
Malans, am 8. Dezember 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Malans, am 8. Dezember 2020
Bereits die Ouvertüre hat es in sich, in der wir die College Professorin Mary Moloni kennenlernen, die lehrt, „Amerika habe als Kolonie begonnen und sei es bis heute geblieben, nämlich etwas, das noch immer definiert sei durch seine Plünderung, ein Ort, wo Bereicherung vorrangig und die bürgerliche Ordnung nur ein Nebengedanke sei.“ Und die Amerikaner: „Längst darauf abgerichtet, jedem noch so verborgenen oder banalen Verlangen nachzugeben, anstatt es zu hinterfragen, wie es die Klassiker gelehrt hätten, sei die stetig anschwellende Selbstverliebtheit zum plündernden patria geworden …“. Was für ein Auftakt!
Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Der Erzähler des vorliegenden Romans ist 1972 auf Staten Island geboren und zog im Alter von vier mit seinen Eltern nach Wisconsin. Und so stelle ich mir vor, dass Autor und Erzähler zwar viel gemeinsam haben, Homeland Elegien sich jedoch Freiheiten herausnimmt, die einer Autobiografie schlecht anstehen würden.
Der Vater ist Kardiologe und Trump-Fan, denn dieser war einmal kurz sein Patient. Doch „Trump ist nur der Name dieser Geschichte“, die davon handelt, dass das „Streben nach gottgefälligem Reichtum“ die offenbar „einzige verbliebene amerikanische Leidenschaft ist.“ Es gibt noch ganz viele solcher treffender Amerika-Einschätzungen in diesem flüssig erzählten und sehr differenzierten Werk, das sich wesentlich mit der Frage auseinandersetzt, ob eine fremde Kultur zur eigenen werden kann. Um zu verstehen wie kompliziert das ist, ist auch nützlich, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Bedeutung von Begriffen oft kulturabhängig ist. „Für uns war das sowjetische Böse nicht, wie für die meisten Amerikaner, der Sozialismus, sondern der Atheismus.“
Anlässlich eines Besuchs in Pakistan, macht der Vater dem schreibenden Sohn klar, was der Unterschied zwischen Amerika und Pakistan ist. „Schriftsteller, hm? Theater! Meinst du, diese Art von Mist gibt es hier? Dass einer sechsunddreissig Jahre alt ist und mich noch immer um Geld bittet. Meinst du, du würdest hier damit durchkommen? Man würde dich auslachen! Wenn wir hier leben würden, wärst du derjenige, der mich unterstützen müsste! Hast du das verstanden?“
Homeland Elegien ist ganz Vieles: ein Buch über die kurzsichtige und ignorante amerikanische Aussenpolitik; eine differenzierte Schilderung vom ungewollten Fremdsein von Einwanderern; eine Studie über die Schwierigkeit nach 9/11 ein Muslim in den Vereinigten Staaten zu sein; eine sehr gebildete Auseinandersetzung mit Grundsätzlichem (höchst anregende Gedanken von Clausewitz, Salman Rushdie, Edward Said, Oriana Fallaci, Sigmund Freud, Jacques Lacan, Norbert Elias, Jane Austen und und und … kommen zur Sprache).
