Bernd Mattheus: CIORAN

Offenbar konnte sich der Verlag nicht entscheiden, ob es nun „Porträt eines rasenden Skeptikers“ (so steht es auf dem Umschlag) oder „Porträt eines radikalen Skeptikers“ (die Titelseite im Buch) heissen sollte; vielleicht haben die Verlagsleute aber ganz einfach nicht bemerkt, dass Umschlag und Titelseite nicht übereinstimmen, oder aber gehofft, es würde niemandem auffallen. Wie auch immer: Beides stimmt.

Düster, negativ, mit diesen beiden Begriffen bringe ich Cioran in Verbindung, dabei kenne ich den Mann so recht eigentlich nur dem Namen nach. Bernd Mattheus‘ überaus differenziertes und sehr persönliches Porträt zeigt mir dann einen Mann, der wie jeder andere Mann oder jede andere Frau auch, nicht wirklich zu fassen ist. Das meint unter anderem, dass seine öffentliche Wahrnehmung, in die er einige Anstrengung steckt, und sein Alltagsleben alles andere als deckungsgleich sind. „Cioran lacht gerne und häufig, während er peinlich darauf achtet, dass keine heiteren und gelösten Fotoporträts von ihm veröffentlicht werden.“

„Vom Missgeschick, geboren zu werden“ ist das erste Kapitel überschrieben. Dies zu konstatieren, bedeutet keineswegs, dem Selbstmord das Wort zu reden. „Gerade der Gedanke, dass ich mein Leben beenden kann, hilft mir, am Leben zu bleiben.“

Schreiben war ihm Therapie; was er zu Papier gebracht, hatte für ihn oft keine konkreten Folgen. Von der Philosophie wandte er sich enttäuscht ab, da „die eigentlichen Probleme sich dem Philosophen entziehen.“ Die einzigen Menschen, mit denen er sich wirklich verstanden habe, seien keine Schriftsteller gewesen, hätten kein Werk hinterlassen, schreibt er einmal. Ob diese Menschen sich allerdings mit ihm verstanden haben, wissen wir nicht.

Der Mensch in seinem Widerspruch trifft auch auf Cioran zu, der sich als junger Mann für Hitler begeisterte, um sich in späteren Jahren heftigst dafür zu schelten. Über Heidegger notierte er: „Er ist ein Manipulator sondergleichen; sein Verbalgenie ist aussergewöhnlich (… ) Ich hatte den Eindruck, man wolle mich täuschen mit all den Worten.“

Antisemitische Tiraden, seine tiefe Verachtung für die Soziologie, sein Alptraum, es könnte in jedem Quartier eine Moschee geben – er scheint, wie wir alle, definitiv „mehrere Personen in einer zu sein“. Dazu kommt, und das ist nun gar nicht bei allen so, dass seine spätere Sicht auf frühere Werke radikal selbstkritisch gewesen ist.

Zu den vielen höchst aufschlussreichen Details, die Bernd Mattheus aufführt, gehört auch, dass der 16jährige Cioran sich in ein 15jähriges Mädchen aus Sibiu verguckt, sich jedoch nicht traut, sie anzusprechen. Als er zwei Jahre später das Mädchen mit einem ihm unsympathischen Klassenkameraden zusammen sieht, ist er am Boden zerstört. „Es war wie ein Erdbeben. Fünf oder sechs Jahre lang sprach ich nicht mehr mit Mädchen.“ Wie viele versucht er sein Verhalten nachträglich wenig überzeugend zu rationalisieren. Einer Kränkung durch die Mutter begegnet er hingegen ausgesprochen clever: „Was bin ich denn anderes als ein Glücksfall unter den unendlichen Wahrscheinlichkeiten nicht gewesen zu sein.“ Das sind wir so recht eigentlich alle und es ist ausgesprochen hilfreich, sich das ins Gedächtnis zu rufen.

Bernd Mattheus führt auch immer wieder die verschiedenen Autoren auf, die Cioran zu einer bestimmten Zeit seines Lebens gelesen hat. Und wem der Skeptiker, als den er sich versteht („Man kommt als Skeptiker zur Welt.“), begegnet ist. Zu diesen gehörte auch Jean Améry, der Suizid beging, und aus dessen autobiographische Aufzeichnungen deutlich wurde, „dass narzisstische Kränkung zur Selbsttötung führte.“ Unwillkürlich fragt man sich, inwiefern narzisstische Kränkung auch für Cioran wegweisend gewesen sein könnte.

