Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Die Verlagsmitteilung hatte mich neugierig gemacht: Eine Frau eröffnet ihrem Mann, dass ihr Liebhaber künftig das Haus mit ihnen teilen solle, worauf er ihrem Traum seinen eigenen entgegensetzt: einmal im Leben durch den Ärmelkanal zu schwimmen.

Es dauerte etwas, bis ich in den Text hinein kam, ich hatte gelegentlich Mühe mit der Ausdrucksweise der Autorin – was ist „böschiges Unterwasser“? „Die Scham brennt nicht im Gesicht. Nicht im Nacken.“ „Suchte er den Kanal als grosse physiologische Tröstung? Als absurde Verzauberung?“ Nun gut, vielleicht fehlt es mir ganz einfach an Vorstellungskraft. Der Verlag behauptet: „Mit beeindruckender poetischer und psychologischer Intensität, sinnlich und humorvoll …“.

Also „sinnlich“ wäre mir bei diesem Text nicht in den Sinn gekommen („humorvoll“ hingegen schon) und unter „ poetischer und psychologischer Intensität“ kann ich mir beim besten Willen nichts vorstellen, doch je mehr meine Lektüre voranschritt, desto besser gefiel mir dieser Roman, in dem es auch überaus treffende (und ja: witzige) Schilderungen von britannischen Eigenheiten gibt: „Halb sieben morgens. Das Cliff-Top-Restaurant servierte Nescafé zu halb kaltem Labbertoast. Britannien. Hier fing es an, hier hörte es auf.“ „Seit dem Brexit-Votum war die britische Toblerone um eine Spitze kürzer als jenseits des wässrigen Ärmels, dafür teurer.“ (wässriger Ärmel?, na ja). „Jedes Kleinkind hier träumte von Fossilien, es buddelte darin. In England bedeutete eine Vergangenheitsobsession wirklich etwas anderes als östlich des Rheins.“

Einmal drin, liess mich dieser Text dann nicht mehr los. Das liegt an Verschiedenem, das Meiste, wie üblich, ist mir nicht bewusst, doch von dem Bewussten dies: Der Aufbau, die Konstruktion – man erfährt im Verlaufe der Geschichte laufend Neues und Unerwartetes über die Protagonisten und darüber was sie verbindet. Die Dinge erweisen sich als nicht so (vor allem nicht so simpel), wie ich zuerst gedacht hatte, sondern viel komplexer und ineinander verwobener. Die Spannung nimmt dabei stetig zu – wie Ulrike Draesner diese Steigerung hingekriegt hat, fand ich höchst beeindruckend.

Neben den komplizierten und faszinierenden Beziehungsgeschichten („Abbie hatte eine treue Seele. Das klang dümmer, als es war; es war überhaupt nicht dumm, es war mit jedem Monat, den er sie um sich spürte, angenehmer geworden. Sie war gutmütig und exzessiv und beherrschte etwas, was ihm fremd war: teilen, über die Stränge schlagen.“) haben mich auch die vielfältigen Informationen zum Ärmelkanal beziehungsweise zu dessen Überquerung angesprochen. Die Regel Nummer 1 lautet: The channel is not your friend.

Die erste aufgezeichnete Überquerung des English Channel ohne Hilfe schaffte Captain Matthew Webb 1875 in weniger als 22 Stunden und erfolgte von Dover nach Calais. „Auf der Insel war das Jahr 1875 nicht fern. Man lebte in Häusern von damals. Man gab sich bescheiden.“ Das ist Britannien auf den Punkt gebracht! Fog in Channel, Continent cut off lautete vor Jahren die Wetterprognose im Manchester Guardian. Diese Einstellung hat sich gehalten.

