Andrew Solomon: Saturns Schatten

„Die dunklen Seiten der Depression“ lautet Andrew Solomons Saturns Schatten im Untertitel, das von John Berger als „das ungewöhnliche Zeugnis eines Leidens – Aufrichtigkeit gepaart mit Aufklärung“ charakterisiert wurde. Als Motto ist  dem Buch dieses Zitat von Michael Bulgakov (aus: „Die weisse Garde“) vorangestellt: „Alles wird vorübergehen: Leiden, Qualen, Hunger, Blut und Massensterben. Das Schwert wird verschwinden, aber die Sterne werden auch dann noch da sein, wenn von unseren Leibern und Taten auf Erden kein Schatten mehr übrig ist. Die Sterne aber werden immer so da sein, schön und flimmerig. Es gibt keinen Menschen, der das nicht wüsste. Warum also wollen wir unseren Blick nicht zu den Sternen erheben? Warum?“

Dieses Buch, so der Dozent für Psychiatrie an der Cornell University, der, wie er betont, weder Arzt noch Psychologe und auch nicht Philosoph ist, handle in erster Linie vom Lebenskampf schwer geprüfter Männer und Frauen, die ihm ihre Lebensgeschichten erzählt hatten. „Ich möchte einen Beitrag zur Aufklärung von Ärzten und Patienten leisten, damit es ihnen gelingt, die Qualen der Depression zu überwinden.“

Saturns Schatten ist ein höchst aufschlussreiches Werk, entstanden aus persönlicher Betroffenheit, das unter anderem klar macht, dass die Depression in einem inneren Zusammenhang mit dem Charakter steht. „Einige Menschen bringen es trotz entsetzlicher Symptome im Leben zu etwas, andere sind schon bei den leichtesten Anflügen der Krankheit völlig am Boden zerstört.“

Solomon holt weit aus und bemerkt etwa zum Aufstieg des Supermodels, dass dieses das Selbstbild der Frau beschädigte, indem es unrealistische Erwartungen begründete, und er zitiert unter anderen Schopenhauer mit den Worten: „Unsere Empfindlichkeit für den Schmerz ist fast unendlich, die für den Genuss hat enge Grenzen.“ Das meint, „dass wir in der Regel, die Freuden weit unter, die Schmerzen weit über unserer Erwartung finden …. Sogar bedarf Jeder allzeit eines gewissen Quantums Sorge, oder Schmerz oder Noth, wie das Schiff des Ballasts, um fest und gerade zu gehen.“ Wie sagt doch die russische Redensart: Wenn du aufwachst und keine Schmerzen hast, weisst du, dass du tot bist.
Von allen möglichen Seiten beleuchtet Solomon die Depression, geht auf Therapien, Historisches, Armut, Politik und Evolution ein. Und auch auf die Sucht, bei der er auf interessante Untersuchungen hinweist. „Von allen, die je eine Zigarette rauchen, werden ein Drittel in der Folge nikotinsüchtig, bei Heroin sind es etwa ein Viertel, beim Alkohol rund ein Sechstel.“ Doch weshalb hat Nikotin im Vergleich zu Alkohol ein derart hohe Suchtwirkung? Weil die negativen Aspekte des Nikotrin-Genusses relativ spät auftauchen und der furchtbare Kater am anderen Morgen den Alkoholkonsum in gewissen Grenzen hält.

Saturns Schatten überzeugt nicht zuletzt der eindrücklichen Geschichten wegen. Etwa diese hier. „Wenn Elefanten in Nepal einen Splitter oder Dorn im Fuss haben, kippen die Treiber ihnen Chili ins Auge, worauf sie so sehr mit der brennenden Bindehaut beschäftigt sind, dass man den Dorn entfernen kann, ohne totgetrampelt zu werden. (Der Pfeffer ist schnell wieder ausgeschwemmt). Bei vielen Melancholikern erfüllt Alkohol, Kokain oder Heroin die gleiche Funktion wie das Chili, nämlich als etwas Unerträgliches, dessen Scheusslichkeit von der noch unerträglicheren Depression ablenkt.“

Höchst Aufschlussreiches erfährt man auch im Kapitel über Therapien, worin Solomon auch seine völlig absurd anmutende Odyssee auf der Suche nach einem Therapeuten beschreibt. Was macht einen guten Therapeuten aus? „Die guten Psychiater liessen den Patienten erst über sich berichten und stellten dann sofort eine  Reihe von ganz gezielten Fragen, um bestimmte Informationen zu erhalten.“ Zudem: „Jemand, mit dem du dich tief verbunden fühlst, kann dir wahrscheinlich schon durch lockeres Plaudern sehr helfen, und wenn diese Voraussetzung fehlt, können die ausgefeilteste Technik und die beste Qualifikation wenig ausrichten.“

Saturns Schatten ist ein sehr gut geschriebenes und enorm hilfreiches Buch.