Für Cioran ist der Skeptizismus eine Haltung, die in der Fähigkeit gründet, „alles Evidente in Frage zu stellen (…) Wir stellen schliesslich immer fest, dass nichts Bestand hat, dass alles unbegründet ist: der Skeptizismus oder die Oberherrschaft der Ironie.“ Was ihn allerdings nicht hindert, dafür Gründe vorzulegen, zu denen “eine grundlegende Langeweile gehört (…) Die ganze Welt bleibt mit Nichtigkeit geschlagen. Und nichts interessiert uns, nichts verdient unsere Aufmerksamkeit (…) Dieser Erfahrung wegen (…) konnte ich in meinem Leben nichts Ernsthaftes tun. Um aufrichtig zu sein: Ich habe intensiv gelebt, aber ohne mich in das Dasein integrieren zu können. Meine Randständigkeit ist nicht akzidentiell, sondern essentiell.“

Cioran ist keine der üblichen Biografien, sondern eine Auseinandersetzung mit Ciorans Leben und Denken, das alles andere als gradlinig und oft widersprüchlich ist – so wie wir so recht eigentlich alle sind. Was jedoch Emil Cioran von ganz vielen unterscheidet, ist seine Radikalität, ja, seine Unerbittlichkeit: Er guckt genau hin, darum bemüht, sich nichts vorzumachen. „Was heisst denken? Es ist ein Eingeständnis der Ohnmacht. Es heisst anerkennen, dass man sich ausserhalb der Welt befindet und ausserstande ist, auf sie einzuwirken …“. Gleichzeitig eröffnet sein Denken ihm eine Weltsicht, die wohl die meisten befremdet. „Man kann doch keinen Beruf haben, wenn man an den Tod denkt. Man kann nur so leben, wie ich gelebt habe. Am Rande von allem, als Parasit. Das Gefühl, das ich immer hatte, war das Gefühl der Unnötigkeit, der Ziellosigkeit.“

Mich hat dieses Buch fasziniert. Das liegt am Denken und der Sprache von Bernd Mattheus, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Und es liegt daran, dass Cioran ein Aussenseiter war, der nicht entlang ausgetretener Pfade lebte und dachte, sondern sich mit dem auseinandersetzte, was in ihm angelegt war und ihn ausmachte.

Bernd Mattheus
CIORAN
Porträt eines rasenden Skeptikers
Matthes & Seitz Berlin 2024

Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht

Dass dies ein aussergewöhnliches Buch ist, war mir bereits auf den ersten Seiten klar. Des Tons, aber auch der Sprache und der Einsichten wegen. Doch vor allem war da eine Lebensbejahung, die mich begeisterte. Er habe eine glückliche Jugend gehabt und nie einen metaphysischen Zweifel gekannt, notiert der Autor. „Gewiss hatte ich – wie alle Kinder – meine Nöte und Kümmernisse. Doch ich muss gestehen: An sie erinnere ich mich nicht mehr.“ Wunderbar! Auch natürlich, weil ich diese Erfahrung teile.

Ich kann mich nicht erinnern, je eine Kindheitserinnerung gelesen zu haben, die ich als derart lebensvertrauend empfunden habe. Er fühlte sich getragen, seine Eltern liebten ihn. Kinder wissen das, weil sie „alles mit ihrem ganzen Sein begreifen, wir (Erwachsenen) dagegen nur mit unserem Kopf.“

Das Licht war für den kleinen Jacques schon früh bedeutsam. „Das Licht übte auf mich einen faszinierenden Zauber aus. Ich sah es überall, und ich betrachtete es stundenlang.“ Dann, durch einen Unfall, wird er blind. „Jeden Tag danke ich dem Himmel dafür, dass er mich schon als Kind von noch nicht ganz acht Jahren blind werden liess.“ Natürlich bedarf das einer Erklärung. Und die liefert der Autor dann auch. Lesen Sie selbst, es lohnt …

Er hadert nicht, erlebt alles neu, und vor allem, dass alles ständig im Fluss, die Vorstellung von Anfang und Ende falsch ist. Er erfährt eine ganz wundervolle Lebensenergie, die allerdings zu versiegen droht, wenn sich Angst, Zorn, Ungeduld und Bösartigkeit einstellen. Oder wenn er beim Spiel unbedingt gewinnen will. Für Jacques Lusseyran ist alles belebt, er fühlt dies, er spürt es, er erlebt es.

Die Blindheit, notiert er, erweitert „die inneren Erfahrungen auf Kosten der äusseren bis ins Masslose.“ Auf dem Land tut er sich leichter mit ihr als in Paris, wo die Strasse ein Labyrinth von Geräuschen ist. Doch generell gilt: „Die Blindheit ist in der Welt der Sehenden nicht sehr willkommen. Sie ist so wenig bekannt und, so kann man fast sagen, so gefürchtet!“ Dadurch birgt sie die Gefahr der Isolation. Auch sind Blinde immer abhängig von anderen, was Jacques Lusseyran allerdings nicht als Unglück, sondern einfach als Tatsache sieht, mit der umzugehen ist. Schliesslich sind auch Sehende mannigfaltig abhängig.

