Erling Kagge: Gehen. Weiter Gehen

„Vielleicht irre ich mich, aber wenn ich sehe, wie ein Kind gehen lernt, wird mir klar, dass die Freude, es zu entdecken und es zu beherrschen, die stärkste Kraft ist, die es gibt. Einen Fuss vor den anderen zu setzen, Grenzen zu erforschen und zu überschreiten, liegt in unserer Natur. Wir beginnen nicht nur, auf Entdeckungsreisen zu gehen, wir hören auch nicht mehr damit auf.“

Erling Kagge ist kurze und lange Strecken gegangen, in der Natur und in Städten, manchmal hat er sich dabei gelangweilt, manchmal sich gefreut. Und weil Gehen bedeutet, sich Zeit zu nehmen, hat er dabei sich selber und die Welt um sich herum auch wirklich wahrgenommen. „Denn ich begreife nicht und werde niemals begreifen, dass es ein Vergnügen sein kann, so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu verzweifeln“, zitiert er Robert Walser.

Mit zwei Freunden beschliesst er zur Fuss durch Los Angeles zu gehen. Sie sehen kaum Bäume, dafür aber unfassbar viele Maniküre-Salons („wir hatten den Eindruck, dass die eine Hälfte der Einwohner der anderen Hälfte die Nägel poliert“), Drogenkonsumenten und Bauprojekte. Auch durch die Strassen Dublins wandert er, auf den Spuren von Joyces ‚Ulysses‘ , angeleitet von Nabokov, und die Juan-Fernández-Inseln vor Chile, auf der Daniel Defoes ‚Robinson Crusoe‘ spielt, besucht er.

Erling Kagge sortiert seine Gedanken, während er geht, bringt etwas Ordnung in das Chaos in seinem Kopf. Ich erlebe das ähnlich. Wenn ich zum Beispiel mit einem Text nicht weiter komme, lösen sich durch das Gehen die festgefahrenen Gedankenverbindungen oft auf und setzen sich neu zusammen.

Gehen. Weiter Gehen versammelt persönliche Erfahrungen, Erlebnisse von Freunden und Bekannten, Erkenntnisse von Soziologen, Psychologen und Hirnforschern und – der Autor ist von Beruf Verleger, ein sehr belesener – ganz viele Verweise auf die Gedanken von Schriftstellern, die sich mit dem Gehen auseinandergesetzt haben, von Tomas Espedal über W.G. Sebald zu Antonio Machado

Das Schöne an diesem Band ist unter anderem, dass er einem ganz vielfältige Anregungen gibt. Wer hat schon einmal die verschiedenen Teile seiner Heimatstadt zu Fuss erkundet? Oder den Baum vor dem Haus genauer betrachtet? Darüber hinaus ist Gehen. Weiter Gehen sehr instruktiv. „Füsse haben eine starke und komplexe mechanische Struktur. Mit ihren sechsundzwanzig Knochen, dreiunddreissig Gelenken und mehr als einhundert Sehnen, Muskeln und Gelenkbändern halten die Füsse den Körper aufrecht und im Gleichgewicht.“

Wenn wir gehen, ist der ganze Mensch miteinbezogen. Die gängige Trennung in Kopf und Körper ist irreführend. Gemäss dem Philosophen Maurice Merleau-Ponty (und die Hirnforschung hat das bestätigt) erkennen, erinnern und reflektieren wir auch mit Zehen, Füssen, Beinen, Armen, Bauch, Brust und Schultern. Nicht nur mit dem Kopf und der Seele, auf die Sokrates Wert gelegt hat.