Immer wieder stiess ich auch auf Lebens-weise, bewegende Passagen, vor allem diese hier hat es mir angetan. „In dem leeren Haus fühlte Charles sich warm und kalt und vernünftig und zum Heulen. Seit er allein lebte, empfand er, wie begrenzt die ihm verbliebene Lebenszeit war, er spürte seine Sterblichkeit. Aber auch Maudes. Regelmässig schalt er sich dafür: De facto war nichts daran vor seinem Auszug anders gewesen, doch dieser vernünftige Ist-gleich-Gedanke besserte sein Elend nicht, er vertiefte es.“

Nicht zuletzt gibt „Kanalschwimmer“ auch willkommene und zum Schmunzeln einladende Denkanregungen wie etwa diese: „Konnte, was man tat, klüger sein als das, was man selbst davon hielt? Charles hoffte darauf.“

Ulrike Draesner
Kanalschwimmer
mare, Hamburg 2019

Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität

„Antifragilität“ ist ein umfangreiches Buch, fast 700 Seiten dick; mir gefällt der Untertitel, weil ich ihn verstehe, der Haupttitel sagt mir weniger zu, nicht zuletzt, weil ich ihn zuerst gar nicht verstand und möglicherweise auch deswegen, weil ich immer noch nicht ganz sicher bin, ob ich ihn wirklich verstehe. Auch fragte ich mich, ob da einer wieder einmal ganz besonders originell sein wollte und dafür habe ich so ziemlich Null Sympathie. Doch das war, bevor ich zu lesen angefangen habe
 
Schon auf den ersten Seiten stiess ich dann auf Sätze, die meine vollste Sympathie haben:
„In der Vergangenheit brachten es nur Menschen, die Risiken auf sich nahmen und bereit waren, für die Folgen ihrer Handlungen einzustehen, zu hohem Rang oder Ansehen; wer dasselbe zum Wohle anderer tat, galt als Held. Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Wir erleben das Aufkommen einer neuen Klasse invertierter Helden: Bürokraten, Banker, die sich in Davos tummelnden Mitglieder der IAND (International Association of Name Droppers) und Akademiker mit zu viel Macht und bar jeder Verantwortlichkeit. Sie zocken das System ab, und die Bürger zahlen die Zeche.“
„Das Leben ist unendlich viel labyrinthischer, als unser Gedächtnis uns weismachen will – unser Verstand wirkt darauf hin, Geschichte in etwas Glatt-Lineares zu verwandeln, und daher unterschätzen wir die Rolle des Zufalls. Und wenn wir damit konfrontiert sind befällt uns Angst, und es kommt zu Überreaktionen (…) Wer bewusst Ordnung anstrebt, erzielt lediglich eine Pseudo-Ordnung; ein gewisses Mass an wahrer Ordnung und Kontrolle über die Dinge erlangt nur, wer den Zufall bejaht.“
 
Doch was meint Nassim Nicholas Taleb mit Antifragilität? Das Gegenteil von fragil sei nicht robust, argumentiert er, sondern antifragil. „Fragil ist ein Paket, das im besten Fall vor Schäden bewahrt würde. Das robuste Paket bliebe im besten und im schlechtesten Fall wie es ist. Und das Gegenteil des Fragilen ist demgemäss das, was im Idealfall nicht vor Schäden bewahrt wird.“ Dass es kein eigenes Wort für das Gegenteil von fragil gibt, ist zwar schon etwas eigenartig, doch so eigenartig dann auch wieder nicht, denn für vieles, das wir wissen, haben wir keine Worte.
 
Schon einmal von „posttraumatischem Wachstum“ gehört? Es handelt sich dabei um das Gegenteil des posttraumatischen Stresssyndroms und meint, dass Menschen aufgrund belastender Ereignisse in ihrer Vergangenheit über sich selbst hinauswachsen. „Leiden bildet den Charakter“ heisst es im Volksmund oder eben „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“.
 