Das wiedergefundene Licht ist das Werk eines höchst eigenständigen Denkers ( Jacques Lusseyran lehrte nach dem Krieg als Philosophieprofessor in Frankreich und den USA), der das Leben als Geschenk begreift. Was er über die Erfahrungen von Kindern schreibt, sollte Erwachsenen eine Lehre sein. „Für einen Achtjährigen ‚ist‘ was ist, und es ist immer das Beste. Er kennt keine Bitterkeit und keinen Groll. Er kann zwar das Gefühl haben, ungerecht behandelt worden zu sein, doch er hat es nur dann, wenn ihm die Ungerechtigkeit durch Menschen zuteil wird. Die Ereignisse sind für ihn Zeichen Gottes.“

Immer mal wieder unterbreche ich meine Lektüre, halte inne, denn was dieses Buch in Fülle vermittelt, sind ganz verschiedenartige und überaus erhellende Einsichten, bei denen sich zu verweilen lohnt. „Paris war wie alle Städte eine Schule des Egoismus.“ Oder: „Wie könnte man hoffen, dass eine Schule, ein Ausschuss oder gar eine Verwaltungsbehörde, dass Ämter, die nur kraft ihrer Gewohnheiten – das heisst ihres Durchschnitts – überleben, mit Wohlwollen auf Ausnahmen blicken?“

Das wiedergefundene Licht trägt auf vielfältigste Art und Weise zur Bewusstseinsbildung bei. So etwa, wenn der Autor darauf hinweist, dass es nichts auf der Welt gibt, was nicht durch ein anderes ersetzt werden könnte. Oder wenn er über die einschläfernde Macht der Gewohnheit festhält. „Der Knabe tut alles aufmerksam, der Mann tut alles nur noch gewohnheitsmässig.“ Oder wenn er über seine Entdeckung von Shakespeare berichtet, dessen Geist er also ebenso komplex bezeichnet wie das Leben.

Auch vom Krieg ist die Rede, wenn auch anders als gemeinhin üblich. Plötzlich waren die Leute weniger mürrisch, konstatiert er, was auch daran lag, dass die Gewohnheiten nicht mehr das Leben bestimmten, man sich lebendiger fühlte. „Überall wehte ein freiheitlicher Wind.“

Als die Deutschen Frankreich besetzen, gründet und engagiert er sich in einer Widerstandsbewegung von Jugendlichen, den „Volontaires de la Liberté“. Diese tut sich mit einer anderen Gruppe zusammen, der „Défense de la France“. Zusammen bringen sie eine Untergrundzeitung heraus. Er wird verraten, kommt nach Buchenwald.

Eine ausserordentlich berührende und wunderbar ansteckende Liebeserklärung ans Leben. Grossartig! Ein echter Glücksfall.

Jacques Lusseyran
Das wiedergefundene Licht
Klett-Cotta, Stuttgart 2024

Ralf Langroth: Mauern und Lügen

Ralf Langroth sei das Pseudonym eines erfolgreichen Autors, lese ich unter dem Bild des Autors und frage mich, weshalb jemand, der sich per Foto zu erkennen gibt, sich eines Pseudonyms bedient. Ich habe keine Zweifel, dass es dafür Gründe gibt, schliesslich lässt sich so ziemlich alles begründen. Wie auch immer: Anonymität und Bild finde ich eine ausgesprochen eigenartige Kombination.

Mauern und Lügen wird eingeleitet von einem Prolog, der im August 1945 in Berlin spielt, und in dem auch Billy Wilder, der damals für Psychologische Kriegsführung im Einsatz war, und Marlene Dietrich vorkommen. Die eigentliche Handlung beginnt im August 1961 als BKA-Hauptkommissar Philipp Gerber am Frankfurter Flughafen ein Attentat auf seinen ehemaligen Chef beim US-Militärgeheimdienst vereitelt. Gerber hatte einen Hinweis gekriegt, per Telefon, es war eine Frauenstimme. Wem gehörte sie? Autor Ralf Langroth versteht es ausgezeichnet, Spannung aufzubauen.

Gerber ist so eine Art James Bond, der mit der Dienstpistole unter dem Kopfkissen schläft, immer im richtigen Moment aufwacht, und Schüssen auf ihn regelmässig knapp entgeht. Der klassische Klischee-Held, den man sich, wie andere Illusionen auch, gerne gefallen lässt.

