Adolf Holl: Der letzte Christ

Es geschieht ausgesprochen selten, dass man, kaum hat man die ersten Sätze eines Buches gelesen, mit Bestimmtheit weiss, dass man ein wesentliches Buch in Händen hält. Für mich waren es bereits die ersten beiden Sätze, die diese Gewissheit auslösten: „Vor achthundert Jahren begannen die Menschen in einigen europäischen Städten einen eigenartigen und bislang unerhörten Wunsch zu verspüren. Sie wollten wissen, wie spät es.“ Das wollen wir Menschen doch immer, dachte es so in mir, doch damals, als noch niemand eine Uhr hatte, brach die Neuzeit an. Und Franz von Assisi wurde geboren, der durch seine Lebensweise Jesus Christus am nächsten kam. „Was er den Menschen vermitteln wollte, war keine neue Theorie, sondern eine alte Praxis – die des Jesus Christus.“

Wieso packt mich das so? Es versteht sich: Ich kann nur raten, schliesslich bin ich (wie jeder andere auch) viel zu komplex, um mich selber zu verstehen. Meine Vermutung ist: Alles ist bereits gedacht und gesagt worden; wir wissen, was wir wissen müssen – wir müssen nur danach handeln. Stattdessen suchen wir dauernd nach neuen Gründen, weshalb wir nicht so leben, wie wir so recht eigentlich leben sollten. Allerdings nicht unbedingt so, wie der starrsinnige Franz, der das Wort Jesu wörtlich nahm, weshalb denn „der Bruder Koch das Gemüse für den nächsten Tag keinesfalls am Abend vorher in heissem Wasser einweichen durfte, so wie man das üblicherweise machte. Damit wollte er eine Weisung der Bergpredigt befolgen, die da lautet: Sorget euch nicht um den morgigen Tag.“

Andererseits: „Es ist, für uns behaglich lebende Menschen, nicht ohne weiteres einfühlbar, welch suggestive Kraft in der Aufforderung zum totalen Verzicht liegen kann, für entsprechend disponierte Menschen wie Franz einer war.“ Ob der totale Verzicht überhaupt wünschbar ist, sei dahin gestellt, doch Verzichten anstelle unser infantiles Mehr Mehr Mehr zu setzen, soviel wissen wir, wäre uns eindeutig bekömmlich.

Es ist die Diktion, die mich für dieses Werk einnimmt, dieser frische, unverblümte, geradeaus Ton. „Was ein Mensch ist“, will Adolf Holl aufzeigen. Und einiges andere mehr, doch es ist dieser Aspekt, der mich vor allem interessiert.

Das Bild, das viele Heutige von Franz von Assisi haben, geht auf den deutschen Schriftsteller Rudolf G. Binding zurück, der 1911 die „Fioretti“ übersetzt und eingeleitet hat. „Er hat im zwanzigsten Jahrhundert aus Franz eine Figur gemacht, deren Hauptbeschäftigung der Umgang mit Vögeln ist. Zum Kitsch-Franz gehört auch die Aura Italiens, mit malerischer Armut und verträumten alten Kirchlein zwischen Olivenbäumen, dem milden Licht Umbriens und den dunklen Zypressen im Abendrot.“

Die Zeit, in der Franz lebte, war gekennzeichnet vom wirtschaftlichen Aufschwung, der die Welt nach wie vor im Griff hat. Was ging in diesem Fünfundzwanzigjährigen vor, der nicht daran teilhaben, sondern seinem Leben eine neue Richtung geben wollte? Voraussetzung dafür war, so Adolf Holl, das bürgerliche Ich, das sich zusammen mit dem Aufkommen des Münzgeldes, das sich zwischen 620 und 600 im lydischen Königreich (die westliche Hälfte der heutigen Türkei) herausbildete. „Die für uns selbstverständliche Trennung zwischen Subjekt und Objekt, als zwischen ichhafter Innenwelt und davon unterschiedener Aussenwelt, sucht man in den homerischen Epen vergebens.“ Mit anderen Worten: Der letzte Christ ist auch eine eingehende Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und mit den Grundfragen unseres Seins.