Vor allem jedoch konfrontiert einen Homeland Elegien mit den eigenen instinktiven Reaktionen in Bezug auf den Islam. Zugegeben, ich spreche von mir. Noch nie habe ich mir bislang vorgestellt, was wohl in einem in Amerika als Muslim Geborenen, der eine westlich geprägte Art hat, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen („Mein eigener Weg vom Kinderglauben zu jener Erwachsenengewissheit, dass den zentralen Narrativen des Islams sehr menschliche Bedingtheiten zugrunde liegen …“), vorgehen könnte; wie sehr so ein Mensch mit-definiert wird von dem, wie andere ihn einschätzen (und nicht nur davon, wie er sich selber sieht) – so gibt der Protagonist der Geschichte bei einer Polizeikontrolle an, sein Name stamme aus Indien. „Diese Antwort hatte den offensichtlichen Vorteil, dass sie keine Verbindung zu dem Terror, den Morden und der Wut herstellte, die die meisten Menschen mit Pakistan assoziierten, sondern die bunten Farben und köstlichen Aromen exotischer Gerichte wie Tikka Masala, Yogahosen und Bollywood-Filme mit tanzenden Massen heraufbeschwor.“
Doch das Dilemma liegt tiefer und Ayad Akhtar bringt es überzeugend auf den Punkt. Obwohl weder praktizierender noch gläubiger Muslim, ist er vom Islam geprägt und betrachtet sich auch nach vierzig Jahren Amerika noch als „anders“. „Wir Muslime lebten in einem christlichen Land, so sahen wir es, jedenfalls in den Familien, die ich kannte. Wir lebten in einem christlichen Land, aber wir verstanden das Christentum nicht. Wir verstanden und respektierten es nicht.“ Genau so (einfach umgekehrt) erging es auch mir, dem christlich Geprägten, als ich in Istanbul Englisch unterrichtete. Übrigens: Nicht nur das Gefühl der Überlegenheit, auch die hartnäckigen Schuldgefühle sind beiden Religionen gemeinsam.
Pakistan und Amerika, erfahre ich zu meiner Verblüffung, sind gar nicht so verschieden – Voreingenommenheiten, Besserwissereien, Ignoranz und Korruption ähneln sich sehr. Doch die Ideologien sind anders, sehr anders; in den USA gibt es keine andere mehr als die Selbstbereicherung. „Die Menschen waren, wie Hobbes sie beschrieben hatte: arm, gemein, roh und nihilistisch – und keiner verkörperte das besser als Donald Trump (….) Trump hatte die nationale Gefühlslage erfasst, und seine besondere Eigenschaft war ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, so schamlos und unbedingt, dass er bereit war, unsere ganz Hässlichkeit zu verkörpern, komme, was da wolle.“
Homeland Elegien ist genauso eine tragische Familiensaga wie auch die Geschichte einer Desillusionierung, „dass es an der Zeit war, nicht mehr auf das zu hören, was mein hoffnungsvolles Herz mir erzählte“. Stattdessen galt es, genau hinzuschauen und nüchtern zu konstatieren, dass das Eigentum die Welt immer aus seiner Perspektive betrachtet und diese stets über alle anderen Interessen stellt.
Klar, die Amerikaner gibt es nicht, genau so wenig wie die Muslime. Das wissen wir, Ayad Akhtar gelingt es mit Homeland Elegien, dass wir das auch gefühlsmässig erleben – und uns Amerika als auch Muslime neu, anders und nüchterner sehen lässt.
Ayad Akhtar
Homeland Elegien
Claassen, Berlin 2020

Malans, am 8. Dezember 2020
„Der Eremit von Peking“ ist bei Eichborn in Frankfurt am Main erschienen, und zwar in der von Hans Magnus Enzensberger begründeten und heute von Klaus Harpprecht und Michael Naumann herausgegebenen Reihe „Die Andere Bibliothek“. Das wird nicht zuletzt deshalb erwähnt, weil Michael Naumann diesem ausserordentlich schön ausgestatten Band ein Geleitwort beigegeben hat, worin er treffend festhält: „… Geschichtsfälschungen gehören selbst zur Geschichte; doch nicht immer sind ihre Aufdeckungen so spannend und vergnüglich zu lesen, wie in diesem Buch.“ Übrigens: Trevor-Roper, der Autor, ist selber einmal Opfer einer Fälschung geworden – er hielt die Hitler-Tagebücher von Gerd Heidemann und Konrad Kujau für echt.
Worum geht’s in diesem Buch? Edmund Backhouse, ein aussergewöhnlich sprachbegabter Engländer, schreibt 1910, zusammen mit dem Korrespondenten der Times in Shanghai, John Otway Percy Bland, den Klassiker „China unter der Kaiserin Witwe“, der über das dekadente Leben am kaiserlichen Hof berichtete, doch es handelte sich um eine Fälschung, denn das Tagebuch von Jing Shan (einem Mandschu-Gelehrten aus vornehmer Familie, der mit der Kaiserinwitwe verwandt war und in enger Verbindung zu allen wichtigen Persönlichkeiten des Kaiserlichen Hofes stand), auf dem das Werk beruht, erwies sich (jedoch erst 1973) als grandiose Erfindung.