Andrew Solomon
Saturns Schatten
Die dunklen Seiten der Depression
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, April 2019

François Cheng: Fünf Meditationen über den Tod

Es ist dieser Perspektivenwechsel, den François Cheng in der ersten Meditation dieses schön gestalteten Werkes vorschlägt, der mich ganz unbedingt für diesen Text einnimmt. „Anstatt den Tod von dieser Seite des Lebens aus wie ein Schreckgespenst anzustarren, könnten wir den Tod in unsere Sicht einbeziehen und das Leben von der anderen Seite, nämlich von unserem Tod aus betrachten (…) Vollziehen wir diese Wende nicht, bleiben wir von einer hermetischen Sichtweise beherrscht, der zufolge unser Leben, egal was wir tun, enttäuschend endet mit einer Schlussfolgerung, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: das Nichts.“

Die Bewunderung des jungen François Cheng (geboren 1929 in China, Übersiedelung nach Frankreich im Alter von neunzehn Jahren), gehörte den Dichtern, nicht nur ihres lyrischen Ausdrucks, sondern der plötzlichen Eingebungen wegen, die sich in ihren Worten manifestierte. In Rilkes „O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod“ vermeint er seine eigene Stimme zu hören.

„Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal“, schrieb André Malraux. Cheng kommentiert: „Demzufolge ist das Universum nicht bloss ein Haufen von Entitäten, die sich blind bewegen, es besteht aus einer ausserordentlichen Vielfalt von Wesen, von denen jedes, getrieben vom Wunsch zu leben, einer gerichteten Bahn folgt, einer Bahn, die ausschliesslich ihm eigen ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen, lässt einen (zugegeben, ich spreche von mir) das Leben auch „als ein unglaubliches, heiliges Geschenk“ sehen – und für Geschenke sollten wir dankbar sein.

„Neben der Gewissheit des Todes gibt es in uns diese Gewissheit, dass wir den Augenblick des Lebens beherrschen.“ Cheng unterscheidet den Augenblick von der Gegenwart, die er als ein blosses Bindeglied in der chronologischen Ordnung versteht. Der Augenblick hingegen geschieht ganz unvermittelt, kristallisiert blitzartig „im Inneren unseres Bewusstseins die Erlebnisse der Vergangenheit und die Träume der Zukunft zu einer aus dem namenlosen Meer aufgetauchten Insel, die plötzlich von einem grellen Lichtkegel erhellt wird.“ Nietzsche vertrat die Auffassung, dass wer Ja zu zu einem einzigen Augenblick sage, habe zu allem Dasein Ja gesagt, denn nichts stehe für sich allein, alles sei miteinander verbunden.

Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben verblüfft immer wieder durch Chengs genaue Wahrnehmung, die Zeugnis ablegt vom alltäglichen Wunder, dem wir teilhaftig sind. Etwa wenn er auf unsere erstaunliche Fähigkeit hinweist, „zu fühlen und Anteil zu nehmen“. Oder wenn er darauf aufmerksam macht, dass unser Unbewusstes „sich nie vollständig erhellen lässt.“ Oder wenn er feststellt: „Jedes Wesen erstrebt auf Grund seiner Einmaligkeit die volle Entfaltung seiner Anwesenheit in der Welt, gleich einer Blume oder einem Baum.“

Er habe im Grunde sein ganzes Leben „mit Lesen und Schreiben verbracht, vor allem aber mit Denken und Meditieren“, notiert der Autor und so überrascht es nicht, dass Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben auch vorführt, wie vielfältig gebildet dieser Mann ist – und dieses Bildungsbürgerwissen wurde mir manchmal etwas gar viel.