Zu sein heisst nicht nur, in der Welt zu sein, wie es Steine sind, sondern sich zur Welt zu verhalten. Wir Menschen, betont Heidegger, müssen bereit sein, Bürden auf uns zu nehmen, um frei zu sein. Entscheidet man sich für den Weg des geringsten Widerstands, wird diese Alternative, die auf den ersten Blick die wenigsten Probleme mit sich bringt, immer Vorrang haben. Dann ist die Wahl vorherbestimmt, und man lebt nicht nur ein unfreies, sondern auch ein langweiliges Leben.“

Wie wir gehen, können wir beeinflussen. Versuchen wir bewusst zu gehen, merken wir, dass das ganz schön schwierig ist, weil unser Hirn – ein Wald voll wilder Affen – sich nicht gerne reinreden lässt. Dass und wie sich das Gehen-Üben lohnt, zeigt Erling Kagge eindrücklich.

Erling Kagge
Gehen. Weiter Gehen
Insel Verlag, Berlin 2018

Norman Doidge: Wie das Gehirn heilt

Der Forscher und Autor Norman Doidge berichtet in Wie das Gehirn heilt von den neuesten Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft. Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn sich im Gegensatz zu anderen Organen nicht selbst reparieren und, dass wenn Funktionen einmal verloren waren, diese nicht wiederhergestellt werden können. Doch dem ist nicht so.

Im Jahr 2000 erhielt Eric Kandel den Nobelpreis für Physiologie/Medizin für den Nachweis, dass die Verbindungen zwischen den Nerven beim Lernen zunehmen. In der Folge zeigten viele weitere Untersuchungen, „dass mentale Aktivitäten nicht nur ein Produkt des Gehirns sind, sondern es auch formen.“

Das Gehirn ist neuroplastisch und das heisst, es ist „in der Lage, die Art und Weise, wie es Aktivitäten und mentale Erfahrungen aufnimmt und verarbeitet, selbständig zu verändern.“ Praktisch bedeutet das, dass Geist, Gehirn und Körper zusammenarbeiten müssen, um eine Heilung (ein „Ganz Machen“) zustande zu bringen.

Wie das Gehirn heilt  versammelt Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die ihr Gehirn verändert haben und in sich Fähigkeiten entdecken konnten, von denen sie bis anhin nichts gewusst hatten. „Aber das eigentliche Wunder sind weniger die Techniken, die unser Gehirn nutzt, als vielmehr der Weg, auf dem es sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hat, als es ausgefeilte neuroplastische Fähigkeiten und einen Geist herausbildete, der seinen eigenen einzigartigen Wiederherstellungs- und Wachstumsprozess regieren kann.“

Unter den Geschichten findet sich etwa die des Psychiaters und Schmerzexperten Michael Moskowitz, der schon oft sein eigenes Versuchskaninchen gewesen ist und dabei herausgefunden hat, dass das Gehirn den Schmerz abschalten kann. Das widerspricht zwar unserem gesunden Menschenverstand, gemäss dem der Schmerz aus dem Körper kommt. Doch unser Gehirn ist nicht einfach nur der passive Empfänger von Signalen. 

Vielmehr bestimmt das Gehirn wie viel Schmerz wir empfinden. Ist ein Gewebe geschädigt, werden Schmerzsignale über das Nervensystem gesendet, die jedoch zuerst einige Kontrollschranken im Rückenmark passieren müssen, bevor sie im Gehirn ankommen. „Die Signale überwinden die Kontrollen nur, wenn das Gehirn dazu seine Erlaubnis gibt, nachdem es beurteilt hat, ob die Signale wichtig genug sind, um durchgelassen zu werden.“
Anders gesagt: Das Gehirn kann die Erlaubnis verweigern, also die Kontrollschranken schliessen und damit das Schmerzsignal blockieren. Und zwar „indem es Endorphine ausstösst, Betäubungsnittel, die unser Körper erzeugt, um Schmerzen zu unterdrücken.“

Sind wir aktiv, lernen zum Beispiel etwas Neues, hat das Auswirkungen auf unser Gehirn: verschiedene Neuronengruppen werden miteinander verdrahtet. Sind wir hingegen passiv, werden die entsprechenden Verbindungen geschwächt. Auch fürs Gehirn gilt also: Wer rastet, der rostet. Und ebenso: Übung macht den Meister, denn es ist „eine konstante mentale Anstrengung nötig“, damit das Gehirn dauerhaft lernt, bestimmte Schmerzen auszuschalten oder zu stärken.

