
Ixora coccinea (West Indian Jasmine), Santa Cruz do Sul, am 28. Januar 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Ixora coccinea (West Indian Jasmine), Santa Cruz do Sul, am 28. Januar 2022
Im Jahre 2010 machte sich der Fotograf Frank Gaudlitz nach Südamerika auf, um dort für mehrere Monate auf den Spuren Alexander von Humboldts zu reisen. Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch Juergen Ebeldinger, der im Vorwort zu diesem schön gemachten Band schreibt, Gaudlitz schaffe es, „dass wir seinen Bildern glauben, weil sie ehrlich und authentisch sind“.
Da ich nicht wirklich weiss, was ein ehrliches und authentisches Bild ist, vertiefe ich mich in die in diesem Buch abgebildeten Aufnahmen und sehe abwechselnd Landschaftsansichten in schwarz/weiss und Porträts in Farbe – mir gefällt das Konzept.
Die Sonnenstrasse führt durch Kolumbien, Ecuador und Peru; von den Bildern erfahren wir, wo sie aufgenommen worden sind und was sie abbilden. Etwa: María Arcelia Rodríguez, 76 und César Efraín Calderón, 73, im kolumbianischen Chillanquer.
Neben den Landschaftsaufnahmen finden sich meist Auszüge aus Humboldts Reisetagebuch aus den Jahren 1801 und 1802. Zur Besteigung des Chimborazo in Ecuador notiert er: „Man trifft keine Indianerin an der Hauptstrasse, die nicht damit beschäftigt ist, Baumwolle zu säubern oder zu spinnen. Und wie würde sich dieser Industriezweig vermehren, wenn diejenigen, die arbeiten (die Indios) durch den Genuss der Früchte ihrer Arbeit angespornt würden. Aber leider! Sie sind Sklaven, ohne Freiheit, ohne Eigentum und ohne eigenes Werkzeug.“
Die Porträtaufnahmen sind gestellt, die Abgebildeten setzen sich in Szene. Ein freundliches Gesicht machen nur wenige. Hat der Fotograf den Abgebildeten vielleicht Anweisungen gegeben, nicht zu lachen, möglichst ernst dreinzuschauen? Die Sonnenstrasse scheint eine wenig sonnige, sondern recht triste Sache – jedenfalls auf den Fotos von Frank Gaudlitz.
Matthias Flügge erläutert in seinen „Anmerkungen zu den Fotografien von Frank Gaudlitz“, wie diese zustande gekommen sind: „Wie schon zuvor hat Frank Gaudlitz auch hier selbst oder durch Vermittlung von Begleitern Menschen um ihr Bild gebeten. Die, die zustimmen, stellen sich vor die Kamera. Diese baut der Fotograf in einem solchen Abstand von ihnen auf, dass sie die ganze Figur und einen gut erkennbaren Teil des umgebenden Raumes erfasst. Gaudlitz fotografiert in leichter Untersicht vom Stativ und schaut durch einen Schachtsucher von oben in die Spiegelreflex-Kamera. Das heisst, er verbirgt sich nicht hinter seinem Apparat, der Blickkontakt von Fotografiertem und Fotograf bleibt erhalten.“
Und weiter führt Flügge aus: „Frank Gaudlitz gelingt es, ein gegenseitiges Vertrauen herzustellen, dass es den Menschehn ermöglicht, auf den Bildern die zu sein, als die sie sich gerne sähen. Auch wenn uns manches fremd – im Wortsinn eigentümlich – erscheint: Die Empathie des Fotografen überträgt sich auf die Menschen, mit denen er in Beziehung tritt.“
Woher will der Mann das bloss wissen? Sehen kann er das nämlich nicht und zeigen können das die Aufnahmen schon gar nicht. Mit anderen Worten: Menschen, die sich fotografieren lassen, präsentieren sich so, wie sie es wollen – und das kann was ganz anderes sein, als es sich der Fotograf vorgestellt haben mag. Im Falle der hier gezeigten Fotos wundert man sich (genauer: ich wundere mich), dass Menschen so gezeigt werden wollen – wollen sie sich wirklich so sehen? Ich nehme es an und fühle mich davon berührt. Es sind Aufnahmen, die mir von Zutrauen und Hingabe, von Verletzlichkeit, von Menschlichkeit geprägt scheinen: schön, dass es sie gibt.