Max Weber hat auf den Zusammenhang von Puritanismus und Kapitalismus, zwischen Religion und Geschäft hingewiesen. Ora et labora. Bete und arbeite, ist gleichsam die Grundlage der modernen Wirtschaftsordnung; der „rationale Charakter“ der monastischen Lebensweise so recht eigentlich der Wegbereiter des heutigen Kapitalismus, weshalb es denn auch für Franz nie ein Option war, in ein Kloster einzutreten. Er wollte als Laie selig werden.

Es versteht sich: Jeder Biograf beschreibt immer auch, und nicht unwesentlich, sich selber. Adolf Holl ist sich dessen sehr bewusst. So notiert er über Jean-Paul Sartres Flaubert: „Er benötigte weit über tausend Seiten, um mit seinem Flaubert fertigzuwerden, und in Wirklichkeit schrieb es ebenso sehr über seine eigene Neurose wie über Flaubert.“ Dazu kommt: Vieles ist natürlich Spekulation, denn was wollen und können wir schon wissen von dem, was in Franz vorgegangen ist? Weshalb denn auch Adolf Holl häufig zur Formulierung greift: „So wurde es erzählt.“ Das ist redlich. Und so soll es sein.

Entscheidend aber ist vor allem dies: So verschieden sind wir Menschen nun auch wieder nicht voneinander. Zudem sind wir emotional noch dieselben Trottel wie einst, weshalb es uns denn auch heute noch darum zu tun ist, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Sinnfragen von damals sind auch die Sinnfragen von heute. „Franz gehört in jene lange Galerie bürgerlicher Menschen, denen in ihrer Haut nicht wohl war und die deshalb ihre eigene Klasse verraten haben.“

Franz von Assisi war einer, der lebte, was er predigte. Darin kann und soll er uns Vorbild sein. Adolf Holl zählt ihn zu den wesentlichen Menschen – und liegt damit zweifellos richtig. Allerdings hält er auch fest: „Wesentliche Menschen sind nicht neugierig.“ Ein gescheiter und nachdenklich machender Satz.

Ein glänzendes, engagiertes und ungemein anregendes Plädoyer, sein eigenes christliches Credo zu finden und zu leben.

Adolf Holl
Der letzte Christ
Residenz Verlag, Salzburg – Wien 2023

Val McDermid: 1979 – Jägerin und Gejagte

Eine glänzende Idee, eine Journalistin zur Aufklärerin zu machen, denn schliesslich unterscheiden sich Journalisten, die investigativ unterwegs sind, von Polizisten einzig und allein dadurch, dass sie die Staatsmacht nicht im Rücken haben.

Allie Burns arbeitet beim schottischen Clarion, der, wie Zeitungen generell, die Aufgabe hat, die Leser zu unterhalten und ihnen zu geben, was sie wünschen. ‚Brot und Spiele‘ hiess das im alten Rom, ‚Hoffnung und Sehnsucht‘ könnte man es heutzutage nennen. „Nichts liebten Clarion-Leser mehr, als mitzubekommen, dass gierige Geschäftsleute ihre gerechte Strafe erhalten. Allie vermutete, dass dahinter die Hoffnung steckte, auf der Welt werde es eines Tages doch gerechter zugehen.“

Übrigens: „Allie bezeichnete sich als Feministin. Nicht als Männerhasserin. Aber sie hatte beschlossen, dass ihr Selbstwert nicht von einer Beziehung abhing. Dennoch dachte sie manchmal wehmütig, dass eine Beziehung doch durchaus Spass bringen konnte.“

Das Zeitungsgeschäft gehorcht kommerziellen Regeln: Eine Geschichte, um es in die Zeitung zu schaffen, muss verkauft werden können. Weshalb denn auch einige den „weiblichen touch“ benötigen. Und dies meint: Gewisse Geschichten verkaufen sich besser (eine Geburt in einem steckengebliebenen Zug, zum Beispiel), wenn sie von einer Frau geschrieben wurden. Dies und Ähnliches lernt man unter anderem aus diesem Buch.

