
Santa Cruz do Sul, am 16. Dezember 2021
Hans Durrers Buchbesprechungen

Santa Cruz do Sul, am 16. Dezember 2021
Als Anhänger von Universalien war ich positivst gestimmt, als ich mit der Lektüre von Christoph Antweilers Heimat Mensch begann. Bereits der Untertitel zum ersten Kapitel (Jede Kultur ist einzigartig – und wie alle anderen) liess mich schmunzeln und die Geschichte von James Cook schien mir ein wunderbar gelungener Einstieg (auch wegen so Sätzen wie: „Etikette ist wichtig, in der Südsee wie im heimischen London“ und „Der Kampf der Kulturen tobt heute vor allem in den Medien“), doch je weiter ich vorankam, desto mehr kriegte ich den Eindruck, dass da einer, obwohl ganz offensichtlich viel in der Welt herumgekommen, ein Schreibtischmensch (der Anhang trägt denn auch den Titel: „Abenteuer am Schreibtisch“) geblieben ist. Ich meine damit, dass Sätze wie „Die Psychologen sagen uns, dass auch individuelles Selbstgefühl sich nur in Abgrenzung zu anderen herausbildet“ oder „Spätestens seit Franz Boas gibt es die These, dass Kunst sich in irgendeiner Form in jeder Gesellschaft findet“ oder „Psychologen sagen uns, dass es universale Schönheitskriterien gibt“ oder „Der berühmte Satz des berühmten Soziologen Erwin (der Mann heisst übrigens Erving) Goffman ‚Wir alle spielen Theater‘ …“ so recht eigentlich vor allem davon zu zeugen scheinen, dass dem Autor (Professor für Ethnologie in Bonn) irgendwie die Bodenhaftung abhanden gekommen sein muss, denn für alle diese Erkenntnisse braucht es weder Psychologen noch Ethnologen noch (berühmte) Soziologen, es reicht dazu der gesunde Menschenverstand.
Der radikale Relativismus sei empirisch falsch, schreibt Antweiler und bleibt den Nachweis, unter ausführlicher Bezugnahme auf Pullum und Malotki, nicht schuldig. Nur eben: ob wir genau so viele (oder wenige) Worte für Schnee haben wie die Eskimo oder ob bestimmte Worte (und Vorstellungen) in allen Sprachen vorkommen, sagt ja so recht eigentlich nur, dass wir von unseren Anlagen her uns ähnlicher sind als wir möglicherweise annehmen. Entscheidend ist jedoch nicht so sehr, was uns unsere Sprache potentiell auszudrücken erlaubt, sondern wie wir die Sprache in der Praxis benutzen. Anders gesagt: wir sind in stärkerem Masse durch das geprägt, was wir praktizieren als durch das, was wir potentiell können.
Was dieses Buch prägt, ist der Versuch durch einen, wie Antweiler sagt, „offeneren Vergleich“ von Kulturen nach Gemeinsamkeiten statt nach Kontrasten zu suchen. Dabei ist er auf mannigfaltige Weise fündig geworden.
Hier ein paar Beispiele:
„Quer durch die Kulturen existiert die Idee, dass es Kulturprodukte gibt, die nicht nur nützlich, stabil, haltbar und dergleichen sind, sondern ‚etwas mehr‘, eben ausser-gewöhnlich … Unabhängig voneinander und jenseits der elaborierten Seminardebatten haben die Kulturen den Kern schon lange getroffen: Bei Kunst geht es darum, etwas so zu verändern, dass es zu etwas ganz Besonderem wird.“
„Auch Kinder, die taubblind geboren wurden, also seit ihrer Geburt in ewiger Nacht und Stille leben, zeigen das ganze Spektrum der Mimik, obwohl sie es ja nie gesehen und erlernt haben können.“
„Menschen in aller Welt finden Fotos spannend. Und im Widerspruch zu dem, was Ethnologen früher behauptet haben, kann jeder sie sofort interpretieren. Überall erzeugen sie Interesse, und die Menschen fragen nach. Vor allem wollen Menschen in allen Kulturen Bilder anschauen, auf denen Personen zu sehen sind.“
Dass jeder Fotos sofort interpretieren kann, sicher, fragt sich nur wie, denn Interpretationen sind häufig kulturbedingt, ausser, und darauf kommt es Antweiler an, man fragt nach Grundlegendem, also zum Beispiel nach Emotionen:
„Also legt er jetzt eine ganze Palette von Gefühlsbildern hin und fragt: ‚Welches Foto zeigt einen Menschen, dessen Kind gerade gestorben ist?‘ Oder: ‚Wer ist hier der, der gerade ein verwesendes Wildschwein sieht?‘ Fazit: keine Unterschiede zu Chicago oder sonst wo auf der Welt.“
Ich selber hätte bei der Frage nach dem verwesenden Wildschwein wohl passen müssen und bin erstaunt, dass man damit in Chicago offenbar keine Mühe hatte.
