
Der Pizol, von Sargans aus gesehen, am 29. Dezember 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Der Pizol, von Sargans aus gesehen, am 29. Dezember 2020
Diesen Reisetagebüchern in Briefen von 1911-1977 ist ein wunderbar instruktives Vorwort des Herausgebers Detlef Brennecke beigegeben, worin unter anderem zu lesen ist, die am 28. Oktober 1868 in Saint-Mandé südlich von Paris geborene Louise Eugénie Alexandrine Marie David sei eine spirituelle Forschungsreisende, die schon in jungen Jahren einfach nur weg, in die Welt hinaus wollte. „Bei den Autoren der klassischen Antike hatte sie gelernt, dass ihr Freiheitsstreben gerechtfertigt war. Und lehrte nicht auch der Buddhismus: ‚Sei dir dein eigenes Licht?'“
„In der Lehre Buddhas wird der Egoismus Pflicht“, zitiert Brennecke Friedrich Nietzsche. Das ermuntert auch zum eigenständigen Denken, das Alexandra David-Néel in hohem Masse eigen war. „Haben wir denn jemals eigene Ideen, die nicht von irgendwem übernommen wären? Wie unser Fleisch und Blut sowohl von unseren Eltern stammt, die unsere Erzeuger sind, als auch von der Nahrung, die wir zu uns genommen haben, so ist auch unser Denken etwas, was wir übernehmen (…) Dieser Mechanismus ist jedoch ein klein wenig komplizierter, als es sich ein einfacher Leichensezierer vorzustellen vermag. Es gibt da noch etwas, was er in der sich zersetzenden Materie nicht entdecken kann: das Leben, den Geist, um einen alten Begriff zu gebrauchen … und mit dem Geist ist es wie mit dem Wind, ‚man weiss weder, woher er kommt, noch, wohin er geht.'“
Aus Gründen, über die ich bestenfalls mutmassen kann, geht mir bei der Lektüre dieser Briefe ständig Robyn Davidson, die als junge Frau mit Kamelen die australische Wüste durchquert hatte, durch den Kopf. Neben dem Eigensinn ist es auch der Humor, der beiden Frauen gemein ist. „Einen Augenblick später taucht an meiner Zimmertür ein Tropenhelm auf, darunter ein grosser, ziemlich verwirrter Engländer.“
Neugierig und unbekümmert ist Alexandra David-Néel unterwegs. Ich fühlte mich an meine Anfangszeit in Thailand (vor dreissig Jahren) erinnert, als mir selbst das Alltäglichste wie eine Offenbarung erschien. Mit den unterschiedlichsten Leuten kommt sie ins Gespräch, was den damaligen Gepflogenheiten nicht gerade entsprach. So auch, auf einer Zugfahrt, mit einem Yogisasketen. „Er setzte sich, in der Stellung meines Buddha im Wohnzimmer, auf die Bank, und wir unterhielten uns. Er zeigte mir, wie er es anstellte, seine Adern augenblicklich anschwellen und sie ebenso rasch wieder abschwellen zu lassen. Er war nicht dumm, aber ungemein schwatzhaft.“
Mir ist diese Frau ungemein sympathisch, auch natürlich, weil ich nicht wenige ihrer Vorlieben teile. So urteilte sie über einen Gesprächspartner, er sei ein Mann von ganz seltener Intelligenz und gehöre zu jenem aussergewöhnlichen Menschenschlag, dem ihre besondere Sympathie gelte: „den vernünftigen Mystikern“. Es versteht sich: das beschreibt auch sie selber treffend.
Sie ist sehr privilegiert (und auch deswegen gelegentlich etwas überheblich), ihr Mann, mit dem sie selten zusammen ist und eher platonisch verbunden scheint, finanziert ihre Reisen. Zwanzig Monate verbringt sie in einer von ihr selbst und einigen Helfern errichteten Hütte im Himalaya, wo sie viele ihrer Reisebriefe verfasst.
Ihr common sense, gepaart mit Unverblümtheit, ist erfrischend. Die Frau traut sich, sich selber zu sein. Was für eine Wohltat, denn sie ist eine Aufklärerin, interessiert, kultiviert und umgänglich. Und witzig, nüchtern und selbstbewusst. „Die Dummheit ist die grosse Gottheit auf dieser Welt. Buddha und andere haben das schon vor Jahrhunderten gesagt. Man kann diesem Menschheitsschauspiel nicht zuschauen, ohne – je nach Temperament – von Zorn, Verachtung, Überdruss oder grenzenlosem Mitleid gepackt zu werden.“
Ein wunderbar anregendes Buch!