Journalismus sei der erste Entwurf von Geschichte (was in in meinen Ohren etwas eigenartig klingt, ganz im Gegensatz zum englischen Original, the first draft of history.), habe ich einmal gelernt, und bei 1979 – Jägerin und Gejagte geht mir das immer mal wieder durch den Kopf. Wobei: Der Journalismus hat sich seither sehr gewandelt. „Wie alle ihre Kommilitoninnen hatte sie Tom Wolfe und Joan Didion, Nick Tomalin und Truman Capote gelesen. Sie hatte davon geträumt, in die oberen Ränge des New Journalism aufzusteigen.“ Ob jemand heutzutage noch weiss, was dieser New Journalism eigentlich gewesen ist? Es war dies ein Journalismus, bei dem man genau so viel über die Schreiber und Schreiberinnen erfuhr wie über das Thema, mit dem sie sich befassten. Mit anderen Worten: Eine Absage an die objektive Berichterstattung, die es eh nie gegeben hat.

Was Allie Burns aufgrund schlechter Erfahrungen in ihrer Journalistenausbildung lernte, hat sich allerdings nicht geändert: Man muss auf seine Story aufpassen, damit sie einem nicht von Kollegen oder Vorgesetzten geklaut wird. Sein Revier zu verteidigen – das ist es, was Menschen mit Tieren gemein haben. Was sich auch nicht geändert hat: „Interviewpartner glaubten nie, dass sie in einem Zeitungsartikel schlecht dastehen könnten.“ Seine Eitelkeit wird der Mensch wohl nie abwerfen.

1979 – Jägerin und Gejagte ist auch eine Zeitreise, denn damals las man (jedenfalls viele, nicht nur Allie Burns) P.D. James und Harold Evans‘ Pictures on a Page (eines der erhellendsten Bücher, die jemals über Fotojournalismus geschrieben wurden) gehörte zur Pflichtlektüre der britischen Journalismus-Ausbildung. Val McDermid weiss, wovon sie schreibt; sie war damals selber als Reporterin unterwegs.

Eitelkeit gehört zu den Berufsvoraussetzungen, um Journalist werden zu wollen, was dann natürlich auch dazu führt, dass in der Redaktion Männer wie Frauen dauernd um ihre Positionen rangeln, was Val McDermid unterhaltsam und überzeugend beschreibt.

1979 – Jägerin und Gejagte ist ein Buch über einen ausgefuchsten Steuerbetrug, der dafür sorgt, dass schottische Geschäftsleute noch reicher werden, komplizierte Familienverhältnisse, einen Bruderzwist, terroristische schottische Nationalisten sowie über eine Zeit, in der man es auf Zeitungsredaktionen noch tunlichst geheim hielt, falls man schwul war. „Ich hatte keine Ahnung“, sagte Carlyle. „Er hat sich nie schwul verhalten.“ „Was auch immer das bedeuten soll“, sagte Allie in einem leicht angriffslustigen Ton.

Nicht zuletzt ist dieses Buch ein veritabler Augenöffner. Ich denke dabei etwa daran: „Professor Alexander Jameson hatte einen Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Für Allie klang das wie ein Widerspruch in sich selbst.“ Wer übrigens die vielfältigen Anregungen in der Danksagung am Schluss überliest, ist selber schuld.

Val McDermid
1979 – Jägerin und Gejagte
Ein Fall für Journalistin Allie Burns
Knaur Taschenbuch, Juni 2022

Katerina Poladjan: Vielleicht Marseille

Schlechter könnten die Voraussetzungen kaum sein, mir dieses Buch vorzunehmen, denn zu Katerina Poladjans Zukunftsmusik habe ich, trotz mehrmaliger Versuche, keinen Zugang gefunden, obwohl ein Literaturkritiker (das soll ein Beruf sein? Echt jetzt?) befand: „Das ist reines Literaturkokain.“ Entweder weiss der Mann nicht, was Kokain ist, oder aber er hat zu viel davon genommen und es hat ihm das Hirn ausgeblasen.

Annerose Rauch, Biologin aus München, hat vor Kurzem ihren Mann Ed an Krebs verloren; ihr Sohn Theo studiert Theologie. In ihrem Salzburger Hotel trifft sie auf den Polizeikommissar Luc Gaspard aus Marseille, der verheiratet ist, zwei Kinder hat und nächstens eine neue Stelle in Den Haag antreten soll.