Summa summarum: Das genaue Hinschauen, das Antweiler vorführt, lohnt. Auch deswegen, weil es Überraschendes zutage fördert. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass „ja“ und „nein“ keine universalen Wörter sind?
Christoph Antweiler
Heimat Mensch
Was uns alle verbindet
Murmann Verlag, Hamburg 2009

Santa Cruz do Sul, am 10. Dezember 2021
Buchtitel sind häufig irreführend, so auch dieser. Denn wer sich, wie der Klappentext behauptet, eine „leidenschaftliche Anstiftung, sich einzumischen, der nie der Humor oder die Bodenhaftung abhandenkommt“ erwartet, wird einigermassen verblüfft sein, dass er hier die meiste Zeit etwas ganz anderes vorgesetzt bekommt. Zuallererst eine Einführung von Christa Spannbauer, die darin ihrer Bewunderung für den tollen Konstantin Wecker und den tollen Bernard Glassman Ausdruck gibt. Auch die vielen übers ganze Buch verstreuten Fotos der beiden legt eher den Eindruck von Heldenverehrung nahe (obwohl doch Glassman diese, neben einer ganzseitigen Aufnahme von ihm!, explizit ablehnt) – und steht damit dem Stadium, „in dem wir weniger von unseren egozentrischen Gefühlen dominiert werden, sondern in dem es uns bewusst wird, dass wir mit der ganzen Welt verbunden sind“ so recht eigentlich diametral entgegen. Dann erzählt Konstantin Wecker aus seinem Leben. Er hat vielerlei Hilfreiches zu sagen, doch mit dem Motto „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ hat das alles wenig bis gar nichts zu tun.
Wecker zeigt sich von „den friedlichen Revolutionen“ in Berlin und Kairo „elektrisiert“ und nimmt es als Beweis, „dass Widerstand erfolgreich ist“. Damit hat er zweifellos recht, doch die Frage ist, ob das, was sich jetzt in Nordafrika anzubahnen scheint (ein Sieg der Islamisten bei den ersten Wahlen in Tunesien; die Einführung der Scharia durch den Übergangsrat in Libyen) eigentlich unterstützenswert ist. Ich finde nicht.
Konstantin Wecker ist ein belesener Mann, er zitiert Bedenkenswertes zuhauf:
„Als Künstler hat man quasi die Verpflichtung, Anarchist zu sein. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.“ (Henry Miller).
„Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.“ (Suzuki Roshi).
„Religiös sind Menschen, die Angst vor der Hölle haben. Spirituell sind Menschen, die durch die Hölle gegangen sind.“ (ein Obdachloser).
„Der Mystiker Meister Eckhart sprach davon, dass ‚Gott nur auf einer leeren Tafel schreiben könne’“.
So recht eigentlich lohnt sich die Lektüre dieses Bandes schon allein der hilfreichen Zitate wegen. Aber auch wegen Texten wie „Empört Euch“ (auf Seiten 54-56). Und auch weil Wecker und Glassman nicht theoretisch, sondern auf sich selber bezugnehmend argumentieren.