Über den Tod und das Leben nachzudenken, bedeutet auch, sich mit der Schönheit und dem Bösen zu befassen und verstehen zu lernen: „Das Leben gehört uns nicht, wir gehören ihm.“ Uns ist aufgegeben, so Cheng, uns der heiligen Ordnung des Lebens rückhaltlos anzuvertrauen, damit „die Entwicklung des Lebens zu einem gewaltigen Abenteuer voller bemerkenswerter Erfolge und unvorhersehbarer Gefahren“ werden kann.

Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben schärft nicht nur die Wahrnehmung, es trägt darüber hinaus dazu bei, mit einem neuen Bewusstsein durchs Leben zu gehen.

Ein im wahrsten Sinne des Wortes wunderbares Buch!

François Cheng
Fünf Meditationen über den Tod
und das Leben
C.H. Beck, München 2015

Ole Thorstensen: Wie man Dinge richtig macht

Ole Thorstensen, geboren 1965, ist ausgebildeter Zimmermann und führt einen kleinen Zimmereibetrieb in Oslo. Als Handwerker hält sich seine Hochachtung vor Architekten und Bauingenieuren, die ihm im Rahmen seiner Projekte begegnet sind, in Grenzen. Das liegt auch daran, dass er ganz anders arbeitet – er wird dreckig, schwitzt, friert, haut sich mit dem Hammer auf die Finger. „Der Architekt hat in der Zeit, die ich für die Umsetzung seiner Entwürfe benötige, vielleicht zwanzig und dreissig ähnliche Jobs zu erledigen. Der Bauingenieur schafft es womöglich, statische Berechnungen für hundert Dachböden anzustellen, bis ich auch nur einen einzigen ausgebaut habe.“

Die Baubranche sei in den letzten 25 Jahren akademischer geworden, stellt er fest. „Dass der Idee ein höherer Wert beigemessen wird als der konkreten Durchführung ist die natürliche Folge einer auf Theorie fixierten Gesellschaft. Das Konkrete ist schmutzig und ungenau, wohingegen die Idee rein und unbefleckt scheint.“ Eine höchst zutreffende Beobachtung, die sich so recht eigentlich auf alle gesellschaftlichen Bereiche anwenden lässt.

Wie man Dinge richtig macht (ein glänzender Titel!) setzt Akzente, die einerseits von seiner Arbeit als Zimmermann und andererseits von Ole Thorstensens Persönlichkeit geprägt sind. Er erwähnt Dinge, über die ich mich nicht erinnere jemals so gelesen zu haben. Etwa dass ein Handwerksberuf auch dazu passende Hände hervorbringt. So haben Maurer kräftige Pranken, weil sie viel schleppen müssen, und Klempner schneiden sich häufig an scharfen Metallkanten. Er selber hat zwar ein paar Narben abgekriegt, doch noch alle Finger. „Ich mag meine Hände, sie sind von meinem Alter und meiner Arbeit geprägt.“

Ich lese unter anderem Bücher, um etwas von Lebenswelten zu erfahren, die mir unbekannt sind. Die „Betrachtungen eines norwegischen Zimmermanns“ zeigen mir unter anderem, dass der mir vertrauten Welt der Ideen und Theorien etwas Wesentliches fehlt – der praktische Realitätsbezug. Natürlich weiss ich das, doch Ole Thorstensens Text lässt Bilder in meinem Kopf aufsteigen, die zu diesem Wissen Gefühle liefern, denn Bilder fördern das Fühlen – es versteht sich: sie können uns auch in die Irre führen. So machen uns etwa Produktabbildungen glauben, das Handwerk sei rein und steril. Nur eben: „Baustellen sind immer voller Staub, der von Abfällen wie Isolationsmaterial, Holz und Plastik unterschiedlichster Art herrührt. Darüber hinaus gibt es alle möglichen Überreste von verwendeten Chemikalien, Lösungsmittel in Leim und Farben oder stark basische Stoffe im Zement.“

Wer einen eigenen Zimmereibetrieb führt, steht in einem ständigen Wettbewerb („Die Erwartung, dass etwas aufgrund der Nationalität {‚polnische Handwerker‘} automatisch billiger ist, müsste beim Kunden mit einem etwas sauren oder bitteren Nachgeschmack einhergehen.“) und muss auch etwas von Kalkulation und juristischen Fragen verstehen (Was heisst schon ‚fachgemäss‘ oder ‚gebührende Sorgfalt‘?), denn: „Es ist billig, recht zu haben, aber teuer, recht zu bekommen.“ Und viel von Psychologie, praktischer Psychologie, muss man verstehen, schliesslich geht es bei Vertragsverhandlungen sowie der anschliessenden Auftragsausführung um ein Geben und Nehmen, bei dem gesunder Menschenverstand (und was ist praktische Psychologie anderes?) ausgesprochen nützlich ist.