Auch dass man aus den Fehlern der anderen lernen kann, weiss man. Fragt sich nur was, und wie man das tut, denn so allgemein ist der Satz nämlich falsch. Dazu Taleb: „Jeder Flugzeugabsturz verringert die Wahrscheinlichkeit des nächsten Flugzeugabsturzes, wohingegen jeder Bankenzusammenbruch die Wahrscheinlichkeit des nächsten Bankenzusammenbruchs erhöht. Wir müssen die zweite Irrtumsvariante – diejenige, die sich durch Ansteckung verbreitet – aus unserer Konstruktion eines idealen sozio-ökonomischen Systems entfernen.“
 
Das Wahre vom Bequemen zu unterscheiden, erfordere Mut, habe ich letzthin gelesen. Dieser Gedanke findet sich auch bei Taleb, der dafür den Römer Staatsmann Cato Censorius anführt, der gemeint hat, „ein abgesichertes Leben voller Annehmlichkeiten führe direkt ins Verderben. Er mochte es gar nicht, wenn es ihm zu gut ging, da er befürchtete, damit seine Willenskraft zu schwächen.“ Überhaupt finden sich in diesem Werk viele Bezugnahmen auf die abendländische Geistesgeschichte und vor allem auf die alten Griechen. Eine treffende Abkürzung dafür wäre TAND – Talebs Art of Name Dropping.
 
Anstatt dauernd zu versuchen, die Dinge des Lebens in den Griff zu kriegen und damit zu kontrollieren, sollten wir genau das Gegenteil tun: uns dem Leben und damit den Zufälligkeiten des Lebens hingeben. Und genau dies haben wir verlernt. Als es noch keine geteerten Strassen, sondern nur Naturstrassen gab, musste der Mensch bei jedem Schritt aufpassen, wo er hintrat, heute muss er das nicht mehr, er kann sich auf die stabile, gleichförmige und ihm damit Sicherheit vermittelnde Teerunterlage verlassen. Wer einmal bei einem Erdbeben auf einer geteerten Strasse gestanden ist, weiss, dass diese Sicherheit eine vermeintliche ist.
 
Charakteristisch für dieses Buch ist, dass es ganz viele Gewissheiten in Frage stellt. Dass der Zentralstaat Frankreich wirklich zentral regiert werde, zum Beispiel. Oder dass Schweden „ein monströs ausgedehntes Staatswesen“ habe, das den Handlungsspielraum der Menschen extrem einschränke.
 
Bei vielen Beispielen aus der Finanzwelt weiss ich nicht so recht, was ich davon halten soll, aus dem einfachen Grund, weil mir das einschlägige Hintergrundwissen fehlt. Wenn Taleb hingegen auf die Schweiz zu sprechen kommt, sieht das etwas anders aus, da weiss ich recht gut, wie ich seine Argumente einzuschätzen habe. Die Schweiz sei „der antifragilste Ort unseres Planeten; sie profitiert von den Erschütterungen, die sich ausserhalb ihrer Grenzen zutragen“ und produziere „Stabilität, langweilige Stabilität, auf jeder denkbaren Ebene.“ Für einen Schweizer, abgesehen davon, dass man das Ganze „antifragil“ nennt, sind das nicht unbedingt neue Erkenntnisse. Taleb schreibt auch, dass akademische Bildung in der Schweiz im Vergleich zum Ausland eine untergeordnete Rolle spiele. Auch wenn das lange Jahre so war, so wäre ich mir da heutzutage nicht mehr so sicher, denn mittlerweile gibt es in Helvetien höhere Schulen wohin man auch schaut.
 