Nehmen wir einen Schlaganfallpatienten, der erfolglos versucht, seinen gelähmten Arm zu benutzen und sich stattdessen auf seinen funktionierenden Arm verlässt. Damit lässt er die Schaltkreise im Gehirn, die seinen gelähmten Arm steuern, unbenutzt und so verkümmern diese. Um dem entgegenzuwirken, steckte der Neuroplastiker Edward Taub den gesunden Arm des Patienten in Gips und trainierte dann den gelähmten Arm. „Der Gips legte den ‚guten‘ Arm lahm, sodass sich der Patient nicht auf ihn stützen konnte und nun Schritt für Schritt den gelähmten Arm einsetzte. Die Technik funktioniert sogar Jahre nach dem Schlaganfall

Höchst aufschlussreich und anregend ist auch die Geschichte von Moshé Feldenkrais, der zur Auffassung kam, dass das somatische und das psychische Ich nicht voneinander getrennt werden können. Unter anderem lehrte er, dass viele Bewegungsprobleme und die damit verbundenen Schmerzen die Folge schlechter Gewohnheiten sind. Und was man sich angewöhnt hat, kann man sich auch abgewöhnen, denn bei einem Bewegungsproblem gibt es auch immer eine Komponente des Gehirns und diese ist beeinflussbar.

Neben der Bewegung können auch Licht, Wärme oder Elektrizität die Strukturen unseres Gehirns verändern, denn dieses heilt sich selbst, sofern wir bereit sind und uns bemühen, die Bedingungen dafür zu schaffen. Die Fallbeispiele in Wie das Gehirn heilt  überzeugen und stimmen optimistisch.

Norman Doidge
Wie das Gehirn heilt
Neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015

Jon Palfreman: Stürme im Gehirn

Jon Palfreman ist emeritierter Professor für Journalismus an der University of Oregon sowie preisgekrönter Wissenschaftsjournalist. In Stürme im Gehirn erzählt er von seiner Parkinson-Erkrankung. Und gleichzeitig die Geschichte dieser Krankheit, welche Ärzte und Wissenschaftler seit zwei Jahrhunderten zu begreifen versuchen.

Am Anfang stand ein leichtes Zittern der linken Hand. Sein Arzt wollte das genauer abklären lassen, Palfreman selber machte sich keine Sorgen, seine Mutter litt die meiste Zeit ihres Lebens an einem ähnlichen Symptom. Als er die Diagnose Parkinson erhält, steht er unter Schock. Und reagiert mit Verdrängung: Zuerst hält er die Diagnose geheim. Dann verleugnet er sie. Und beginnt, sich selber zu bemitleiden.

Doch dann wird er neugierig, will er seiner Krankheit auf den Grund gehen. Und da er Journalist ist, tut er, was Journalisten so tun. Er liest sich ein. Er befragt Betroffene. Und er befragt Forscher. Natürlich die führenden
Stürme im Gehirn ist einerseits ein Buch für an Medizingeschichte Interessierte und andererseits ein persönlicher Erfahrungsbericht. Mich hat vor allem letzterer in seinen Bann gezogen.

So sehr eine Diagnose auch immer ein medizinisches Problem bezeichnet, die Auswirkungen gehen häufig über das Medizinische hinaus. Als Palfreman sich in einer Parkinson-Selbsthilfegruppe, wie das dort üblich ist, mit dem Datum seiner Diagnose vorstellte, realisierte er, dass er damit etwas Tiefgehendes zugab: „Die Diagnose hatte eine irreversible Veränderung meiner Identität zur Folge. Als ich die Diagnose erfuhr, ging die eine Version von mir zu Ende, und eine andere begann.“

Die Menschen, die die Diagnose Parkinson erhalten, reagieren darauf ganz unterschiedlich. Und auch mit der Krankheit leben sie ganz unterschiedlich. Die Beispiele, die Palfreman aufführt, sind eindrücklich.

