Gene Kerrigan: Die Wut

Der irische Journalist Gene Kerrigan schrieb mehrere Sachbücher, unter anderem über Polizeiarbeit und Irlands Politik, sowie Kriminalromane. „Die Wut“ wurde mit dem „Gold Dagger Award 2012“ ausgezeichnet.

„Die Wut“ spielt in Dublin. Es ist die Zeit, in der die Regierungen kriminelle Banken mit Steuergeldern vor dem Kollaps retten. Der millionenschwere Banker und Immobilienspekulant Emmet Sweetman wird ermordet, andere Banker werden von Bürgern angegriffen, einer findet zwei Einschusslöcher im Wohnzimmerfenster seiner Villa. Dann wird ein Kurier der Dubliner Drogenszene mit der gleichen Waffe wie Sweetman erschossen …
 
Klein-Kriminelle überfallen einen Geldtransporter, der Coup geht schief, nicht aus einem, sondern aus verschiedenen Gründen. Es ist eine der Stärken dieses Buches, wie es ganz unterschiedliche Leben und Ereignisse zu verknüpfen weiss, auf simple Schwarz-Weiss-Logik verzichtet, und es zudem schafft, eine spannende Geschichte zu erzählen.
 
„Die Wut“ ist eines dieser Bücher, das mir das Irland zur Zeit der Finanzkrise eindrücklicher vor Augen führt als alle Medienberichte zusammen. Das hat wesentlich damit zu tun, dass Kerrigan ein lebenserfahrener, nüchterner und talentierter Beobachter der menschlichen Natur ist. „Ein junger Reporter, den er nicht kannte, kam herübergeeilt, fest entschlossen, ein paar exklusive Zeilen zu ergattern – ein kleiner Typ im Anzug und mit hypergegeltem Haar. Er sah aus wie jemand, der sich viel Zeit nahm, sein Äusseres aufzupolieren, jedoch nicht besonders gut darin war.“
 
Wir erfahren von den Eifersüchteleien und Streitereien im Polizeicorps, kriegen Einblicke in die Justiz („Ihm fehlte das aufgeblasene Aussehen, das sich Barrister und Richter unweigerlich zulegen, je weiter ihre Karrieren voranschreiten“), die Medienwelt („Er sah aus wie ein Widerling aus einer Fernsehshow über Möchtegern-Entrepreneure.“), lernen, dass Nonnen hart im Nehmen sind („mussten sie auch, um nicht den Verstand zu verlieren, bei dem beschränkten Leben, das sie führten.“) und sich das richtige Leben oft von unseren simplen Vorstellungen unterscheidet („Schon möglich, dass Emmer ein korrupter Banker gewesen ist, aber er war ein netter Mensch.“). „Die Wut“ ist nicht zuletzt ein Roman darüber, wie praktiziertes Recht und rechtes Tun auseinanderklaffen.  

Gene Kerrigan erzählt uns, wie es zu und her geht auf der Welt, wie Klein-Kriminelle ticken, was der Kapitalismus dem Menschen und seiner Umwelt antut, wie entspannt und menschlich Detective Sergeant Bob Tidey und seine Ex-Frau Holly miteinander umgehen. „Die Wut“ ist nicht nur ein exzellenter Thriller, sondern ebenso eine sehr gelungene Sozialreportage.
 
PS: Das Einzige, was die Lektüre etwas trübt, ist, dass dem Lektorat etliche Übergänge entgangen sind, die jeweils neue Abschnitte erfordert hätten.

Gene Kerrigan
Die Wut
Polar Verlag, Hamburg 2014

Lee Child: Der Ermittler

Es ist das Jahr 1996. Drei Agenten, Casey Waterman vom FBI, John White von der CIA und Jack Reacher von der United States Army, die alle gerade einen grossen Erfolg erzielt haben, werden zu einem Lehrgang beordert, ohne dass ihnen genau gesagt wird, worum es dabei geht. „Hier geht’s ebenso um Zusammenarbeit und Innovation“, vermutet Waterman. „Und Innovation bedeutet, dass sie Geld sparen wollen.“

Doch es geht um etwas anderes. In Hamburg befindet sich eine terroristische Schläferzelle. Ein Undercover-Agent der CIA erfährt, dass ein Anschlag geplant ist. Reacher wird nach Deutschland geschickt, um dort zu ermitteln. Begleitet wird er von Neagley, mit der er schon früher ein gutes Team bildete.