Bernard Glassman, ein ausgebildeter Luftfahrt- und Weltraumingenieur, hatte so eine Art Erweckungserlebnis, als er einmal nach einer Meditation nach dem Sinn der Gehmeditation fragte und von dem jungen Mönch Taizan Maezumi, der später sein Lehrer wurde, die Antwort erhielt: „Wenn wir gehen, dann gehen wir einfach.“ In der Folge praktiziert er obsessiv Zazen („Ich wurde daraufhin zu einem regelrechten Fanatiker im Zendo …“), kündigt seinen Job und widmet sich voll und ganz dem zu dieser Zeit (1972) boomenden Zen. „Wir kauften Wohnungen, um die vielen Menschen, die zu uns kamen, unterbringen zu können, und erwarben Land für ein Bergkloster südlich von Los Angeles.“ Woher das Geld kam, erfährt man nicht.
Er gründet das Zen-Zentrum Greyston in New York. Auch diesmal erfährt man nicht, mit welchem Geld dies geschah. Dann folgten die Greyston-Bäckerei, das Greyston Family Inn, eine Organisation, „um Wohnungen für obdachlose Familien zu bauen und deren Existenz zu sichern“ und die Zen-Peacemaker, ein weltweites interreligiöses Netzwerk, das zu einer Vielzahl sozialer Projekte und Aktivitäten führte („u.a. Gemeinschaftsprojekte zwischen Israelis und Palästinensern, Suppenküchen in Paris, Unterstützungsangebote für Immigranten oder Gesundheitsfürsorge für Menschen mit Aids“).
Worum geht es im Zen? „Einsicht in die Einheit allen Seins und damit von der Verbundenheit des Lebens zu erhalten.“ Für Bernard Glassman ergibt sich daraus, dass man etwas tun, dass man handeln muss. Wenn ihn jemand fragt, was man denn eigentlich tun soll, dann fragt er zurück: „Was ist das Beste, was du jetzt tun kannst?“
Fazit: ein lesenswertes und auf vielfältige Weise anregendes Buch.
PS: Einer der Glassman-Sätze hat es mir ganz besonders angetan: „Für mich ist es eigentlich bereits Zauberei, dass wir unseren Arm bewegen können.“
Konstantin Wecker / Bernard Glassman
Es geht ums Tun und nicht ums Siegen
Koesel Verlag, München 2011

Santa Cruz do Sul, am 8. Dezember 2021
Als Kind glaubte ich, dass wenn man einem Baum einen Ast abreisst, dem Baum damit weh tut, ihn verletzt, ihm eine Wunde zufügt. Ich hatte das von den Indianern, die glauben, dass alles belebt ist. Ob die Indianer das wirklich glauben, weiss ich nicht, doch ich glaubte es und glaube auch heute noch, dass, was wir als unbelebt bezeichnen, lebt – nicht so wie wir, aber irgendwie eben doch.
Daran fühlte ich mich erinnert, als ich in Zora del Buonos Reisen zu alten Bäumen von dem Seminolen Sam Thommie las, der meinte: „Everything is connected“. Und das meint: nichts geschieht zufällig. Die Autorin legt sich diesbezüglich nicht fest. „… was unter der Erdoberfläche vor sich geht, kann man nur erahnen, Bäume derselben Art kooperieren oft durch ihre Wurzeln, kränkelt einer, unterstützt ihn der Nachbar mit Glukose und anderen Nährstoffen.“
Die 1962 geborene Zora del Buono wuchs in Bari und Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Auch wenn man nicht weiss, dass sie Architektur studiert hat, dass sie vom exakten Gestalten geprägt worden ist, zeigt sich in ihrem Schreiben. Was ich von ihr gelesen habe, hat mich zum Fan werden lassen, am allerliebsten sind mir ihre Reiseerzählungen.