Frank Gaudlitz
Sonnenstrasse / La Ruta del Sol
Hatje Cantz, Ostfildern 2011

Chuva-de-ouro, Santa Cruz do Sul, 28. Januar 2022
Ich habe nie recht verstanden, was man unter Aufarbeitung der Vergangenheit eigentlich versteht. Und noch weniger, wie eine solche praktisch aussehen sollte. Gedenktage mit Politikerreden, Gesten wie Brandts Kniefall in Warschau habe ich immer als Inszenierungen für die Kameras wahrgenommen. Ich kann sie nicht wirklich ernst nehmen, da ihnen etwas theatralisches anhaftet. Mit anderen Worten: Ich war gespannt, was Brauner Boden mich lehren würde.
Keine Frage, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit tut Not. Natürlich sollen Taten und Täter benannt werden. Und natürlich auch die Täterinnen. Die eigene Schuld gehört anerkannt, eine ernst gemeinte Entschuldigung muss eine Selbstverständlichkeit sein, Wiedergutmachung ebenso. „Dabei geht es nicht allein um Personen, die sich durch eine besondere Regimetreue und aktive Mittäterschaft hervorgetan hätten; vielmehr bedeutet eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte auch, die Spuren der aus der Zeit des Nationalsozialismus stammenden Profite nachzuzeichnen und ihre Auswirkung auf die gesellschaftlichen Strukturen der heutigen Zeit zu erläutern.“
Genau dies leistet dieses Buch, wobei der Fokus auf den oft ignorierten sozialen und wirtschaftlichen Ermöglichern und Profiteuren liegt. Es ist dies ein Ansatz, den man sich öfter wünschen würde, nicht nur im Zusammenhang mit NS-Verbrechen.
Am Beispiel des Familienunternehmens Henkel – beileibe kein Einzelfall – verweisen Zachary und Katharina F. Gallant hauptsächlich auf Arbeiten von Historikern, was naheliegend ist und gleichwohl irritiert, denn die Frage besteht nicht darin, wer und inwiefern zur Zusammenarbeit, Beihilfe und Unterstützung des NS-Regimes und seiner schlimmsten Verbrechen durch das Henkel-Unternehmen beigetragen hat, sondern wie es kommt, dass solche Unternehmen auch heute wieder im Geschäft sind. Eine echte, ernsthafte Konfrontation mit der Vergangenheit, so mein Eindruck, will niemand, auch die damaligen Sieger nicht. Denn dann müsste sich wirklich etwas fundamental verändern … und das erachten die wenigsten für wünschenswert.
Das hindert jedoch Zachary und Katharina F. Gallant nicht, genau dies zu fordern – zu Recht, wie ich finde. „Eine wirkliche Aufarbeitung verlangt eine Analyse des gesamten Systems, das Unrecht und Völkermord ermöglichte. Dieser Prozess ist weder in Unkel noch im übrigen Deutschland ausreichend vorangetrieben worden, solange Unternehmen, die von der Shoah profitiert haben, nicht zur Verantwortung gezogen werden.“
Am Beispiel der Kleinstadt Unkel machen sie deutlich, wie gedankenlos der Mensch durchs Leben geht. Da werden sowohl die Henkel-Familie als auch Willy Brandt geehrt – weniger aus Gründen der Toleranz als aus Denkfaulheit. Aber natürlich auch, weil die Forderungen, die Zachary und Katharina F. Gallant stellen – genaues Hinschauen, Aufrichtigkeit, Verantwortungsübernahme – , ohne Druck, massiven Druck, wohl kaum eine Chance haben, erfüllt zu werden. Moralische Appelle oder vernünftige Argumente werden mit Sicherheit nicht genügen.
