
Estrelitzia, Torres, Brasilien, am 20, Februar 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Estrelitzia, Torres, Brasilien, am 20, Februar 2022
Positiver eingestimmt könnte ich ein Buch kaum angehen, denn ihm ist dieses Zitat aus dem Thomas-Evangelium Wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich retten. Wenn du nicht hervorbringst, was in dir ist, wird das, was du nicht hervorgebracht haben wirst, dich töten vorangestellt, genau wie meinem Thriller Herolds Rache.
Ich habe einige Werke von Emmanuel Carrère gelesen, mit Gewinn gelesen; geblieben ist mir vor allem ihre Intensität. Er ist ein glänzender Schreiber, dass seine Bücher wesentlich um ihn kreisen, stört mich überhaupt nicht, im Gegenteil, auch wenn es mir manchmal ein wenig zu viel wird. Dazu kommt, dass seine Schonungslosigkeit gelegentlich zudeckt, dass das Leben letztlich ein Geheimnis ist und sein soll.
Von Vipassana hat er in Indien gehört. „Vipassana-Kurse sind das Kampftraining der Meditation.“ Von Teleportation ebenso. „Teleportation heisst, dass man sich allein Kraft seines Geistes spontan von einem Ort zu einem anderen befördert. Man verschwindet in Madras und taucht im nächsten Augenblick in Bombay wieder auf. Eine Variante davon ist die Bilokation: Bei dieser befindet man sich an zwei Orten gleichzeitig.“ Selten so gelacht …
Er begibt sich in ein Meditationszentrum, um den Einfluss seines, wie er schreibt, anstrengenden, despotischen Egos einzudämmen. „Beim Meditieren tut man nichts anderes und soll auch gar nichts anderes tun als beobachten.“ Und das ist so ziemlich das Schwierigste überhaupt, denn unser Hirn ist antizipierend unterwegs, befindet sich also stets in der Zukunft und damit da, wo der Körper noch gar nicht ist.
„Schriftsteller, die über das schreiben, was ihnen durch den Kopf geht, sind mir die liebsten …“, notiert er (mir geht es übrigens genauso) und beschreibt sich damit so recht eigentlich selber. Seine Überlegungen, Folgerungen und Zweifel sind mannigfaltig und höchst lesenswert, auch wenn es gelegentlich in mir dachte, weniger wäre manchmal mehr gewesen. So nimmt zum Beispiel seine ausführliche Schilderung des Liebesaktes diesem die Magie, macht ihn gleichsam unpersönlich, obwohl er doch genau das nicht gewesen ist. Zudem: Bekenntnisse, die auch andere betreffen, gehören nicht an die Öffentlichkeit.
Emmanuel Carrère teilt in diesem Werk auch ganz viele höchst hilfreiche Einsichten. So meinte Glenn Gould: Das Ziel der Kunst ist nicht, kurzfristig einen Adrenalinschub auszulösen, sondern geduldig ein Leben lang auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens hinzuwirken. Und Freud definierte Gesundheit als zum Lieben und Arbeiten fähig zu sein sowie als das Zulassen von gemeinem Unglück, jedoch nicht von neurotischem Elend. „Neurotisches Elend ist das, was man sich schrecklicherweise immer wieder selbst erschafft, gemeines Unglück dagegen das, was einem das Leben auf so unterschiedliche wie unvorhersehbare Weise beschert.“
Bereichernd fand ich auch den Hinweis auf seinen Freund Hervé Clerc, der als AFP-Journalist in Spanien, den Niederlanden und Pakistan gelebt hat und sich immer bemüht hat, „keine Karriere zu machen, um, wie er sagt, unter dem Radar zu laufen.“ Kann man dem Samsara entkommen? Klar, meint er, wenn man die Dinge so sieht wie sie wirklich sind.
Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der ein grösseres Bewusstsein seiner selbst hat als Emmanuel Carrère. Er befragt und analysiert sich unaufhörlich, beobachtet genau, was mit ihm und um ihn herum geschieht, erlebt sich intensiv und auch immer mal wieder leicht, trotz seiner Anstrengungen, von denen er nicht abzulassen imstande scheint.