Talebs Ideen und Vorschläge sind immer bedenkenswert, auch wenn einem sein monumentales Ego, seine Besserwisserei und Arroganz ganz schön auf die Nerven gehen können. So bezeichnet er etwa Hillary Clinton als eine Politikerin „der schlichteren Art“ und charakterisiert Alan Greenspan und Gordon Brown als Iatrogenisten (das kommt aus dem Griechischen und wird im Buch erklärt …). Eingenommen für den Autor hat mich hingegen, dass er sich selber als Autodidakt versteht, was nicht etwa meint, dass er nicht zur Schule gegangen ist (er hat seine Abschlüsse gemacht), sondern dass er alles Wissenswerte sich nicht in der Schule angeeignet hat ( „ … damals dämmerte mir, dass die Schule eine Veranstaltung sein muss, die es böswillig darauf anlegt, Menschen ihrer Gelehrsamkeit zu berauben, indem sie ihr Wissen in ein enges Korsett zwängt.“).
 
Wirkliche Bildung (im Sinne von Charakter- und Persönlichkeitsbildung), so Taleb, schätzt Unordnung. Der Mensch sucht und schafft sich jedoch Ordnung. Sähe er sich genau an, was in der Natur vor sich geht, würde er entdecken, dass es in der Natur eine Logik gibt, die der unseren weit überlegen ist – und es ist diese Logik des Flexiblen, Anpassungsfähigen oder Antifragilen, die wir zu begreifen versuchen sollten
 
Fazit:„Antifragilität“ ist ein wunderbar anregendes Buch. Gut möglich, dass ich es ganz anders verstanden habe, als Nassim Nicholas Taleb es gemeint hat.

Nassim Nicholas Taleb
Antifragilität
Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen
Knaus, München 2013

Garry Disher: Hitze

„Es lief jetzt schon nicht rund“ lautet der erste Satz. Berufsverbrecher Wyatt, obwohl er dringend einen Job braucht, wird sich auf diese Trottel nicht einlassen. Er sagt es nicht, er handelt entsprechend.

Diese Trottel – die Pepper Brüder, der drogensüchtige Syed, Stefan Vidovic – bleiben mit dem wortkargen Eigenbrötler Wyatt („Er offenbarte seine Bedürfnisse nicht. Er gestand sich nicht einmal ein, dass er welche hatte.“) verbunden.

Als der Bauunternehmer David Minto, der auch Anwalt für Immobilienrecht war und in den Hinterzimmern der Labour Party die Strippen zog, ihm einen Auftrag anbietet, fliegt Wyatt an die Goldküste. Wie er diese beschreibt, ist einer der Gründe, weshalb mir Garry Dishers Schreiben gefällt. „Hier gab es keine Notwendigkeit nachzudenken. Niemand erwartet es und die Sonne verbrannte alle Denkvorgänge, während sie zugleich die perfekten weissen Zähne und den perfekt gebräunten Körper. Politiker bezeichneten es als ‚Gods own country‘, aber Wyatt war der Ansicht, Gott sei die meiste Zeit geschäftlich woanders unterwegs.“

Minto ist nur der Vermittler, die Auftraggeberin ist Hannah Sten, die ein Bild zurück will, von dem sie behauptet, es gehöre ihrer Familie und sei im Zweiten Weltkrieg von den Nazis geklaut worden. Der jetzige Besitzer will jedoch nichts davon wissen, also soll Wyatt das Gemälde klauen.

Wyatt sieht sich vor, ist aufmerksam, vergewissert sich ständig, ob er verfolgt wird. Er verfügt über Qualitäten, die auch in jedem anderen Beruf gefragt gewesen wären, er ist ein Profi. Und er ist auch ziemlich paranoid – was manchmal kein Nachteil ist.

Die detaillierten Schilderungen von Wyatts Einsatzort ist nicht nur Ausdruck seiner Kontrollwut, sondern gibt auch Einblick in den Lokalkolorit von Noosa Heads und Umgebung, eine Gegend, die zu der Zeit als ich dort war (vor gut dreissig Jahren), sehr hip war.

Bei der Vorbereitung des Raubes spielen auch David Mintos Nichte Leah, ihr Liebhaber, der New Yorker Anwalt Rafael Halperin, sowie ihr Partner Trask, ein Ex-Cop, eine Rolle, wollen sich jedoch damit nicht zufriedengeben – sie planen selber den grossen Coup zu landen.

