Die Verlagsmitteilung hatte mich neugierig gemacht: Eine Frau eröffnet ihrem Mann, dass ihr Liebhaber künftig das Haus mit ihnen teilen solle, worauf er ihrem Traum seinen eigenen entgegensetzt: einmal im Leben durch den Ärmelkanal zu schwimmen.
Es dauerte etwas, bis ich in den Text hinein kam, ich hatte gelegentlich Mühe mit der Ausdrucksweise der Autorin – was ist „böschiges Unterwasser“? „Die Scham brennt nicht im Gesicht. Nicht im Nacken.“ „Suchte er den Kanal als grosse physiologische Tröstung? Als absurde Verzauberung?“ Nun gut, vielleicht fehlt es mir ganz einfach an Vorstellungskraft. Der Verlag behauptet: „Mit beeindruckender poetischer und psychologischer Intensität, sinnlich und humorvoll …“.
Also „sinnlich“ wäre mir bei diesem Text nicht in den Sinn gekommen („humorvoll“ hingegen schon) und unter „ poetischer und psychologischer Intensität“ kann ich mir beim besten Willen nichts vorstellen, doch je mehr meine Lektüre voranschritt, desto besser gefiel mir dieser Roman, in dem es auch überaus treffende (und ja: witzige) Schilderungen von britannischen Eigenheiten gibt: „Halb sieben morgens. Das Cliff-Top-Restaurant servierte Nescafé zu halb kaltem Labbertoast. Britannien. Hier fing es an, hier hörte es auf.“ „Seit dem Brexit-Votum war die britische Toblerone um eine Spitze kürzer als jenseits des wässrigen Ärmels, dafür teurer.“ (wässriger Ärmel?, na ja). „Jedes Kleinkind hier träumte von Fossilien, es buddelte darin. In England bedeutete eine Vergangenheitsobsession wirklich etwas anderes als östlich des Rheins.“
Einmal drin, liess mich dieser Text dann nicht mehr los. Das liegt an Verschiedenem, das Meiste, wie üblich, ist mir nicht bewusst, doch von dem Bewussten dies: Der Aufbau, die Konstruktion – man erfährt im Verlaufe der Geschichte laufend Neues und Unerwartetes über die Protagonisten und darüber was sie verbindet. Die Dinge erweisen sich als nicht so (vor allem nicht so simpel), wie ich zuerst gedacht hatte, sondern viel komplexer und ineinander verwobener. Die Spannung nimmt dabei stetig zu – wie Ulrike Draesner diese Steigerung hingekriegt hat, fand ich höchst beeindruckend.
Neben den komplizierten und faszinierenden Beziehungsgeschichten („Abbie hatte eine treue Seele. Das klang dümmer, als es war; es war überhaupt nicht dumm, es war mit jedem Monat, den er sie um sich spürte, angenehmer geworden. Sie war gutmütig und exzessiv und beherrschte etwas, was ihm fremd war: teilen, über die Stränge schlagen.“) haben mich auch die vielfältigen Informationen zum Ärmelkanal beziehungsweise zu dessen Überquerung angesprochen. Die Regel Nummer 1 lautet: The channel is not your friend.
Die erste aufgezeichnete Überquerung des English Channel ohne Hilfe schaffte Captain Matthew Webb 1875 in weniger als 22 Stunden und erfolgte von Dover nach Calais. „Auf der Insel war das Jahr 1875 nicht fern. Man lebte in Häusern von damals. Man gab sich bescheiden.“ Das ist Britannien auf den Punkt gebracht! Fog in Channel, Continent cut off lautete vor Jahren die Wetterprognose im Manchester Guardian. Diese Einstellung hat sich gehalten.
Immer wieder stiess ich auch auf Lebens-weise, bewegende Passagen, vor allem diese hier hat es mir angetan. „In dem leeren Haus fühlte Charles sich warm und kalt und vernünftig und zum Heulen. Seit er allein lebte, empfand er, wie begrenzt die ihm verbliebene Lebenszeit war, er spürte seine Sterblichkeit. Aber auch Maudes. Regelmässig schalt er sich dafür: De facto war nichts daran vor seinem Auszug anders gewesen, doch dieser vernünftige Ist-gleich-Gedanke besserte sein Elend nicht, er vertiefte es.“
Nicht zuletzt gibt „Kanalschwimmer“ auch willkommene und zum Schmunzeln einladende Denkanregungen wie etwa diese: „Konnte, was man tat, klüger sein als das, was man selbst davon hielt? Charles hoffte darauf.“
Ulrike Draesner
Kanalschwimmer
mare, Hamburg 2019