Dann passiert der Angriff auf Charlie Hebdo, bei dem auch ein Bekannter von ihm ermordet wird. Kurz darauf erhält er die Diagnose bipolare Störung. „Es ist bestürzend, mit fast sechzig eine Krankheit diagnostiziert zu bekommen, an der man sein ganzes Leben gelitten hat, ohne dass sie einen Namen hatte.“
Er verbringt einige Monate in einer psychiatrischen Klinik, gefolgt von einem Aufenthalt auf den griechischen Inseln, der ihn mit der Flüchtlingskrise konfrontiert. Kann man sich selber entkommen, wenn man sich mit anderen beschäftigt? Das Schicksal junger Afghanen lehrt ihn, dem Standpunkt seiner Eltern recht zu geben, „dem zufolge man in Kriegszeiten nicht genug Freizeit hat, um neurotisch zu sein.“
Yoga, diese Schatztruhe vielfältig anregender und hilfreicher An- und Einsichten, ist ein gescheites, aufrichtiges, berührendes und zutiefst wesentliches Buch.
Emmanuel Carrère
Yoga
Matthes & Seitz Berlin 2022

Fideris, 23. Oktober 2021
Unter den Journalismus-Definitionen gehört „Nichts als Klatsch“ zu denen, die mir geblieben sind. Eine andere „Die wortreiche Beschreibung von Ereignissen, die auch ohne diese stattfinden“ liesse sich genauso auf das vorliegende Werk anwenden. Nur: Beide Definitionen gehen vollkommen an dem vorbei, was entscheidend ist – dass Klatsch spannend und unterhaltsam sein kann, auch wenn wir das alles gar nicht unbedingt wissen müssen.
Palace Papers, das ist mir bereits nach wenigen Seiten klar, ist die Art von Journalismus, bei der ich mich bestens informiert und gleichzeitig bestens unterhalten fühle. Das liegt wesentlich daran, dass Tina Brown über einen sehr britischen Humor verfügt, der ein gutes Auge und ein scharfes Urteil voraussetzt. Bei Formulierungen wie „das stoische Erbgut der Queen“ oder „bei dem die Familie in einem unverständlichen, abgehackten Upper-Class-Akzent plaudert“ oder „Erbittert nahm sie jeden noch so kurzen Tageslichteinfall auf den royalen Zauber übel“ kann ich gar nicht anders als laut heraus lachen (auch übrigens dank der exzellenten Übersetzung).
Apropos Journalismus: Die Ausführungen dieser Vollblutjournalistin über die Unterschiede der britischen und amerikanischen Medien sind wunderbar erhellend. Hier nur soviel: „Britischer Zeitungsjournalismus – raubeiniger als sein amerikanischer Vetter und weniger von hochtrabenden Prinzipien belastet – hat sich immer als Handwerk verstanden, nicht als feierliche Berufung.“ Es versteht sich: Palace Papers ist natürlich auch ein Buch über Tina Brown und ihre aufgeklärte Sicht der Welt.
Hinter den Palastmauern geht es offenbar auch nicht anders zu als an andern Orten auf der Welt, wo die Vorstellung regiert, der Mensch sei etwas Spezielles. Da das Sein auch das Bewusstsein wesentlich bestimmt und die Aufrechterhaltung der Fassade oberstes Gebot ist, erstaunt wenig, dass die Royals von sich aus keine Vorstellung davon haben, was finanzielle Nöte bedeuten könnten. Und was die Moral angeht: „Nach den Ehebruchsregularien der Oberschicht, so scheint es, ist das einzig wirklich Unehrenhafte, was man tun kann, die Wahrheit zu sagen.“
Hatte ich bislang (ohne mir diesbezüglich gross Gedanken zu machen), die Queen als eine Frau wahrgenommen, der das Loslassen nicht wirklich gegeben war, so dämmerte mir während der Lektüre, dass Charles‘ Reputation lange Zeit schwer mit dem Image in Einklang zu bringen war, das man sich für einen König vorstellte. Übrigens: Dies ist auch ein Buch hinter die Kulissen. Anlässlich von Charles‘ Hochzeit mit Camilla sass die Queen „die ganze Zeit mit ihrer gewohnten (nämlich völlig reglosen) Hochzeitsmine da“, hinter der Bühne offenbarte sie jedoch ein weit herberes Wesen.