Es sind Sätze wie diese, die deutlich machen, dass es mit Gedenktagen und Erinnerungskultur nicht getan ist. „Es wird erinnert und beteuert, die Shoah dürfe sich nicht wiederholen. Doch wird dabei das Judentum oftmals auf den Genozid reduziert. Jüdisches Leben – damals wie heute – kommt dagegen kaum zur Sprache. Zeugnisse jüdischen Lebens und eines Miteinander in Vielfalt schwinden zusehends. Investitionen werden dort getätigt, wo monetäre Gewinne locken, während (historisch) wertvolle Kulturdenkmäler abgerissen werden.“
Brauner Boden erläutert und analysiert den Status quo, anerkennt die Anstrengungen der Institutionen und politisch Verantwortlichen, mahnt jedoch, es nicht dabei zu belassen und macht konkrete Vorschläge, in welche Richtung es gehen sollte. „Deutschland ist einen weiten Weg gegangen im Umgang mit den eigenen Verbrechen der NS-Zeit. Von unseren Mäzeninnen und Mäzenen müssen wir dasselbe erwarten wie von unseren Regierungen.“ Wobei: Auch von den politisch Verantwortlichen erwarten Zachary und Katharina F. Gallant mehr: „Eine authentische Aufarbeitung muss gemeinsam von jüdischen und nicht-jüdischen Menschen durchgeführt werden – wohlgemerkt als Dialog in Andersartigkeit.“
Echte Aufarbeitung ist ein Prozess und bedeutet immer wieder von Neuem zu fragen, wie Auschwitz möglich war und wie es sein kann, dass die Ermöglicher und Profiteure der NS-Zeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Zu fragen und sich mit den Antworten nicht zufrieden zu geben, ist die Grundlage für die dringend nötige Empörung angesichts der nicht enden wollenden Ungerechtigkeiten.
Zachary und Katharina F. Gallant
Brauner Boden
Ein jüdischer Blick auf die deutsche Aufarbeitung der NS-Zeit
Westend, Frankfurt am Main 2022

Tibouchina urvilleana (Princess flower), Santa Cruz do Sul, am 15. Januar 2022
Der Untertitel verrät die Geisteshaltung des Autors: „Das Problem“ sind die Eliten, die über uns herrschen. Ich sehe das entschieden anders: „Das Problem“ sind wir bzw. unsere Gehorsamkeitskultur, unsere Schafsmentalität. Nichtsdestotrotz: Der vorliegende Werkzeugkasten ist überaus nützlich, doch er sollte auf alle Meinungen angewendet werden, nicht nur die gerade herrschenden, sondern auch auf die womöglich demnächst herrschenden. Macht korrumpiert bekanntlich und die Geschichte lehrt, dass die vermeintlichen Idealisten von heute die Diktatoren von morgen sind.
Von der sogenannten journalistischen Unparteilichkeit hält der Autor nichts. Er hat eine Agenda und macht sie auch deutlich. „Aufklärung muss wieder zu einem Kampfbegriff werden – und Recherche zu einer Waffe.“ Er glaubt also an die Macht der Fakten. Meines Erachtens unterschätzt er die menschliche Natur, ich jedenfalls halte uns Menschen für weitestgehend unvernünftig und von Gefühlen dominiert.
Patrik Baab leitet sein Buch mit dem Kapitel „Recherchieren heisst aufklären“ ein. Darin zitiert er bekannte Geistesgrössen wie etwa Kant, Montesquieu, Marx und Engels mit Überlegungen dazu, wie machtpolitische Exzesse zu begrenzen seien. Dabei hat er jedoch ausgelassen, warum der Mensch, jedenfalls gemäss Kant, lieber nicht selber denkt – aus Faulheit und Feigheit.
Recherchieren ist einleuchtend aufgebaut und beginnt mit „Themen finden“. Geht man die Strichlisten in Kästchen durch, mögen einem diese einigermassen banal vorkommen (Augen und Ohren aufsperren, mit Leuten reden, in Subkulturen abtauchen ….), liest man dann aber, was sich der Autor alles für Fragen stellt, merkt man schnell, dass ihm eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Journalisten eignet – die Neugier. Und diese lässt sich trainieren.