Alexandra David-Néel
Wanderin mit dem Wind
Reisetagebücher in Briefen 1911-1917
Herausgegeben von Detlef Brennecke
Edition Erdmann
Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden 2019

La Chaux-de-Fonds, 2012
Fabrizio Gatti, ein italienischer Journalist und, gemäss dem ‚Nouvel Observateur‘, „der neue Wallraff des Journalismus“, beschreibt in diesem grossartigen Buch, seine Reise als „Illegaler auf dem Weg nach Europa“ (so der Untertitel dieser aufschlussreichen Reportage).
Immer mal wieder frage ich mich, wie Leute ohne Papiere es wohl aus Afrika in die Schweiz schaffen. Aus Reiseschilderungen von Asylbewerbern, von denen ich schon einige gehört habe, konnte ich mir noch nie ein wirkliches Bild machen – so hatte ich bisher überhaupt keine Ahnung, wie gefährlich das Durchqueren der Wüste ist – , Gatti hat nun diese Lücke gefüllt. Das Buch sollte Pflichtlektüre sein. Nicht nur für Leute, die sich mit Migration beschäftigen, sondern für alle, denn Gatti schildert eindrücklich den Lebens- und Überlebenskampf von Menschen, die nicht das Glück hatten, in materiell privilegierte Umstände hineingeboren zu werden.
Der Mensch hat die Welt geordnet, um sich darin nicht allzu verloren zu fühlen. Eine dieser menschlichen Ordnungsvorstellungen drückt sich in amtlichen Dokumenten aus. Praktisch heisst das, dass wer weder über eine Geburtsurkunde, eine Identitätskarte oder einen Reisepass verfügt, so recht eigentlich keine Rechte hat. So hält Gatti über einen Afrikaner, der gerade von Italien in sein Herkunftsland abgeschoben werden soll, fest: „Dabei fehlt ihm nur ein Stück Papier, damit er in Europa bleiben könnte: 25×15 cm, ein Lichtbild, ein bisschen Tinte, ein Stempel.“ Dass sowas wirklich entscheidend sein soll, ist jemandem, der sein Leben riskiert hat, um nach Europa zu gelangen, kaum zu vermitteln. Ehrlich gesagt: mir auch nicht.
Gatti hat es unternommen, von Dakar mit dem Flüchtlingsstrom über Niamey, Agadez und nach Europa zu kommen. „Eine schwarze Rauchwolke verkündet, dass der Motor angelassen worden ist. Zweimal hupt der Fahrer. Man muss schnell hinrennen und sich wie ein Seemann beim Entern über die Bordwand hinaufschwingen. Der Lkw fährt los, obwohl es noch nicht alle Passagiere geschafft haben. Die letzten klammern sich an die Kanister und riskieren unter die Räder zu kommen. Jetzt ist es noch viel enger.“
Nicht nur, dass die Reise beschwerlich ist, die Reisenden werden auch von Polizisten und Soldaten (die selber wirtschaftlich alles andere als gut gestellt sind) nach Strich und Faden ausgenommen – es ist ein veritabler Höllentrip, den Gatti da schildert. Und dann sind da noch die Hauptverdiener, die Menschenschmuggler: „Endlich ist der Lastwagen voll. Mindestens hundertfünfzig Personen. Hundertfünfzig Tickets zu fünfundzwanzigtausend Francs macht drei Millionen siebenhundertfünfzigtausend Francs. Fast sechstausend Euro. Derjenige, der Achmed den schrottreifen Lkw abgekauft hat, hat die Unkosten schon herein. Mit einer einzigen Fahrt. Das ist, wie wenn eine Fluggesellschaft den Kauf eines Flugzeugs mit einem einzigen Flug abschreiben könnte. Doch die Einnahmen aus dem Menschenschmuggel haben im weltweiten Transportgewerbe nicht ihresgleichen.“
Aus den Medien erfahren wir immer wieder von Flüchtlingen, die vor Lampedusa aus dem Meer gefischt wurden (von denen, die auf dem offenen Meer umkommen, hören wir selten), die Fernsehbilder zeigen uns dann jeweilen, wie den durchnässten Ankömmlingen Decken abgegeben werden, was wir jedoch nicht zu sehen kriegen, ist, wie die Geschichte dann weitergeht: „Auf dieser Insel hat Italien ein Internierungslager eröffnet, das bisher kein Aussenstehender ohne Voranmeldung betreten hat. Anwälte und Abgeordnete, ja sogar Vertreter der Vereinten Nationen müssen tagelang auf eine Genehmigung warten. Und wenn sie das Lager betreten, bekommen sie nur untadelige Verhältnisse zu sehen. Wenige Internierte. Saubere Schlafsäle. Reichlich Essen. Obwohl tagtäglich Boote landen. Was machen sie mit all denen, die dort eingesperrt sind?“
Als eine „erschütternde Odyssee von Millionen heimlichen Einwanderern“ hat der „Corriere della Sera“ Gattis „Bilal“ treffend charakterisiert. Doch es ist mehr: es ist dringend nötige Aufklärung, da es nicht nur Schicksale aufzeigt, sondern Zusammenhänge deutlich macht („Hier ist Zeit nicht Geld, sondern eine Dimension, die noch den Menschen gehorcht und nicht der Uhr … die Komplizenschaft zwischen Heer, Polizei und der Menschenhändlermafia …“).
