die grossen Fragen unseres Menschseins: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir sterben?  „Es geht dabei um die einzige Frage, die zählt: Bin ich wirklich einverstanden mit dem Leben, wie ich es heute lebe?“

Was mich, abgesehen von der ansprechenden Gestaltung, für dieses Buch einnimmt, ist die einfache Sprache, diese ganz wunderbar klaren Sätze, von denen mich nicht wenige überraschen. Positiv überraschen. „Doch je mehr ein Mensch das Leben bejaht, desto mehr wird er sich vor dem Tod fürchten.“ Logisch, nicht? Eigenartig, das ich das bis jetzt noch nie so gelesen habe.

Leben ist Leiden, heisst es im Buddhismus. Abt Muho drückt das weniger abstrakt aus: „Du bist unzufrieden, und du weisst nicht, warum“. Unzufrieden sind wir, weil wir an unserer eigenen Situation verzweifeln, denn die ist so recht eigentlich fast nie, wie sie unserer Meinung nach sein sollte.

„Weil wir die Welt nicht so sehen wollen, wie sie wirklich ist, leiden wir. Die Dinge kümmern sich nicht darum wie wir sie gerne hätten. Sie sind einfach da.  Zur Wirklichkeit erwachen bedeutet, die Blindheit und das Verirren zu erkennen. Die durch sie hervorgerufene Unzufriedenheit zu durchschauen.“

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück  ist die Geschichte einer persönlichen Sinnsuche. Seine Mutter starb, als Olaf Nölke noch ein Kind war, das lebensbejahende Christentum seines Grossvaters bot keinen Trost. „Ich spürte keine Sehnsucht nach dem Tod, aber auch keine Lust aufs Leben. Meine Grübeleien führten zu nichts.“

In einem christlichen Internat entdeckt und praktiziert er, angestiftet von einem Jugendleiter, die Zen-Meditation. In Antaiji lernt er die harte, japanische Zen-Praxis kennen. „Das Leben dort folgt einer einfachen Gleichung: Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.“

Natürlich gehen auch die Klosterbewohner in Antaiji nicht jeden Tag frohgemut ihrer Arbeit nach, natürlich klagen auch sie darüber, dass sie ihnen immer mal wieder zu viel und zu mühsam sei. „Dabei ist das Problem doch oft gar nicht die Arbeit, sondern unsere Einstellung zu ihr. Arbeit bedeutet nicht nur Last und Frustration. Sie gibt uns auch die Chance, unsere Fähigkeiten zu nutzen und zu vervollkommnen.“

Und sie gibt uns, wie das Leben überhaupt, die Gelegenheit, uns in Gleichmut zu üben. Er habe immer gemeint, schrieb der japanische Dichter Masaoka Shiki kurz vor seinem Tod, das Erwachen, von dem im Zen-Buddhismus die Rede ist, bedeute, mit Gleichmut zu sterben. „Welch ein Irrtum: Erwachen bedeutet, mit Gleichmut zu leben.“

Den einzelnen Kapiteln sind Zitate des Zen-Meisters Sawaki Kodo (1880-1965) vorangestellt, einem  eigenwilligen Mann, der viele Jahre durch Japan gezogen war und erst, als er sehr krank wurde, sich nach Antaiji zurückzog. Hier zwei Beispiele: „Der Buddhismus ist keine Ideologie. Die Frage, die er stellt, lautet: ‚Was fange ich mit mir selbst an?'“; „Lebenspraxis bedeutet, den Ort, an dem du jetzt stehst, zum Paradies zu machen. Lebenspraxis bedeutet, das Himmelreich unter deinen Füssen zu entdecken.“

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück ist ein höchst inspirierendes Buch.

Abt Muho
Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück
Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen
Berlin Verlag, München / Berlin 2016

Madlen Ziege: Kein Schweigen im Walde

Begeisterung ist bekanntlich ansteckend und diejenige der Verhaltensbiologin Madlen Ziege springt sofort rüber. Die Wälder, Wiesen und Gewässer ihres Heimatdorfes in Brandenburg charakterisiert sie so: „Hier zirpte, muhte und schnatterte es nur so um mich herum, und ich bemühte mich früh darin, mit meinen Mit-Lebewesen in Kontakt zu treten.“

Auch Völker, die die Natur für beseelt halten und mit ihr kommunizieren, haben ihre Zuneigung., was mir auch deswegen sympathisch ist, weil ich selber mit der Natur kommuniziere: Wenn ich jeweils am Morgen Brotkrümel auf meinem Balkon verteile und in die Hände klatsche, kommen die Spatzen unverzüglich angeflogen. Nicht immer, manchmal sind sie ja auch anderswo unterwegs. Dass sie mich mit Namen und Geburtsdatum kennen, nehme ich nicht an, doch dass sie irgendwie wissen, dass ich der mit den Brotkrümeln bin, das schon.