Derweilen hält sich Gerbers Freundin, die Journalistin Eva Herden, in Berlin auf, wo sie über die Flüchtlingswelle aus dem Osten nach Berlin berichten will („Wenn sich innerhalb eines Monats mehr als dreissigtausend Menschen entschlossen zu fliehen, konnte das nicht nur das Ergebnis geschickter westlicher Propaganda sein.“), als sie von einer Mitarbeiterin der Stasi kontaktiert wird, die sie für ostdeutsche Zwecke einzuspannen versucht. Geheimdienste, östliche wie westliche, unterscheiden sich in ihren Methoden kaum.

Jemand hat es auf Gerbers Leben abgesehen (er vermutet einen Ost-Agenten), doch er ist nach Attentatsversuchen auf ihn jeweils erstaunlich schnell wieder auf den Beinen, genau wie man es von einem Helden erwarten darf. Erwarten durfte man damals auch, dass die Bundesbahn pünktlich war. „München war eine erstaunliche Stadt, dachte Gerber, als sein Fernzug auf die Minute pünktlich, wie er es von der Bundesbahn gewohnt war. auf den Münchner Hauptbahnhof zurollte.“

Auch um Geheimnisverrat geht es in diesem Thriller, in dem man auch auf General Reinhard Gehlen, den Leiter des Bundesnachrichtendienstes, trifft, einen unangenehmen Machtmenschen sondergleichen, „nach Gerbers Ansicht skrupel- und gewissenlos.“ Oder auf den Minister für Staatssicherheit Erich Mielke, „ein gewissenloser Betonkopf“. Oder auf Egon Bahr, Willy Brandt, Konrad Adenauer und eine schöne sowjetische Scharfschützin, die mit einem Diplomatenpass ausgestattet ist. Es ist die Mischung von Figuren der Zeitgeschichte mit fiktiven Charakteren, die wesentlich zum Reiz dieses Thrillers beitragen.

Mauern und Lügen spielt zur Zeit des Berliner Mauerbaus, ist also ein historischer Thriller, was unter anderem meint: Er vermittelt auch geschichtliche Aufklärung und beleuchtet damit auch den Irrsinn menschlichen Treibens auf diesem Planeten, denn wie krank müssen Hirne bloss sein, dass sie eine ganze Bevölkerung einmauern wollen? Und wie durchgeknallt sind wir eigentlich, dass wir seelenlose Machtmenschen als Führer akzeptieren? „Die Menschen sind wie Vieh, das man leicht lenken kann. Man braucht dazu nur genug Gewehre“, wird ein KGB-Mann zitiert. Das sehen seine Kollegen im Westen kaum anders.

Damals, als das Rauchen noch als schick galt (es wird in diesem Thriller ständig zur Zigarette gegriffen), glaubten einige der sogenannt gut informierten Kreise, dass Ost und West noch nie so nahe am Abgrund eines Krieges standen. Dass das heute genau so ist, zeigt auch, dass sich die Geschichte wiederholt, jedenfalls in der Tendenz. Auch der Mensch hat sich kaum verändert; noch immer wird er von der Gier nach mehr und mehr getrieben – und nennt das dann Freiheit!

Mauern und Lügen ist ein gut gebauter, spannend erzählter Thriller, der sehr gekonnt die damalige Zeit aufleben lässt. Es sind vor allem die vielfältigen Details, die mich angesprochen haben. Etwa, dass die Journalistin Eva Herden sich von ihrer Pervitinsucht (Pervitin ist das heutige Crystal Meth) befreien konnte (ohne allerdings auszuführen, wie; hingegen erfährt man wie Philipp Gerber duscht: „…sich von den Schultern abwärts brauste …“) oder, dass fünfundvierzig Prozent des Münchner Stadtgebiets nach dem Krieg zerstört waren und man sich überlegte, die Stadt neu am Starnberger See aufzubauen.

Wie es damals wirklich gewesen ist, weiss natürlich niemand. Genau so wenig, wie es zum Mauerbau kommen konnte. Sehr schön zeigt das der Autor, indem er Eva Herden zu Egon Bahr sagen lässt: „Irgendwann werden irgendwelche klugen Leute dicke Bücher darüber schreiben, wie das alles soweit kommen konnte (…) Auch dann wird es niemand verstehen.“

Fazit: Ein Autor, der sein Handwerk versteht!