Ob er sie ein Stück mitnehmen könne?, fragt Ann, die im eigenen Wagen nach Salzburg gekommen ist, als sie erfährt, dass Luc sich auf den Weg nach Marseille macht. Ein einigermassen unrealistisches Szenario, denkt es so in mir, doch in der literarischen Welt ist eben ganz anderes möglich als im richtigen Leben.

Unterwegs im Auto plaudern sie miteinander, doch aufeinander eingehen, das tun sie nicht. Ihr Gespräch plätschert so dahin; auf mich wirkt es gleichzeitig spielerisch und nichtssagend, absurd und gelegentlich witzig. Wirklich fassbar ist es für mich nicht – was auch eine eigenartige Faszination auslöst. Zwischendurch denkt Luc an seine Frau („Sie hat kühle, schlanke Hände und sieht in jeder Ananas ein Universum unvergleichlicher Schönheit.“), und Ann an ihren Mann („Werden wir zusammenbleiben Ed? Das Meer, Theo und du, Ann: Das bin ich, das bin alles ich. Ach, du, immer in der grossen Dimension unterwegs.“).

Immer mal wieder denkt es so in mir: Schon ziemlich abgedreht, dieser Text, der mich ab und zu auch lachen macht, da es mich nicht nach Bedeutung und Sinn drängt. „Manchmal hat sie ihren Ehering abgezogen, neben sich auf den Tisch oder das Kissen gelegt und lange ihre nackte Haut betrachtet. Dann hat sie den Ring wieder übergestreift und fühlte sich satt. Satt und warm. Am Himmel scharf gezeichnete Wolken, rötlich an den Rändern.“

Ann und Luc unterbrechen ihre Reise, nehmen ein Hotelzimmer, werden intim. Es hat sich einfach so ergeben – weder ist Luc frustriert in seiner Ehe, noch hat Ann schlechte Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann – und ist sehr behutsam geschildert.

Am nächsten Tag macht sich Ann mit Lucs Auto davon; Luc begibt sich in der Folge in die Berge, wo er (selbstverschuldet, ein Einheimischer hatte ihn gewarnt) in einen Sturm gerät. Etwaige Gründe für sein Verhalten mag er nicht nennen, erwähnt jedoch, dass er sich seit seiner Kindheit für Wetterverhältnisse interessiert, besonders für die Schwankungen.

Mit Marseille hat Vielleicht Marseille (die Umschlaggestaltung ist übrigens sehr ansprechend) wenig zu tun, mit den gerade angeführten Schwankungen hingegen recht viel. Nie weiss man, was als Nächstes kommen wird, was wesentlich den Charme dieser Geschichte ausmacht.

Vielleicht Marseille ist ein nachdenklicher, sprunghafter, und sehr eigenartiger Text, bei dem nichts aufgelöst wird, alles in der Schwebe bleibt. „Zurzeit habe ich das Gefühl, dass verschiedene Teile meines Ichs Unfug treiben. Es gelingt mir nicht, die Teile zu ordnen, und ich frage mich, ob vielleicht ein Teil meines Ichs einen anderen schon längst überholt hat. Und ich, also der mir am besten bekannte Teil meines Ichs, ist mal wieder viel zu langsam in Begreifen und Reagieren. Darf ich Sie etwas fragen? Wie sind Sie erzogen worden?“

Mich hat dieser Roman ratlos zurückgelassen. Mir ist ist es vorgekommen, als ob die Autorin erstaunt festgestellt hätte, was da so durch ihren Kopf geht, und dies dann niedergeschrieben hat. Vielleicht Marseille erlaubt das Eintauchen in eine Gedanken und Empfindungswelt, in der meine Vorstellungen von Struktur und Folgerichtigkeit auf der Strecke bleiben – und genau das finde ich an diesem Buch reizvoll.