Die Geschichte von Thomas Graboys ist mir am meisten unter die Haut gegangen. Anfang der 1990er-Jahre ist er ein glücklich verheirateter Arzt, hat zwei Kinder, ist einer der Stars an der Harvard Medical School und dem Brigham and Women’s Hospital. 1993 stirbt seine Frau Caroline an Dickdarmkrebs. Dann  bemerkt er, dass sein Körper nicht mehr so funktioniert wie bis anhin. Er merkt es beim Tennisspielen und beim Skifahren. Dazu kommen Schlafstörungen

„Bald hatte er eindeutige Beweise, dass etwas wirklich nicht in Ordnung war. Er entwickelte einen Tremor und eine gebückte Haltung, die Gleichgewichtsprobleme wuchsen an. Geistige Fehlleistungen und Aussprachefehler nahmen zu. Graboys versuchte seine Krankheit vor Kollegen, Patienten und Freunden und sogar vor der Familie zu verbergen, seine zweite Frau Vicki Tenney eingeschlossen, die er 2002 heiratete.“

Als er eines Tages, das war 2003, über den Parkplatz zu seinem Auto ging, rief ihm ein Kollege, der nichts von dem Drama wusste, das sich in Graboys Leben abspielte, zu: „Wer kümmert sich eigentlich um deinen Parkinson?“ Graboys, der noch nicht einmal mit Parkinson diagnostiziert worden war, war fassungslos. Sich selber zu betrügen, ging jetzt nicht mehr. 

Jon Palfreman
Stürme im Gehirn
Dem Rätsel Parkinson auf der Spur
Beltz Verlag, Weinheim 2016

Beth Macy: Dopesick

2018 starben in den USA täglich rund 250 Menschen an hochwirksamen und süchtig machenden Schmerzmitteln (Opioiden), die sie etwa nach einer Operation oder einer Sportverletzung von Ärzten verschrieben bekamen. Die Pharmakonzerne spielten die Risiken einer Sucht herunter, sie tun das nach wie vor. Die Journalistin Beth Macy ist der Opioidepidemie nachgegangen, hat mit Betroffenen und Hinterbliebenen gesprochen und mit Dopesick – Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen einen eindringlichen (und hoffentlich aufrüttelnden) Bericht geschrieben.

Dopesick  ist ein Textbuchbeispiel für gelungenen Journalismus nordamerikanischer Ausprägung, also eine spannend erzählte, aufklärende, detailreiche Geschichte. Typisch nordamerikanisch meint in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine ungeheure Fleissarbeit handelt, das puritanische Erbe zeigt sich selten überzeugender als im fleissigen Wollen. Daraus resultieren in diesem Buch viele verblüffende Erkenntnisse.

„Bisher haben sich neue Drogen immer von den grossen Städten nach und nach ins Umland ausgebreitet, wie beispielsweise Kokain und Crack. Bei der Opiodepidemie lief es jedoch genau umgekehrt, ihre Ausgangsbasis waren die isolierte Appalachen-Region, Bezirke im sogenannten Rust Belt des Mittleren Westens und das ländliche Maine. Arbeiterfamilien, deren Lebensunterhalt traditionell von Hochrisikobranchen wie dem Kohlebergbau im Südwesten Virginias, den Stahlwerken im Westen Pennsylvanias und der Holzindustrie in Maine abhing, waren nicht nur die ersten Opfer des Opioidmissbrauchs, sie lebten auch noch in Gegenden, Tälern, Orten und Fischerdörfern, die als politisch irrelevant galten und von denen aus Therapieangebote nur durch stundenlange Fahrten zu erreichen waren.“ Mit anderen Worten: Ideale Bedingungen für eine Katastrophe – die dann auch  prompt eintraf.