Ralf Langroth
Mauern und Lügen
Thriller
Rowohlt, Hamburg 2024

Joakim Zander: Ein ehrliches Leben

Simon stammt vom Land, studiert an der juristischen Fakultät in Lund und lebt zusammen mit zwei Kommilitonen aus sogenannt besseren Stockholmer Familien in einer Wohngemeinschaft. Er fühlt sich nicht zugehörig, versucht, seinen ländlichen Dialekt zu verstecken, seine Mitbewohner nutzen ihn aus. Man glaubt schon recht früh zu spüren, dass er zugänglich ist für etwas, von dem er glaubt, dass es ihn retten wird …. , doch ich will hier nicht vorgreifen.

In Malmö nimmt Simon an einer Anti-Nazi-Demonstration teil und lernt dort eine junge Frau namens Max kennen, die politisch aktiv unterwegs ist, Kunstgeschichte studiert und Rotterdam „krass“ findet. „Nur Häfen und Postmodernismus. Da greifen keine Erzählungen oder Narrative, alles ist einfach das, wonach es aussieht. Nur Oberfläche und Funktion. Es ist ein Traum.“ Es sind solche Aussagen, die mir ausgesprochen gut gefallen.

Ein ehrliches Leben zeigt überzeugend auf wie das schwedische Klassensystem funktioniert, schildert Arroganz und Empathielosigkeit als Folgen von Reichtum, macht deutlich, dass die Welt auf Ungerechtigkeit gebaut ist und die Chancen, die wir angeblich haben, so recht eigentlich keine sind. „Niemand konnte sich gegen die vereinte Macht von Geld, Herkunft und Klasse wehren. Absolut niemand. Ich war selbst überrascht, wie begierig ich auf einmal darauf war, zu erleben, wie die Welt aussah, wenn sie in Brand gesetzt wurde.“

Dass Autor Joakim Zander Jura studiert hat, zeigt sich unter anderem in seiner treffenden Bemerkung, „es war schwer zu verstehen, dass etwas, dass im Grunde nicht wirklich kompliziert war, so nahezu unverständlich erläutert werden konnte ….“. Man kann es übrigens ganz einfach erklären. Die Sprache (inklusive der juristischen) ist das Geschäftsmodell, das an Universitäten vermittelt wird.

Die Stärke dieses Romans liegt nicht in der Spannung (wobei: je mehr der Roman fortschreitet, desto spannender wird er), sondern darin, dass er die heutigen Kommunikationsformen treffend porträtiert. „Aber sie hörten gar nicht zu. Niemand hier schien zuzuhören. Man stellte Fragen und wartete ab, ob die Antwort eine Vorlage für einen Witz bot. Tat sie es nicht, überging man sie.“ Und weil er gekonnt vorführt, wie unser Gesellschaftssystem, das von uns allen Unterordnung und Anpassertum verlangt, anfällig für Gewalt und Radikalisierung macht. In der Jurisprudenz, wo es um „Spielregeln, Zaubersprüche und Hierarchien“ geht, zeigt sich das besonders deutlich.

Die Charakterisierung von Simon als einem, der ausbrechen will, ist ziemlich repetitiv. Auch die Schilderung des Gesellschaftssystems, in dem der Reichtum als Waffe eingesetzt wird, wird etwas arg oft wiederholt. Mit anderen Worten: Dieser Roman hätte für meinen Geschmack problemlos auch etwas kürzer sein können. Am Rande: Etwas eigenartig fand ich übrigens dass Ausdrücke wie „weird“ oder „messed up“nicht übersetzt werden, doch möglicherweise ist der Gebrauch dieser Anglizismen heute ja gängig.

Die Gruppe, bei der Simon schlussendlich landet bzw. die ihn so recht eigentlich gekidnappt hat, besteht nicht aus Idealisten – sie bezeichnen sich selber als Banditen. Natürlich fehlt auch die Rationalisierung nicht, in diesem Falle unter Bezugnahme auf den französischen Anarchisten Marius Jacob, gemäss dem der Diebstahl „die Rücknahme, die Wiederaneignung der Besitztümer“ sei. Als dann so ein Raubzug schief läuft, geht Simon auf, in was für eine vertrackte Lage er sich hineinmanövrieren hat lassen.