Eine Edel-Prostituierte wird ermordet. Die Hamburger Kriminalpolizei ermittelt. Reacher und Neagley kommen bei ihrem Auftrag, der nicht wirklich definiert ist, auch mit Kripo-Chef Griesmann in Kontakt und der Leser erfährt einiges über interkulturelle Wahrnehmungen. Etwa dass Amerikaner anders gehen als Deutsche.

„Der Ermittler“ ist der erste Jack-Reacher-Roman, der in Deutschland spielt, und Reacher, der seine ganze Kindheit und Jugend ausserhalb der Vereinigten Staaten verbracht hat, zu Träumereien über ein Amerika verleitet, das es so nicht mehr gibt. „Das alte Amerika war für Reacher immer ein Sehnsuchtsland gewesen. Deshalb wiederholte er jetzt den Talmischeiss, von dem er damals gelebt hatte: Bubblegum-Automaten und Cadillacs mit Heckflossen und endloser Sonnenschein und Drive-in-Kinos, Bedienungen auf Rollschuhen, Cheeseburger und kalte Coca-Cola in grünlichen Glasflaschen und Baseballübertragungen aus Kansas City auf Mittelwelle mit atmosphärischen Störungen und allem.“ Das heutige Amerika erlebe ich via der Medien etwas anders: übergewichtige Politiker, religiöse Eiferer, hyperaktive Rechthaber – niemand, dem ich auch nur das geringste Vertrauen entgegenbringe.

Lee Child, der in den englischen Midlands aufgewachsen ist, Jura studierte und anschliessend zwanzig Jahre beim Fernsehen arbeitete, lebt seit 1995 in den USA und hat mit Jack Reacher einen durch und durch amerikanischen Helden geschaffen – einen Mann der Aktion. „Hier und jetzt. Wer würde diese Chance nicht nutzen? Die Zukunft bedeutet nichts, wenn wir nicht lange genug leben, um sie zu sehen.“

„Der Ermittler“ überzeugt nicht nur der spannend erzählten Story wegen, sondern auch, weil man einiges über unsere soziale Welt lernt, in der fast immer die die Lorbeeren ernten, die andere verdient hätten. So sagt Reachers Vorgesetzte einmal. „Sie hatten recht. Wir erteilen ihnen Aufträge – und wenn alles gut geht, beanspruchen wir den Erfolg für uns. Aber wenn es schiefgeht, stehen Sie allein da. Das muss stressig sein.“ Neben vielem anderen lernt man auch, dass es sich bei Haphephobie um Angst vor Körperkontakt handelt, einer Krankheit, mit der man geboren wird.

Er empfinde seinem Land gegenüber skeptischen Respekt, sagt Reacher einmal, und findet, das sei eine durchaus patriotische Haltung, denn auch das eigene Land könne manchmal unrecht haben. „Ein Land zu lieben, das immer recht hat, bewiese gesunden Menschenverstand, nicht Patriotismus.“

Lee Child verfolgt unterschiedliche Erzählstränge, liefert Einblicke in rechtsextreme Kreise, das kriminelle Milieu und die Bürokraten-Existenz höherer Beamten. Bei all dem ist er kein Schwarz/Weiss-Zeichner, sondern Realist: Korruption gibt es sowohl beim Militär als auch bei der Polizei.

„Der Ermittler“ bietet beste Unterhaltung. Und lehrt uns einiges über die Wirklichkeit. „Das Leben war kein Fernsehfilm, Barkeeper packen niemals aus. Wer war ihnen wichtiger, sechzig Gäste, die Abend für Abend Umsatz brachten, oder ein einzelner Kerl, den sie noch nie gesehen hatten?“

