Jordan B. Peterson: 12 Rules For Life

Kaum eine Pressemeldung, die Jordan B. Peterson, Professor für Psychologie an der Universität Toronto, nicht als umstritten und zugleich anregend bezeichnet. Seine Botschaft läuft so recht eigentlich auf etwas höchst Einleuchtendes hinaus: Übernehmt Verantwortung! Werdet endlich erwachsen! Das sagt uns auch der gesunde Menschenverstand, nur eben weit weniger gelehrt und fundiert als Professor Peterson es tut.
 
Im Vorwort weist der Arzt und Neurowissenschaftler Norman Doidge auf Fundamentales hin, dass nicht immer gern gehört wird: Das Leben ist gleichbedeutend mit Leiden. Nicht, weil die falschen Leute an der Regierung sind oder weil der Chef ein Depp ist. Klar, deswegen auch, doch das ist nicht das Entscheidende. Es geht um Grundsätzlicheres: „Wir leiden, weil wir als Menschen zur Welt gekommen sind und allein dadurch Kummer genug mitgebracht haben. Und selbst wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person zufällig einmal nicht leidet, die Aussicht, dass es in Zukunft so bleibt, steht eher schlecht – falls sie nicht unverschämtes Glück haben. Denn eigentlich ist alles schwer. Kinder grosszuziehen ist schwer. Arbeit ist schwer. Alter, Krankheit und Tod sind schwer. Laut Peterson würde es sogar noch schwerer, wenn man all dies allein durchstehen müsste, ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne die Weisheit der grossen Psychologen.“
 
„12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ ist eine gescheite, differenzierte und ungewöhnliche Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Das erste Kapitel ist mit „Steh aufrecht und mach die Schultern breit“ überschrieben und beginnt mit den Hummern und den Vögeln und ihrem jeweiligen Revier. Jordan Peterson zeigt auf, dass die Hackordnung sowie das Prinzip der ungleichen Verteilung nicht vom Menschen erfunden wurden, sondern in der Natur angelegt sind. „Vor dreihundertfünfzig Millionen Jahren waren Gehirn und Nervensystem noch vergleichsweise simpel, und dennoch besassen sie hinsichtlich ihrer Struktur und der neurochemischen Abläufe alles, was man braucht, um Informationen über Rangfragen zu verarbeiten. Ein Faktum, das in seiner Bedeutsamkeit kaum überschätzt werden kann.“
 
Wie hören heutzutage oft, jeder denke nur an sich selber, die narzisstische Selbstüberhöhung sei weit verbreitet. Stimmt, doch das ist nicht die ganze Geschichte, denn es gibt auch die, welche sich selber als so wertlos erleben, dass sie sich vernachlässigen. Diesen Menschen sagt Jordan Peterson: „Wir verdienen Achtung. Sie verdienen Achtung. Sie sind für andere so wichtig wie für sich selbst. Sie spielen eine Rolle, wenn es um das Schicksal der Welt geht. Sie haben deshalb die moralische Pflicht, auf sich zu achten.“
 
Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: „12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ ist weit entfernt von einem simplen Ratgeberbuch. Es ist eine persönliche, eloquente und differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage: Wie sollen wir leben? Dabei greift der Autor auf wissenschaftliche Studien, Werke der Weltliteratur und ganz besonders auf eigene Erfahrungen zurück. Das Ziel dabei ist, in jeder Lebenslage selbst entscheiden zu können. Das setzt diszipliniertes Üben voraus. „Halten Sie sich an die Versprechen, die Sie sich selbst gegeben haben, aber belohnen sie sich auch, so wächst das Vertrauen in die eigenen Entschlüsse und die Motivation.“
 
Jordan B. Peterson erzählt aus seinem Leben, wie und mit wem er aufgewachsen ist. Auf dem Land, in Kanada. Er schaut hin, genau und hart – und staunt unter anderem darüber, dass Menschen, die unter gesundheitlichen Einschränkungen leiden trotzdem ganz normal ihrer Arbeit nachgehen. Er ist Realist und weiss, dass weder die Natur (man denke an Malaria oder Aids) noch der Mensch (man denke an bösartige Triebtäter) einfach gut sind. Wir haben eine Wahl. Uns ist aufgegeben, uns zu entscheiden. Das erfordert Mut genauso wie Demut. „Wir müssen es wieder schaffen, maximale Verantwortung zu übernehmen, zunächst für unser eigenes Leben, aber auch für die Gesellschaft und die Welt allgemein.“
 