Das Ziel der Recherche sei, so Patrik Baab: „Sachverhalte detailliert darstellen, den Geschehensverlauf dokumentieren, die Beteiligten und ihre Verantwortung nennen. Ursachen und Folgen skizzieren und die Bedeutung des Geschehens für die Zielgruppe erklären.“ Dafür braucht man natürlich Quellen, also Informanten einerseits und Archive andererseits. Für Zeitgenossen, die sich konventionell informieren wollen (Journalisten haben ja den Anspruch, zu beschreiben, was ist, denken in Ursache und Wirkung – als ob die Welt der menschlichen Logik gehorchen würde!), gibt es verblüffend viele Möglichkeiten an Informationen zu kommen und Recherchieren zeigt sie auf.
Recherchieren ist kein trockenes Lehrbuch. Der Autor führt aussagekräftige Beispiele an (etwa Egon Erwin Kischs Schilderung der Ermordung von Rosa Luxemburg oder die Geschichte des Whistleblowers Chelsea Manning), ist witzig (des Journalisten Hauptquelle ist die Kantine) und zitiert ausführlich Kollegen, die sich einschlägige Gedanken gemacht haben. Dabei fällt auf, dass er die Kollegen referiert und nicht kritisch hinterfragt. Wenn etwa David Crawford zehn Grundregeln für den Umgang mit Quellen nennt und unter anderem rät, „keine Fragen zu stellen, wenn man mit einem ‚Nein‘ als Antwort rechnet, denn es sei sehr schwer, ein ‚Nein‘ wieder in ein ‚Ja‘ zu verwandeln“, ist das mehr als fragwürdig.
Auch wenn ich, im Gegensatz zu Patrik Baab, das Storytelling mehr als nur problematisch finde, so schätze und geniesse ich aber eben auch eine gut erzählte Geschichte. Etwa die über Rupert Murdoch und das Abhören, in der Andreas Wittam Smith eine spannende Aufklärungsrolle spielt. Oder Seymour Hershs Chicagoer Nicht-Publikationsgeschichte – dass bei dieser eine Publikationsstrategie zum Erfolg geführt hätte, wage ich zu bezweifeln.
„Diese Publikation richtet sich nicht nur an Journalistinnen und Journalisten, Blogger und Internet-Aktivisten, sondern auch an Menschen, die politischen Lügen nicht auf den Leim gehen wollen.“ Und auch diejenigen sind damit gut bedient, die etwa wissen wollen, wie man sich im Internet schützt. Ein Beispiel: „Google als Suchmaschine vermeiden. Die Suchmaschinen DuckDuckGo und Quant verfolgen nicht nach. TOR und Firefox zum privaten Surfen benutzen.“
Recherchieren informiert umfassend, ist gut geschrieben und höchst lehrreich.
Patrik Baab
Recherchieren
Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung
Westend, Frankfurt am Main 2022

Ixora coccinea (West Indian jasmine), Santa Cruz do Sul, am 26. Januar 2022
Die Amerikanerin Elizabeth «Lee» Miller (1907–1977) wurde ab 1927 als Model von Edward Steichen und als Muse des Surrealisten Man Ray bekannt. Doch bald, sie lernte viel über Lichttechnik von George Hoyningen-Huene, machte sie sich selbst einen Namen als Porträt-, Mode- und Kriegsfotografin: Ihre Bilddokumente von der Invasion der Alliierten oder der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau gingen um die Welt, setzten ihr psychisch jedoch sehr zu; ab 1947 zog sie sich vom Bildjournalismus zurück. Der nun vorliegende, reich illustrierte Band berichtet von Millers Tätigkeit als Model und als Modefotografin 1920 bis 1950.
Jedes Leben ist von Zufällen bestimmt. Im Falle der 19-jährigen Lee Miller hiess der Zufall Condé Nast, in dessen Arme sie in der Nähe der 5th Avenue stolperte, um einem Auto, das direkt auf sie zufuhr, auszuweichen. Der bekannte Verleger lud sie ein, ihn im Verlag zu besuchen und so wurde sie Mannequin. Einer Freundin gegenüber sagte sie über Condé Nast, er sei „ein harmloser alter Bock“, den man jedoch auf Abstand halten sollte.