Lee Child
Der Ermittler
Blanvalet, München 2019

Olivier Ameisen: Das Ende meiner Sucht

„Das Ende meiner Sucht“ von Olivier Ameisen ist ein unbedingt lesenswertes Buch, das davon berichtet, wie der Autor, ein erfolgreicher Arzt und Wissenschaftler, seinen Weg aus der Alkoholabhängigkeit gefunden hat. Dabei hat Ameisen eine aussergewöhnliche Entdeckung gemacht, die bisher von den meisten im Bereich der Suchttherapie Tätigen nicht zur Kenntnis genommen wird. Dies erstaunt nicht, denn radikal neuen Erkenntnissen sind immer schon Steine in den Weg gelegt worden. Doch der Reihe nach:
 
Olivier Ameisen ist Alkoholiker und hat so ziemlich alles versucht, was an gängigen Angeboten zur Suchtbekämpfung vorhanden ist – Psychopharmaka, Rational Recovery, Meetings der Anonymen Alkoholiker (AA), Aufenthalte in Entzugskliniken – zudem betrieb er Sport und Yoga, doch nichts davon hielt ihn für längere Zeit vom Trinken ab. Dies lag nicht daran, dass er zuwenig motiviert war. So schreibt er:
 
„Das Konzept von Rational Recovery (RR) sprach mich sehr an. Die zentralen Voraussetzungen sind, dass Alkoholismus keine biologische Erkrankung ist, sondern ein Verhaltensproblem, das der Betroffenen mit seinen eigenen mentalen Ressourcen überwinden kann. Nach meiner Erfahrung erwiesen sich jedoch die „innere Macht“, die bei RR eine so grosse Rolle spielt, und die „grössere Macht“ (das hat der Autor falsch verstanden oder es ist ein Übersetzungsfehler, die AA-Literatur spricht von einer „höheren“, nicht von einer „grösseren“ Macht) der AA als ohnmächtig angesichts der überwältigenden Macht meines von Angst getriebenen Verlangens nach Alkohol. Entweder fehlte es mir entschieden an Willenskraft und/oder Spiritualität, oder meine Form des Alkoholismus hatte eine fundamentale biologische Komponente, die man mit Medikamenten würde angehen müssen.“
 
Olivier Ameisen hat, wie viele Alkoholiker, sein Leben lang an Unzulänglichkeitsgefühlen gelitten und war sich „vorgekommen wie ein Hochstapler, der demnächst enttarnt werden würde. Schon lange bevor ich mit dem Trinken angefangen hatte, hatte ich Therapien gemacht. Ehrlich gesagt, hatten sie bei meinen Ängsten nicht viel geholfen.“ Sprach er mit Medizinern oder mit AAs über seine Ängste, meinten sie meist, diese würden verschwinden, wenn er mit dem Saufen (die deutsche Übersetzung spricht dauernd vom „Trinken“, doch was Ameisen tat, war ganz klar „saufen“) aufhöre. Doch dem war nicht so. „Ich litt an Ängsten, lange bevor ich Alkoholiker wurde. Aber alle, die mich wegen meiner Alkoholsucht behandelten, ignorierten diesen Punkt, wie oft ich ihn auch wiederholte.“
 
Das Saufen wurde, trotz vieler dramatischer Versuche gegenzusteuern, schlimmer; die Abstürze wurden dramatischer – er brach sich Rippen und Handgelenk (für einen begabten Pianisten wie Ameisen eine ganz besondere Katastrophe) – , verfügte aber immer über genügend privilegierte Verbindungen, um jeweils wieder glücklich aus dem Schlamassel herauszukommen. Dabei gehört es zu den Stärken dieses Buches, dass es ungeschminkt benennt, was es zu benennen gilt: „Die Wahrheit ist, dass kein Abhängiger/keine Abhängige so viel Zeit zum Entzug bekommt, wie er oder sie braucht, sondern nur so viel, wie er oder sie sich leisten kann,“ Und: „Da es keine bewährte Therapie gibt, liegt der Hauptnutzen einer Entzugsklinik darin, dass sie dem Süchtigen die dringend nötige Pause vom Alkohol oder einer anderen Substanz oder Verhaltensweise bringt.“ Sicher, das auch, doch den wirklichen Hauptnutzen hat der Klinikbetreiber, für den der Entzug oft einfach nur ein Geschäft ist. Wer nachliest, wie Ameisen aus der Klinik Clear Spring („das Ritz unter den Entzugskliniken“) verwiesen wird, weil seine Versicherung die 500 US-Dollar pro Tag nicht mehr zahlte, hat diesbezüglich keine Illusionen mehr.
 