In der Baubranche zu arbeiten, bedeutet auch, diversen Gefahren ausgesetzt zu sein. Dabei hat Ole Thorstensen auch festgestellt, dass es heutzutage eine Tendenz zur Überregulierung gibt, die zu einer ungesunden Intoleranz führt. Dass das Trinken auf seinen Baustellen tabu ist, ist ihm nicht einmal eine Diskussion wert, doch dass persönliche Eigenarten immer weniger toleriert werden, findet er unakzeptabel. Das ist eine Folge der Stromlinienförmigkeit, die all überall gefordert wird. „Der Wettbewerb um die Arbeitsplätze oder Aufträge, der nach und nach zu einem natürlichen Teil des Alltags geworden ist, macht diejenigen, die daran teilnehmen, zu Strebern.“

Wie man Dinge richtig macht ist eine höchst nützliche Einführung ins Handwerk, die nicht nur eine Vorstellung von der Arbeit und der Verbundenheit der Handwerker untereinander vermittelt, sondern auch die Atmosphäre, in der sich das norwegische Zimmern abspielt. Doch Wie man Dinge richtig macht ist noch weit mehr: Eine Anleitung, wie man, unter Einsatz von Hand und Kopf, gestaltend und anständig durchs Leben geht.

Ole Thorstensen
Wie man Dinge richtig macht
Betrachtungen eines norwegischen Zimmermanns
btb, München 2019

Hila Blum: Der Besuch

Es ist die Sprache, der Ton, der mich sofort für diesen Text einnimmt.

Sommer in Jerusalem. Es ist heiss. Ein Hochhaus stürzt ein, der Millionär Duclos aus Paris kündigt seinen Besuch an und ein Junge verschwindet.
 
„Nili denkt, dass man ihn noch finden wird. Nati nicht. Sie streiten sich beim Abendessen darüber: eine kurze Diskussion, verwirrt durch die Hitze. Fast ohne Schwung. Die alten Vorwürfe – seine arrogante Nüchternheit, ihr grundloser Optimismus. Einfach elend. Über einen Jungen, den sie nicht einmal kennen. Danach, ausgestreckt auf dem Sofa, starren sie in den Fernseher, ohne etwas zu sagen.“
 
Wer so schreibt – differenziert, rhythmisch, spannend – hat meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn ich dann solche Erkenntnis-vermittelnde Sätze wie etwa diesen lese: „Aber heute weiss Nili viele Dinge über ihn, und ihr ist es zu verdanken, dass auch er Dinge über sich selbst weiss.“, oder diese hier: „Kleine Kinder erinnern sich nicht an Geschichten. Bei ihnen gibt es keine zeitlichen Abfolgen, das ist ein Segen.“, dann weiss ich bereits – auch wenn sie ziemlich am Anfang stehen – , dass sich die Lektüre lohnen wird.
 
Nachdem sie sich einen Monat kannten, schenkte Nili Nati eine Reise nach Paris. Sie verbringen eine verliebte Zeit, gehen am letzten Abend ihres fünftägigen Aufenthalts in die Oper, anschliessend in das zu der Zeit angesagteste Lokal der Stadt, wo Nati merkt, dass er sein Portemonnaie vermisst, inklusive Pass und Flugtickets. Der Millionär Duclos,der mit seiner Frau am Nebentisch sitzt, kommt zu Hilfe … und kündigt dann eines Tages per Telefon an, nach Jerusalem zu kommen …
 
Duclos‘ angekündigter Besuch ist der Autorin Anlass, die Familiengeschichte von Nati, Nili, Dida und Asia Schoenfeler, mit ihren Höhen und Tiefen, Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen vor dem Leser auszubreiten. „Die selektive Geschichte von Familien, denkt Nili. Was fotografiert wird, woran man sich erinnert, was man überarbeitet. Wer kontrolliert das alles? So viele Illusionen saugen der Familie das Blut aus, und bei Familien ihrer Art sind die Knochen dünn und brüchig.“
 