Dopesick  ist ganz vieles in einem, doch vor allem ist es eine Geschichte der Gier und ihrer Auswirkungen. Eindrücklich zeigt Beth Macy, wie krank der florierende Kapitalismus ist, der im Dienste des Profits keine Grenzen kennt. Konkret: Die FDA (Food and Drug Administration) erlaubte Fernsehwerbung für Medikamente, die nicht unter die Betäubungsmittel fallen. Die Werbeausgaben stiegen sprunghaft an, genauso wie die Gratisproben und andere Gratisgaben an Ärzte. Die Abhängigkeit von den Schmerzmitteln nahm zu, die Kriminalität ebenso, die Zahl der tödlichen OxyContin-Überdosen begann die durch Kokain und Heroin verursachten Todesfälle zu überschreiten.

Apropos die Kriminalität nahm zu. „Als die Metallpreise stiegen, hatte es Sheriff Parsons mit Dieben zu tun, die von der Friedhofsvase aus Kupfer bis zu den Drähten eines Telefonmastes, den Drogensüchtige umgeworfen hatten, alles mitgehen liessen, was sie in die Finger bekamen.“ Der Sohn eines Pastors klaute seinem Vater die Waffe und machte sie ihm Pfandhaus zu Geld. Am Rande: dass in Nordamerika Pastoren Waffen zu Hause haben, war mir neu.

Einige Ärzte mucken auf, greifen Purdue, den OxyContin-Hersteller, unter anderem wegen der Werbegeschenke an. Haddox, dessen medizinischer Leiter, verteidigt sich. „Andere Pharmaunternehmen machen das doch auch nicht anders“, wandte Haddox ein. „Aber wegen Blutdrucksenkern beklauen die Leute nicht ihre Familien oder brechen beim Nachbarn ein“, erwiderte (der Arzt) van Zee.

Die Toten häufen sich, der Widerstand nimmt zu, es kommt zu Gerichtsverfahren, Purdue hat im September 2019 Konkurs angemeldet.

So sehr Dopesick ein Buch darüber ist, was die Sucht mit Menschen macht, so sehr geht es auch weit darüber hinaus, zeigt also, wie alles letztlich mit allem zusammenhängt. Es macht unter anderem deutlich, dass der investigative Journalismus nach wie vor einiges bewirkt und belegt mit konkreten Beispielen, dass, entgegen der politischen Parteien-Propaganda, mit Geld in den USA auch die Justiz zu kaufen ist (und dass das Gegenteil manchmal genauso wahr ist).

 Fazit: Vielfältige, überzeugende und notwendige Aufklärung.

Beth Macy
Dopesick
Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen
Heyne Hardcore, München 2019

Andrea Noack: Die Bestie schläft

Die Werbetexterin Andrea Noack, verheiratet, Mutter einer Tochter, ist 52, als sie sich ins Allgemeine Krankenhaus Hamburg (AKH), Sozialpsychiatrische Abteilung, zum Entzug begibt. Zur Behandlung gehört auch Gruppentherapie und wie sie diese beziehungsweise die Teilnehmer (weiblich wie männlich) schildert (niemanden schätzt sie richtig ein), ist echt der Brüller – ich habe Tränen gelacht und mich an Simon Borowiaks Alk erinnert, ein Werk, das auch unter der Rubrik „Eine subjektive und begrenzte Auswahl von Literatur und Filmen zum Thema Alkoholabhängigkeit“ am Schluss dieses Buches aufgeführt wird.

Anschaulich und unprätentiös schildert Andrea Noack ihren Klinikaufenthalt, erzählt von sich und ihren Mitpatienten, klärt darüber auf, was unter Suchtdruck zu verstehen ist und macht klar, wie der Bestie Sucht begegnet werden soll: „Die einzige Möglichkeit, der Bestie beizukommen, ist Abstinenz. Konsequente, dauerhafte, hundertprozentige Abstinenz.“ Genau so isses!