Schlussendlich realisiert er aber noch etwas ganz anderes, was mir die zentrale Botschaft dieses Romans zu sein scheint. „Es gibt niemanden, in dessen Windschatten man laufen kann, keine Gruppe oder Struktur, der man vertrauen oder der man verbunden sein kann. Keine Entschuldigungen. Keine Opfer. Nur mich. Nur mein Leben und was ich mit ihm anfange. Diese Erkenntnis hätte erschreckend sein müssen, aber es war eine Erleichterung.“

Meine Lieblingsstelle ist diese: „Weisst du, wohin wir fahren?“ „Keinen blassen Schimmer“. antwortete ich und sah sie an. Sie hielt an der nächsten Kreuzung und wandte sich mir zu. Ihre Augen funkelten wie Smaragde. „Das ist das beste aller Gefühle“, erwiderte sie. „Halt es fest.“

Joakim Zander
Ein ehrliches Leben
Roman
Rowohlt Polaris, Hamburg 2024

Davide Longo: Am Samstag wird abgerechnet

Turin. Commissario Arcadipane wird frühmorgens aus dem Bett geklingelt, muss sich dann aber auf der Strasse um einen Hund kümmern und trifft deswegen mit Verspätung bei seinem im Wagen auf ihn wartenden Kollegen ein. Man lernt so nebenbei, dass es im italienischen Leben Dinge gibt, die nicht aufgeschoben werden können – die Arbeit hingegen schon.

Natürlich, das ist ein Klischee – und so wahr wie Klischees eben sind (wahrer als uns eitlen Geschöpfen lieb ist). Andererseits sind die Polizisten in diesem Kriminalroman genauso kompetent und fleissig wie in anderen Ländern auch, doch nicht alle müssen bei einem Einsatz ausserhalb der Stadt ihren Hund irgendwo unterbringen. Im Falle von Commissario Arcadipane bei seiner von ihm getrennt lebenden Frau Mariangela. Die Schilderung, wie der Hund sich seine Wartezeit im Auto mit dem Zerbeissen die Nackenstütze verkürzt, ist preiswürdig.

In einem Bergdorf wird ein Filmproduzent, Bruder eines einflussreichen Römer Politikers, tot in seinem Jaguar gefunden. Seine Frau, eine bekannte Schauspielerin, die bei ihm war, ist verschwunden. Ein heikler Fall also, bei dem natürlich auch schon bald ein Anwalt mitmischen will. Höchst anregend ist die Schilderung der Bergwelt. „Im Gebirge merkt man sofort, dass die Bäume eine Erweiterung der Berge sind, deren Fortsetzung. Dieselbe Materie (…) Die Menschen können diese Verbindung spüren, aber sie sind davon ausgeschlossen. Und nur selten verstehen sie das.“

Es geht um einen Staudamm und die Welt des Films, doch es sind wesentlich die Charaktere, die diesen Kriminalroman ausmachen. Da ist einmal der Commissario Arcadipane, der nach fünfzig Jahren Turin sich noch immer nicht mit der Tatsache abgefunden hat, „dass der Humor der Piemontesen wie alte Elektroheizungen nur zwei Stufen kennt: aus oder an. Kein Temperaturregler.“ Dann ist da sein Kollege Pedrelli, der morgens den Sonnengruss macht, grünen Tee trinkt und einen Spaziergang absolviert. Und da ist sein alter Freund und Mentor Corso Bramard, der den Polizeidienst quittierte, erst zum Alkoholiker, dann zum Gymnasiallehrer wurde, und „nach und nach den Alkohol durch eine mehr kabbalistische und einsamere Art des Sterbens ersetzt“ hatte. Und da ist Bramards Tochter, die Polizistin Isa, lesbisch und schwanger durch künstliche Befruchtung. Und und und – Am Samstag wird abgerechnet ist auch ein gelungenes Abbild des sozialen Lebens von heute, inklusive sehr gelungener Beziehungsprobleme zwischen gleichwertigen Partnern.

Ihre Nachforschungen führen Arcadipane und Pedrelli auch nach Rom, wo sie in einem Hotel unterkommen, in dem frühmorgens das Frühstückbuffet von einer japanischen und einer chilenischen Reisegruppe gestürmt wird. Das ist nicht nur witzig, sondern auch überaus realistisch geschildert – ich habe ähnliches einmal von einer chinesischen Reisegruppe in Thailand erlebt. Es soll ja Zeitgenossen und Zeitgenossinnen geben, die ernsthaft glauben, der Mensch sei ein zivilisiertes Wesen! Die Japaner, klärt eine römische Ex-Kollegin Arcadipane auf, seien übrigens Koreaner. So nebenbei lernen wir, dass in Rom oder in Turin zu sein, etwas ganz anderes ist.