Das ist wunderbar gekonnt und einfühlsam erzählt, dabei zwischen Zeiten und Orten hin und her springend. Und über allem schwebt Duclos‘ in Paris zu Nili geäusserter Satz: „Ich hoffe, Sie nehmen Ihre Beziehung zu ihm nicht ernst.“
 
Hila Blum versteht es meisterhaft, die Spannung aufrecht zu erhalten. Zunehmend ungeduldig werdend wartet man auf Duclos‘ Jerusalem-Besuch …
 
„Der Besuch“ ist eine Ansammlung ganz unterschiedlichster Szenen voll amüsanter, nachdenklicher und anregender Betrachtungen. Etwa als Nili im Frühstückraums des Hotels ein deutsches Paar betrachtet, das schweigend seinen Tee trinkt: „Wie lernen sich solche Menschen überhaupt kennen?, fragt sich Nili. Wie teilen sich zwei so ruhige Menschen mit, dass sie aneinander interessiert sind? Bei Nati und ihr wurde alles sofort und ausführlich besprochen – ihre Liebe führte sie zueinander, mit Pauken und Trompeten. Sie waren die Ursache, die Liebe wuchs aus ihnen selbst; Alchemie von Blicken und Berührungen und Worten. Oder etwa nicht?“
 
 PS: In der Verlagsinformation zum Buch lese ich, dass es sich bei „Der Besuch“ um einen Debütroman handelt, der die Geschichte eines israelischen Paares erzählt und „zwar vor dem Hintergrund des ganz normalen Familienwahnsinns einer modernen Familie, Patchworkfamilie, inklusive kleinen und heranwachsenden Kindern, eigenen wie angenommenen – von den dazugehörigen Tanten und Grossmüttern und Exmännern an dieser Stelle ganz zu schweigen.“ Eine Charakterisierung, die mich köstlich amüsiert, denn ich wusste gar nicht, dass bei modernen Familien, sogar ohne Tanten, Grossmütter und Exmänner, der Familienwahnsinn ganz normal ist.

Hila Blum
Der Besuch
Berlin Verlag, 2014

Martin Korte: Wir sind Gedächtnis

Wir sind, was wir essen; wir sind, was wir fühlen; wir sind, was wir denken – jede (akademische) Disziplin nimmt für sich in Anspruch, das Welträtsel gelöst zu haben (und kommt damit meinen eigenen Erkenntnissen ständig in die Quere). Eine interessante und plausible (im Titel bereits vorweggenommene) These stellt der Neurobiologe Martin Korte in seinem Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind auf, die sich, wenig überraschend, weitestgehend mit seinem Forschungsschwerpunkt (die zellulären Grundlagen von Lernen und Erinnern wie die Vorgänge des Vergessens) deckt.

Erinnerungen sind bekanntlich ein weites Feld und warum man dies und nicht das im Gedächtnis behält, ist ein Rätsel, das auch Martin Korte nicht gelöst hat, nur argumentiert er weit differenzierter als etwa Psychologen, die behaupten, man erinnere sich an das, was einem wichtig sei – und das stimmt nun ganz und gar nicht. Ich zum Beispiel erinnere mich oft an Sachen, die mir gänzlich unwichtig sind (etwa dass Paris Hilton ihren Steuerwohnsitz in Biberbrugg hat), hingegen selten an meine Neujahrsvorsätze, von denen ich mir einbilde, sie seien mir echt wichtig. Wer jetzt dagegen hält, der Steuerwohnsitz von Paris Hilton sei mir wichtig, obwohl ich das selber nicht wisse, sitzt der Mär auf, Psychologen würden etwas vom Unbewussten verstehen, das qua definitionem unbewusst ist, sich also unserem (das schliesst Psychologen und Psychologinnen mit ein) Bewusstsein entzieht.

„Was wir an unseren Gedächtnis haben, merken wir erst, wenn es uns im Stich lässt“, so Professor Korte. Doch wo befindet es sich eigentlich, das Gedächtnis? Nun, es hat keinen festen Sitz im Gehirn, dieses ist in seiner Gesamtheit ein Gedächtnisspeicher. „Unser Gehirn ist der Acker, um Neues zu lernen, und die Ernte, die es einfährt, ist der Gedächtnisvorrat.“ Zudem: Das Gedächtnis ist kein Ort, also nichts Statisches, sondern ein Prozess.