Es ist ein Wunder, dass Ameisen aus seiner Abwärtsspirale schliesslich herausfindet. Dass er es schafft, hat mit ganz verschiedenen Faktoren zu tun, doch entscheidend damit, dass er durch einen Artikel in der New York Times auf ein Medikament namens Baclofen stiess, welches das Craving unterdrückt. „Verlangen oder Craving ist ein schwer fassbarer Begriff, weil er körperliche, emotionale und mentale Symptome umfasst, die in Wellen über Stunden und Tage hinweg auftreten. Für mich war es eine brutale Tatsache des Lebens. Im schlimmsten Fall, das haben Forschungen gezeigt, ist das Verlangen nach einem Suchtmittel wie der Hunger eines verhungernden Menschen: Die gleichen Hormone werden freigesetzt und die gleichen Gehirnregionen aktiviert. Das Nationale Institut für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, NIAAA) hat festgestellt, dass das Verlangen nach Alkohol sogar schlimmer sein kann als Hunger oder Durst und dass, wenn der Alkoholismus den Betroffenen im Griff hat, das Gehirn Alkohol als lebensnotwendig ansieht.“
 
Baclofen, ein Mittel, das gegen Muskelkrämpfe verschrieben wurde, soll das Craving unterdrücken können? Ameisen hat es im Selbstversuch getestet, und ja, es hat gewirkt. Ein paar wenige Ärzte haben es bisher an Patienten ausprobiert, und ja, es hat gewirkt. Nein, nicht bei allen. Denn auch wenn man, wie Ameisen das tut, Abhängigkeit als eine biologische Krankheit versteht, muss ein Patient zuallererst immer noch ausreichend mit dem Saufen aufhören wollen. Zudem: 12-Schritte-Programme und andere Verhaltenstherapien wird es nach wie vor brauchen, denn diese sind vor allem nach 6 bis 18 Monaten Abstinenz am wirksamsten.

Fazit: eine in vielerlei Hinsicht empfehlenswerte Lektüre, nicht zuletzt, wegen Sätzen wie diesen: „Mir war seit Langem klar, dass Alkoholiker und andere Abhängige nicht mit dem üblichen Mass an Mitgefühl und Fürsorge rechnen können, wenn sie medizinische Hilfe brauchen.“ Und: „Die Wahrheit lautet, dass meine Mutter und meine Geschwister nichts hätten tun können, um mich von meinem schweren Alkoholismus zu heilen, Was ich von ihnen brauchte und was die Angehörigen aller Suchtkranken nur so schwer in einer Weise geben können, dass der Suchtkranke es annehmen kann, waren Liebe und Mitgefühl.“

Olivier Ameisen
Das Ende meiner Sucht
Antje Kunstmann Verlag, München 2009

Lao Zi: Dao De Jing

Als Gymnasiast gehörte der Besitz dieses Werkes zu denen, die mich auszeichneten. Jedenfalls in meiner Vorstellung. Ob ich es gelesen beziehungsweise verstanden habe, weiss ich nicht mehr, doch ich erinnere mich, dass meine Ausgabe „Tao Te King“ hiess und von Laotse verfasst worden war. Offenbar gibt es ganz unterschiedliche Ausgaben dieses Textes und, dies entnehme ich dem Vorwort von „Dao De Jing“, erhebt jede, auch die vorliegende, „den Anspruch, eine singuläre inhaltliche Neuinterpretation des jahrtausendealten Werkes zu sein und es unserem heutigen Verständnis auf bisher noch nicht dagewesene Art und Weise aufzuschlüsseln.“

Übersetzer Michael Hammes, der den Text auch „umfassend erläutert“, macht im Vorwort klar, wie aussergewöhnlich befähigt er ist, die hier vorliegende Neuinterpretation vorzunehmen. Soviel Selbstherrlichkeit ist schwer erträglich und so recht eigentlich mit dem Geist dieses Werkes nicht vereinbar. So meint er etwa. dass „solange die Verstrickung in eigene und fremde kulturelle Kontexte noch nicht aufgelöst ist“, man dem Dao De Jing nicht auf den Grund dringen kann (er selber glaubt offenbar, diese Auflösung bewerkstelligt zu haben). Weise Menschen sind bescheidener.