Lee Miller wurde eines der Lieblingsmodelle von Edward Steichen, „Nasts Cheffotografen und dem mit Abstand reichsten Künstler Amerikas. Neben seinem Jahresgehalt von 35 000 Dollar von Vogue und Vanity Fair verdiente er zusätzlich 20 000 Dollar als Art Director der Werbeagentur J. Walter Thompson (was einem heutigen Jahreseinkommen von etwa 7 Millionen Dollar entspricht).“
Kein Leben ist einfach. Doch manchen Menschen widerfahren Dinge, von denen andere glücklicherweise verschont bleiben. Lee Miller wurde im Alter von sieben vergewaltigt und mit einer Geschlechtskrankheit infiziert. Auch machte ihr Vater obsessive, zudringliche Nacktaufnahmen von der Kleinen. Dies scheint „Miller in die Lage versetzt zu haben, schon geringste eigene Gedanken und Gefühle auszuschalten, wenn sie Modell stand“ und so zeigen denn auch die Bilder, für die sie Modell stand, „eine bezaubernde Entrücktheit“, jedenfalls sieht das ihre Biografin so.
Becky Conekin hatte auch Zugang zu bislang unbekannten Kontaktabzügen und Negativen, die, so schreibt sie, in der Modefotografie häufig die aufschlussreichsten seien: „In diesen unveröffentlichten Werken schimmert selbst in den gestellten Studioaufnahmen vor allem Millers wunderbarer Sinn für Humor durch. Verrückte Requisiten, die sie im Keller der Vogue-Studios aufgestöbert oder etwa auf dem Weg zur Arbeit bei Woolworths billig eingekauft hatte, belustigten sie ganz offensichtlich und weckten Erinnerungen an sorglose Tage am Strand.“
Man findet viele gute Aufnahmen in diesem Werk, sei es von Lee Miller als Modell (unter anderem von George Hoyningen-Huene), sei es von Lee Miller als Fotografin. Ob sie wirklich zu den wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gehört, wie Becky Conekin im Vorwort behauptet, ist schwer zu sagen, nicht zuletzt, weil man nicht so recht weiss, wie denn das überhaupt gemessen werden könnte. Wie auch immer: die Beschäftigung mit dieser informativen Biografie lohnt allemal. Auch weil man sich dabei trefflich mit spezifisch fotografischen Fragestellungen auseinandersetzen kann: Etwa: Ist Bildbearbeitung wirklich, wie die Fotokritikerin Vicki Goldberg argumentiert, „zwangsläufig Bestandteil“ des Handwerks? Oder: Hat Man Ray recht, wenn er behauptet, Fotografie sei keine Kunst, sondern eine Form des Malens mit Licht? Und: Weshalb sollte das Malen mit Licht keine Kunst sein können?
PS: Im Juli 1945 veranstaltete die britische Vogue ein Galadiner zu Ehren Millers. In seiner Laudatio sagte Harry Yoxall: „Lees Arbeit … verkörpert die Quintessenz dessen, was wir während der letzten fünf Jahre mit Vogue erreichen wollten: eine Welt im Kriegszustand abbilden und unsere Leserinnen dazu ermutigen, ihre Rolle darin einzunehmen und sich nicht von Tod und Zerstörung unterkriegen zu lassen, sondern zu erkennen, dass dies nicht alles ist, dass Geschmack und Schönheit bleibende Werte darstellen.“ Und genau dies kann man in den in diesem Buch versammelten Modeaufnahmen erkennen.