Auch aus seiner klinischen Praxis berichtet er. Und wie man mit der Befolgung von einfachen Regeln Ruhe ins seelische Chaos bringen kann. „Ich hatte schon viele Patienten, die ihre Angstzustände allein dadurch in den Griff bekamen, dass sie regelmässig schliefen und richtig frühstückten.“ Es ist wohltuend, dass Jordan B. Peterson oft auf den gesunden Menschenverstand zurückgreift, dem er auch sprachlich höchst treffend (und gelegentlich mit unerwarteten Wendungen) Ausdruck gibt: „Es ist schlicht nicht tugendhaft, sich von Tyrannen kujonieren zu lassen, selbst wenn es der Tyrann in unserem Inneren sein sollte.“
 
Es gibt ganz viele solch hilfreicher Sätze in diesem gut geschriebenen Buch. Zu meinen liebsten gehören: „Nur weil Sie es denken, müssen Sie es ja nicht gleich tun.“ Und: „Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.“ Und diesen über Alexander Solschenizyn: „Er nahm sich selbst auseinander, Stück für Stück, verwarf, was unnütz und schädlich geworden war, und holte sich so ins Leben zurück.“
 
„12 Rules for Life. Ordnung und Struktur“ in einer chaotischen Welt macht Mut zum aufrichtigen Selber-Denken. Und ist darüber hinaus ein engagiertes, detailreiches und anregendes Plädoyer gegen den moralischen Relativismus.

Jordan B. Peterson
12 Rules For Life
Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt
Goldmann Verlag, München 2018

Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Schon nach den ersten paar Seiten weiss ich, dass ich diesen Roman mögen werde, obwohl so recht eigentlich alles dagegen spricht – die Eitelkeiten der Grossstädte wie New York, wo sich ambitionierte Erfolgshungrige versammeln, geht mir am Arsch vorbei und von Journalisten, die in Oxford studiert haben, habe ich so recht eigentlich auch genug. Doch Tara Isabella Burtons „So schöne Lügen“ hat einen guten Rhythmus, viel ironischen Witz und so bin ich sofort drin in der Geschichte von Louise, Ende zwanzig, die gerne Schriftstellerin wäre und sich mit schlecht bezahlten Jobs in Brooklyn durchschlägt, und der aus reichem Haus stammenden Lavinia, die auf der Upper East Side wohnt und ein glamouröses Leben führt.
 
„Sie schaut in den Spiegel.
‚Heute‘, sagt sie – und zwar laut (sie hatte mal eine Therapeutin, die ihr gesagt hat, es sei gut, solche Dinge laut auszusprechen) – ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.
Sie ringt sich ein Lächeln ab. Auch das hat die Therapeutin ihr geraten.“
 
„Louise beobachtet gern Leute; sie findet das beruhigend; wenn du dich lange genug auf das konzentrierst, was mit anderen nicht stimmt, fragst du dich nicht mehr ganz so oft, was mit dir nicht stimmt.“
 
Lavinia nimmt Louise zu den angesagtesten Partys mit. Da wimmelt es dann von Charakteren, die alle nur ein Ziel zu haben scheinen – aufzufallen und speziell zu sein. Diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten schildert die Autorin höchst überzeugend. Und die clevere Louise weiss sich darin zu bewegen. „Der beste Weg, jemanden von einer Frage abzulenken, die man nicht beantworten möchte, ist es, ihn dazu zu bewegen, über sich selbst zu reden.“
 
Die beiden verbindet die Gier und die Selbstzweifel, sie suchen und finden Halt aneinander. Lavinia bietet Louise an, bei ihr zu wohnen, die gegenseitige Abhängigkeit nimmt zu. Louise beginnt Lavinia zu beklauen, diese merkt das und plötzlich gerät alles ausser Kontrolle. Die jeder Abhängigkeit zugrunde liegend Angst, ja, Panik, ist höchst eindrücklich geschildert.
 