Ein Royal zu sein bedeutet ein Leben in der Öffentlichkeit, im Scheinwerferlicht. Kein Wunder führt das zu einer Deformierung. „Noch nie“, so Tina Brown über Camilla, „hatte sie einen Terminkalender voller unliebsamer Aktivitäten besessen – all das, was im Grunde das königliche Leben ausmacht.“ Dass einige Medien sich dabei häufig ausgesprochen rücksichtslos und teilweise kriminell (so wurden etwa Telefonate abgehört) verhielten, ist dem Profit-Druck geschuldet.
Palace Papers ist ein Buch über Neid, Eifersüchteleien und Ränkespiele, über die vielfältigen Abhängigkeiten der Menschen untereinander, von denen sich die Royals höchstens durch ihre Eingebildetheit und Arroganz, ihr Machtbewusstsein und ihre Kaltherzigkeit unterscheiden. Intrigierend, berechnend, überheblich, mit einem Anspruchsdenken, das in unverdienten Privilegien gründet – dass die Untertanen sich dies gefallen lassen ist Beleg genug, dass der mündige Bürger ein Mythos ist.
Kennzeichnend für die Royals ist Kontrolle, weshalb denn auch ihre Planung hervorragend ist und Gefühle ignoriert werden. „Beschwere dich nie, erkläre dich nie. Jammer nicht – mach einfach weiter.“ Charakteristisch ist ein ausgeprägter Standesdünkel. So wies etwa Margaret, die Schwester der Queen, Diana zurecht als sie den Chauffeur ‚David‘ anstatt ‚Griffin‘ genannt hatte. Den eigenen Status aufrechtzuerhalten, dem ist alles untergeordnet.
Neben vielen aufschlussreichen und erhellenden Informationen verschafft einem Tina Brown auch lebensweise Einsichten. Etwa dass eine extrem Ichbezogene Frau eine erstaunlich gute Mutter sein kann. Oder dass das hochmütige Herabschauen auf Publicity als etwas Vulgärem sich bestens damit verträgt mit harten Bandagen um mediale Aufmerksamkeit zu kämpfen. Oder dass sie Jeffrey Epsteins feines psychologisches Gespür schon früh erkannte. Aber auch diesen gescheiten und sensiblen, der Queen zugeschriebenen Satz: „Trauer ist der Preis, den wir für die Liebe bezahlen.“
Palace Papers ist auch ein Buch über Strategie und Kalkül. Meghan Markle steht den gebürtigen Royals diesbezüglich in nichts nach. Nicht nur Prince Philipp und Prince Charles, auch Diana Spencer und Kate Middleton verstanden gewieft zu kalkulieren. Über letztere schreibt Tina Brown: „Geduld, Unnachgiebigkeit und dass sie ihrem zukünftigen Mann den nötigen Freiraum liess, hatten das mustergültige Mädchen aus der Mittelschicht in Bucklebury an die Schwelle des britischen Thrones geführt.“ Nach der Lektüre dieser umfangreichen Aufklärungsschrift, in der man auch erfährt, dass die Königinmutter ihre jährlich Pension von 643 000 Pfund Jahr für Jahr um das Achtfache überzog, wird man die medialen Inszenierungen der Royals mit anderen Augen sehen. Übrigens: „Der Herzog von York war eine Krönchen tragende Korruptionsmaschine.“
Akribisch listet Tina Brown auf, wer wann und warum einen Orden oder eine andere royale Auszeichnung bekommt und was dies für einen Stellenwert im königlichen Gefüge hat. Auch wer welche Kleider von welchem Designer trägt, ist von Bedeutung. Der Palast ist die britische Version von Hollywood, eine ausgeklügelte Mischung von Show und Business, so raffiniert zelebriert, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, dass das alles mit demokratischen Werten so recht eigentlich nicht vereinbar ist.
Im Palast ist eine ausgeklügelte Maschinerie am Werk, ein moderner Thinktank „aus einem Trupp cleverer und differenziert denkender Strategen. Ob es für die Royals gut oder schlecht läuft, hängt davon ab, welche Leute gerade an den entscheidenden Schaltstellen im Privatsekretariat und in der Kommunikation sitzen.“
Fazit: Tina Brown ist mit diesem Werk, das auch eine ungeheure Fleissarbeit ist, eine höchst differenzierte, gescheite und beeindruckende Sitten-und Zeitgeschichte gelungen – eine Comédie Royale vom Feinsten!
