Offenbar konnte sich der Verlag nicht entscheiden, ob es nun „Porträt eines rasenden Skeptikers“ (so steht es auf dem Umschlag) oder „Porträt eines radikalen Skeptikers“ (die Titelseite im Buch) heissen sollte; vielleicht haben die Verlagsleute aber ganz einfach nicht bemerkt, dass Umschlag und Titelseite nicht übereinstimmen, oder aber gehofft, es würde niemandem auffallen. Wie auch immer: Beides stimmt.
Düster, negativ, mit diesen beiden Begriffen bringe ich Cioran in Verbindung, dabei kenne ich den Mann so recht eigentlich nur dem Namen nach. Bernd Mattheus‘ überaus differenziertes und sehr persönliches Porträt zeigt mir dann einen Mann, der wie jeder andere Mann oder jede andere Frau auch, nicht wirklich zu fassen ist. Das meint unter anderem, dass seine öffentliche Wahrnehmung, in die er einige Anstrengung steckt, und sein Alltagsleben alles andere als deckungsgleich sind. „Cioran lacht gerne und häufig, während er peinlich darauf achtet, dass keine heiteren und gelösten Fotoporträts von ihm veröffentlicht werden.“
„Vom Missgeschick, geboren zu werden“ ist das erste Kapitel überschrieben. Dies zu konstatieren, bedeutet keineswegs, dem Selbstmord das Wort zu reden. „Gerade der Gedanke, dass ich mein Leben beenden kann, hilft mir, am Leben zu bleiben.“
Schreiben war ihm Therapie; was er zu Papier gebracht, hatte für ihn oft keine konkreten Folgen. Von der Philosophie wandte er sich enttäuscht ab, da „die eigentlichen Probleme sich dem Philosophen entziehen.“ Die einzigen Menschen, mit denen er sich wirklich verstanden habe, seien keine Schriftsteller gewesen, hätten kein Werk hinterlassen, schreibt er einmal. Ob diese Menschen sich allerdings mit ihm verstanden haben, wissen wir nicht.
Der Mensch in seinem Widerspruch trifft auch auf Cioran zu, der sich als junger Mann für Hitler begeisterte, um sich in späteren Jahren heftigst dafür zu schelten. Über Heidegger notierte er: „Er ist ein Manipulator sondergleichen; sein Verbalgenie ist aussergewöhnlich (… ) Ich hatte den Eindruck, man wolle mich täuschen mit all den Worten.“
Antisemitische Tiraden, seine tiefe Verachtung für die Soziologie, sein Alptraum, es könnte in jedem Quartier eine Moschee geben – er scheint, wie wir alle, definitiv „mehrere Personen in einer zu sein“. Dazu kommt, und das ist nun gar nicht bei allen so, dass seine spätere Sicht auf frühere Werke radikal selbstkritisch gewesen ist.
Zu den vielen höchst aufschlussreichen Details, die Bernd Mattheus aufführt, gehört auch, dass der 16jährige Cioran sich in ein 15jähriges Mädchen aus Sibiu verguckt, sich jedoch nicht traut, sie anzusprechen. Als er zwei Jahre später das Mädchen mit einem ihm unsympathischen Klassenkameraden zusammen sieht, ist er am Boden zerstört. „Es war wie ein Erdbeben. Fünf oder sechs Jahre lang sprach ich nicht mehr mit Mädchen.“ Wie viele versucht er sein Verhalten nachträglich wenig überzeugend zu rationalisieren. Einer Kränkung durch die Mutter begegnet er hingegen ausgesprochen clever: „Was bin ich denn anderes als ein Glücksfall unter den unendlichen Wahrscheinlichkeiten nicht gewesen zu sein.“ Das sind wir so recht eigentlich alle und es ist ausgesprochen hilfreich, sich das ins Gedächtnis zu rufen.
Bernd Mattheus führt auch immer wieder die verschiedenen Autoren auf, die Cioran zu einer bestimmten Zeit seines Lebens gelesen hat. Und wem der Skeptiker, als den er sich versteht („Man kommt als Skeptiker zur Welt.“), begegnet ist. Zu diesen gehörte auch Jean Améry, der Suizid beging, und aus dessen autobiographische Aufzeichnungen deutlich wurde, „dass narzisstische Kränkung zur Selbsttötung führte.“ Unwillkürlich fragt man sich, inwiefern narzisstische Kränkung auch für Cioran wegweisend gewesen sein könnte.
Für Cioran ist der Skeptizismus eine Haltung, die in der Fähigkeit gründet, „alles Evidente in Frage zu stellen (…) Wir stellen schliesslich immer fest, dass nichts Bestand hat, dass alles unbegründet ist: der Skeptizismus oder die Oberherrschaft der Ironie.“ Was ihn allerdings nicht hindert, dafür Gründe vorzulegen, zu denen “eine grundlegende Langeweile gehört (…) Die ganze Welt bleibt mit Nichtigkeit geschlagen. Und nichts interessiert uns, nichts verdient unsere Aufmerksamkeit (…) Dieser Erfahrung wegen (…) konnte ich in meinem Leben nichts Ernsthaftes tun. Um aufrichtig zu sein: Ich habe intensiv gelebt, aber ohne mich in das Dasein integrieren zu können. Meine Randständigkeit ist nicht akzidentiell, sondern essentiell.“
Cioran ist keine der üblichen Biografien, sondern eine Auseinandersetzung mit Ciorans Leben und Denken, das alles andere als gradlinig und oft widersprüchlich ist – so wie wir so recht eigentlich alle sind. Was jedoch Emil Cioran von ganz vielen unterscheidet, ist seine Radikalität, ja, seine Unerbittlichkeit: Er guckt genau hin, darum bemüht, sich nichts vorzumachen. „Was heisst denken? Es ist ein Eingeständnis der Ohnmacht. Es heisst anerkennen, dass man sich ausserhalb der Welt befindet und ausserstande ist, auf sie einzuwirken …“. Gleichzeitig eröffnet sein Denken ihm eine Weltsicht, die wohl die meisten befremdet. „Man kann doch keinen Beruf haben, wenn man an den Tod denkt. Man kann nur so leben, wie ich gelebt habe. Am Rande von allem, als Parasit. Das Gefühl, das ich immer hatte, war das Gefühl der Unnötigkeit, der Ziellosigkeit.“
Mich hat dieses Buch fasziniert. Das liegt am Denken und der Sprache von Bernd Mattheus, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Und es liegt daran, dass Cioran ein Aussenseiter war, der nicht entlang ausgetretener Pfade lebte und dachte, sondern sich mit dem auseinandersetzte, was in ihm angelegt war und ihn ausmachte.
Bernd Mattheus
CIORAN
Porträt eines rasenden Skeptikers
Matthes & Seitz Berlin 2024