Doch zum Positiven: Was der Mann vorlegt, ist mir nicht nur sympathisch, sondern halte ich für hilfreich, notwendig und wahr. „Jahrtausende bevor Technologie zum gesellschaftlichen Allheilmittel und Rationalismus zur Ersatzreligion des sich aufgeklärt wähnenden modernen Menschen wurde, formulierte das DAO DE JING eine radikale Gegenposition.“

Die Sinnsprüche des Dao De Jing gründen auf Prinzipien, die immer und überall gelten. „Das Reich zu regieren, zügelloses Verhalten zu disziplinieren und den menschlichen Leib zu heilen, alles folgt identischen Prinzipien.“ Und: „Mit dem Konzept des DAO und der Kraft der Tugend kann der Mensch wieder lernen, sich selbst ins Gleichgewicht zu bringen und zum Wohl der ganzen Welt beizutragen. So könnte eine Untertitel zum DAO DE JING lauten: Über die Freilegung des wahren Selbst.“

Dieses wahre Selbst entzieht sich unseren gewohnten Denkkategorien, kann nicht in Worte gefasst, sondern nur erfahren werden. Voraussetzung dieses Erfahrens ist Absichtslosigkeit sowie die Bereitschaft, „Zeuge des Wirkens der höchsten ordnenden Instanz zu werden.“ Es geht ums Zulassen und Loslösen können.

Dieser exquisit gestaltete Band enthält einundachtzig Eröffnungen, die jeweils von einer Erläuterung und einer Auslegung sowie einer praktischen Folgerung ergänzt werden. Die eleganten und unprätentiösen Ausführungen überzeugen nicht zuletzt, weil sie Grundlegendes in einfache Worte zu fassen wissen – eine seltene Kunst. Ein Beispiel: „Daher: Wenn du keinen Widerstand bietest, vermagst du alles zu durchdringen. Widerstand entsteht durch Anhaftung an Absichten und Argumente.“

Die am Schluss dieses Bandes aufgeführten Kernbotschaften machen unter anderem klar, dass der hier skizzierte Weg nicht auf dem heutzutage dominierenden Konkurrenzdenken, sondern der Selbstmeisterung gründet. „Selbstmeisterung genügt, um die Welt zu meistern.

Laut Herausgeber Michael Hammes gehört dieser „Leitfaden der Hygiene für Geist und Seele“ sowohl „in die Hand aufgeschlossener Angehöriger der Heilberufe wie unter das Kopfkissen geplagter Patienten, die mehr als den Zauber von  Pille, Skalpell und Spritze erfahren wollen.“ Treffender kann man es kaum sagen. 

Zwei meiner Lieblingssätze will ich doch noch anführen:  „Hüte dich vor allen Arten der Selbsttäuschung. Das ist die grosse Gesundheit, die auch andere vor Ansteckung mit Krankheit bewahrt.“ „Bedenke – die grosse Ordnung kannst du nicht erzwingen, aber wenn du das beste Beispiel für sie abgibst, können andere sich daran ausrichten.“

Lao Zi
Dao De Jing
Manesse, München 2019

Jan Stocklassa: Stieg Larssons Erbe

Keine Krimis habe ich mehr verschlungen als Stieg Larssons-Trilogie. Eine der wesentlichen Faktoren war die Figur der Lisbeth Salander, dieser einsamen Kämpferin, die für mich so eine Art weiblicher James Bond ist. Mit anderen Worten: Ich gehe Jan Stocklassas Buch über Larssons (und seine eigenen) Recherchen zum Mordfall Olof Palme höchst positiv gestimmt an – und werde nicht enttäuscht.