Obwohl kein Denker, macht Wyatt sich viele Gedanken (praktische, die fast nur mit der Erledigung seines Auftrags zu tun haben), ausgeprägter ist jedoch sein Instinkt. Er weiss, dass etwas nicht stimmt. Und er hat seine Prinzipien. „Keinen Alkohol im Vorfeld eines Coups. Kleine Mahlzeiten. Viel Schlaf.“ Ein Sportler, ein Soldat. Jederzeit bereit zu sein, darum ist es ihm zu tun. Weshalb er denn auch angespannt und misstrauisch ist – und das zahlt sich aus.

Garry Disher ist ein meisterhafter Erzähler, und Hitze ein meisterhafter Roman. Das liegt, neben der spannenden Handlung, wesentlich an seiner Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen. Neben Wyatt ist da besonders die ständig kurz vor dem Explodieren stehende Leah, über die ihr Partner Trask einmal räsoniert. „Sie war giftig, sah niedlich aus, war fies, couragiert, ambitioniert, gewissenlos. Im Bett stürmisch, wenn auch emotional distanziert. Hasste es, ausgefragt oder kritisiert zu werden …“. Und er fragt sich, ob sie wohl an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt. Unter anderem, würde ich sagen.

Was mir auch gefällt, ist Dishers trockener Humor. „…. als eine Frau mit dem Modegespür einer fundamentalistischen Zeugin Jehovas schnurstracks hereinspazierte.“

Aussergewöhnlich finde ich, dass es dem Autor gelingt, den Leser mit dem (anständigen) Einbrecher Wyatt mitfiebern zu lassen, ja, sich mit ihm zu identifizieren. Jedenfalls ist es mir so gegangen. Damit macht Disher auch klar, wie relativ die Zuschreibungen von Gut und Böse manchmal sind.

Ein vielschichtiges und grossartiges Buch!

Garry Disher
Hitze
Pulp Master, Berlin 2019

Neel Mukherjee: Das Leben in einem Atemzug

Die erste Geschichte dieses Romans handelt von einem Inder, den die zwanzig Jahre im „plüschgepolsterten Westen“ haben „so dünnhäutig wie einen braven, behüteten Erste-Welt-Liberalen werden lassen“ und der nun zusammen mit seinem sechsjährigen Sohn den Taj Mahal besucht, wobei er höchst Verwirrendes erlebt. Unverzüglich fühle ich mich vor Ort und mit dabei, denn was die beiden da machen, habe ich selber einmal gemacht und so konnte ich mich dem hier geschilderten touristischen Leistungsdruck auch nur schwer entziehen.

Auch die zweite Geschichte handelt wesentlich von der Aussensicht eines Inders auf Indien. In diesem Falle besucht ein in London ansässiger junger Mann seine in Bombay wohnhafte Familie und weiss nicht (mehr) so recht, wie er sich den Bediensteten gegenüber verhalten soll. Als die Köchin ihn auffordert, ihre Familie auf dem Land zu besuchen, tut er das und erfährt dabei einiges über sie (und auch über sich). Die Einblicke, die man in die indische Klassengesellschaft (wer es sich finanziell erlauben kann, hält sich Kindersklaven) gewinnt, sind eindrücklich und machen überdeutlich, dass die Inder in einer Komplexität gefangen sind, aus der ein Entkommen nicht so einfach möglich ist.

In Geschichte Nummer drei finden Slumkinder ein Wesen, das sich als Bärenjunge entpuppt. Ob sich dieser wohl zum Tanzbär eignen könnte? Man erfährt viel über das Leben in den Slums (etwa dass die Toilette in der Schule eine Neuigkeit für die Kinder war, denn bei ihnen zu Hause gab es keine, sie erledigten ihr Geschäft im Freien) und immer mal wieder ging mir die Beobachtung von U.R. Ananthamuthy durch den  Kopf, der einmal geschrieben hat, indische Schriftsteller hätten gegenüber den westlichen Kollegen den Vorteil, gleichzeitig im 12ten und 21ten Jahrhundert zu leben und in all den Jahrhunderten dazwischen.