Tina Brown
Palace Papers
Die Windsors, die Macht und die Wahrheit
Droemer, München 2022

Maienfeld, am 13. November 2021
Als ich vor einigen Jahren anfing Bäume zu fotografieren, hielt ich das für eine Entdeckung. Eine Durchsicht von älteren Fotografien belehrte mich eines Besseren – ich hatte immer schon Bäume fotografiert. Mit anderen Worten: Mir scheint, unsere Gewohnheiten sind uns selten wirklich bewusst; etwas Neues zu entdecken kommt nicht oft vor. Womit ich zu Meg Lowmans Der unentdeckte Kontinent komme, einem Buch, bei dem ich schon nach den ersten paar Seiten weiss, dass ich da definitiv auf etwas Neues gestossen bin. Und mich wieder einmal darüber wundere wie partiell blind man durchs Leben gehen kann.
„Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Gesundheitscheck zum Arzt, und der untersucht ausschliesslich ihren grossen Zeh. Am Ende erfahren Sie, dass Sie vollkommen gesund sind, dabei wurden Ihre Vitalfunktionen, Puls, Sehkraft oder irgendein anderer Körperteil gar nicht untersucht – sondern nur Ihr grosser Zeh. „.. jahrhundertelang wurde die Gesundheit von Bäumen, auch die jener alten Riesen, die haushoch in die Wolken aufragen, genau auf diese Weise begutachtet.“ Viel überzeugender und anregender kann man ein Buch kaum beginnen …
„Ich werde Bäume nie wieder so sehen wie früher, und der Rest der Welt auch nicht – dank der Autorin dieses Buches“, schreibt Sylvia A. Earle in ihrem Vorwort. Recht hat sie! Wer also ist diese Autorin? Meg Lowman, geboren 1953, aufgewachsen im ländlichen Staat New York. Die Botanik brachte sie zum Studium ins schottische Aberdeen, ein Forschungsstipendium über tropische Wälder nach Sydney. „Sie stammte aus der gemässigten Klimazone und war in Bezug auf die Tropen völlig grün hinter den Ohren. Bei ihrem ersten Besuch in einem australischen Regenwald starrte sie in die schwindelerregendsten Bäume, die sie je gesehen hatte, und dachte: ‚Du heilige Scheisse, ich sehe noch nicht mal den Wipfel!’“
Zuerst dachte sie, sie könne die Baumwipfel mit dem Fernglas zu sich herunterholen. Als dies wenig fruchtete, kletterte sie nach oben. Um ihre Seile an den oberen Ästen zu befestigen, baute sie sich aus einer Eisenstange eine spezielle Schleuder. In den Baumkronen, dem ‚“achten Kontinent“, entdeckte sie eine völlig unbekannte Welt. „Wohin ich auch blickte, offenbarten die Wipfel Geheimnisse, die vom Boden aus nicht zu erkennen waren – glänzende Käfer frassen junges (aber kein altes) Blattgewebe, Raupen operierten in Gangs, die ganze Äste vom jüngsten bis zum älteren Laub kahl frassen, Vögel schnappten sich diese arglosen Larven, als bedienten sie sich an einer Salatbar, und plötzliche Regengüsse trieben alle diese wuselnden Geschöpfe auf der Suche nach Unterschlupf unter die nächsten Blätter oder in einen Spalt in der Rinde.“
Der unentdeckte Kontinent ist genau das, was der Untertitel verheisst: „Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen.“ Sie erzählt von ihren schwierigen Studienanfängen inmitten von Männern, von ihrer Zeit in Aberdeen, vom Tropenwald von Malaysia, von ihren Bemühungen um den äthiopischen Wald und von den Citizen Scientists.
Meg Lowman ist ein Naturfreak. Von klein auf begeisterte sie die Naturbeobachtung, obwohl es in ihrer Familie keine leidenschaftlichen Botaniker gab. Ihr Enthusiasmus ist aus jeder Zeile spürbar. Und er ist ansteckend.