Dass „So schöne Lügen“ Tara Isabella Burtons erster Roman ist, verblüfft vor allem deswegen, weil er so überaus gekonnt gemacht ist. Diese Autorin, die unter anderem Beiträge ‚National Geographic‘, ‚Salon‘ und ‚The Atlantic‘ geschrieben hat und 2012 den Shiva Naipaul Memorial Prize für Reiseliteratur und 2016 einen Lowell Thomas Award erhielt, weiss, wie man spannend erzählt, versteht etwas von Dramaturgie. Was mich zudem für diesen Roman einnimmt, ist, dass nicht nur Louise (aus deren Perspektive die Geschichte geschildert wird), sondern auch Lavinia zwar sehr bewusst realisieren, was sie tun und was sich um sie herum abspielt, und trotzdem ihren Gefühlen gegenüber machtlos sind.
 
„So schöne Lügen“ ist auch ein Buch darüber, wie eine junge Frau sich immer wieder vornimmt, ihrem Leben eine Wendung zu geben – und scheitert, denn die gewohnten Verhaltensmuster sind stärker, der vertraute Lebenssog ist übermächtig.
 
Glänzende Dialoge, smarte Überlegungen. „Louise denkt: Ehrlichkeit und Liebe schliessen einander aus.“ Ein Buch über die Werte der jungen Leute von heute, gut erzählt, voller intelligenter Einsichten und sehr clever. „Niemand will die Wahrheit über sich hören, nicht wirklich, und sie müsste es besser wissen als jeder andere.“
 
 „So schöne Lügen“ ist diese rare Mischung von Milieustudie, Thriller und lebensphilosophischen Überlegungen. „Es gibt Voraussetzungen dafür, dass Menschen in dieser Welt als soziale Wesen funktionieren können, und eine der wichtigsten davon ist, dass intelligente Menschen die Antworten auf viele Fragen gar nicht erst wissen wollen.“ Ein höchst überzeugendes Werk!

Tara Isabella Burton
So schöne Lügen
DuMont Buchverlag, Köln 2019

Dov Alfon: Unit 8200

Unit 8200 ist eine Einheit der israelischen Streitkräfte. Sie dient der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung und ist auch für die Codeentwicklung zuständig. Sie gilt als eine der geheimsten Geheimdienste der Welt und ist aller bestens informiert über Vorgänge weltweit, der amerikanischen NSA nur in Grösse unterlegen.
 
Dov Alfon, der Autor dieses Thrillers, war Offizier bei Unit 8200 und machte anschliessend Karriere in den israelischen Medien – ein Mann also bestens geeignet, über Geheimdienste zu schreiben. Weshalb er denn auch weiss, dass ihr Ruf besser ist als die Realität – schliesslich war der ehemalige Premier Rabin unter den Augen der Sicherheitskräfte ermordet worden.
 
Der Auftakt zieht einen sofort rein: Am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle verschwindet ein fünfundzwanzigjähriger israelischer Marketingleiter, was in Tel Aviv die Geheimdienste auf den Plan ruft – das ist sehr informativ, atmosphärisch höchst gelungen und überdies mit Witz geschildert. „ …Zwar wurden seit Jahren immer wieder Beschwerden beim Ombudsmann eingereicht, aber die Klimaanlagen schepperten immer weiter vor sich hin. Im zentralen Nervensystem des israelischen Militärgeheimdienstes hatte das Wohlergehen der Computer Vorrang vor dem der Menschen.“
 
Die Chinesen (ein mysteriöses Mordkommando) kommen ins Spiel – könnte es sein, dass eine Verwechslung vorliegt, ein falscher Israeli ermordet wurde? Oberst Zeev Abadi (und nicht Hauptmann Abadi, wie auf der vierten Umschlagseite fälschlicherweise behauptet wird), der neue Chef der Unit 8200 sowie seine Stellvertreterin Orianna Talmor gehen der Sache nach. Das ist überzeugend, spannend und clever geschildert – insbesondere die ständigen Szenenwechsel sind ungeheuer effektiv eingesetzt.
 