„Der Eremit von Peking“ ist ein äusserst anregendes Buch, das einem nicht zuletzt vor Augen führt, wie es bei der Geschichtsschreibung zu und her geht – zumeist machtbesessen, eitel und ziemlich niederträchtig. Nicht zuletzt die Schilderungen der Rivalität zwischen Bland und dem Times Chefkorrespondenten in Peking, Morrison, illustrieren dies besonders schön.
Man liest dieses Buch auch deshalb mit Gewinn, weil man lernt, wie unser Bild von China zustandekommt. So erfährt man etwa, dass der einflussreiche und instinktsichere Morrison gar kein Chinesisch sprach oder dass John Jordan (natürlich ein „Sir“), der britische Gesandte in Peking, „schonungslos, fast undiplomatisch, voller Verachtung für orientalische Heuchelei“ und „aufgrund seiner langen Erfahrung, seiner Detailkenntnis und seiner Ehrlichkeit zum angesehensten Mitglied des diplomatischen Corps in Peking geworden“ war.
Verdienstvollerweise führt Trevor-Roper im Vorwort die Quellen auf, auf die er sich bei seiner Forschungsarbeit stützte. Dabei erwähnt er auch, dass Backhouse keine persönlichen Papiere hinterliess und es über die Familie Backhouse keine Unterlagen gibt. Trevor-Roper stützte sich auf vier Manuskriptquellen: den Briefwechsel mit der Bodleian Library über die Backhouse Sammlung, die Schriften von Morrison und Bland, den im Besitz von Reinhard Hoeppli in Basel sich befindenden Memoiren (Hoeppli hatte Backhouse angeregt, und dafür bezahlt, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen) und schliesslich ein weiteres Dokument, aus dem hervorgeht, dass Backhouse offenbar auch Geheimagent gewesen ist.
Fragen kann man sich allerdings, wie realistisch eine Biografie, die sich hauptsächlich auf Dokumente stützt, eigentlich sein kann. So zeugen etwa Sätze wie „Es verdross Morrison stets aufs neue, wenn er an jenen ungelegenen Jagdausflug nach Kwantai zurückdachte“ oder „Bland war zwar geradeheraus und extrovertiert, aber nie anmassend und arrogant“ wohl vor allem von des Autors blühender Fantasie, denn woher will er solches wissen?
„Seine Schriften zeigen ihn als freundlichen Mann, der, auch wenn er sehr aufgebracht ist, sein widerspenstiges Gegenüber geduldig, höflich und rücksichtsvoll behandelt“, schreibt Trevor-Roper. Na ja, von der Art, wie einer schreibt (und sich darstellt) auf seinen Charakter zu schliessen, ist schon ziemlich spekulativ und lässt nicht gerade auf einen ausgeprägten Realitätssinn schliessen.
„Spekulieren wir ruhig noch ein wenig weiter“, schreibt der Autor (augenzwinkernd, wie man annehmen darf) an anderer Stelle und zeigt in der Folge auf, wie und weshalb er welche Schlüsse aus einem Brief zieht. Solche Geschichtsschreibung lässt man sich hingegen gerne gefallen.