Katerina Poladjan
Vielleicht Marseille
FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main, Juli 2023

Jenny Lund Madsen: 30 Tage Dunkelheit

Ich bin sofort drin in diesem Text, in dem eine kommerziell wenig erfolgreiche Schriftstellerin anlässlich einer Buchmesse in Kopenhagen mit einem auf dem Markt sehr erfolgreichen Krimiautor aneinander gerät. Bei den wirtschaftlich Erfolgreichen, argumentiert die Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix, „gibt es Antworten, gute Menschen und böse Menschen, Probleme, die alle gelöst werden. In Hannahs Romanen gibt es keine Antworten, nicht einmal Fragen. Wenn man sie liest, muss man eigenständig denken. Sich vertiefen. Fühlen, Und das können dann eben doch die Wenigsten.“ Jeder Idiot könne einen Krimi schreiben, faucht sie schliesslich den erfolgreichen Krimiautor an. Mehr als einen Monat würde sie dafür nicht brauchen. Es ist eine Kampfansage, die ihr Leben verändert.

Um diesen Krimi zu schreiben, braucht sie Luftveränderung, und so macht sie sich auf nach Island, wo sie hofft, ihre Schreibblockade überwinden zu können. Nur schon die Gedanken, die sie sich über Flughäfen und wie sich die Menschen da verhalten macht, lohnen dieses Buch

Hannah ist bei Ella, einer älteren Frau auf dem Land untergebracht, deren Neffe unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wird. Sie stellt Fragen, will herausfinden, was vorgefallen ist; für die meisten Dörfler ist das eine unwillkommene Einmischung. Doch Hannah ist eigenwillig, zäh und nicht bereit, klein beizugeben.

Mit 30 Tage Dunkelheit ist der 1983 geborenen Drehbuchautorin Jenny Lund Madsen ein aussergewöhnliches Werk gelungen, der mit dem Harald Morgensen Prize für den besten dänischen Kriminalroman ausgezeichnet wurde. Es ist ein äusserst vielschichtiger Text, der sich mit ganz Unterschiedlichem auseinandersetzt: den Verhältnissen abseits der Städte, den heutigen Jugendlichen, überraschenden Begegnungen, der sexuellen Orientierung und wie sie gelebt wird, dem Alkoholkonsum („Sie zittert, kann sich nicht darüber klarwerden, in welcher Stimmung sie ist. Holt schliesslich eine Flasche Wein aus ihrem Zimmer.“), und und und …

Hauptsächlich ist dieser Kriminalroman eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben. Von einer jungen Isländerin kriegt Hannah Krause-Bendix zu hören: „Wissen Sie, wofür ich Sie wirklich bewundere, dass Sie keine Scheisskrimis schreiben wie alle anderen. Ich finde das supercool, dass sie Bücher schreiben, die nur wir Weirdos lesen.“ Dass dies in einem Krimi steht, macht deutlich, dass allzu simple Zuschreibungen wenig hilfreich sind, auch wenn ein „Franchise-Schreiberling“ sich von einer Frau, die weder an den Künstler als Genie mit einem direkten Draht zu Gott glaubt, noch daran, „dass die Schreibkunst durch das Studieren von Theorien der Belletristik oder durch handwerkliche Analysen von Handlung und Stilmitteln erlernt werden kann“, stark unterscheidet.

„Aber woran glaubt sie dann eigentlich? Auf jeden Fall an ihren eigenen Sinn für Ästhetik, an ihr psychologisches Verständnis, an ihre Einsicht in das menschliche Leben. Aber verdammt noch mal. Sie hat ja nicht einmal sonderlich viel Einsicht in ihr eigenes Leben. Vielleicht ist das Grund, weshalb sie schreibt. Dass sie auf diese Art versucht, einen Sinn zu finden. Sie steht auf, ist rastlos.“

Ein Kriminalroman, der der Komplexität des Menschen gerecht wird. Nachdenklich, aber auch schmunzelnd. „Den Barmann erkennt sie jedoch sofort wieder. Er sieht aus wie ein waschechter Heavy-Metal-Fan oder ein Serienmörder, vielleicht hat er auch was von beidem.“

30 Tage Dunkelheit ist ein überaus sympathischer Kriminalroman, in dem Menschen als so fragil dargestellt werden, wie sie es auch wirklich sind, und die Protagonistin keine Heldin, sondern eine Frau mit Überzeugungen, aber durchaus bereit ist, auch mal ein anderes Licht auf ihre Vorstellungen vom Leben scheinen zu lassen – intelligent, mitfühlend und selbstironisch. Als sie zum Informationsaustausch mit ihrem Krimi-Konkurrenten auftaucht, macht dieser gerade Yoga, wofür sie nicht viel übrig hat, jedoch sich eingesteht: „Sie muss zugeben, dass er dabei sehr friedvoll aussieht.“