„Das erste Bild, das ihr in den Sinn kam, wenn sie an jenen Tag dachte, war der sprühende Bogen, den das Blut beschrieben hatte, als sie die rechte Hand ihres Bruders ins Gebüsch warfen. Ihre Augen waren der fliegenden Kurve der Tropfen gefolgt, als die abgetrennte Hand in die Büsche flog und verschwand.“ So beginnt Geschichte Nummer vier (von insgesamt fünf) und spätestens jetzt merkt man, dass man es mit einem ausserordentlich begabten Autor zu tun hat.

Neel Mukherjee schreibt derart fesselnd, dass man glaubt zu verstehen, dass in solchen Verhältnissen zu überleben, eine Kraft braucht, über die in behüteten Verhältnissen Aufwachsende wohl kaum verfügen. Was sich bei der Lektüre dieser grossartigen Literatur jedoch vor allem einstellt, ist (zugegeben, ich spreche von mir) eine unbändige Wut auf ein Gesellschaftssystem, dass solche Zustände produziert. Denn – keine Frage – was dieser Roman schildert, ist realistisch.

Das Leben in einem Atemzug macht auch auf Verblüffendes aufmerksam, nämlich den „Hass des Erfolgreichen auf die weniger Glücklichen der eigenen Gruppe.“ Und er lässt einen mit dem Gefühl zurück, dass die soziale Lage in dem Land hochexplosiv ist. Ein Schauspieler in einem im Slum aufgeführten Theaterstück formuliert es so: „Wenn ihr tötet, töten wir auch. Wenn ihr Gewehre habt, haben wir auch Gewehre.“

Neel Mukherjee wurde 1970 in Kalkutta geboren, studierte Englische Literatur in Oxford und Cambridge und lebt in London. Hanya Yanagihara, die Autorin des in jeder Hinsicht aussergewöhnlichen „Ein wenig Leben“, hat von diesem Roman in den höchsten Tönen geschwärmt und auf den Punkt gebracht, was wesentlich sein Thema ist – die „schonungslose Erkundung, wie die enorme gesellschaftliche Ungerechtigkeit menschliches Verhalten deformiert.“ Was sich übrigens auch darin zeigt, dass Menschen selbst äusserlich sich den Tieren angleichen.

Fazit: Eindrücklich und Horizont erweiternd.

Neel Mukherjee
Das Leben in einem Atemzug
Verlag Antje Kunstmann, München 2018

Dalai Lama / Michael von Brück: Verzicht und Wagnis

In Dharamsala trafen sich der Religionswissenschaftler Michael von Brück (Jahrgang 1949) und der Dalai Lama (Jahrgang 1935) und unterhielten sich ausführlich über persönliche Erfahrungen, Bildung, Erziehung, Politik, Religion, Medien, Ökologie und Technologie sowie anderes mehr. Diese höchst aufschlussreichen Gespräche liegen nun unter dem Titel Wagnis und Verzicht  als Buch vor.

Wer denn ein besonderer Mensch in seinem Leben gewesen sei, fragte Michael von Brück einleitend, worauf der Dalai Lama meint, jeder Mensch solle sein eigener Lehrer sein. „Es kommt auf selbstständiges Denken und gültige Argumente an, und nicht auf autoritäre Botschaften, die einige für wichtig halten, die für andere jedoch irrelevant sind.“