Hugh Trevor-Roper
Der Eremit von Peking
Die Geschichte eines genialen Fälschers
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009

Churfisten, von Mols aus gesehen, am 7. Dezember 2020
„Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung“ heisst der Untertitel dieses Buches von Martin Sturmer, und wer wollte da nicht zustimmen …
Ich habe selber einmal in Afrika gearbeitet, weiss nur allzu gut, dass Berichterstattung und Wirklichkeit vor Ort meist weit auseinander fallen (doch ist das so recht eigentlich bei fast jeder Berichterstattung so) und da ich überdies, viele Jahre ist es her, ein Buch mit Afrika Reportagen herausgegeben habe (Stefan Klein & Manja Karmon Klein: Die Tränen des Löwen), stürzte ich mich sofort aufs Literaturverzeichnis, um zu sehen, ob denn dieses Buch dort auch verzeichnet war … doch, nein, es war nicht da. Und auch die anderen Journalisten Bücher, von denen ich einiges über diesen Kontinent gelernt hatte, waren nicht aufgeführt. Drei ganz unbedingt lesenswerte will ich hier erwähnen: Andrea Böhm: Gott und die Krokodile, Keith B. Richburg: Jenseits von Afrika, Michela Wrong: In the Footsteps of Mr. Kurtz. Zudem fehlt da noch …, doch nein, das bringt nichts, und überhaupt hat der Autor schliesslich ganz viele Bücher gelesen, die ich wiederum nicht gelesen habe …
Es gibt Bücher, die mag man nicht zu Ende lesen, weil einen die Lektüre ganz einfach zu sehr nervt. Für mich ist Martin Sturmers Afrika! so ein Buch. Schon seines Ansatzes wegen. Was meine ich damit? „Lässt sich ein differenzierter Afrika-Journalismus angesichts redaktioneller Sparmassnahmen überhaupt noch bewerkstelligen?“, fragt Sturmer und fährt fort: „Meine klare Antwort: Ja. Wie? Durch einen einfachen Wandel der Perspektive. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der deutschsprachigen Afrika-Berichterstattung in den fähigen Händen afrikanischer Medienprofis liegt.“
Gut möglich, dass er recht hat, doch ich will mir den afrikanischen Kontinent nicht von Afrikanern erklären lassen, genau so wenig wie ich mir Amerika von Amerikanern oder die Schweiz von Schweizern erklären lassen will. Anders gesagt: mich interessiert die Perspektive von aussen. Zugespitzt formuliert: ich lerne mehr über die Schweiz von Nicht-Schweizern als von Schweizern (dass es da Ausnahmen gibt, versteht sich). Das Gewohnte aus Distanz zu sehen, bedeutet häufig, es klarer zu sehen (siehe auch: Warum rennen hier alle so?)
Die schlechte Presse, die Afrika in den deutschsprachigen Medien hat, so Sturmer, schade vor allem im Hinblick auf:
„° die Wirtschaft des Kontinents, insbesondere den Handel und den Tourismus
° die Spendenbereitschaft bei humanitären Krisen und die Akzeptanz von Entwicklungszusammenarbeit
° das gesellschaftliche Zusammenleben mit Menschen afrikanischer Herkunft in deutschsprachigen Ländern.“
Dreht man das Argument um, müsste man schliessen, die Aufgabe der Medien sei, der Wirtschaft zu dienen, die Entwicklungszusammenarbeit sowie das interkulturelle Miteinander in deutschsprachigen Ländern zu unterstützen. Wirklich?
Afrika! ist ein Buch darüber wie einige, der politischen Korrektheit verpflichtete Akademiker zur Zeit die Welt sehen. Das geht von der Verwendung von akzeptablen Bildern bis zum Gebrauch korrekter sprachlicher Ausdrücke. So seien etwa „Animisten, Buschmänner, Pygmäen“ bedenkliche Ausdrücke, „die auf anthropologische, rassistische oder imperialistische Konzepte zurückgehen.“ Laurens van der Post empfand übrigens die Bezeichnung „a white bushman“ als Ehrentitel. Und für die Bildauswahl von Afrikabeiträgen gelte „Ähnliches wie für die Nachrichtenselektion – Negativismus ist das Kernmotiv.“ Ganz so, als ob das sonst im Journalismus anders wäre …
Die verzerrte Darstellung von Afrika sei medial konstruiert, lese ich. Und stimme zu. Doch mit Afrika hat das wenig zu tun. Wer von den Medien eine unverzerrte Sicht der Dinge verlangt, versteht nicht, wie die Medienwelt tickt.
Martin Sturmer
Afrika!
Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung,
UVK, Konstanz 2013

Sargans, am 4. Dezember 2020
Mit zwanzig war Rikke Schmidt Kjærgaard mit SLE – Systemischer Lupus crythematodes – diagnostiziert worden. Dabei handelt es sich um eine chronische Autoimmunkrankheit, die gesundes Gewebe angreift. Sie hat gelernt auf die Warnsignale zu achten. Sinkende Temperatur gefolgt von Fieber, zum Beispiel.
Nach einem heftigen Anfall – Fieberwahn, Durchfall, Erbrechen – wird ihr Herz immer schwächer. „Dann bleibt es stehen. Ich war klinisch tot. Da war Nichts. Kein Licht am Ende des Tunnels, keine Engel, keine Harfen. Kein Himmelstor und keine Hölle. Nichts. Tot zu sein heisst genau das. Man ist weg. So einfach und beängstigend ist das.“
So nüchtern beschreibt sie, was und wie ihr geschieht. Vieles hat sie auch gar nicht mitbekommen, ihr Mann Peter hat es aufgeschrieben. „Er notierte alles, jedes Ereignis, jede Reaktion der Kinder und unseres erweiterten Familienkreises sowie seine tiefsten, privatesten Gedanken.“ Überdies las er einschlägige Fachartikel und dokumentierte alles mit der Kamera.
Dir Originalausgabe dieses Buches erschien 2018, die Vorkehren, die man für die erste Behandlung (man vermutete eine aggressive bakterielle Infektion) getroffen hatte, gleichen denjenigen bei Covid-19 aus dem Jahre 2020: Alle Besucher und Krankenhausmitarbeiter mussten sich die Hände desinfizieren, einen Einmalschutzanzug überziehen sowie Gasmasken aufsetzen. „Unter grossen Anstrengungen öffnete ich die Augen.“ Sie nimmt wahr, was um sie herum geschieht, kann zuhören, doch sie kann sich nicht ausdrücken. Es bleibt ihr nur zu hoffen, dass jemand errät, was sie denkt.
Die gängige Art, uns das Leben verständlich zu machen, ist das Geschichten-Erzählen. Doch die Geschichten, die wir uns erzählen, sind grobe Vereinfachungen, die zwar unser Bedürfnis nach Sinngebung einigermassen abdecken, jedoch nicht die Wirklichkeit. Erwacht etwa jemand im Film aus einem Koma, fragt er fast immer: Was ist passiert? Wo bin ich? Die Realität, die Rikke Schmidt Kjærgaard erfahren hat, sieht anders aus. „… im wahren Leben, in echten Krankenhäusern, ist das Aufwachen ein Prozess, ein zerstückeltes Durcheinander aus Eindrücken, Lichtern und Geräuschen. Es ist schmerzhaft und laut …“. Ob ihr Hirn Schaden genommen hat, weiss zu diesem Zeitpunkt niemand.
Was war passiert? Sie hatte ihr Gedächtnis und ihre Orientierung verloren sowie das Gespür für sich selbst. Sie konnte sich weder bewegen noch sprechen. Ihr wurde klar, sie hatte ihr Schicksal nicht mehr in der Hand, sie sass auf dem Beifahrersitz ihres eigenen Lebens. Nur mit Blinzeln konnte sie sich verständigen. „Einmal blinzeln hiess Nein. Zweimal Ja. Sie ging wohl davon aus, dass die Antwort auf die meisten Fragen Nein lautete.“ Wunderbar, ihr trockener Witz.
Nach drei Wochen erhält sie eine neue, positivere Diagnose, die hoffen lässt; erlebt es als Offenbarung „wie man einem Menschen etwas mitteilen konnte, einfach indem man ihm in die Augen sah“ und hat Angst vor den Nächten, denn dann kamen die Dämonen. Sie macht Fortschritte, erlebt aber auch Rückschläge. Und was sie immer wieder deutlich macht: Nicht nur sie, sondern alle um sie herum leiden. „Ich war nicht die Einzige, die heilen musste.“
Sie wird in eine Reha verlegt, wo ihr widerfährt, was viele Patienten erleben: Ihr wird nicht zugehört, sondern über sie verfügt. Doch Rikke Schmidt Kjærgaard ist eine Kämpferin. Das verdankt sie unter anderem dem Fussballspielen, das sie, gegen den Widerstand ihres Vaters erfolgreich pflegte und geprägt hat und ihren Kampfgeist stärkte. Auch ihr Grossvater hatte zu ihrer kämpferischen Haltung beigetragen. “Er setzte mich niemals unter Druck, liess aber auch nicht locker, bis ich mich wirklich bemüht hatte …“. Mit Hilfe ihres Mannes gelingt es ihr schliesslich, sich Gehör zu verschaffen.