Das Leben der Mächtigen ist mit Reisen zu alten Bäumen untertitelt. Die Autorin hat Bäume aufgesucht, in Europa und Nordamerika. Zum Beispiel den Old Tjiko im Nationalpark Fulufjället, Provinz Dalarna, Schweden, 850 Meter ü.M. Mit neuneinhalbtausend Jahren ist diese Fichte der älteste Baum der Welt. Die Schilderung des beschwerlichen Marsches dorthin liest sich höchst aufschlussreich und gipfelt in einem Satz, der bei mir lautes Schmunzeln auslöst. „… es interessieren sich nicht viele Menschen für den alten Baum, der so gar nichts Imposantes an sich hat; wer einmal ein Bild von der mageren Fichte gesehen hat, ist meist enttäuscht, jede Dorfeiche ist beeindruckender, zudem dauert allein die Anfahrt aus Stockholm fünf Stunden, und so sind es meist Botaniker oder Freaks oder treehunter, die den Weg mit einem wenig Ortskundigen gehen, denn alleine findet man die Fichte nicht, was gut ist für den Baum, wer weiss, welcher Vandalismus ihn sonst ereilte, gefällt ist so ein dünner Geselle schnell.“
Dem dreitausend und sechshundert Jahre alten Senator (einer Sumpfzypresse)im Big Tree Park, Longwood, Florida ist Crystal Meth zum Verhängnis geworden. Die junge, völlig zugedröhnte Sara Barnes ist in das teilweise hohle Innere des Stammes gekrochen, hantierte darin mit einem Feuerzeug, um das Tütchen mit Drogen zu betrachten … der Rest ist Geschichte.
Den höchsten Baum der Welt, den hundertfünfzehn Meter hohen Küstenmammutbaum Hyperion in einem kalifornischen Wald (sein Standort wird geheim gehalten) hat sie nur auf Luftaufnahmen gesehen, dafür ist sie vor der „geradezu sagenhaft mythenfreien“ Arve Muottas da Schlarigna im Engadin gestanden. Und wenn wir schon in der Schweiz sind, dann soll auch gerade noch auf die Linde von Linn in Bözberg, Kanton Aargau hingewiesen werden, nicht zuletzt, weil der Einstieg in die Schilderung dieser Sommer-Linde mich in einem Krimi wähnen liess:
„Als im September 1974 ein Helikopter in Heinrich Kohlers Garten landete, molk er gerade eine Kuh. Aus dem Stall sei er gerannt und rasch wieder zurück, um zu Ende zu melken, dann habe er die Überhose ausgezogen und sei in den Helikopter gestiegen. Den Piloten kannte er noch vom Militär, er war mit zwei Ärzten der Rettungsflugwacht unterwegs …“. Mehr soll hier nicht verraten werden, nur, dass der Kohler Heiri nie geheiratet hat, „obwohl es viele Ehemöglichkeitä gegeben habe, aber die Mutter hatte es jedes Mal zu verhindern gewusst; in vier Jahren wird er neunzig.“
Fazit: Clever, witzig und auf vielfältige Art lehrreich. Intelligente Unterhaltung vom Feinsten!
Zora del Buono
Das Leben der Mächtigen
Reisen zu alten Bäumen
Naturkunden No. 22 / Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015

Santa Cruz do Sul, am 7. Dezember 2021
Auftritt Schweiz. Das Lesebuch ist ein Werk ganz nach meinem Geschmack: ein attraktiver Mix, dramaturgisch und gestalterisch, von Gedichten, Listen und Rezepten, kürzeren wie längeren Geschichten, Fotografien, Comics und Illustrationen, witzig, lehrreich und unterhaltend.
Aufgebaut wie ein Lexikon von A bis Z, lese ich unter der ganz wunderbaren Stichwort-Kombination Bünzli/Heimweh, dass die Schweizer einander fast ausnahmslos für Bünzli halten (wie wahr!). Die Töfffahrer ausgenommen, die „machen am Wochenende Hunderte von Kilometern, und wenn sie auf der Strasse einen anderen Töfffahrer sehen, grüssen sie ihn im Vorbeidonnern lässig mit einem Finger.“ (Susann Sitzler in Grüezi und Willkommen).