Überaus realistisch beschreibt Dov Alfon auch die internen Rangeleien bei Geheimdiensten, das Kompetenzgerangel zwischen der französischen Polizei und den Israelis und nicht zuletzt, wie es in hierarchischen Strukturen zu und her geht. „Konnte es sein, dass diese ranghohen Amtsträger, auf deren Schultern eine furchteinflössende Verantwortung lastete, insgeheim grenzenloser Speichelleckerei bedurften, selbst wenn sie von einem Idioten kam? So eine Art musikalischer Hintergrundberieselung im Karriereaufzug auf dem Weg nach oben?“
 
Wie alle guten Thriller gibt auch „Unit 8200“ ein besseres Abbild der Realität als es die Medien meist tun. Die Frau des israelischen Premiers lässt sich von einem eigens nach Monaco eingeflogenen Figaro für eintausendzweihundertfünfzig Euro die Haare schneiden, was unter ‚unvorhergesehene Sicherheitsausgaben‘ abgebucht wird. Die Medien kriegen Wind davon und die PR-Abteilung des Premiers macht sich daran, die Geschichte zu versenken, indem sie die mediale Aufmerksamkeit auf eine andere lenkt. „Sie analysierten die Informationen. In ihrem Gewerbe bewertete man Informationen nicht nach Wichtigkeit oder Glaubwürdigkeit, sondern nach deren publizistischem und medialem Potenzial.“
 
Ich lerne, dass der staatliche Sicherheitsapparat nur in der Theorie dazu da ist, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, „in der Praxis war er allerdings Tag und Nacht damit beschäftigt, die Position des Ministers zu stärken.“ Und ich lerne, dass es keine gute Idee ist bei einem Verhör zu gestehen. „Weil ein Ermittler nämlich gar nicht hinter der Wahrheit her ist und gar nicht das Instrumentarium zur Verfügung hate, um die Aussagen der verdächtigen Personen zu verifizieren. Alles, was er in dem gegeben Augenblick will, ist zu überprüfen, ob dieses Subjekt vor ihm ins Profil passt.“
 
Auch, und das gefällt mir ganz besonders, findet sich immer mal wieder Philosophisches. „Alle Menschen sind sterblich, aber für jeden Menschen ist der Tod ein Unfall, ein unverschuldeter Gewaltakt.“ (Simone de Beauvoir).
 
Fazit: Einer der besten Agententhriller seit langem; ein Super-Buch!

Dov Alfon
Unit 8200
Rowohlt Polaris, Reinbek bei Hamburg 2019

Kate Atkinson: Deckname Flamingo

Bei den ersten zehn Seiten habe ich dermassen oft lachen müssen, dass ich mir sicher war, ein Buch der Extra-Klasse zu Händen zu halten – ich hatte mich nicht getäuscht. Ich lachte noch sehr sehr oft, finde den Witz, die nüchterne und illusionslose Betrachtung der Welt, wie sie Kate Atkinson eigen ist, wunderbar befreiend.
 
Wir schreiben das Jahr 1950 und Julia Armstrong, Produzentin für den Schulfunk bei der BBC, nimmt an einer Sitzung des Programmmanagers Mr. Pendergast teil, die „eine besondere Art von Durchhaltevermögen“ erfordert:
  „’Ich sammle gerade Ideen für neue Sendungen. Ein Besuch bei einem Schmied in seiner Schmiede zum Beispiel. Themen, für die sich Kinder interessieren.‘
  Julia konnte sich nicht erinnern, sich als Kind für eine Schmiede interessiert zu haben. Sie interessierte sich auch jetzt nicht dafür.“
 
Als sie auf der Strasse Mr Toby, den sie von ihrer Geheimdienstarbeit während des Krieges kennt, sieht und ihn anspricht, tut dieser so, als ob er sie nicht kennen würde, was der Autorin die Gelegenheit zu einer Rückblende auf die Kriegs- und Geheimdienstzeit der Julia Armstrong gibt, „Das Scrubs, wie es allgemein genannt wurde, war chaotisch, voller Leute, die völlig ungeeignet waren für die anstehende Arbeit.“
 
Julias Aufgabe in den 1940er Jahren ist es, Gesprächsprotokolle von britischen Nazi-Sympathisanten zu erstellen. Dazu wird sie vom Geheimdienst in eine pro-deutsche Gruppe eingeschleust und erlebt dabei, nebst ziemlich lagweiligen Arbeiten, auch einige unerwartete Aufregungen. „Es war ziemlich aufregend, als wäre sie eine Figur in einem Roman von John Buchan oder Erskine Childers.“ Weit weniger aufregend ist jedoch ihre „Liebesgeschichte“ mit ihrem Vorgesetzten Perry – verkrampfter und absurder geht es kaum, ich habe Tränen gelacht.
 
Zehn Jahre nach dem Krieg, als Julia hofft, dass all dies nunmehr der Geschichte angehört, wird sie von einer Menge alter Bekannten heimgesucht. Rechnungen sind zu begleichen, ihr damaliges Verhalten hat Konsequenzen. Sie beginnt nachzuforschen, wer sich an ihr rächen will.
 