Mit einem Wimpernschlag ist ein enorm packendes, sehr berührendes und höchst informatives Buch, das einen auch allerlei Medizinisches lehrt und einem eindringlich zu Bewusstsein bringt, dass das Leben ein Geschenk und alles andere als selbstverständlich ist. „Die zugleich faszinierendste und erschütterndste Geschichte, die Sie je lesen werden“, schreibt Bill Bryson im Vorwort. Und hat Recht damit.
Fazit: Glänzend geschrieben, voll erhellender Nüchternheit, zutiefst bewegend.
Rikke Schmidt Kjærgaard
Mit einem Wimpernschlag
Wie ich starb – und wieder leben lernte. Mein Weg aus dem Locked-in-Syndrom
Ludwig, München 2020

Ruschein, 27. November 2020
Diese Neuübersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe ist um 300 Seiten länger als die alte Übersetzung aus dem Englischen, lässt der Verlag wissen.
Murakamis Schreiben hat etwas Leichtes und macht mich oft lachen. „Während ich den Garten betrachtete, blieb die Taube auf der Antenne sitzen und gurrte mit einer Zuverlässigkeit und Regelmässigkeit, die einem Finanzbeamten alle Ehre gemacht hätte.“
Der Protagonist Toru Okada, ist 30 Jahre alt, hat Jura studiert, als Botenjunge in einer Anwaltskanzlei gearbeitet und dann seinen Job aufgegeben – eine Existenz als Anwalt konnte er sich nicht vorstellen. Sein Leben stagniert. Seine Frau Kumiko ist Redakteurin bei einer Zeitschrift für Natur- und Gesundheitskost. Der Kater der beiden ist davongelaufen. Malta Kano („Frau Kano war sehr schön. Zumindest sehr viel hübscher, als ich sie mir beim Klang ihrer Stimme am Telefon vorgestellt hatte.“), die über hellseherische Fähigkeiten verfügt, soll helfen, ihn wiederzufinden.
Frau Kano hat eine jüngere Schwester, Kreta Kano, die von Kumikos Bruder Noboru Wataya, einem seelenlosen Typen par excellence, vergewaltigt wurde. Bei Toru Okadas Beschreibung seines Schwagers, fühlte ich mich an Donald Trump erinnert. „Er war ein zutiefst gemeiner Mensch und ein hohler Egoist. Aber ganz eindeutig tüchtiger als ich.“
Bei der Suche nach dem Kater stösst Herr Aufziehvogel, wie Toru Okada genannt wird, auch auf die 16jährige, sehr gewitzte May Kasahara, die bei einem Perückenhersteller arbeitet. „In der Firma, in der ich arbeite, darf man niemals das Wort ‚Glatze‘ verwenden. Wir müssen immer von ‚Herren mit zurückweichendem Haaransatz‘ sprechen. ‚Glatze‘ ist nämlich diskriminierend. Einmal habe ich zum Spass ‚Menschen mit Haupthaarbehinderung‘ gesagt. Da ist der Chef sofort ausgerastet. Das sei überhaupt nicht witzig und völlig unpassend. Die nehmen ihren Beruf alle total ernst. Kennen Sie das? Die meisten Leute auf dieser Welt nehmen alles total ernst.“
Halte ich mich in einer mir unbekannten Gegend auf, finde ich so recht eigentlich alles interessant und speziell das Alltägliche. Murakami beschreibt viel Alltägliches, wodurch dieses gleichzeitig spannend und seltsam wirkt. „Kaum tut man einen Schritt aus dem Haus, hören sich alle Telefone gleich an.“
Von Herrn Honda, einem Mann mit übersinnlichen Kräften, lese ich. „Wie Herr Honda damals sagte, ist das Schicksal etwas, worauf man im Nachhinein zurückblickt, und nichts, das man im Voraus kennen sollte.“ Und von grausamen Mongolen und pflichtgetreuen Japanern erfahre ich.