Der unentdeckte Kontinent bietet eine interessante, informative, lehrreiche und ausgesprochen unterhaltsame Lektüre, was auch daran liegt, dass Meg Lowman eine begabte Erzählerin ist, die mich immer mal wieder zum Lachen brachte. „Als mein Flug in Aberdeen landete, war der Himmel kalt und grau, was ich schnell als Normalfall kennenlernte. Ein Jahr in Schottland lässt sich zusammenfassen zu 364 Tagen grauem Himmel, was meine über tausend Fotos von sonnenfreien Landschaften bestätigen.“ Da sie über wenig Geld verfügt, mietet sie zusammen mit anderen, die ebenfalls knapp bei Kasse waren, ein Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser. „Meine beiden Mitbewohner, Alan und Peggy, besassen einen klapprigen Morris Minor, der so alt war, dass in seiner Aussenverkleidung Moos wuchs, und waren sehr geschickt darin, zum Hauptgericht überfahrenes Wild aufzufinden.“ Im Anschluss an ihr schottisches Jahr ging es zum Doktorat nach Sydney. „In London bestieg ich nach Flugzeug mit zwanzig Kilo Handgepäck, weil ich die Gebühren für einen zusätzlichen Koffer sparen wollte.“ Das waren noch Zeiten …
Meg Lowman bezeichnet sich als Arbonautin (und wird von ihren Kindern auch scherzhaft als Arboraut-Irre), eine sowohl einleuchtende wie auch treffende Bezeichnung für eine Botanikerin, die sich aufgemacht hat, die Baumkronen, für die sich kaum jemand zu interessieren schien, zu erforschen. „Bald stellte ich fest, dass die meisten Arten in den oberen Baumkronen der Wissenschaft unbekannt waren. Fast jede der 60000 Baumarten beherbergt einzigartige Lebensgesellschaften.“
Der unentdeckte Kontinent ist ein Augenöffner. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass ein Kronendach Sauerstoff produziert, Regenwasser filtert, Sonnenlicht in Zucker umwandelt, unsere Luft reinigt, indem es CO2 absorbiert, Tieren Unterschlupf bietet und und und.
Der Mensch hat sich dermassen von der Natur entfremdet, dass er sie allzu oft nur als Bedrohung wahrnimmt. Selten ist mir das klarer geworden als bei Lowmans Schilderung einer Bootsfahrt auf dem Amazonas als ein einheimischer Guide gefragt wurde, ob es während der Fahrt auch Anacondas zu sehen geben würde. „Unser Guide hatte die verräterischen Luftblasen gesehen, die Anacondas unter Wasser ablassen, war auf sie gesprungen und hatte schnell Kopf und Schwanz gegriffen, und das alles im Dunkeln. Ehrfürchtig bestaunten wir alle nicht nur dieses grossartige Tier, sondern auch Guillermos gründliche Kenntnis der heimischen Natur – so wie man sie sich aus einem Lehrbuch oder in einem Hörsaal gar nicht aneignen kann.“
Wir müssen den Wald hegen und pflegen, denn die Gesundheit des Planeten hängt von ihm ab. Doch das Gegenteil geschieht, die Zerstörung des Waldes nimmt zu. Was also ist zu tun? „Ein Weg, mehr Bäume zu retten, besteht darin, mehr Menschen in ihre Wunder einzuweihen.“ Kein Buch, dass geeigneter wäre, genau dies zu tun als Der unentdeckte Kontinent.
Meg Lowman
Der unentdeckte Kontinent
Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen
Blessing, München 2022

Mastrils, am 1. Oktober 2021
Mir ist bereits nach wenigen Seiten klar, dass ich dieses Buch schätzen werde. Das liegt an den Autoren, die davon berichten, was sie selber nicht wussten, doch bei der Beschäftigung mit den Sinnen entdeckt haben. So waren sie etwa überrascht, „dass Menschen weniger essen, wenn Speisen aromareich und geschmackvoll sind – und dass sie dadurch sogar abnehmen können.“ Ich bin natürlich genauso überrascht, wie auch über noch vieles andere mehr in diesem aufklärenden Werk.
Als die fünf Klassiker werden Riechen, Schmecken, Hören, Sehen und Tasten bezeichnet. Lange Zeit wurde das Riechen nur in der Nase verortet, mittlerweile weiss man, dass Riechrezeptoren fast überall im Körper vorkommen. Der Ausdruck, jemanden nicht riechen können, ist wohl allen geläufig, doch woran liegt das? Nicht an der Genetik, so die Autoren, sondern an der Erziehung oder den Erfahrungen, die man als Kind gemacht hat. Übrigens: „Die Nase sucht den Partner aus.“ Und: Der Geruchssinn lässt sich trainieren; Beispiele finden sich in diesem Buch.