In Gesprächen mit ihrer Therapeutin findet sie heraus, dass es in ihrer Biografie einen guten Grund für ihre Alkoholabhängigkeit gibt. „Diesen Grund herauszufinden und zu verarbeiten, ist das Ziel jeder Suchttherapie. Denn sonst kann Abstinenz auf Dauer nicht gelungen“, lese ich im Klappentext. Ich teile zwar diese Auffassung nicht (keinem Grund wohnt eine zwingende Folgerichtigkeit inne: der Grund fürs Saufen kann genau so gut der Grund fürs Aufhören sein), doch wenn dieser Ansatz für Andrea Noack funktioniert, gibt es dagegen keinen vernünftigen Einwand. Whatever works. 

Nichtsdestotrotz:Weder für Alkoholabhängigkeit noch für Abstinenz braucht es einen erkennbaren Grund. Nach Gründen zu suchen ist selten mehr als eine Rechtfertigung für die therapeutische Tätigkeit (und den Lohn dafür). Gründe gehen dem Handeln nicht voran, Gründe werden vom Hirn nachgeliefert.

Gestaunt habe ich, dass Andrea offenbar während Jahren eine Psychoanalyse machte. War denn ihre Trinkerei da kein Thema? Es gibt Analytiker, denen ist die Sucht ihrer Patienten nicht zentral (sie befassen sich lieber mit anderen Störungen), es gibt auch Psychiater, die bemerken sie nicht einmal.

In der Klinik hat sie auch Bekanntschaft mit den Anonymen Alkoholikern und den Guttemplern gemacht, sich dann aber für eine freie Selbsthilfegruppe entschieden, die von Ehemaligen aus dem AKH ins Leben gerufen worden war. Wie alle, die an solchen Treffen teilnehmen, vergleicht sie  sich mit den anderen (So schlimm wie bei dem ist es bei mir definitiv nicht etc. etc.) und fragt sich, ob sie wirklich für immer auf Alkohol verzichten muss. Wie alle Alkis glaubt auch sie, sie sei eine Ausnahme und ist die Regel.

Die Bestie schläft  (ein überaus treffender Titel, der deutlich macht, dass es keine Heilung von der Sucht gibt) liefert auch Einblicke in den Alltag von Werbeagenturen und der sieht genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe – eitel, hohl, chaotisch und unprofessionell. Wobei die Kunden der Agenturen auch nicht anders sind. 

Sie hat einen Rückfall. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Jeder wird ausführlich geschildert, spannend liest sich das nicht, doch eine Sucht ist selten spannend.

Sie erhält die Diagnose manisch-depressiv/bipolar, leidet zudem an einer Neigung zur Zwangserkrankung sowie an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie macht erneut einen Entzug, dieses Mal in einer Reha. Eindrücklich schildert sie, was unter Suchtdruck zu leiden heisst, macht gute Erfahrungen mit der EMDR-Behandlung und Psychopharmaka (den für sie richtigen). Sie ist seit mittlerweile acht Jahren trocken. Und raucht auch nicht mehr

Die Bestie schläft erzählt eine gänzlich alltägliche, ziemlich banale und recht „normale“ Geschichte. Und ist genau deswegen zu empfehlen.

Andrea Noack
Die Bestie schläft
Meine Alkoholsucht und wie ich sie überwand
Karl Blessing Verlag, München 2019

Tim Parks: Italien in vollen Zügen

Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, wuchs in London auf und lebt seit 1981 in Italien. Er schreibt viel und gut und manchmal frage ich mich, ob es auch Gedanken gibt, die seinen Kopf durchqueren, und die er nicht aufschreibt? Jedenfalls kommt mir vor, als ob ich so recht eigentlich nicht zur Website der New York Review of Books gehen kann, ohne dass ich da etwas von Tim Parks zu lesen kriege, und dann auch immer noch etwas anregend Schlaues, wie macht der Mann das bloss?

