Es geschieht ausgesprochen selten, dass man, kaum hat man die ersten Sätze eines Buches gelesen, mit Bestimmtheit weiss, dass man ein wesentliches Buch in Händen hält. Für mich waren es bereits die ersten beiden Sätze, die diese Gewissheit auslösten: „Vor achthundert Jahren begannen die Menschen in einigen europäischen Städten einen eigenartigen und bislang unerhörten Wunsch zu verspüren. Sie wollten wissen, wie spät es.“ Das wollen wir Menschen doch immer, dachte es so in mir, doch damals, als noch niemand eine Uhr hatte, brach die Neuzeit an. Und Franz von Assisi wurde geboren, der durch seine Lebensweise Jesus Christus am nächsten kam. „Was er den Menschen vermitteln wollte, war keine neue Theorie, sondern eine alte Praxis – die des Jesus Christus.“
Wieso packt mich das so? Es versteht sich: Ich kann nur raten, schliesslich bin ich (wie jeder andere auch) viel zu komplex, um mich selber zu verstehen. Meine Vermutung ist: Alles ist bereits gedacht und gesagt worden; wir wissen, was wir wissen müssen – wir müssen nur danach handeln. Stattdessen suchen wir dauernd nach neuen Gründen, weshalb wir nicht so leben, wie wir so recht eigentlich leben sollten. Allerdings nicht unbedingt so, wie der starrsinnige Franz, der das Wort Jesu wörtlich nahm, weshalb denn „der Bruder Koch das Gemüse für den nächsten Tag keinesfalls am Abend vorher in heissem Wasser einweichen durfte, so wie man das üblicherweise machte. Damit wollte er eine Weisung der Bergpredigt befolgen, die da lautet: Sorget euch nicht um den morgigen Tag.“
Andererseits: „Es ist, für uns behaglich lebende Menschen, nicht ohne weiteres einfühlbar, welch suggestive Kraft in der Aufforderung zum totalen Verzicht liegen kann, für entsprechend disponierte Menschen wie Franz einer war.“ Ob der totale Verzicht überhaupt wünschbar ist, sei dahin gestellt, doch Verzichten anstelle unser infantiles Mehr Mehr Mehr zu setzen, soviel wissen wir, wäre uns eindeutig bekömmlich.
Es ist die Diktion, die mich für dieses Werk einnimmt, dieser frische, unverblümte, geradeaus Ton. „Was ein Mensch ist“, will Adolf Holl aufzeigen. Und einiges andere mehr, doch es ist dieser Aspekt, der mich vor allem interessiert.
Das Bild, das viele Heutige von Franz von Assisi haben, geht auf den deutschen Schriftsteller Rudolf G. Binding zurück, der 1911 die „Fioretti“ übersetzt und eingeleitet hat. „Er hat im zwanzigsten Jahrhundert aus Franz eine Figur gemacht, deren Hauptbeschäftigung der Umgang mit Vögeln ist. Zum Kitsch-Franz gehört auch die Aura Italiens, mit malerischer Armut und verträumten alten Kirchlein zwischen Olivenbäumen, dem milden Licht Umbriens und den dunklen Zypressen im Abendrot.“
Die Zeit, in der Franz lebte, war gekennzeichnet vom wirtschaftlichen Aufschwung, der die Welt nach wie vor im Griff hat. Was ging in diesem Fünfundzwanzigjährigen vor, der nicht daran teilhaben, sondern seinem Leben eine neue Richtung geben wollte? Voraussetzung dafür war, so Adolf Holl, das bürgerliche Ich, das sich zusammen mit dem Aufkommen des Münzgeldes, das sich zwischen 620 und 600 im lydischen Königreich (die westliche Hälfte der heutigen Türkei) herausbildete. „Die für uns selbstverständliche Trennung zwischen Subjekt und Objekt, als zwischen ichhafter Innenwelt und davon unterschiedener Aussenwelt, sucht man in den homerischen Epen vergebens.“ Mit anderen Worten: Der letzte Christ ist auch eine eingehende Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und mit den Grundfragen unseres Seins.
Max Weber hat auf den Zusammenhang von Puritanismus und Kapitalismus, zwischen Religion und Geschäft hingewiesen. Ora et labora. Bete und arbeite, ist gleichsam die Grundlage der modernen Wirtschaftsordnung; der „rationale Charakter“ der monastischen Lebensweise so recht eigentlich der Wegbereiter des heutigen Kapitalismus, weshalb es denn auch für Franz nie ein Option war, in ein Kloster einzutreten. Er wollte als Laie selig werden.
Es versteht sich: Jeder Biograf beschreibt immer auch, und nicht unwesentlich, sich selber. Adolf Holl ist sich dessen sehr bewusst. So notiert er über Jean-Paul Sartres Flaubert: „Er benötigte weit über tausend Seiten, um mit seinem Flaubert fertigzuwerden, und in Wirklichkeit schrieb es ebenso sehr über seine eigene Neurose wie über Flaubert.“ Dazu kommt: Vieles ist natürlich Spekulation, denn was wollen und können wir schon wissen von dem, was in Franz vorgegangen ist? Weshalb denn auch Adolf Holl häufig zur Formulierung greift: „So wurde es erzählt.“ Das ist redlich. Und so soll es sein.
Entscheidend aber ist vor allem dies: So verschieden sind wir Menschen nun auch wieder nicht voneinander. Zudem sind wir emotional noch dieselben Trottel wie einst, weshalb es uns denn auch heute noch darum zu tun ist, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Sinnfragen von damals sind auch die Sinnfragen von heute. „Franz gehört in jene lange Galerie bürgerlicher Menschen, denen in ihrer Haut nicht wohl war und die deshalb ihre eigene Klasse verraten haben.“
Franz von Assisi war einer, der lebte, was er predigte. Darin kann und soll er uns Vorbild sein. Adolf Holl zählt ihn zu den wesentlichen Menschen – und liegt damit zweifellos richtig. Allerdings hält er auch fest: „Wesentliche Menschen sind nicht neugierig.“ Ein gescheiter und nachdenklich machender Satz.
Ein glänzendes, engagiertes und ungemein anregendes Plädoyer, sein eigenes christliches Credo zu finden und zu leben.
Adolf Holl
Der letzte Christ
Residenz Verlag, Salzburg – Wien 2023