„Erinnern bedeutet also nicht, dass ein abgelegtes Ereignis wie eine Datei geöffnet oder wie eine DVD abgespielt wird. Eine Erinnerung wird rekonstruiert, und diese Rekonstruktion ist abhängig vom Jetzt, von den Umständen und der emotionalen Lage, die das Erinnern begleiten, und von anderen Ereignissen, die uns als Persönlichkeit geprägt haben.“ Anders gesagt, das Gedächtnis ist höchst kreativ – und es tut so recht eigentlich was es will. „… wir können nur schwer steuern, welche Lebenserinnerungen uns bewusst werden und wann.“

Wir sind Gedächtnis liefert wesentlich eine Bestandesaufnahme des aktuellen Forschungsstandes. Die Fülle des emsigen Forschens ist eindrücklich, auch wenn es oft nur bestätigt, was man auch ohne Forschung gewusst hätte – etwa „dass unser Gedächtnis zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens präzise, unfehlbar und vollständig Informationen abspeichern und abrufen kann.“ Auch dass die meisten Menschen charakterlich die Person bleiben, die sie einmal waren, gehört zu den Erkenntnissen, die so ziemlich allen geläufig sind.

Wir sind fast ständig auf Autopilot, also in Gewohnheiten und Routinen unterwegs und diese entlasten unser Gedächtnis. Blöd ist nur, dass unser Gehirn nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten unterscheiden kann. Wenn sich eine Tätigkeit automatisiert hat, ist sie nur sehr schwer zu ändern. Neuere Forschungen legen nahe, dass es bis zu einem Monat braucht, dass sich eine neue und (hoffentlich gesündere) Gewohnheit etablieren kann. Nicht zuletzt solch nützlicher Informationen wegen lohnt die Lektüre dieses Buches.

Was es überdies lesenswert macht, sind die übers ganze Buch verstreuten Merksätze. Zum Beispiel dieser hier von Sancho Pansa aus Cervantes‘ Don Quijote, der dem Kapitel „Ein Traum wird wahr: Lernen im Schlaf“ vorangestellt ist: „Der Schlaf ist das Gericht, das den Hunger vertreibt, das Wasser, das den Durst in die Flucht schlägt, das Feuer, das die Kälte erwärmt, die Kälte, die die Hitze mässigt … die Waage und das Gewicht, womit der Hirte und der König, der Einfältige und der gescheite Kopf gleich abgewogen und gleich schwer befunden.“

Eine wichtige Funktion des Schlafs besteht übrigens darin, „tagsüber Gelerntes zu verfestigen und auszusortieren, was das Gehirn vergessen darf,“ Merke: „Gesunder Schlaf steigert die Gedächtniskraft“. Und wie geht das, gesunder Schlaf? Sich einen bestimmten Schlafrhythmus anzugewöhnen hilft, an allen sieben Tagen der Woche. Mindestens vier Stunden vor dem Schlafengehen keinen Alkohol oder Kaffee trinken hilf ebenso. Und und und …

Ganz besonders haben mich Martin Kortes praktische Anregungen angesprochen. Etwa: „Wer kreativ sein will, braucht am Tag etwas unverplante Zeit und vor allem auch immer wieder Phasen, in denen er nicht unter grossem Druck von aussen (oder innen) steht.“ Oder dass er unter dem Titel „Allein arbeiten und Brainstorming meiden“ diese zutiefst wahren Gedanken des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson anführt: „Ich brauche nur das zu tun, was ich will, und nicht, was die anderen von mir erwarten. In der Gemeinschaft ist es leicht, nach fremden Vorstellungen zu leben. In der Einsamkeit ist es leicht, nach eigenen Vorstellungen zu leben. – aber bewundernswert ist nur der, der sich in der Gemeinschaft die Unabhängigkeit bewahrt.“

Wir sind Gedächtnis.Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind ist verständlich geschrieben und überzeugt durch fundierte Aufklärung sowie hilfreiche Ratschläge – eine idealere Kombination gibt es nicht.

Martin Korte
Wir sind Gedächtnis
Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind
Pantheon, München 2019

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