Autor Davide Longo verfügt über eine sehr reflektierte Sicht aufs Leben („Er ist zweiunddreissig Jahre alt, aber genauso gut könnte er fünfzig sein, denn er gehört zu dem Typ Mensch, die aus irgendeinem Grund beim Firmungsfoto stehen bleiben“), die allerdings gelegentlich zu bemüht originellen Folgerungen führt. „Wenn Frauen lächeln, ist das, als liessen sie Luft in den Raum strömen. Wenn sie lachen, ist es dagegen fast wie ein Windstoss.“

Besonders ansprechend ist, wie er Turin beschreibt. Dann aber auch seine am praktischen Leben orientierten Beobachtungen. „’Gehst du zur Schule?‘, fragte Arcadipane, der wie alle Erwachsenen eine sehr eingeschränkte Vision vom Leben eine Kindes hat, folglich nur ein paar Fragen, mit denen er es quälen kann.“

Am Samstag wird abgerechnet ist nicht nur ein Kriminalroman, bei dem, wie das bei Krimis eben so ist, in der Vergangenheit gewühlt wird und dabei Überraschendes zutage gefördert wird, sondern auch praktische Lebensanleitung. „Während man auf das Dessert wartet, darf man nie den Tisch verlassen. Das ist der heikelste Moment. Der Kellner kommt, sieht einen nicht und denkt, dass man es sich anders überlegt hat. Man kommt zurück, fragt, und das Dessert ist nicht mehr da: Die letzte Portion ist an einen gegangen, der sich im umgekehrten Sinn anders überlegt hat, erst wollte er nicht, aber als er es dann vorbeitragen sah …“.

Nicht nur von norditalienischem Lokalkolorit sowie vielfältiger Beziehungsauseinandersetzungen liest man, auch viel Schlaues über dieses eigenartige Leben in einem unfassbaren Universum erfährt man, das am besten mit einem Sinn für Humor angegangen werden sollte. „’Wir haben schon angefangen‘, sagt Pedrelli, als Piemontese liebt er es, das Offensichtliche zu konstatieren, da liegt man nie falsch.“

Zu meinen Lieblingsszenen gehört der Auftritt der Fachanwältin für Strafrecht, Raffaella Tuttolomundo, die ihren Gatten zur Rede stellt: „Erstens: Warum liegt dein Roller demoliert unter dem roten Auto da draussen? Zweitens: Wer ist dieser Schmierendarsteller, der mich beruhigen wollte, und wer ist der andere, der mir einen Beutel mit Kiwis in die Hand drücken wollte? Und drittens: Was zum Teufel machst du mir einem eingegipsten Handgelenk auf der Liege einer Tierarztpraxis!?“

Fazit: Unterhaltsam, lehrreich und voller Italianità.

Davide Longo
Am Samstag wird abgerechnet
Kriminalroman
Rowohlt, Hamburg 2024

René Aguigah: James Baldwin

Der Kulturjournalist René Aguigah, Leiter des Ressorts Literatur bei Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur, schrieb Teile dieses Buches in Los Angeles, „in Thomas Manns Exilvilla in Pacific Palisades, wo die Bundesrepublik heute eine Residenz für Forschende und Schreibende unterhält“ – vom Amerika, das James Baldwin erlebte, hat er nur gelesen. Eigentlich sonderbar, dass man jemanden porträtieren kann, ohne in seinem eigenen Leben erfahren zu haben, was der Porträtierte erfahren hat.

Neugierig auf dieses Buch bin ich wegen The Fire Next Time, worin Baldwin das Leben als tragisch bezeichnet, weil wir die Tatsache des Todes ausblenden. Perhaps the whole root of our trouble, the human trouble, is that we will sacrifice all the beauty of our lives, will imprison ourselves in totems, taboos, crosses, blood sacrifices, steeples, mosques, races, armies, flags nations, in order to deny the fact of death, which is the only fact we have. Dieses Denken ist es, das mich für James Baldwin einnimmt.

„Der einzige organisierte Glaube, die einzige Ideologie, der Baldwin sich mit Leidenschaft widmete, war jene, die es zu zerlegen galt: white supremacy“, so René Aguigah. Dabei ging es Baldwin nicht einfach darum, dass Schwarze die gleichen Rechte wie Weisse haben sollten, für ihn ging es um Grundsätzliches, um Werte, und dabei auch um die Frage, weshalb Schwarze eigentlich den Weissen gleichgestellt sein sollten oder, anders gesagt, was denn eigentlich an den Weissen so toll sein sollte, dass die Schwarzen dies auch wollen sollten.

Zum Grundsätzlichen, um das es James Baldwin geht, gehört auch, was er in einem Film äusserte: „Was man über jemand anderen sagt (…), verrät einen selbst, Was ich von dir denke, wird von meinen eigenen Bedürfnissen, meiner eigenen Psychologie, meinen eigenen Ängsten und Wünschen bestimmt. Ich beschreibe nicht dich, wenn ich über dich spreche, sondern mich.“ René Aguigahs zeigt dann leider dieses laue Sowohl-als-Auch, von dem Baldwin gerade nicht spricht. „Allgemeine Überlegungen darüber also, dass Werturteile nicht nur über ihren Gegenstand etwas aussagen, über ihr Objekt, sondern auch über ihren Sprecher, ihr Subjekt.“ Zum Einen sind das keine allgemeinen Überlegungen; zum Andern äussert Baldwin sich ausschliesslich über sich selber, von Objekt ist da nicht die Rede.