„Deckname Flamingo“ ist nicht nur absurd-komisch, sondern auch (das geht häufig Hand in Hand, kritisch und erhellend: „Ihr fiel etwas ein – während des Krieges war sie frühmorgens mit Perry Gibbons an Windsor Castle vorbeigefahren, und er hatte sich ihr zugewandt und gesagt: ‚Dieses England – lohnt es sich, dafür zu kämpfen?‘ Es hing davon ab, auf wessen Seite man stand.“
 
Kate Atkinson ist mit „Deckname Flamingo“ ein spannendes Spionage-Buch, reich an smarten Beobachtungen gelungen.
  „Er legte die Hand auf ihre, eine Geste der Freundlichkeit. ‚Wir sind alle durch das schattige Tal des Todes gegangen, Verzweifeln Sie nicht, Miss Armstrong.‘
  Nicht ständig. Gelegentlich. Ziemlich oft. ‚Nein, ganz und gar nicht‘, sagte sie. ‚Und wenn sowieso alles sinnlos ist, dann ist es die Verzweiflung auch, oder etwa nicht?‘
  ‚Es kann einem aber den Boden unter den Füssen wegziehen‘, sagte er. ‚Nachdenken und so weiter.’“
 
Man wisse nicht, hat Hanya Yanagihara, die Verfasserin eines meiner Lieblingsbücher („Ein wenig Leben“) geschrieben, „ob Kate Atkinson sich über Spionage lustig macht oder ob einem das Lachen über Spionage im Hals stecken bleiben soll.“ Beides, würde ich sagen, ganz eindeutig beides. Darüber hinaus ist es (neben vielem wunderbar Unterhaltsamem) auch eine eindrückliche Warnung vor Politiker-Verharmlosung. „Julia konnte sich noch daran erinnern, dass Hitler wie ein harmloser Clown gewirkt hatte. Jetzt war niemand mehr amüsiert. (‚Clowns sind gefährlich‘, sagte Perry.).“ Wer würde da nicht automatisch an Trump denken?
 
Fazit: Gescheit, witzig und aufklärend; ein Lesegenuss erster Güte!

Kate Atkinson
Deckname Flamingo
Droemer Verlag, München 2019

Michael Wolff: Unter Beschuss

Dass der impulsgesteuerte Egozentriker Donald Trump („Es war psychisch unfähig, nicht der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller zu sein.“) weiss, was er tut, halte ich für ausgeschlossen. Dass andere ihn für ganz eigene Zwecke benutzen, ist hingegen mehr als nur wahrscheinlich. Einer von ihnen, glaubt man dem Autor Michael Wolff, ist Steve Bannon, der ehemalige Chef von „Breitbart News“, Wolffs wichtigste Quelle für dieses Buch, der sich hinwiederum für den Einzigen hält, der in der Lage ist, die Trumpsche Präsidentschaft zu retten. „Seiner Einschätzung nach waren die gegen Trump erhobenen Anschuldigungen sowohl politisch motiviert – seine Feinde waren gewillt, ihn mit allen Mitteln zu stürzen – als auch im Wesentlichen zutreffend.“
 
„Unter Beschuss“ ist süffig geschrieben und die Art von Buch, die das Phänomen Trump wohl am ehesten zu erklären vermag, weil der Autor begriffen hat, dass sich die Menschen genauer anzuschauen, mit denen sich Trump umgibt, aussagekräftiger ist, als dessen Politik (er hat gar keine, was vielen Kommentatoren zu entgehen scheint) zu eruieren versuchen. Jemand, der Trump schätzt und mag, ist in diesem Buch nicht anzutreffen – ganz im Gegenteil.
 
Als ein permanent wütender und tobender Mann wird Trump geschildert, aber auch als faul, untätig und selbstgefällig, der so wenig Ahnung (eigentlich überhaupt keine) von der Gewaltentrennung (und fast allem Anderen) hat, dass er glaubt, das FBI und das Justizministerium arbeiteten für ihn. Um im Weissen Haus zu überleben, muss man akzeptieren, „dass man einzig dem Vergnügen eines extrem überempfindlichen Bosses zu dienen hatte, der alles persönlich nahm.“ In was für einer beschissenen Gehorsamkeitskultur wir leben, hat niemand deutlicher gemacht als Trump. Anders gesagt: Menschen mit einem halbwegs intakten Selbstwertgefühl lassen sich so einen empathielosen Kotzbrocken schlicht nicht gefallen.
 