Auch Geschmacksrezeptoren finden sich fast überall im Körper. Bitter bedeutet: „Gefahr! Gift! Nicht geniessbar! Auch wenn das natürlich nicht immer zutrifft, macht der Mensch nicht viel falsch, wenn er Bitteres meidet.“ Es sind nicht zuletzt solche praktischen Hinweise, die Die Magie unserer Sinne auch zu einem nützlichen Ratgeber machen. Übrigens: Neben den Geschmackszellen befinden sich im Mund auch spezielle Nervenfasern, die darauf spezialisiert sind, Schmerz zu empfinden.
Die beiden Autoren zitieren aus zahlreichen Studien, darunter auch: „Ungefähr 80 Prozent dessen, was wir allgemein mit ‚Schmecken‘ bezeichnen, ist eigentlich ‚Riechen'“. Sie führen als Beispiel die Lebensmittelprüfer an, die ausgiebig an allem schnuppern, bevor sie es in den Mund nehmen. „Dabei schlürfen, schmatzen und schnauben sie, um dem Essen und Trinken feinste Aromen zu entlocken.“ Vor meinem inneren Auge erschien automatisch ein schnaubendes Pferd …
Die Magie unserer Sinne ist überaus reich an Informationen, die mich staunen machen. Etwas „dass uns seit Urzeiten das am besten schmeckt, was viele Kalorien hat.“ Oder dass die Empfindung ’scharf‘ keine Geschmacksqualität ist und unsere Zunge sie nicht wahrnehmen kann. Oder dass man Schokolade auf der Zunge zergehen lassen sollte. „Wer ein Stück Schokolade gleich zerkaut und runterschluckt, anstatt es zu lutschen, lässt der chemischen Reaktion nicht genügend Zeit und verliert daher viel vom Geschmack, weil sich die Aromen nicht voll entfalten können.“
Bewusst geworden ist mir auch, dass ich mir über ganz vieles noch gar nie Gedanken gemacht habe. Etwa darüber, dass Schokolade bei Zimmertemperatur fest und bei Körpertemperatur flüssig wird. Oder dass das Zuhören einen grösseren Anteil an der Kommunikation hat als das Sprechen. Oder „dass liebevolle Berührungen dazu beitragen, dass Partnerschaften Bestand haben und Paare ihr Beziehung als sicherer empfinden.“
Spannend auch die Erläuterungen zu den mouches volantes, die ich aus eigener Erfahrung kenne. „Der Glaskörper füllt als grösster Anteil des Auges den Raum zwischen Linse und Netzhaut aus und besteht zu 98 Prozent aus Wasser sowie aus Hyaluronsäure und einem dreidimensionalen stabilisierenden Gerüst aus Fasern. Durch seine durchsichtige, geleeartige Masse kann das Licht ungehindert auf die Netzhaut fallen. Werden wir jedoch älter ( ‚jedoch‘?), verliert der Glaskörper an Spannung, schrumpft ein wenig, das Fasernetz verklumpt und Teilchen davon lösen sich ab.“
Neben den fünf klassischen Sinnen, machen die Autoren noch auf fünf Exoten aufmerksam. Ja, haben wir denn jetzt noch mehr als den berühmten sechsten Sinn? Haben wir. Man denke etwa an den Gleichgewichtssinn, ohne den so ziemlich gar nichts geht.
Die Magie unserer Sinne bietet vielfältige Aufklärung über das Funktionieren unseres Körpers bzw. erläutert unseren gegenwärtigen Wissensstand. Vieles ist nämlich noch gar nicht so lange bekannt und noch vieles mehr gänzlich unbekannt, vor allem in Sachen Gehirn.
Fazit: Eine willkommene Horizonterweiterung
Dr. med. Ragnhild Schweitzer / Jan Schweitzer
Die Magie unserer Sinne
Warum wir ohne sie nicht lachen, lieben, leben können / Wie wir sie wiederentdecken und richtig nutzen
Goldmann, München 2022
Dass mein Selbstbild sich von dem Bild, das sich andere von mir machen, unterscheidet, ist wenig erstaunlich. Ja, es ist die Regel und nicht die Ausnahme. Das liegt unter anderem daran, dass wir uns nicht von aussen sehen und bezüglich der Eigenwahrnehmung über blinde Flecken verfügen. Selbstbild und Fremdwahrnehmung gehören zusammen, sie ergänzen sich.