Was Baldwin hier über die Wahrnehmung äussert, findet sich auch im Talmud. We do not see things as they are, we see things as we are. Und das gilt selbstverständlich auch für diese Rezension. Und für dieses Buch, das von einer politischen Korrektheit und Schöngeistigkeit ist, die Baldwin wohl kaum geteilt hätte. Damit meine ich etwa Sätze wie diesen: „Eine Realität hinter der sichtbaren Realität, die mittels detailgesättigter Gestaltung von Ordnung, Handlung und Figuren – samt deren Entwicklung – von Autorinnen hinaufbeschworen wird, welche sich ihrer eigenen Positionalität bewusst sind.“ Der Zusammenhang? Dieser Satz steht nach einer Passage über die Qualen seiner Jugendjahre, die Baldwin so abschliesst: „Das Leiden ist es, das einen mit allen Menschen verbindet: Es ist eine ‚Brücke’“. Mit anderen Worten: Was ihn auszeichnet, ist, dass er seine eigenes Leiden schildert. Weil er weiss, dass wir alle leiden. Von Autorinnen und ihrer Positionalität schreibt Baldwin hingegen nicht.

Realismus bestimme Baldwins Arbeiten, so Aguigah, der diesbezüglich von einem ästhetischen Programm spricht. Auch wenn sich mir nicht erschliesst, was Realismus mit einem ästhetischen Standpunkt zu tun hat (für mich ist Realismus eine Haltung, eine Einstellung, eine Sichtweise), die Ausführungen dazu sind aufschlussreich und anregend. Es ist das Private, das Alltägliche und Gewöhnliche, das Baldwin interessiert; die Auseinandersetzung damit lehrt uns, „dass kein Moment gewöhnlich ist.“ Wunderbar!

Es ist beeindruckend und vielfältig anregend, was René Aguigah an Zitaten zusammengetragen hat. Diese zeigen mir einen Menschen, für den das genaue Hinschauen, so vorbehaltlos wie es geht, zu Einsichten geführt hat, die zeitlos sind, vor allem, weil er erkannt hat, dass die Realität das grösste Wunder überhaupt ist. Alleine, dass es sie gibt! Der Künstler, schrieb Baldwin einmal, sei „einfach jemand, der einem hilft, die Realität wieder zu sehen.“

Wie bereits der Titel sagt, James Baldwin verstand sich als Zeuge. Als solcher bezeichnete er sich auch selber. Dazu kommt: „Dieser Autor ist ohne seine Prägung, ohne seine Stimme als African American, kurz: ganz ohne Politik nicht zu haben.“ Bezeugen kann man bekanntlich vieles, auch die eigenen Gefühlseinsichten gehören dazu, die sich in Baldwins Romanen, Kurzgeschichten und Essays finden, „offensichtlich verdankt sich viel davon seinem Liebesleben und seinen Sehnsüchten, auch den unerfüllten.“ Ist es nicht das Wesen der Sehnsucht, unerfüllt zu sein?

Von Rassismus (unter anderem im Wallis) schreibt Baldwin. Und von Schwulenfeindlichkeit. Und von Polizeigewalt, von der er unter anderem schreibt: „wo ich aufwuchs, waren Schwarze Polizisten noch schrecklicher als weisse.“ Er war ein furchtloser Denker, der sich klar und unkonventionell ausdrückte. Und der erkannt hatte, dass die eigene Seele nicht primär eine schwarze, sondern eine universelle ist. „Niemand hatte je so gelitten wie ich. Dann entdeckt man, und das habe ich durch Dostojewski entdeckt, dass es weit verbreitet ist. (…) Es ist eine fantastische und furchterregende Befreiung.“ Dazu kommt seine Überzeugung, die in unseren Zeiten des Unterscheidens und Separierens wichtiger ist denn je: „ I don’t, in the first place, believe in races!“

James Baldwin ist eine differenzierte, gut geschriebene und ausgewogene Auseinandersetzung mit Baldwins Werk; ein Dokument der derzeit als aufgeklärt geltenden Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse, sehr informativ, allerdings ohne das Feuer, das diesen James Baldwin, so wie ich ihn wahrnehme, ausmachte.

René Aguigah
James Baldwin
Der Zeuge – Ein Porträt
C.H. Beck, München 2024

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