30 Tage Dunkelheit ist schlicht grossartig! Überraschend, fesselnd, gescheit und witzig.

Jenny Lund Madsen
30 Tage Dunkelheit
Kriminalroman
Tropen Verlag, Stuttgart 2023

James Douglas: Der Hacker

Ein Thriller, und speziell ein Politthriller, erschöpft sich nicht einfach in einer spannenden, rasant erzählten Geschichte (was Der Hacker ist), sondern gibt dem Autor auch die Möglichkeit, dem Leser seine Sicht der Weltlage vorzustellen. Bei James Douglas sieht die so aus, dass er – wie er seine Protagonisten sagen lässt – die russische Invasion der Ukraine als von den Amerikanern provoziert begreift und offenbar annimmt, die Chinesen sollten in Sachen Taiwan ebenfalls in eine Falle gelockt werden. Nun ja: Ob mit oder ohne Provokation, der Mensch wird sich immer seinem Naturell entsprechend verhalten.

Die Schweiz ist bekanntlich ein sicheres, stabiles und wenig aufregendes Land, wo man durchaus das Gefühl haben kann, dass da überhaupt nie irgendetwas passiert, obwohl täglich Menschen geboren werden, geliebt, gelitten und gestorben wird. Dass James Douglas seine Thriller teilweise in der Schweiz spielen lässt, macht ihn zu einer Ausnahme. Genauso, dass es in seinen Büchern nicht an action mangelt. Die Schweiz und action – das muss man sich trauen! Kein Wunder, ist der Autor im wenig inspirierenden Schweizer Feuilleton nicht präsent.

James Douglas liebt Planspiele, ist ein Strategie-Fan. Am chinesischen Beispiel zeigt er auf, wie man sich die Welt gefügig zu machen versucht. Im Visier haben die Chinesen Sizilien, wo der aussergewöhnlich talentierte Hacker Gladio aus dem Gefängnis entwichen ist; neben der CIA und der NSA, ist ihm auch Michael Cooper von der Schweizer Kronos Security auf den Fersen. Sehr schön, wie das politische Italien geschildert wird, in dem auch ein Medienzar eine Rolle spielt und eine ehemalige Miss Italia als Bürgermeisterin von Catania auftritt. Auch über die Schweiz erfährt man Einiges, besonders die Ausführungen über die Zürcher Goldküste habe ich schmunzelnd zur Kenntnis genommen.

Dieser Politthriller ist beileibe nicht nur ein Fantasieprodukt des mit Sicherheitsfragen vertrauten Autors, sondern beruht auf bekannten chinesischen Einflussnahmen – man denke an Piräus, Montenegro, Djibouti sowie diverse afrikanische Länder (vor Kurzem war überdies zu vernehmen, dass sich die Chinesen auch für eine Wasserquelle in der Schweiz interessierten; nur schon, dass Schweizer dies in Betracht ziehen, zeigt ein Ausmass von Ignoranz, das kaum zu übertreffen ist) – , die James Douglas plausibel weiterspinnt.

Der Hacker ist ein höchst aktueller Thriller und das meint, dass so recht eigentlich so ziemlich alles darin vorkommt, was in der politischen Welt von heute gang und gäbe ist, von Söldner-Armeen bis zu den Aktivitäten konkurrierender Geheimdienste. Doch vor allem geht es um die chinesische Strategie, die Welt mittels einer Informatik-Invasion, die erlauben soll, öffentliche Verwaltungen, Infrastruktur wie auch die Versorgung lahmzulegen. Mit anderen Worten: Dieser Thriller klärt auch über eine Bedrohung auf, die den wenigsten wirklich klar ist. Und er erinnert uns daran, dass das Motto der Chinesen (die einzigen, die langfristig denken) schon lange ist: Blumen pflücken in fremden Ländern, um dann in China Honig zu machen.