Eine ganz andere Geschichte ist natürlich, wenn sich einer ein Selbstbild zusammenbastelt und verbreitet, dass vor allem seine Eitelkeit befriedigt – und die von Norbert Elias zeigt sich fast in allen seiner Antworten. Zugegeben, ich bin voreingenommen. Ich schätze nämlich den Ethnologen Hans Peter Duerr sehr, habe bei ihm sogar mal eine Seminararbeit geschrieben (über Janwillem van de Weterings Zeit in einem japanischen Zen-Kloster) – und der hält bekanntlich von Elias‘ Theorie vom Zivilisationsprozess nicht gerade viel. Weder mit der Zivilisationstheorie noch mit der Kritik an ihr habe ich mich eingehend befasst. Ich gehe davon aus, dass jede wie auch immer geartete Haltung oder Theorie vor allem Auskunft über den Urheber gibt, weshalb sich mein Interesse mehr an Charakterfragen orientiert.
„Selbstbilder“, so Joseph Garncarz, Professor am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln, „sind Konstruktionen, an die ihre Erzeuger in der Regel (zunehmend) auch selbst glauben. So werden zum Beleg immer wieder gerne die gleichen Geschichten erzählt, die das Selbstbild stützen.“ Für denjenigen, der ein bestimmtes Bild von sich propagieren will, ist diese Art der Imagepflege zentral.
Garncarz würdigt Elias‘ Soziologie als „eigenständige Leistung, menschliche Gesellschaften besser zu verstehen.“ Im Vordergrund stehen dabei die Interdependenzen der Individuen und von Gruppen, die darüber entscheiden wie sich eine Gesellschaft entwickelt. Garncarz outet sich zudem als begeisterter Zuhörer von Elias‘ Vorträgen, auch weil diese nicht abgelesen, sondern frei gehalten wurden.
Umso erstaunlicher ist dieses Buch, denn dass einer, der Elias‘ Werk bewundert und sich von ihm lebenslang inspiriert gefühlt hat, sich entschliesst, dessen Selbstbildnis zu korrigieren, bedeutet ja auch, sein eigenes Bild von Elias einer Korrektur zu unterziehen. Mich selber hat am meisten befremdet, dass es dieser hochangesehene Professor nicht über die Lippen bringt, Namen oder Denktraditionen zu nennen, die ihn beeinflusst haben könnten, als ob alle seine Erkenntnisse auf seinen Genius zurückzuführen seien – ein Armutszeugnis sondergleichen.
Doch darf man eigentlich von einem manipulierten bzw. schöngefärbten Lebenslauf (und dies zeigt der Autor überzeugend auf) auf den Charakter schliessen? Professor Garncarz ist viel zu sehr redlicher Akademiker, um dies zu tun, klare Worte findet er gleichwohl: „Das Bild, das Elias von sich in späteren Jahren entworfen hat, bezog sich also keineswegs nur auf seinen intellektuellen Werdegang, sondern umfasst weit mehr. Elias stellte sich uns so dar, als sei er ein Mensch, der nichts anderes als seine Wissenschaft kennt, seine wissenschaftlichen Grundüberzeugungen bereits seit der Zeit seiner Promotion hatte und der sich nie gesellschaftlich oder politisch engagiert hat.“
Verblüffend ist, dass die meisten Forscher Elias‘ Selbstinszenierung kritiklos übernommen haben. Einmal etablierte akademische „Gewissheiten“ sind eben schwer zu erschüttern. Sehr schön formuliert der Autor: „Die Erfahrung lehrt, dass Mythen oft gegenüber einer Kritik, die sie entkräften, den längeren Atem haben. Wer sich jedoch – ganz im Sinn von Elias‘ Wissenssoziologie – von seinen Gefühlen distanzieren kann, wird sicherlich bereit sein, die hier vorgetragenen Argumente zu prüfen und – so sie überzeugen – auch zu akzeptieren.“
Joseph Garncarz
Korrektur eines Selbstbildes
Norbert Elias und sein akademischer Lebenslauf
Herbert von Halem Verlag, Köln 2022

Zwischen Maienfeld und Jenins, am 15. September 2021