Was für eine glänzende Idee, ein Buch aus der Perspektive eines Hundes zu schreiben. Dass der Labrador Prince wie auch die Katze Lapsang sich so wie Menschen unterhalten, ist zwar wenig wahrscheinlich (doch was wissen wir schon!), doch in einem Roman drängt sich das auf. Und vor allem: Den Perspektivenwechsel, den Autor Matt Haig hier vornimmt, indem er für Prince und Lapsang spricht, ist nicht nur witzig, sondern auch erhellend.
Die Ladradore haben einen Pakt geschlossen, gemäss dem es ihre Pflicht ist, für die Menschen da zu sein, denn: „Wenn wir die Menschen aufgeben, geben wir uns selbst auf.“ Jede Aufgabe beginnt mit der Beobachtung. „Eines der ersten Dinge, die ein Labrador über seine menschliche Familie lernt, ist die Tatsache, wie sehr sie von Wiederholungen abhängt.“ Das ist weit eingängiger als die Feststellung, der Mensch sein ein Gewohnheitstier, auch wenn es dasselbe meint.
Bei Prince‘ Familie, den Hunters, geraten die Dinge aus dem Lot. Bei den Eltern Eltern, Kate und Adam, stehen die Dinge nicht wie sie sollten. Und dann sind da noch die pubertierenden Teenager Hal und Charlotte. Als Adam die um einiges jüngere Emily kennenlernt, gibt er vor, sich für Dinge zu interessieren, die ihn noch nie neugierig gemacht haben. Von der Aromatherapie zur Numerologie.
Prince sieht das alles mit sehr unguten Gefühlen, wobei sehen der falsche Ausdruck ist, denn der Hunde Spezialität ist das Riechen. So äussert sich Prince zu den Menschen. „Sie verlassen sich zu sehr darauf, die Dinge zu sehen – sei es in den Sternen oder in ihren Handlinien. Aus diesem Grund müssen wir uns um sie kümmern und sie vor künftigem Schaden bewahren.“
Dann stellt sich heraus, dass Simon, Emilys Mann, Adam und Kate von früher kennt. Simon ist als Unternehmensberater rund um die Welt im Einsatz. So beschreibt er seine Tätigkeit: „Ich rattere herunter, was sie hören wollen, und gebe ihnen einen Rahmen an die Hand, in dessen Grenzen sie genau das tun können, was sie immer schon getan haben, nur dass sie es jetzt anders benennen. Imaginationsdenken. Grenzenloses Denken. Vierdimensionales Gedächtnistraining. Das geht ihnen runter wie Öl.“
Für immer, euer Prince ist eine gut geschriebene, originelle Geschichte, die einen immer wieder überrascht. Nicht zuletzt der gelungenen Wortwahl wegen. „Wenn es den Anschein macht, dass die Situation aus der Pfote läuft …“. Und auch wegen Sätzen, bei denen man verweilen sollte. „Humor ist für die Menschen ein Verteidigungsmechanismus und weist in der Regel darauf hin, dass sie etwas zu verbergen haben.“
Für immer, euer Prince lässt einen nicht nur an Prince‘ innerem Monolog teilnehmen, sondern auch an seinen Dialogen mit anderen Hunden und mit Lapsang, die der Meinung ist, Prince solle sich zurücknehmen, er mische sich viel zu sehr ein. Doch dieser wehrt sich. „Hör mal, Lapsang, das verstehst du nicht.“ Worauf die Katze erwidert: „Deine Spezies tut mir echt leid, wirklich.“ Damit schloss sie die Augen und schlief wieder ein.
Für immer, euer Prince ist ein sehr gelungener Roman, der mich oft schmunzeln („Während Hunde lernen können, ihre Instinkte zu unterdrücken, gibt es für Menschen diesbezüglich keine Hoffnung.“) und mich immer mal wieder wundern liess, wie eigenartig wir Menschen unterwegs sind. „Bei einer Spezies, die sich so unwiderruflich von der Natur entfernt hat, sagte ich mir, war es unvermeidlich, dass sie sich ihre eigenen Herausforderungen suchte. Von all diesen Herausforderungen kam mir jedoch keine merkwürdiger vor als der Wunsch, sich an einem Seil über einen Abgrund zu hängen.“
Der Mensch, der glaube, er sei Herr in seinem Haus, unterliege einem grandiosen Irrtum, meinte bekanntlich Sigmund Freud. Anstelle des Unbewussten führt Matt Haig den Labrador Prince als Kontrollinstanz ein. „Wir müssen unsere menschlichen Herrchen beeinflussen und sie gleichzeitig glauben lassen, dass die Komplexität ihrer Welt über unser Verständnis hinausgeht.“ Mundus vult decipi, nannten das die alten Römer, die Welt will betrogen werden.
Fazit: Smart, unterhaltsam und abwechslungsreich.
Matt Haig
Für immer, euer Prince
Roman
Droemer, München 2024