Man trifft auch auf Klassiker wie Peter Bichsels Des Schweizers Schweiz (ein Text, der mir schlecht gealtert vorgekommen ist) oder Hugo Loetschers nach wie vor sehr ansprechenden Text übers Muff-Sein: „Muff-Sein ist eine innere Bereitschaft: Wir möchten unsere Sache rechtmachen. Wir bringen die Dinge nach bestem Können in Ordnung, und dann müssen wir erleben, dass das Leben selber so unordentlich ist … Was manchen als üble Laune vorkommt, ist mehr. Es ist eine Beschwörung von Schicksal, indem wir uns mit ihm in bestem schweizerischen Sinn für den Kompromiss arrangieren: wir sind bereit, freiwillig etwas vorwegzuleiden, um nicht unfreiwillig zum grossen Leiden zu kommen. Also sind wir zum vorneherein schon einmal aufgebracht oder enttäuscht. Wir rechnen nicht nur, sondern wir rechnen damit, dass die Rechnung nicht aufgeht. Aber es wird ein Rest sein, so hoffen wir, der uns nicht aus der Bahn wirft.“
Unter anderem lerne ich, dass nicht in der ganzen Deutschschweiz Südalemannisch geredet wird. Im bündnerischen Samnaun spricht man nämlich einen südbairischen Dialekt und in der Stadt Basel wird Nordalemannisch gesprochen. Und ich erfahre, dass es vier von fünf Schweizern nichts ausmacht, „einen Kriminellen zum Nachbar zu haben. In keinem andern Land der Welt ist der Wert höher.“ Auch staune ich über den eisernen Willen des Pharma-Stammvaters Fritz Hoffmann-La Roche (1868-1920), der mit dem praktisch wirkungslosen Sirolin (der bittere Hustensaft wurde mit Orangenaroma angereichert) reich geworden ist.
Die Schweiz ist bekanntlich eine Willensnation, es ist der Wille zum gemeinsamen Geldverdienen, der das Land zusammenhält. Das ist schon lange so. Weniger lange ist es allerdings her, dass die Schweiz ein Einwanderungsland geworden ist, denn noch im 19. Jahrhundert trieb die Armut einen Sechstel der damaligen Bevölkerung in die Fremde.
Der Lebensrhythmus in den Schweizer Städten sei der höchste der Welt, so lese ich. Und was, bitte schön, ist der Lebensrhythmus? „… ein Mischwert aus Gehgeschwindigkeit der Passanten (Schweiz: Rang drei), Wartezeiten auf der Post (Rang zwei) und Genauigkeit öffentlicher Uhren (Rang eins).“
Dass man in der Schweiz wandert, weiss jeder. Doch dass es insgesamt 50’000 gelbe Wegweiserstandorte sowie 60’000 Kilometer signalisierte Wanderwege, Berg- und Alpinwanderwege gibt, war mir neu. Anfang der 1990er-Jahre steckte der Basler Lucius Burckhardt, damals Professor in Kassel, Spazierstöcke in die Erde mit der Aufschrift „Hier ist es schön.“ Möglicherweise auch wegen der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Verschönerungsvereine, zuständig für Ruhebänke, Blumenschmuck, Bundesfeier, Weihnachtsbeleuchtung. Schade, dass diese heute fast schon sinnentstellend nur noch unter Verkehrs- und Tourismusvereine firmieren …
Auftritt Schweiz
Das Lesebuch
Herausgegeben von Franziska Schläpger und dem SBVV
Scheidegger & Spiess, Zürich 2014

Santa Cruz do Sul, Brasil, 7 Dezembro 2021
Es gibt nur wenige Autoren bei denen ich mir bereits bevor ich das Buch zur Hand genommen habe, gewiss bin, dass mich eine intensive, aussergewöhnliche und bereichernde Lektüre erwartet. Bei den Frauen sind es Janet Malcolm, Alice Munro und Zora del Buono, von deren neuestem Buch „Hundert Tage Amerika“ hier die Rede sein soll.