Becky E. Conekin
Lee Miller
Fotografin, Muse, Model
Scheidegger & Spiess, Zürich 2013

Camarão amarelo, Santa Cruz do Sul, 20. Januar 2022
Paris war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Magnet für Künstler und Künstlerinnen. Damals „kursierte die allgemeine Meinung, ein Foto sei lediglich eine Kopie der Wirklichkeit, dass lediglich gescheiterte Maler aus der Not eine Tugend machten und sich der Fotografie zuwandten und deshalb bestenfalls Kopisten seien, also bei weitem keine Künstler. Diese Meinung sollte sich hartnäckig halten …“ schreibt Unda Hörner in „Scharfsichtige Frauen“ (übrigens: ein ganz wunderbarer Titel). Und sie hält sich weitestgehend auch heute noch, möchte man da sofort hinzufügen.
Zu jener Zeit war die fotografische Ausbildung „im Grossen und Ganzen informell und das Medium immer noch so jung, dass es so gut wie keine Vorbilder gab; gerade die relative Unabhängigkeit von Normen führte zu einem so breiten Ausdrucksspektrum in der Fotografie der zwanziger und dreissiger Jahre.“
So weit so gut und einleuchtend, doch dann versteigt sich Frau Hörner zu einer, milde gesagt, etwas gewagten Gedanken-Konstruktion: „Weil sich die Fotografie als technisch progressives Medium und als Medium der Avantgarde auf einem terrain vague bewegte, war die öffentliche Rolle, die sie spielen konnte, ebenso undefiniert und wenig ausgeschöpft wie die Rolle der Frauen in der Öffentlichkeit. Frau und Foto, das war eine ideale Paarung, die im Paris der künstlerischen Neuerungen einen äusserst fruchtbaren Nährboden fand. Neue Frau und junges Medium traten im Gleichschritt ihren Weg in die Zukunft an. Die Neue Frau hatte auch ein neues Ausdrucksmittel gefunden, das sich im ‚Neuen Sehen‘ bzw. der Nouvelle Vision niederschlug, wie die ästhetische Richtung bald hiess, die sowohl inhaltlich als auch formal eine ganz neue Art der Wirklichkeitswahrnehmung dokumentierte.“
Nun ja, nicht nur die „Neue Frau“ (Was auch immer das sein mag. Und überhaupt: so viele Frauen waren es nun auch wieder nicht) hatte ein neues Ausdrucksmittel gefunden, sondern auch der (alte?) Mann, der sich mit der Kamera und dessen Möglichkeiten auseinandersetzte. Sicher, das Thema dieses Buches sind fotografierende Frauen, die übrigens fast alle dem gehobenen, nicht selten jüdischen Bürgertum, entstammten, doch die nicht besonders hilfreiche Aufteilung in Fotografinnen und Fotografen kann man auch überstrapazieren – blühen uns nächstens Bände, in denen ausschliesslich Männer, die bemerkenswerte Aufnahmen gemacht haben, porträtiert werden?
Den in diesem Band versammelten Frauen – Berenice Abbott, Lee Miller, Florence Henri, Ré Soupault, Ilse Bing, Marianne Breslauer, Germaine Krull, Gisèle Freund, Claude Cahun, Dora Maar – sind eindrückliche Fotografien gelungen. Ein Teil davon findet sich in diesem Buch und schon allein deswegen sei es empfohlen. Doch auch die Lektüre lohnt: einmal, weil die Autorin viel Wissenswertes zusammengetragen hat; dann aber auch, weil sie spannend zu erzählen versteht („Als Berenice Abbott die Vereinigten Staaten 1921 verließ, war sie eine junge Frau ohne bestimmtes Ziel, ohne Illusionen und ohne ein spezielles Interesse an Fotografie.“) und nicht zuletzt, weil die Faszination, welche die Fotografie auf die hier porträtierten Frauen ausübte (und den Preis, den es dafür zu zahlen galt), sehr gut vermittelt wird. So wird etwa Ilse Bing mit dem Satz zitiert: „Und ein ‚Fräulein Doktor‘, das war etwas, zu dem man aufsah. Und dass ich das aufgab für die Fotografie – alle Leute haben mich fallengelassen. Und meine beste Freundin hat zu mir gesagt: ‚Ich habe keinen Respekt mehr vor dir!'“
Unda Hörner
Scharfsichtige Frauen
Fotografinnen der 20er und 30er Jahre in Paris
Edition Ebersbach, Berlin 2010