Überzeugend schält Michael Wolff Trumps Charakter heraus, etwa indem er ihn dem früheren FBI-Chef und Sonderermittler Robert Mueller gegenüberstellt. Letzterer ein Mann, der für das System, für den Dienst am Gemeinwesen und Korrektheit steht, ihm gegenüber einer, der nur in Kategorien von Gewinnen und Verlieren, mit was für Mitteln auch immer, denken kann. „Donald Trumps Leben und Karriere fusste darauf, das System zu schlagen.“
 
Unterhaltend, sehr informativ, reich an Geschwätz und Gespött ist dieses Werk. Mister Trump ist bei weitem nicht der einzige ignorante Trottel in diesem empfehlenswerten Buch. Und was die Eitelkeiten anlangt: Was habe ich da immer mal wieder gelacht – Trump, der einen Killer-Anwalt wollte und auf den Besserwisser Dershowitz verfiel, diese Nervensäge, der jedoch eine Million Vorschuss wollte. „Trump, der von jeher der Meinung war, es gehöre zum juristischen Spiel, seine Anwälte gar nicht zu bezahlen, teilte Dershowitz mit, er werde auf ihn zukommen. Doch damit war das Gespräch beendet. Niemals, in einer Million Jahren nicht, würde er einem Anwalt eine Million Dollar in den Rachen werfen.“
 
„Unter Beschuss“ ist voll von solchen und ähnlichen Schilderungen und macht damit vor allem eines klar: Wir werden von eitlen und selbstherrlichen Idioten regiert! Andere Regierende, stelle ich mir vor, werden nicht wesentlich anders. Überhaupt: Dass solche Ignoranten es schaffen, einen Wahlkampf zu gewinnen und zu regieren, zeigt nicht zuletzt, dass Professionalität im politischen Geschäft massiv überschätzt wird.
 
Überhaupt macht der Klatsch, damit meine ich Informationen, die sogenannte „seriöse“ Journalisten nicht veröffentlichen, etwa über Giulianis Ehen, mir dieses Buches wertvoll, denn es ist das Persönliche, das bei den sich wichtig gebenden Medien oft unter den Tisch fällt beziehungsweise nur zensuriert vorkommt. Nicht so bei Michael Wolff – und das ist gut so, denn es erklärt einem dieses gänzliche absurde Welttheater wesentlich besser als die bemühte Ernsthaftigkeit eingebildeter Journalisten, die darüber zwar auch reden, doch nur hinter vorgehaltener Hand oder beim nächtlichen Bier.
 
Vieles, was Michael Wolff anführt, hat man gehört, doch es so detailreich und meinungsstark in einem grösseren Zusammenhang zu lesen, lässt einen noch ungläubiger zurück als man eh schon war. Zugegeben, ich rede vor mir.
 
Michael Wolff hat mit „Unter Beschuss“ ein überaus erhellendes Buch geschrieben, in dem sich auch höchst überzeugende Folgerungen finden. So hatte Trump immer wieder gelogen, was die Anschuldigungen von Frauen betraf: „Er hatte alles abgestritten, doch es stellte sich heraus, dass alles zutraf. Er war dadurch nicht nur zum ultimativen, archetypischen Sextäter geworden, sondern auch der Inbegriff des Leugners – das Paradebeispiel dafür, warum man Frauen Glauben sollte.“
 
Doch „Unter Beschuss“ ist nicht nur ein Buch über den schwer gestörten, notorischen Lügner Trump, sondern auch ein Buch über unsere schwer gestörte, rückgratlose (war das jemals anders?) Zeit, in der das Lügen für viele ein akzeptables Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen geworden ist.

Michael Wolff
Unter Beschuss
Trumps Kampf im Weißen Haus
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019

Alafair Burke: The Wife

Diese Unsitte, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu publizieren, scheint zuzunehmen und ist wohl der Fantasielosigkeit der Werbeleute geschuldet. Dass sich Buchverlage ihrer bedienen ist ein geistiges Armutszeugnis.
 