Bei diesem schön gemachten, im Mare Verlag erschienen Buch, handelt es sich um eine Reisereportage (um eine literarische, habe ich irgendwo gelesen, und mich gefragt, ob es auch unliterarische gibt. Wie auch immer, doch wenn „literarisch“ meint, dass sie gut geschrieben ist – das ist sie zweifelsohne); im Untertitel liest man, dass man von „Begegnungen zwischen Neufundland und Key West“ erfahren wird. „They are very simple over here, sagte mehr als einer in Halifax. Neufundländer gelten als eine Art kanadische Ostfriesen oder Appenzeller, hinterwäldlerisch und einfältig, aber lieb … Jegliche Verfeinerung urbanen Lebens fehlt, keine Doppelbödigkeiten und kein Chichi, die Dinge sind, wie sie sind: pures Dasein. Nach sechshundert Kilometern und drei Tagen Tischgespräche-Belauschen dann die (simple) Erkenntnis: Frauen reden meist über Kinder, Enkel und Fernsehserien, Männer über Fische.“
Zora del Buono beobachtet nicht nur genau, sie hat auch ein gutes Auge für Skurilles: „Das schottische Ehepaar, sie ganz dick, er ganz dünn, sie reisen mit dem kanadischen Cousin samt Frau, er ganz dick, sie ganz dünn, alle vier sind Wikingerfans, deshalb sind sie hier.“ (…) „Ich bin mit Jim verabredet, dem Besitzer der Lodge … Doch Jim ist nicht da. Jim war auch gestern Abend nicht da. Er sei beim Fischen, sagt die Frau im anliegenden Restaurant, ein ausgestopfter Elchkopf hinter ihr an der Wand. Es regnet in Strömen, und der Mann ist fischen gegangen.“
Der Text wird gelegentlich unterbrochen mit Sprachübungen wie etwa: „moose – Elch“, oder „Eisberg – iceberg (falsch: ice mountain)“. Auch Fussnoten finden sich ab und zu, zum Beispiel für „Norstead“ ein im Jahr 2000 erbautes Museumsdorf oder für „Elch“, bei dem es sich offenbar um den grössten aller Hirsche handelt. Mir haben diese Unterbrüche und Verweise gut gefallen, weil sie zum einen informativ, und zum andern dem Lesegenuss förderlich waren – es tut dem Auge wohl, wenn ein solch langer Text gestalterisch unterbrochen wird. Über eine Fussnote habe ich mich jedoch geärgert: Moritz Freiherr von Hirsch auf Gereuth sei der „Erbauer der ersten Eisenbahnlinie zwischen Westeuropa und Konstantinopel“ gewesen, lese ich da. Solche Geschichtsschreibung sollte man heutzutage nicht mehr weiterverbreiten, denn erbaut wurde diese Linie zweifellos nicht von diesem Unternehmer, sondern von denen, die für ihn arbeiteten.
Diese Reisereportage unterhält, informiert und klärt auf – ich hatte als Leser das Gefühl an dem vielfältigen Lernprozess, den die Autorin auf dieser Reise gemacht hat, teilnehmen zu dürfen. In Sachen Burka-Tragen, zum Beispiel. Übrigens: auch diesen schönen Satz findet man dazu: „Gegen den Strom schwimmen macht schön, schlank und stark.“
Zora del Buono sei, hat Spiegel Online geschrieben, „eine Erzählerin, die weiss, wie man aus Sätzen Funken schlägt.“ Der Mare Verlag scheint sehr angetan von diesem Satz, weshalb er ihn auch immer mal wieder zu Werbezwecken einsetzt; ich selber halte ihn für irreführend, denn er suggeriert ein sprachliches Feuerwerk und ein solches bietet die Autorin nicht. Was ihr Schreiben stattdessen auszeichnet, ist ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, kompositorisches Geschick, Differenziertheit, Witz, Neugier auf die Welt – man versteht bei der Lektüre von „Hundert Tage Amerika“, dass eine Reportage Kunst sein kann:
„10 000 tote Seeleute. Die Zahl ist ungeheuerlich, und wenn man sich nur kurz die eigene Panik vergegenwärtigt, die einen im Wasser befallen kann (die Erinnerung, wer kennt sie nicht: im Schwimmbad eine fremde Kinderhand auf dem Kopf, die einen nach unten drückt und nicht aufhören will zu drücken; diese Angst vor dem Ersticken, das erleichterte Nach-Luft-Schnappen danach, japsend und beschämt), erscheint das tausendfache Ertrinken im kalten Meer noch viel dramatischer. Sable Island ist das, was man einen Schiffsfriedhof nennt, einen der bekanntesten weltweit, rund 350 Schiffe gingen hier unter, oft war der Nebel schuld.“
Zora del Buono
Hundert Tage Amerika
Mare Verlag, Hamburg 2011