Zudem bringt es einen gelegentlich auch zum Lachen („Ach mei, wenn wir unseren Humor nicht hätten“, pflegte mein lieber Freund Wamse zu sagen): Als Gatti sich schwach und fiebrig fühlt und Malaria vermutet, sucht er in Agadez einen Arzt auf und sagt ihm, er habe Mefloquin dabei: „Mefloquin?“ der Arzt runzelt die Stirn: „Das Mittel hat schwerste Nebenwirkungen. Wollen Sie in der Sahara Halluzinationen bekommen? Gegen Mefloquin entwickeln sich in ganz Afrika resistente Erregerstämme.“ „In Italien verschreiben die Ärzte Mefloquin.“ „Lassen sie das sein. Kaufen Sie in der Apotheke Artemisintabletten. Die Chinesen benutzen das Mittel seit dreitausend Jahren gegen Fieber. Kennen Sie es?“ „Nein.“ „Es ist ein Pflanzenauszug aus dem Einjährigen Beifuss, der Artemisia annua. In China heisst er Qinghaosu.“ Der Arzt schreibt ihm ein Rezept auf den Namen Flagyl aus – es ist so ziemlich das einzige Medikament, das sie in der Apotheke haben. Der skeptische Gatti erkundigt sich per SMS bei einem befreundeten Apotheker in Italien, was es damit auf sich habe: „Flagyl gegen Vaginalinfektionen. Machst du eine Geschlechtsumwandlung?“
Fabrizio Gatti
Bilal
Verlag Antje Kunstmann, München 2010

Parque Witeck, Novo Cabrais, Brasilien, 13. Februar 2018
„Wir halten es nicht mit Stefan Zweigs Bemerkung, der sagte: ‚Nichts ist so sehr typisch für den Brasilianer, als dass er ein geschichtsloser Mensch oder zum mindesten einer mit einer kurzen Geschichte ist.‘ Im Gegenteil, 515 Jahre sind eine lange Geschichte“, schreiben Ursula Prutsch und Enrique Rodrigues-Moura im Vorwort zu „Brasilien. Eine Kulturgeschichte“. Und sie halten fest: „Wir wissen, dass Brasilien vor 1498 nicht geschichtslos war; doch würden wir uns mit der Geschichte davor auf ein Terrain begeben, für dessen Analyse uns die Kompetenzen fehlen.“
Mit anderen Worten: Um die kulturelle Vielschichtigkeit Brasiliens von 1498 bis 2013 beurteilen zu können. halten sich die beiden für kompetent. Und das sind sie nach gängiger Auffassung durchaus. Ursula Prutsch (Prof. Dr.) und Enrique Rodrigues-Moura (Prof. Dr.) haben lange Jahre darüber geforscht und publiziert.
Ich selber finde Stefan Zweigs Bemerkung sehr befreiend. Endlich mal ein Land, deren Menschen nicht andauernd mit Hinweisen auf Geschichte, Traditionen, Kultur etc. gegängelt und an der kurzen Leine gehalten werden. Dass Zweig das Land, „in Anbetracht der acht Monate, die er dort verbrachte, wenig kannte“ und deswegen für die beiden Autoren nicht so recht qualifiziert scheint, sich dazu zu äussern, halte ich für einen Irrtum. Die Lebenserfahrung lehrt, dass je länger man sich mit einem Land befasst, je weniger man davon versteht.