Madlen Ziege hat eine ausgeprägte pädagogische Ader, jedenfalls fühle ich mich gleichsam an der Hand genommen und auf eine Art und Weise aufgeklärt als ob ich von nichts Biologischem eine Ahnung hätte – und das stimmt ja auch. Die To-do-Liste des Lebens gliedert sie so: „Leben hält Ordnung, Leben wechselt Stoffe, Leben nimmt seine Umwelt wahr und reagiert darauf, Leben vermehrt sich, Leben wächst und bewegt sich, Leben entwickelt sich weiter.“ Gut strukturiert und einfach, logisch nachzuvollziehen.

Wie Tiere und Pflanzen miteinander kommunizieren lautet der Untertitel und das beschreibt akkurat, worum es in diesem Buch geht. Doch wie werden Informationen eigentlich ausgetauscht? Nun ja, der Informationen sind da ziemlich viele – da gibt es die optischen, die mechanischen und die chemischen; über letztere, also darüber „wie Lebewesen gezielt chemische Signale zur Kommunikation nutzen“ wissen wir noch sehr wenig – und damit sie ankommen, braucht es Rezeptoren. Für optische Informationen braucht es andere als für akustische. Und um Düfte wahrzunehmen braucht es nocheinmal andere. Sie werden von Madlen Ziege detailliert erläutert.

Kommunikation setzt nicht nur Sender und Empfänger voraus; wichtig ist auch zu wissen, wer mit wem und warum Informationen austauscht. Davon handelt Teil II von Kein Schweigen im Walde; einem Werk voller faszinierender Geschichten. Eine davon beginnt so: „Vor einigen Tagen übergoss ich etwas Heu mit Wasser aus der Regentonne und liess das Gebräu bei Zimmertemperatur stehen.“ Da wird sich bald Leben regen, dachte es so in mir und in der Tat: „Gelehrte im 17. Jahrhundert beobachteten bereits, dass sich durch Zugabe von Wasser und Wärme nach einiger Zeit Leben im vermeintlich toten Heu regt.“ Und wie kommt das? Gräser und Kräuter bieten vielen Mikroorganismen Lebensraum, so dass diese auch bei längerer Trockenheit überleben können. Die Zugabe von Wasser und Wärme weckt dann ihre Lebensgeister von Neuem, was unter dem Mikroskop (in 400-facher Vergrösserung!) auch von uns Menschen gesehen werden kann: „Augentierchen, Pantoffeltierchen, Nasentierchen, Trompetentierchen, Waffentierchen, Amöben und Heubakterien. In nur einem Topfen Heuaufguss wuselt und wimmelt es nur so von Leben.“

Es sind die vielen anschaulich erzählten Geschichten, die dieses Buch auszeichnen – und so recht eigentlich eine überaus spannende Einführung in die Biologie bieten, denn Madlen Ziege schreibt sehr lebendig, munter und witzig, und sie versteht es hervorragend, den Leser (und die Leserin) an ihrer Lebensneugier teilhaben zu lassen. Für mich, der bisher kein grosses Interesse an Biologie hatte, ist Kein Schweigen im Walde ein wahrer Glücksfall!

So lese ich etwa zum Thema „Fressen und gefressen werden“ (einem der, in den Worten der Autorin, „grundlegendsten Gesprächsthemen zwischen Lebewesen unterschiedlichster Art“) unter dem wunderbaren Zwischentitel „Ich Hunger, du Nahrung“ (besser lässt sich das Thema kaum auf den Punkt bringen): „Bakterien ernähren sich häufig von toten Lebewesen und zerlegen sie auf diese Weise wieder in ihre ursprünglichen Einzelteile. Aus diesen ‚Einzelteilen‘ kann nun wieder neues Leben entstehen, und somit erfüllen viele Mikroorganismen einen enorm wichtigen Job als Müllmänner der Natur. Ernähren sich Lebewesen nicht gerade von toten Lebewesen oder sind in der Lage, ihre Nahrung selbst herzustellen, müssen sie zusehen, wo sie ihre tägliche Portion Energie herkommen.“