Nicht nur eine überaus vielfältige Palette an Themen wird in diesen Gesprächen angesprochen – im Gegensatz zu vielen anderen Büchern, geht es in diesem sehr praktisch zu und her. So plädiert der Dalai Lama nicht nur für gute Bildung, sondern erläutert auch konkret, was er darunter verste
„Der richtige Gebrauch der Vernunft muss erlernt werden. Menschen müssen so erzogen werden, dass sie sich der Komplexität der Welt bewusst werden, und auch der Tatsache, dass Lösungen, ganz gleich auf welchem Gebiet, ebenfalls komplex sind. Nur auf der Basis von Wissen lassen sich Ängste überwinden und Mut entwickeln.“

Bildung bedeutet die Schulung der inneren Werte und des inneren Friedens, die heutigen Schulen sind hingegen Orte der Ausbildung für das materialistisch ausgerichtete Leben.

Von der Vernunft Gebrauch zu machen heisst auch „unsere Wahrnehmung zu schulen und dann die tatsächlichen Wahrnehmungen korrekt zu interpretieren. Die meisten unserer negativen Emotionen sind Reaktionen auf das, was vermeintlich passiert, doch beruhen sie nicht auf der Wirklichkeit, wie sie ist, sondern auf Unwissenheit.“

Als Kind habe er seinen aufbrausenden Vater gehasst, sagt der Dalai Lama. „Wie hast Du diesen Hass überwunden?“, fragt Michael von Brück. „Die Zeit hat ihn geheilt.“ (sie hatten keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten). Es sind diese klaren und unprätentiösen Antworten, die mir dieses Buch speziell teuer machen. Auch auf die Frage: „Hast Du Angst vor dem Tod?“, antwortet der Dalai Lama simpel und direkt. „Nein.“ Und führt dann aus: „Da ich weiss, dass ich dem Tod nicht entgehen kann, hat es in meinen Augen keinen Sinn, Angst davor zu haben. Ich sehe den Tod so, als würde man abgetragene Kleider wechseln, doch ist das nicht das Ende aller Dinge.“

Besonders beeindruckt haben mich die Ausführungen über Leerheit und Verbunden-Sein. Leerheit meint, dass Lebewesen und Objekte nicht aus sich selbst beziehungsweise aus eigener Kraft entstehen. Anders gesagt: Ein klares getrenntes Ich gibt es nicht, denn alles ist miteinander verbunden, existiert nur in Abhängigkeit voneinander. Nichts exisitert so, wie es scheint. „Dinge und Ereignisse sind nicht unabhängig voneinander, vielmehr ist alles miteinander verknüpft. Ein beliebiges Etwas ist das, was es ist, nur in Beziehung zu etwas anderem.Wie kann man also gegen seine egoistische, selbstbezogene Haltung angehen? Durch Reflexion, die uns erlaubt, zu erkennen, dass dem Ego nachzugeben meist zu Angst, Isolation und Unglücklichsein führt. Falls man diesem krank machenden Separatismus entgehen will, empfiehlt sich als logische Konsequenz die Nächstenliebe. Das geduldige Einüben einer altruistischen Einstellung wird uns zufriedener machen. 

„Mein Erkennen geht in Erleben über“ zitiert Michael von Brück Albert Schweitzer und  kommentiert das so:  „Damit sagt er doch Folgendes: Ich weiss, dass alle Dinge miteinander verbunden sind. Sowohl die modernen Naturwissenschaften als auch unsere je eigene Lebenserfahrung lehren uns genau das. Doch auch wenn ich dies weiss und vielleicht auch eine tiefere Einsicht in solche Zusammenhänge gewinne, folgt daraus für das Leben meist nichts, wenn nicht eine emotionale Empfindung und das Gefühl von Ehrfurcht hinzukommen, erst dann nämlich wird dieses Wissen um die Einheit der Dinge zur prägenden Erfahrung. Eine solche Erfahrung verbindet Herz und Verstand, sie verändert meine Motivation wirklich.“

Fazit: Differenziert, anregend und ausgesprochen hilfreich.

Dalai Lama
Michael von Brück
Verzicht und Wagnis
Kösel, München 2019

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