Dass Menschen, die Geschichte lehren, das anders sehen und anders sehen müssen (argumentiert nicht jeder und jede letztendlich für den Erhalt und die Wichtigkeit seines Fachs/Jobs und Einkommens?), versteht sich. Und wenn dabei ein Werk entsteht, das auch „den Avantgarden in Wissenschaft, Kunst und Kultur Rechnung“ trägt, wie es im Vorwort heisst, ist das nur zu begrüssen.
Da mich Wissenschaft und Kultur mehr interessieren als Politik und Ökonomie, gehe ich die Lektüre einigermassen erwartungsfroh an, bin dann aber recht schnell ziemlich ernüchtert, denn „das Kulturelle“ erschöpft sich häufig im reinen Aufzählen und wird etwas arg summarisch abgehandelt. So heisst es etwa über Clarice Lispector, sie verorte „ihre introspektiven Texte hauptsächlich in urbanen Welten. Anspielungsreich werden die Wahrnehmungen der äusseren Welt aus der Person des Ich-Erzählers gestaltet, in vieldeutiger Weise.“ So korrekt und richtig das sein mag, nichtssagender geht es kaum.
Die Fülle an Informationen, die die beiden Autoren vorlegen, ist beeindruckend. Das geht vom Goldrausch in Minas Gerais um 1700 zur Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1888, vom Einfluss der Telenovelas zu den Indio-Welten und der Ressource Natur, speziell im Amazonasraum. Und und und …
„Brasilien. Eine Kulturgeschichte“ ist vor allem eine eindrückliche Fleissarbeit, eine spannende Lektüre ist das Buch nicht. Interessante Aufklärung und (jedenfalls mich) immer wieder verblüffende Details liefern die beiden Autoren gleichwohl. Und nicht zu wenig. Etwa, dass Brasilien 1917 als einziges Land Lateinamerikas dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Oder, dass während des Zweiten Weltkrieges Japaner (auf Betreiben der Amerikaner) und Deutsche (darunter der spätere Autor und Kulturvermittler Curt Meyer-Clason) interniert wurden. Oder, dass Henry Kissinger informell beim brasilianischen Aussenminister vorstellig wurde, weil die New York Cosmos Pelé unter Vertrag nehmen wollten.
Des Weiteren erfährt man, dass im Juli 1819 Schweizer Bauern und Handwerker die ersten waren, „die das riskante Experiment der Brasilienwanderung wagten.“ Und dass Manaus um 1900 mehr Theater als Rio de Janeiro hatte und Christoph Schlingensief im dortigen „Teatro Amazonas im Rahmen des Festivals Amazonas de Opera den ‚Fliegenden Holländer‘ von Richard Wagner als fantasmagorisches Gesamtkunstwerk mit einer Menge von Brasilien-Klischees, um sie nicht alle zu brechen“ (was auch immer das heissen mag) inszenierte.
Eines der langlebigen Klischees ist die „Rassendemokratie“, die Überzeugung vom „konfliktfreien Schmelztiegel indianischer, afrikanischer und europäischer Elemente“, halten die beiden Autoren zu Recht für einen Mythos. Weil es sie, bedenkt man, wie der Menscfh nun einmal ist, wohl gar nicht geben kann. Aber auch deswegen, weil Demokratie (das beste Argument dagegen, so Churchill, sei ein fünfminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler) als Ideal und als Praxis allüberall weit auseinanderklaffen. Doch das ist eine andere Geschichte …
„Brasilien. Eine Kulturgeschichte“ bietet ganz viel solide Information der traditionellen Art, in der etwa einzelnen Politikern ein Einfluss beziehungsweise eine Macht zugeschrieben wird, die Männer und Frauen in politischen Ämtern schlicht nicht haben können, denn gegen die mächtigen bürokratischen Einrichtungen kommen auch noch so fähige Einzelne kaum an. Schmunzeln machten mich etwa Formulierungen wie diese, die Universitätslehrern eine Bedeutung geben, die sie im akademischen Leben haben mögen, aber eben höchstens da: „Cardoso bezeichnete Brasilien zu Recht viel mehr als ungerechtes denn als unterentwickeltes Land. Als Soziologe, der bei Florestan Fernandes studiert hatte, wusste er genau, wie sehr sozialer Aufstieg und Hautfarbe miteinander verknüpft sind.“ Für solche Erkenntnissse braucht man nicht Soziologie studiert zu haben, sie sind jedem klar.