Pilze, erfahre ich, sind weder Tier noch Pflanze („Pilze nehmen neben den Tieren und Pflanzen ein eigenes Reich ein.“), sind räuberisch unterwegs (jedenfalls mindestens 160 Pilzarten) und haben es auf Fadenwürmer abgesehen. Und wie machen sie das? Pilze bestehen aus Zellfäden. Aus diesen nun basteln einige Pilze Schlingfallen, die sich im Boden befinden, und fangen so Würmchen, die nicht aufpassen, wo sie hinkriechen. Allerdings: Gewisse Fadenwürmer, auch wenn sie auf der Hut sind, können ihrem Schicksal nicht entgehen, wenn sie nämlich von Duftstoffen, die einige Pilze aussenden können, in die Falle gelockt werden.

Solche Aufklärung lasse ich mir gerne gefallen; sie trägt dazu bei, die Natur mit neuen Augen zu betrachten – und das lohnt sich!

Madlen Ziege
Kein Schweigen im Walde
Wie Tiere und Pflanzen miteinander kommunizieren
Piper, München 2020

Hans Rosling: Factfulness

Wir alle scheinen ein vollkommen falsches Bild von der Welt zu haben. Nicht nur die Dummen, nicht nur die Uninformierten, wir alle. Zu diesem Schluss kam Hans Rosling, ehemals Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm, nach der Auswertung von ganz vielen Daten, eine Arbeit, die er zusammen mit seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund, gemacht hat. Was er in seinem Buch Factfulness vorlegt, ist also nicht das Resultat eines ‚einsamen Genies‘, vielmehr ist es „das Ergebnis kontinuierlicher Diskussion, Auseinandersetzung und Zusammenarbeit zwischen drei Menschen mit unterschiedlichen Begabungen, Kenntnissen und Perspektiven.“

Testet man die Informiertheit von Menschen, so wird man gemeinhin davon ausgehen, dass diejenigen mit höheren Bildungsniveau besser abschneiden. Doch das ist ein Irrtum. Einige der schlechtesten Ergebnisse bei Roslings Tests kamen von einer Gruppe von Nobelpreisträgern.

Eine faktengestützte Weltsicht sagt uns, dass wir enorme Fortschritte gemacht haben. Unsere Gefühle sagen uns jedoch etwas anderes, verleiten uns, die Dinge düster zu sehen. Das hängt mit der Funktionsweise unseres Gehirns zusammen, denn der Mensch hat eine ausgeprägte Neigung, die Dinge instinktiv in Schwarz und Weiss, Gut und Böse zu unterteilen. Weil es einfach ist. Nur eben: Der Teil zwischen den Extremen ist der weitaus grösste.

Leuchtet dem Menschen etwas ein, macht etwas für ihn Sinn, ist er nur mehr schwer davon abzubringen. Auch wenn alle Evidenz darauf hinweist, dass er falsch liegt. Was auch darin begründet liegt, dass wir der Überzeugung sind, dass jeder glauben darf, was er will. Anders gesagt: Uns ist erlaubt, jeden Unsinn zu glauben. Und das ist ein Problem.

Wir brauchen Daten

Was also ist zu tun? Wir brauchen Daten. Um Hypothesen zu überprüfen. „Man muss die Daten vorlegen und die hinter ihnen stehende Wirklichkeit erläutern.“ Dabei werden wir unter anderem herausfinden, dass es in der Wirklichkeit häufig gar keine Polarisierungen gibt.

Natürlich traut Hans Rosling den Daten nicht zu 100 Prozent, niemand sollte das tun. Und er verweist auf ein wichtiges Prinzip im Umgang mit Statistiken: „Seien Sie vorsichtig mit Schlussfolgerungen, wenn die Unterschiede geringer als ungefähr zehn Prozent sind.“ Doch die offiziellen Daten der UNO (und auf diesen baut dieses Buch auf) liefern ein allgemeines Bild.