Doch wie kommt der Mann eigentlich dazu, sich im Jahre 2013 mit einem ungelösten Mord aus dem Jahre 1986 zu beschäftigen? Eigentlich wollte er ja ein Buch darüber schreiben, „wie manche Orte Menschen dazu bewegen konnten, Verbrechen zu begehen. Wie der Zufall es wollte, traf ich einen Verdächtigen der Palme-Ermittlungen, der mir neue interessante Impulse gab, und ich verstrickte mich so sehr in den Nachforschungen, dass ich mein eigentliches Buchprojekt aufgab und mich stattdessen voll und ganz auf den Palme-Mord konzentrierte.“

Am Abend des 28. Februar 1986 wurde der damalige schwedische Ministerpräsident Olof Palme nach einem Kinobesuch ermordet. Der Täter bleibt bis heute unauffindbar. Als Mörder gilt Christer Pettersson, von dem jedoch Krister Petersson, neuer Staatsanwalt und Voruntersuchungsleiter der Palme-Ermittlungen, heute sagt, er sei es nicht gewesen.

Die Ausgangslage: Larsson war der Ansicht gewesen, der südafrikanische Geheimdienst unter Mithilfe schwedischer Rechtsextremisten habe hinter Palmes Ermordung gesteckt, nach Stocklassas Überzeugung war es ein Amateur gewesen.

Olof Palme war ein überaus schillernder Politiker und hatte sich nicht zuletzt Feinde auf der rechten Seite des politischen Spektrums gemacht. Stieg Larsson hatte sein Leben dem Kampf gegen den Rechtsextremismus verschrieben. Es lag nahe, dass er den Mörder bei diesen vermutete.

Das all überall übliche Kompetenzgerangel bestimmte den Anfang der Untersuchung. Und – wie ebenso weltweit üblich – erwiesen sich die angeblichen Profis als weit weniger professionell als sie zu sein glaubten. Die kurdische PKK geriet ins Visier der Ermittlungsbehörden. Der berühmte Thriller-Autor Jan Guillou schoss sich auf den Chefermittler ein und bezeichnete ihn als „einen selbstsüchtigen, verschworenen Büffel“, was dieser „für eine treffende Projektion Guillous hielt.“ Es sind nicht zuletzt solch schöne Details, die die Lektüre lohnen.

So wie das Studium der Akten Jan Stocklassa in eine vergangene Welt eintauchen liessen, so geht es auch dem Leser dieser Geschichte. Er erfährt anschaulich wie Stieg Larsson von seinem roten Grossvater geprägt wurde und ihm wird deutlich, dass viele ehemalige Nazis einfach die Fassade neu anstrichen, doch innerlich dieselben blieben.

Auch Larsson wird von der Polizei als Auskunftsperson zum Rechtsextremismus vernommen. Und wie immer im Leben interessieren sich die Verantwortlichen nicht dafür, was er weiss, nur ein unterer Kader zeigt Interesse. Doch dann will eine Zeitung aus Malmö Larsson, der als hervorragender Rechercheur gilt, als Autor gewinnen; dieser dient der Zeitung zwar zu, möchte jedoch anonym bleiben, weil er, wenn sein Name bekannt wird, nicht mehr recherchieren kann. Unter anderem findet er heraus, dass die Polizei zwei Warnungen erhalten hatte, die vor einem Mord warnten, doch die Staatshüter wurden nicht hellhörig. Andererseits: Die Aufgabe von Behörden ist es nicht, Dingen auf den den Grund zugehen, sondern stabile Verhältnisse zu garantieren.

„Aber das ist es, was man Recherche nennt. Man weiss nicht so recht, wonach man sucht oder wo man ansetzen soll, aber das ist ja genau das, was es so spannend macht. Plötzlich findet man ein Dokument, das zu einem weiteren führt. Wohin die Reise schlussendlich geht, das weiss man nicht“, sagte eine ehemalige Mitarbeiterin von Larsson einmal.

Jan Stocklassa ist auch selber ein exzellenter Rechercheur, der nicht nur in Schweden, Nordzypern, wo viele kriminelle Unterschlupf gefunden haben, und in Südafrika Kontaktpersonen aufsucht, sondern auch aufzeigt, dass sich auf Behördenapparate zu verlassen, ein Fehler ist. Es sind so recht eigentlich immer beherzte Einzelne, die der Wahrheit letztlich zum Durchbruch verhelfen.

Fazit: Ein spannend zu lesendes „True Crime“-Buch mit aufschlussreichen Einsichten in die Arbeit der Geheimdienste und den internationalen Waffenhandels!

Jan Stocklassa
Stieg Larssons Erbe
Europa Verlag, Berlin 2018

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