Ursula Prutsch / Enrique Rodrigues-Moura
Brasilien. Eine Kulturgeschichte
Transcript Verlag, Bielefeld 2013

Santa Cruz do Sul, Februar 2018
Im Januar 1935 trifft die Genfer Autorin Ella Maillart im chinesischen Geologischen Institut in Peking auf Pater Teilhard de Chardin, der mit der sogenannten Citroën-Expedition im Jahre 1931 Asien durchquert hat und ihr nun bestätigt, dass die Chancen, die für Ausländer streng abgeriegelte Provinz Sinkiang zu durchqueren, um ins indische Kaschmir zu reisen, gering seien.
„Niemand weiss, was seit vier Jahren in Sinkiang vorgeht, dieser riesigen Provinz, die an Tibet, an Indien, an Afghanistan, an die UdSSR grenzt und wo die Interessen dieser Länder in geheimem und ständigem Kampf miteinander liegen“, notiert Maillart. Sie macht sich kundig, bemüht sich, einen Weg zu finden und teilt, was sie erfahren hat mit Peter Fleming, „einem jungen Schriftsteller, den die Times sich für ein Bombenhonorar gesichert hatte, um die Zustände in Mandschukuo zu erkunden. Fleming war ein grosser Reisender; er hatte schon Brasilien unter den ungewöhnlichsten Umständen durchquert und vor zwei Jahren Südchina auf den Spuren der Kommunisten durchpirscht.“
Die zwei tun sich zusammen, obwohl sie verschiedener kaum hätten sein können. Der unterschiedliche Charakter war das Eine, die bevorzugte Reiseform das Andere – er wollte möglichst schnell reisen, da ihn in England Verpflichtungen erwarteten, ihr entsprach das Trödeln, sie hatte alle Zeit der Welt.
Er erzählt unter anderem von Eton, wo er einst Zögling war und seiner Familie, sie blieb ihm nichts schuldig und liess ihn wissen, was sie von der Geschichte Genfs wusste. „Peter erfährt an diesem Tage auch zum erstenmal, dass Bern die Hauptstadt meines Landes ist, aber die Reihe, sich lustig zu machen, ist an ihm, als sich dann herausstellt, dass ich selber nicht einmal weiss, wer der Präsident der Schweiz ist.“
In China zu reisen hat seine Tücken. „Unsere Pannen waren ebenso zahlreich wie ärgerlich. Wir blieben im Dreck stecken, wir versanken in einem Fluss, dessen Eisdecke unter unserem Gewicht geborsten war, und ganz gewöhnliche Reifenpannen hielten einen stundenlang auf.“ Oft schwankten die beiden zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung, denn Einfluss auf die chinesischen Gegebenheiten und Ereignisse auszuüben vermochten sie nicht.
Dazu kam, dass die chinesische und die europäische Mentalität oft weit auseinander lagen. „Bei den Ausländern, die in Sian leben, Schweden, Deutschen und Engländern, höre ich oft das Wort Ungewissheit. In dieser chinesischen Welt, die der europäischen Pünktlichkeit und Logik so konträr ist, weiss man nie etwas ganz gewiss.“ Das hat mich unter anderem daran erinnert, wie sich in meiner China-Zeit (fünf Monate im Jahre 2002) ein Australier darüber aufregte, dass immer alles in letzter Minute und ohne jegliche Vorwarnung entschieden wurde …
Auch die chinesische Überheblichkeit, die sich hinter vermeintlich kulturellen Unterschieden wie „das Gesicht verlieren“ (in keiner Kultur steht jemand gerne als Dummkopf da) versteckt, hat sich bis heute gehalten. „In China haben die Weissen seit dem Chaos, seitdem der Krieg die Europäische Solidarität zerstört hat, ‚das Gesicht verloren‘ – und verlieren es von Tag zu Tag mehr. Man fürchtet uns nicht, man macht sich über uns lustig. Was also tun in einem Land, wo die Leute lieber sterben, als ‚das Gesicht verlieren‘!“
Es durchqueren, würde ich sagen. Was Maillart und Fleming denn auch tun. Unter der Kapitelüberschrift „Karawanenleben“ notiert sie: „Tag für Tag verläuft unser Dasein genau nach der unwandelbaren Regel der Jahrhunderte. Vor Tagesanbruch nehmen 250 Kamele, ungefähr 30 Pferde und etwa 45 menschliche Wesen – ohne jegliches Gedränge und unnötigen Lärm – Aufstellung zum Abmarsch.“
Ella Maillart
Verbotene Reise
Von Peking nach Kaschmir
Lenos, Basel 2019

Buchs SG, am 2. Dezember 2020
„Wer keine Geduld besitzt, kann kein Fotograf sein“, lautet der erste Satz in Sebastião Salgados Autobiografie, Mein Land, unsere Erde, die er zusammen mit der französischen Journalistin Isabelle Francq verfasst hat, die in ihrem Vorwort behauptet: „Eine Fotografie von Sebastião Salgado zu betrachten heisst, die Würde eines Menschen zu spüren.“ Ich stimme zu, denn ich habe diese Erfahrung auch gemacht. Doch nicht alle sehen das so. Susan Sontag zum Beispiel ist ganz anderer Auffassung, wie man hier nachlesen kann.