Des Weiteren lernt man Einiges über die Mafia, wird darüber aufgeklärt, dass Alitalia für die Abkürzung Always Late In Takeoff And Late In Arrival steht, und dass von den vierundzwanzigtausend Beamten in Rom gerade mal zweitausend über einen Hochschulabschluss verfügen. Doch Der Hacker liefert nicht nur unterhaltsam verpackte Informationen, die mehr über Italien aussagen als viele gescheite Analysen, sondern auch ein paar Stilblüten wie etwa: „… das Lenkrad seines emotional blauen Maserati.“

James Douglas ist mit Der Hacker ein vielfältig lehrreicher Politthriller geglückt, der unter anderem vorführt, was der Westen von den Chinesen lernen könnte/sollte. Dass es um die Sicherung von Bodenschätzen und künftigen Militärstützpunkten geht. Oder dass, gemäss Sun Tzu, die beste Strategie ein gewaltloser Gewinn ist. Oder „dass man nicht befördert wird, wenn man Emotionen zeigt und wie ein Klugscheisser dem Vorgesetzten bedeutet, was er besser sagen und machen soll.“

Der Hacker ist in der James-Bond-Welt angesiedelt. Es ist dies eine Welt der Fünf-Sterne-Hotels, attraktiver Menschen, skrupelloser Bösewichte und kompetenter Profis, die immer wissen, was zu tun ist und auch über die dazu notwendigen Mittel verfügen. Eine Welt der Klischees (die meist einen Kern Wahrheit enthalten) also, in die wir immer wieder gerne flüchten, auch wenn sie uns gelegentlich lachen macht. Auf diesem gelungen geschilderten Hintergrund bringt uns James Douglas nicht nur Fragen der Cybersicherheit zu Bewusstsein, sondern auch den immer offenbarer werdenden chinesischen Machtanspruch – und das ist nötiger denn je.

James Douglas
Der Hacker
Politthriller
Langen Müller Verlag, München 2023

Joël Dicker: Die Affäre Alaska Sanders

Die zunehmende, teilweise selbst geschaffene Komplexität unseres Lebens macht uns unter anderem bewusster, dass wir so recht eigentlich immer orientierungsloser werden. Zu wissen, wer wir sind, scheint dringender denn je – und dies führt unter anderem dazu, dass einige ganz besonders Verwirrte glauben, nur ein Schwarzer könne über Schwarze schreiben, nur eine Lesbe sich zu Lesben äussern und ein Mann sei niemals imstande, sich in eine Frau zu versetzen (Flaubert wusste davon anscheinend nichts, sonst hätte er Madame Bovary vielleicht nicht geschrieben).

Dass ein in Genf geborener Schweizer spannende und höchst gelungene amerikanische Romane zu schreiben versteht, scheint mir ein überzeugendes Argument gegen diese Identitäts-Trottel (weibliche und nicht-binäre eingeschlossen), denen womöglich die Vorstellung eignet, es stünde einem Eidgenossen besser an, im Ortsverein zu jodeln, wenn er nicht gerade in seiner Funktion als „Banker“, wie Bankangestellte heutzutage heissen, Steuerflüchtlingen aus aller Welt, gegen gutes Geld, Schlupflöcher anbietet.

Als Fortsetzung des Weltbestellers „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ wird Die Affäre Alaska Sanders nicht nur angepriesen, sondern auf diesen wird auch im Prolog Bezug genommen und dann immer wieder darauf zurückgekommen. Und auch zu des Autors „Die Geschichte der Baltimores“ gibt es Bezüge.

Im April 1999 wird am Grey Beach bei Mount Pleasant die junge Alaska Sanders, die erst seit Kurzem im Ort lebt, tot aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, dass sie ermordet wurde. Ein Verdächtiger wird aufgespürt, gesteht, nennt aber gleichzeitig noch einen Mittäter, der Fall scheint abgeschlossen. Elf Jahre später sieht es so aus, als ob damals ein Fehlurteil gefällt worden war …

Die Geschichte springt zwischen 1999 und 2010 hin und her, was erstaunlicherweise der Spannung keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Zwischen Sergeant Perry Gahalowood und dem Schriftsteller Marcus Goldman gibt es übrigens verblüffende Parallelen: Beide werden von ihren Partnerinnen belogen (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen), beide möchten einander davon erzählen, und beiden fehlt der Mut dazu.