Eines Nachts dann kommt Kumiko nicht nach Hause, bleibt auch am andern Morgen verschwunden. Nach und nach stellt sich heraus, dass es da einen anderen Mann gibt und sie sich scheiden lassen will.
Die Chroniken des Aufziehvogels zeichnet sich durch wunderbare, oft sehr witzige Dialoge aus, dann aber auch immer wieder durch Sätze, die mich nicht nur schmunzeln machen („Ich seufzte. Nicht dass Seufzen geholfen hätte, aber ich konnte nicht anders.“), sondern die ich auch wunderbar anregend finde. „Ich dachte kurz an irgendetwas und entliess es ins Leere.“ Murakami zu lesen, bedeutet immer auch, seine Aufmerksamkeit zu schulen. „Sagen wir mal, die Menschen würden ewig leben, nie älter werden und die ganze Zeit gesund bleiben. Meinen Sie, die würden überhaupt noch nachdenken, so wie wir? Wir machen uns doch Gedanken über mehr oder weniger alles. Philosophie, Psychologie, Logik, Religion, Literatur und so. Aber ohne den Tod käme doch kein Mensch auf so komplizierte Ideen.“
Mit den Schwestern Kano und der jungen May Kasahara ist Herr Aufziehvogel auf eine sehr spezielle Art verbunden; alle drei scheinen an ihm Seiten wahrzunehmen, die ihm selber gar nicht bewusst sind, ihn jedoch wesentlich ausmachen.
Eines Tages bemerkt er in seinem Gesicht ein Mal, hält sich drei Tage zum Nachdenken am Grund eines Brunnens auf, wo er von Kreta Kano besucht wird. Er macht sich kundig über die japanische Besetzung der Mandschurei. Und eines Nachts liegt plötzlich die nackte Kreta Karo neben ihm im Bett. Sehr unterschiedliche und teilweise höchst unwahrscheinliche Geschichten gehen nahtlos und ganz unaufgeregt ineinander über, ganz so als ob das Leben ein Traum und eigenartig unwirklich wäre – was es ja auch ist.
Die Chroniken des Aufziehvogels ist ein sehr philosophisches Werk, mit dem Akzent auf Spüren („Daraufhin nahm sie meine Hand und legte sie auf die Narbe an ihrem Auge. Als ich über May Kasaharas Narbe strich, übertrugen sich die Wellen ihres Bewusstseins auf meine Fingerspitze. Es war ein leichtes, wie suchendes Zittern.“) und Wahrnehmen („Hingucken kann doch eigentlich jeder.“). Gleichzeitig ist es ein surreales Werk von einer wunderbaren Leichtigkeit, reich an subtilem Witz. Sie habe keine Ahnung wie sie aus dem Brunnen raus und zu ihm ins Bett gekommen sei, sagt Kreta Kano. „’Meine Erinnerung reisst mittendrin ab. Der Riss ist so breit.‘ Kreta Kano hob beide Zeigefinger und zeigte mir einen Abstand von etwa zwanzig Zentimetern. Mir war unklar, wie viel Zeit das bedeuten sollte.“
Dann will sie mit ihm nach Kreta reisen, um ihn, wie sie ihm mitteilt, vor etwas sehr Schlimmem zu bewahren. Doch zuvor will sie ihren Namen ablegen und nicht mehr als Medium im Einsatz stehen. Sie fliegt hin, er bleibt zurück. Was dann geschieht, soll hier nicht verraten werden … Nur soviel: Toru Okada möchte das Nachbargrundstück erwerben, auf dem ein Fluch liegt …
Haruki Murakami
Die Chroniken des Aufziehvogels
DuMont Buchverlag, Köln 2020