Alafair Burkes Thriller handelt von einer Ehefrau (wie „wife“ auf Deutsch heisst), deren hoch erfolgreicher Mann – Uni-Professor mit eigener Beratungsfirma, die ethisch und ökologisch einwandfrei (also „politisch korrekt“) unterwegs ist – von einer seiner Studentinnen der sexuellen Belästigung und dann, von einer anderen Frau, mit der er beruflich zu tun hat, der Vergewaltigung beschuldigt wird.
 
Das ist spannend geschildert, die Autorin versteht bestens, wie ein Thriller aufgebaut werden muss. Und sie weiss, differenziert und clever zu erzählen. Als Angela, die Ehefrau, zu ahnen beginnt, dass ihr Mann nicht der ist, für den sie ihn hält und ihn verdächtigt, sie zu belügen, überprüft sie einmal eine seiner Antworten und stellt ihn zur Rede, worauf er sich zu wehren versucht, in dem er den Spiess umdreht:
  „Du hast das nachgeprüft?“
  „So nicht, Jason. Du kannst deine Frau nicht anlügen und dich hinterher darüber beschweren, dass ich klug genug bin, es herauszufinden.“
Solcher Scharfsinn zeichnet unter anderem dieses Buch aus. Die Autorin, die Tochter des bekannten und begnadeten Vielschreibers James Lee Burke (gute Thriller zu schreiben, bin ich nach der Lektüre von „The Wife“ versucht zu behaupten, scheint vererblich!), hat Psychologie und Jura studiert – man merkt es und das ist gut so, denn Sachverstand und die Fähigkeit, klar zu denken, tun Thrillern nun mal gut.
 
„The Wife“ ist auch – und darin ist Alafair Burke auch ihrem Vater ähnlich – ein Thriller, der von „den grossen Themen“ Loyalität und Vertrauen handelt. Und davon, dass alles selten so ist, wie es scheint. Ist der Gutmensch Jason in Tat und Wahrheit ein ganz anderer? Und ist Angela die gute Ehefrau? Inwiefern spielt die Tatsache, dass sie als junges Mädchen entführt und vergewaltigt wurde, bei den Anschuldigungen, die sein Leben, ja seine ganze Existenz erschüttern, eine Rolle?
 
„The Wife“ ist ein rundum überzeugender, gescheiter und witziger Thriller.
 „Was genau bedeutet es, etwas zu wissen?
 Ich erinnere mich, wie uns Mr. Gardner, unser Lehrer in der Neunten, genau diese Frage stellte. Er galt allgemein als der klügste, aber auch anspruchsvollste Lehrer der Schule, was bedeutete, dass die meisten von uns fast die ganze Zeit keinen Schimmer hatten, wovon er eigentlich redete.“
 
Alafair Burke setzt sich in diesem höchst aktuellen Buch auch mit Fragen auseinander, die von der MeToo-Bewegung öffentlich gemacht worden sind, insbesondere deren juristischer Aufarbeitung (inklusive einer geldgeilen und publizitätssüchtigen Opferanwältin).
 
Wie geht man am besten vor, um zu seinem/ihrem Recht zu kommen? „Sie ist die Anwältin ihres Mannes, Mrs. Powell, nicht Ihre. Und sie wird alles tun, um einen Fall zu gewinnen, dazu gehört auch, Sie und jeden zu benutzen, der ihrem Mandanten helfen oder schaden kann.“ Und wie gehen die Beteiligten damit um, dass intimste Details vor Publikum (Leuten, die das Ganze so recht eigentlich überhaupt nichts angeht) verhandelt werden? Nichts wird anschliessend mehr so sein wie es einmal war – nicht zuletzt das zeigt „The Wife“ eindrücklich.
 
Zu den Stellen, die mich seit ich sie gelesen habe, begleiten, gehört diese: „Ich möchte Sie fragen, warum Sie von Jasons Unschuld so gottverdammt überzeugt sind. Falls es auf Fakten und Beweisen beruht, schön, halten Sie zu ihm, und wir werden sehen, welche Seite beim Prozess gewinnen wird. Wenn es aber nur ist, weil sie glauben, ihn zu kennen …“.
 
Soviel Nüchternheit ist in einer Zeit, wo alles ausser dem eigenen Glauben, der eigenen Überzeugung, angezweifelt wird, enorm wohltuend.
 
Fazit: Ein gescheiter Page-Turner mit einem überraschenden Schluss!

Alafair Burke
The Wife
Aufbau Verlag, Berlin 2019

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