Was diesen Roman ausmacht bzw. auszeichnet, ist Joël Dickers Erzähltalent. Wie er jeweils zum Kapitelende einen Hinweis platziert, der Unerwartetes verspricht, ist ausgesprochen gekonnt und garantiert, dass die Geschichte nicht nur spannend bleibt, sondern dass sich die Spannung stetig steigert. Und auch die vielen unglaublichen Zufälle, die er überraschend und stimmig zusammenführt, wirken sich günstig auf den Erzählfluss aus. Störend bzw. gewöhnungsbedürftig ist nur die eigenartige Marotte, dass Sergeant Perry Gahalowood und Schriftsteller Marcus Goldman sich siezen sowie dass Perry Marcus mit Schriftsteller und Marcus Perry mit Sergeant anredet.

Joël Dicker versteht sein Handwerk; er weiss, wie man eine Geschichte aufbaut und vorantreibt, Die Personencharakterisierungen sind hingegen weniger sein Ding – niemand scheint eine gute Vorstellung davon zu haben, was in anderen vorgehen könnte. Das wirkt manchmal etwas platt, entspricht jedoch andererseits eben der Realität, denn wir haben in der Tat selten eine Ahnung, was in anderen vor sich geht, wir wissen dies ja meist nicht einmal bei uns selber. Andererseits finden sich in diesem Roman aber eben auch Stellen, die des Autors Cleverness auch im Zwischenmenschlichen zeigen. „Ein Freund ist jemand, den man gut kennt und trotzdem liebt.“

Auch über sein Leben als erfolgreicher Schriftsteller macht sich Marcus Goldmann Gedanken. „Als ich Cambridge verliess, sah ich mich einen Moment lang in der Haut des Marcus im Ford, den sie geliebt hatte. Ich wäre Lehrer an einer Highschool in Boston geworden, das war das Leben, das ihr Vater für mich im Sinn gehabt hatte. Emma als glückliche Ladenbesitzerin. Ein geordnetes Familienleben. Ein Leben ohne schriftstellerischen Erfolg, dafür vielleicht friedlicher und gelassener.“ Eine wirkliche Auseinandersetzung ist das jedoch nicht. Eine solche wäre diesem flüssig erzählten, spannend zu lesenden Roman vermutlich im Weg gestanden.

Vor allem angesprochen haben mich so ganz wunderbare Passagen wie: „’Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Helen eine Affäre gehabt hat, Sergeant.‘ ‚Das liegt daran, dass Sie ein Unschuldsblümchen sind.’“ Oder: „Das ist der äussere Schein, Schriftsteller. Der äussere Schein ist der Kitt, der unser gesellschaftliches Leben zusammenhält.“ Oder: „Wissen Sie, sie war eine Perfektionistin. Perfektionisten machen aus allem ein Drama.“ Oder: „Jedenfalls gehe ich, wenn ich nicht gerade Dienst habe, jeden Freitag hier essen.‘ ‚Allein?‘ ‚Ich würde sagen: mit mir selbst. Das ist nicht das Gleiche.’“

Natürlich handelt Die Affäre Alaska Sanders auch vom Schreiben, schliesslich ist der Erzähler von Beruf Schriftsteller und dieser kämpft bekanntlich immer mal wieder gegen das leere Blatt und den leeren Kopf. Schriftsteller müssen etwas Besonderes sein, sagt Harry Quebert einmal zu Marcus Goldmann, der ihn auf der Suche nach Inspirationen aufgesucht hat. „Wir alle tragen eine Möwe in uns, diese Versuchung, uns der Faulheit und der Bequemlichkeit zu überlassen. Hören Sie nie auf, dagegen zu kämpfen, Marcus. Die meisten Menschen sind Herdentiere, aber Sie sind anders. Weil Sie Schriftsteller sind.“ Ein Schriftsteller, der die Herdentiere zu befriedigen weiss, ist man da versucht anzufügen.

Fazit: Packend, unterhaltsam, reich an überraschenden Wendungen.

Joël Dicker
Die Affäre Alaska Sanders
Piper, München 2023

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