Doch zurück zu Salgados Eingangssatz, den er nicht einfach so in die Welt setzt, sondern konkretisiert, am Beispiel einer Riesenschildkröte auf den Galápagos-Inseln, die er zu fotografieren versuchte, die sich jedoch dauernd davonmachte, wenn er sich ihr näherte. „Also wurde ich selber zur Schildkröte: Ich ging auf alle viere und begann, Handflächen und Knie am Boden, auf gleicher Höhe mit ihr zu krabbeln. Da floh die Schildkröte nicht mehr.“
Als er mit dem Fotografieren begann, probierte er alles aus: Akt, Sport, Porträt. Dass er dann bei der Sozialdokumentation landete, begriff er als folgerichtig, da er zur Zeit der grossen Industrialisierung Brasiliens aufwuchs, die einen Teil der Jugend damals sehr beschäftigte.
Salgado versteht sich weder als Fotojournalist noch als Aktivist. Leiten lässt er sich von einem inneren Drang. „Wie bei allen Fotografen, hängen meine Fotos mit mir zusammen. damit, was mir durch den Kopf geht, was ich gerade erlebe oder denke.“
Er erzählt von seinen Reisen, von seiner Frau und wichtigsten Mitarbeiterin (und verschweigt auch nicht, dass ihre lange Ehe nicht immer problemlos gewesen ist), ihren beiden Söhnen (einer von ihnen ist behindert), vom Instituto Terra …
Salgados wichtigstes (jedenfalls für mich) Werk ist Genesis, für das er sich auf die Spuren von Charles Darwin gemacht hat. Er las „Die Fahrt der Beagle“ und verbrachte drei Monate auf den Galapagos-Inseln, die für ihn eine Art Synthese der Welt darstellen. Was er damit meint, führt er ausführlich aus und macht dabei eindrücklich klar, wie die Umgebung alle Lebewesen prägt. Gelernt hat er auch, dass jede Spezies (und nicht etwa nur der Mensch) über ihre ganz eigene Vernunft verfügt.
„Durch ‚Genesis‘ wurde mir bewusst, dass wir durch das Leben in den Städten, das uns von der Natur immer stärker abschneidet, zu komplizierten Tieren geworden sind. Indem wir uns der Erde entfremdeten, wurden wie selbst zu fremdartigen Wesen. Aber dieses Problem ist kein unlösbares: Sein Heilmittel lautet Information, und ich freue mich, wenn ich etwas dazu beitragen konnte. Die Antwort auf die Gefahr. die der Mensch auf sich und alle Arten des Planeten geladen hat, ist nicht, die Zeit zurückzudrehen, sondern sich wieder der Natur zuzuwenden.“
Mein Land, unsere Erde enthält auch Fotos, die (gut ausgewählt) eindrücklich demonstrieren, dass Salgado einen anderen, weiteren, umfassenderen Blick auf die Dinge hat als viele Fotografen. Ich jedenfalls verspüre beim Betrachten seiner Bilder ein grosses Staunen über beziehungsweise Ehrfurcht (die Grundvoraussetzung für eine gesunde Lebensperspektive) für diese fantastische Erde, die, wie wir wissen, nur ein relativ kleiner Planet in einer Galaxie inmitten von Millionen von Galaxien ist.
Sebastião Salgado
Mein Land, unsere Erde
Autobiografie
Nagel & Kimche, Zürich 2019