Wissen Sie wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt heute weltweit ist? 72 Jahre. Vor allem Menschen mit höherer Schulbildung schätzen das ganz falsch ein, ihre häufigste Antwort ist 60 Jahre. Und wie steht es mit der Armut? In den letzten zwanzig Jahren hat sich die extreme Armut nahezu halbiert. Soweit die Fakten, doch unsere Gefühle sagen uns etwas anderes. Das liegt grösstenteils an „unserem Instinkt der Negativität, unserer Neigung, das Schlechte aufmerksamer wahrzunehmen als das Gute.“

Es gibt noch weitere Instinkte, die uns hindern, die Welt zu sehen, wie sie ist. Zu den zentralsten gehört der Instinkt der Angst. „Wenn wir Angst haben, sehen wir nicht mehr klar“, notiert Hans Rosling und illustriert das mit einem Vorfall (ein Luftwaffenpilot war abgestürzt), den er als junger Arzt erlebte und bei dem er so ziemlich alles ganz falsch einschätzte. Diese überaus lehrreiche und witzig erzählte Geschichte lohnt allein die Lektüre dieses Buches!

Der Aufmerksamkeitsfilter

Andauernd stürzen Informationen auf uns ein. „Die Art von Informationen, die wir am ehesten verarbeiten, hat mit Geschichten zu tun. Es sind Informationen, die dramatisch klingen.“ Und damit füttern uns die Medien, die unsere Aufmerksamkeit steuern. Doch nicht die Journalisten tragen die Schuld, dass Meldungen wie „Flug BA0016 aus Sydney sicher auf dem Singapore Changi Airport gelandet“ keinen Nachrichtenwert haben, sondern die „’Aufmerksamkeitslogik‘, die in den Köpfen der Konsumenten vorherrscht.“

Noch nie gab es so wenig Flugzeugunfälle (40 Millionen nicht abstürzende Flugzeuge pro Jahr), noch nie gab es so wenige Konflikte und Opfer von Konflikten wie heutzutage, doch unsere Angst vor solchen Katastrophen mindert das kaum. Nicht etwa, dass Angst nur negativ wäre, sie kann auch durchaus von Nutzen sein – sofern sie den richtigen Dingen gilt. Hans Rosling und seine Mitautoren unterscheiden zwischen furchterregend und gefährlich. „Wenn etwas furchterregend ist, dann geht es um die subjektive Wahrnehmung eines Risikos. Wenn etwas gefährlich ist, handelt es sich hingegen um ein reales Risiko.“

Unsere Aufmerksamkeit sollte den realen Gefahren gelten. Und den Zusammenhängen. Ein Beispiel: Am 17. Oktober 2004 wurde die 38jährige Mari Larsson in Nordschweden von ihrem Ex-Partner durch mehrere Axthiebe gegen den Kopf getötet. Am gleichen Tag wurde ebenfalls in Nordschweden der 40jährige Johan Vesterlund von einem Bären getötet. Beide Todesfälle waren gleichermassen tragisch und grauenvoll, doch der tödliche Bärenangriff, in Schweden ein Jahrhundertereignis, machte in allen schwedischen Medien Schlagzeilen, während der schreckliche Partner-Mord, der 1300-mal häufiger vorkommt, medial kaum wahrgenommen wurde. Wer die Welt sehen will, wie sie wirklich ist, sollte (auch) seinen Kopf benutzen.

Eine faktengestützte Weltsicht würde einen grossen durchgreifenden Wandel bedeuten. Dieser ist laut Hans Rosling nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Aus zwei Gründen. Zum Einen: Die faktengestützte Weltsicht ist hilfreicher, um sich im Leben zurechtzufinden als den Instinkten nachzugeben. Zum Andern: Faktenorientiertheit bedeutet weniger Stress und Hoffnungslosigkeit als die dramatische Sicht, die negativ und erschreckend ist.

Factfulness erzählt ganz viele wunderbar anregende Geschichten von Irrtümern und menschlichem Lernen. Es ist ein höchst überzeugendes Plädoyer für eine realistische Weltsicht.