Um es gleich klar zu machen: ich weiss, dass ich dieses Buch mögen werde. Weil ich Parks‘ Schreiben sehr mag und ihm eine Italien-Einsicht verdanke, die mich seither begleitet. Sie geht in etwa so (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Sich der Tatsache gewahr zu werden, dass es italienische Zeugen Jehovas gebe, verändere das eigene Italien-Bild schlagartig. Stimmt, doch nur für einen Moment, liest man dann nämlich Italien in vollen Zügen ist das alte Italien-Bild sofort wieder da

Mein Bild vom Italiener an und für sich ist von meinem Vater geprägt worden, der meinte, für einen Italiener sei ein Stopp-Zeichen bestenfalls eine gute Diskussionsgrundlage. In den Worten von Tim Parks: „Aber in Italien ist kein Gesetz wirklich wasserdicht, von konsequenter Durchsetzung ganz zu schweigen. Es existieren immer interessante Schlupflöcher.“

Vor den bürokratischen Auswüchsen retten sich die Italiener oft in Schreien und Brüllen (jedenfalls in meinen Ohren), doch keinesfalls in ernsthaften Protest. Generalstreiks bedeuten einen freien Arbeitstag, sie werden in der Regel auf Freitag angekündigt.

Italien in vollen Zügen ist auch ein lehrreiches Buch. So lerne ich zum Beispiel, dass Fundbüro auf Italienisch oggetti smarritti heisst. Verlegte Gegenstände. Wobei smarritto auch erstaunt oder verwirrt bedeuten kann. Coincidenza ist ein anderes Wort, das ganz Unterschiedliches bedeuten kann. Bei Bahnreisen kann es Anschlussverbindung bedeuten, doch am häufigsten wird das Wort benutzt, „um eine plötzliche und völlig unerwartete Entwicklung der Dinge anzukündigen, die sofortiges Handeln erfordert.“ Ein Zug in partenza etwa, was meint, dass der Zug abfahrbereit ist, oft jedoch bereits abgefahren ist. Und da ist da noch ein Wort, das zu verstehen für Zugfahrten in Italien unabdingbar ist: soppresso, fällt aus.

Als Jugendlicher übten Bahnhöfe eine grosse Faszination auf mich aus, sie waren Sehnsuchtsorte, von wo man in die Ferne aufbrach. Das hat sich geändert, heute sind sie weltweit zu Einkaufszentren verkommen. Und zu Orten, an welchen Schlangestehen (kein italienisches Talent) vor den Schaltern angesagt ist. Aus Italien in vollen Zügen erfahre ich, dass am Milano Centrale die Afrikaner und Chinesen etwas verkaufen oder betteln und die osteuropäischen Immigranten beim Fahrkartenerwerb ihre Dienste anbieten (die Bedienung der Automaten ist eine Kunst). Und dass die Mailänder Barmänner keine Studenten, Aushilfen oder Möchtegern-Schauspieler sind, sondern wirklich wissen wie man Kaffee macht.

Das Schöne an Italien in vollen Zügen ist, dass es einerseits so ziemlich alle meine Voreingenommenheiten über Italiener bestätigt und sie gleichzeitig wieder aufhebt. „Das Faszinierende ist, dass ein und dieselbe Nation so gegensätzliche Stereotypen hervorbringt: den miesepetrigen, langsamen Bahnhofscafé-Kellner in dem schäbigen ungepflegten öffentlichen Lokal, wo alles schwierig und traurig ist, und den quicklebendigen Mann in dem quirligen Strassencafé, der doppelt so hart arbeitet, dabei aber fröhlich bleibt. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass derselbe Mann sein Verhalten komplett verändern würde, wenn er von dem einen Ambiente in das andere versetzt würde. Die Art seiner Bemerkungen, sein Kleidungsstil und vor allem die Qualität seines Cappuccino würden sich komplett wandeln.“

Tim Parks
Italien in vollen Zügen
Verlag Antje Kunstmann, München 2014

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