Hans Rosling, mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling
Factfulness
Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist
Ullstein Verlag, Berlin 2018

Liz Moore: Long Bright River

Seit fünf Jahren reden die beiden Schwestern nicht mehr miteinander. Mickey ist Streifenpolizistin, ihre Schwester Kacey drogenabhängig – in der Gegend, in der sie anschaffen geht, werden reihenweise junge Prostituierte ermordet. Als Kacey verschwindet, macht sich Mickey auf die Suche nach ihr, checkt die (für Privates streng verbotene) Kriminalitätsdatenbank der Polizei, loggt sich ein auf Social Media. „Ich habe mich immer gegen ’soziale Medien‘ gesträubt. Es behagt mir nicht, jederzeit mit anderen verbunden zu sein, erst recht nicht mit Leuten, die mir mehr oder weniger fremd sind, Leuten aus meiner Vergangenheit, bei denen ich keinen Grund sehe, mit ihnen in Kontakt zu bleiben.“ Mir gefallen diese Gedanken, ich habe sie mit (bisher) noch nie gemacht.

Das Ganze ist (vor allem in der zweiten Hälfte) überaus spannend erzählt, doch dieser Roman geht weit über Spannungsliteratur hinaus und zeigt ein Amerika, am Beispiel der Stadt Philadelphia und deren Kensington-Viertel (berüchtigt ist für seine Drogenszene), das in den Nachrichten, wenn überhaupt, dann nur am Rande vorkommt – ein Amerika, das zunehmend in Drogen und der damit einhergehenden Kriminalität versinkt. Das Land der Hoffnung ist für ganz viele dem Land der Hoffnungslosigkeit gewichen.

Drogenabhängige, lernt Mickey, deren Mutter und Vater den Drogentod starben, wollen nicht gerettet werden. „Sie wollen alle wieder zurücksinken in Richtung Erde, um vom Boden verschluckt zu werden, um weiterzuschlafen. In ihren Gesichtern liegt Hass, wenn sie wiederbelebt werden.“

Detailliert schildert die Autorin Liz Moore wie die sensible, (natürlich) alleinerziehende Mickey (ihr Sohn Thomas ist fünf) sich und ihre Umwelt wahrnimmt und liefert damit nicht nur ein eindrückliches Psychogramm einer komplizierten und unentschlossenen Frau, die sich wenig traut und zum Jähzorn neigt, sondern auch eine differenzierte Bestandesaufnahme des durchschnittlichen amerikanischen Lebens im heutigen Drogenzeitalter, das weit entfernt ist von der medialen (auch der kritisch-medialen) US-Selbstdarstellung.

Man erfährt viel aus Mickeys Vergangenheit, von ihrer Familie (Mickey und Kacey wachsen bei der Grossmutter auf, einer Frau der primitiveren Sorte), ihrem Aufwachsen mit ihrer Schwester, die schon früh zu Drogen greift, ihrem Ex-Mann Simon, Polizist und Vater ihres Sohnes, der eines Tages abgehauen ist – und von dem sie sich in der Folge befreit hat.

Eine der Rückblenden handelt davon, dass Kacey ein Jahr im Gefängnis sass und als sie raus kam, trocken war und bei Mickey einzog. Die beiden verstanden sich prächtig, bis Kacey wieder anfing, Drogen zu nehmen – und die beiden von Neuem eigene Wege gehen. Als sie Jahre später wieder miteinander reden, sagt Kacey einmal zu ihrer Schwester: „Das ist die einzige Methode, clean zu bleiben, die ich kenne. Totale Ehrlichkeit. Sonst fang ich an, bei Kleinigkeiten zu lügen, und dann ….“.

Angesprochen haben mich vor allem die realistischen Drogensucht-Schilderungen: „In einem klaren Moment, sagte Kacey einmal zu mir, dass sich Drogensucht anfühlt wie eine Zeitschleife. Jeder Morgen eröffnet sich die Möglichkeit zur Veränderung, jeder Abend bringt die Scham, versagt zu haben.“

Long Bright River erzählt einerseits eine Geschichte mit zahlreichen Rückblenden (mit einigen überraschenden Wendungen) und andererseits von einzelnen Schicksalen, die über die Komplexität des menschlichen Daseins Auskunft geben. Besonders berührend fand ich die ehemalige Nonne, die das Kloster verliess, um einen Sozialarbeiter zu heiraten (beides hat ihr gefallen, das Leben als Nonne und als verheiratete Frau), und sich zweimal die Woche in ihrem ehemaligen Kloster um die Babys von drogenabhängigen Müttern kümmert.

Ein realistischer und sehr gelungener Amerika-Roman voller schwieriger Menschen, von denen einige versuchen, anständig zu leben.

Liz Moore
Long Bright River
C.H.Beck, München 2020

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