Bonnie Kistler: Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer

Dass es auf den ersten Satz ankomme, behaupten viele, die sich intensiv mit Büchern beschäftigen. Im Falle dieses Thrillers ist man froh, dass er kein Indiz für das Nachfolgende ist: „Da war es, das Gefühl, der Rausch, der Nervenkitzel, die freudige Erregung, die wie flüssiges Gold durch die Adern flossen.“ Das ist entschieden suboptimal für meinen Geschmack, da mir die Vorstellung von flüssigem Gold in meinen Adern nicht nur wenig behagt, sondern geradezu absurd vorkommt. Gut also, dass es nicht so weitergeht, sondern eine packende Geschichte erzählt wird, in deren Mittelpunkt die Anwältin Kelly McCann steht, die seit zehn Jahren Männer verteidigt, denen Sexualdelikte vorgeworfen wurden. Eine höchst ungewöhnliche Ausgangslage.

Kelly ist mit dem 20 Jahre älteren Adam, ebenfalls Anwalt, verheiratet, sie haben zwei Kinder. Seit einem Schlaganfall ist Adam ans Bett gefesselt und zu einem Pflegefall geworden. Sehr schön schildert Bonnie Kistler, wie sich die beiden kennenlernten. „Sie scherzten, dass ihre Ehe eine Mischehe sei. Alle nahmen an, dass sie sich auf ihre verschiedene Religionszugehörigkeit bezogen – jüdisch und katholisch – dabei bestand wirklich kein grosser Unterschied zwischen einem säkularen Juden und einer nicht praktizierenden Katholikin.“

Kelly hatte früh begriffen, dass sie nicht besonders talentiert und eine Durchschnittsanwältin war. Was sie jedoch von vielen unterschied, war ihr Drang, sich mit anderen zu messen. Der Wettkampf war ihr Ding, die Lust zu siegen ihr dominierender Charakterzug. Wunderbar treffend beschreibt Autorin Bonnie Kistler, eine ehemalige Prozessanwältin aus Philadelphia, dass es im Kapitalismus einzig aufs Gewinnen ankommt. Und eindrücklich zeigt sie auf, wie rücksichtslos es da, wo man um Geld ringt, wie etwa in der Juristerei, zu und her geht.

Dann wird Kelly, die Verteidigerin von Vergewaltigern, selber vergewaltigt. Von einem ihrer Klienten, einem Doktor der Medizin/Bakteriologie/Virologie, George Benedict, der davon ausgeht, dass sie nicht gegen ihn vorgehen wird, da sie sonst ihr ganzes Berufsleben diskreditiert. Als Kelly nach Hause kommt, tut sie all das nicht, was jede vergewaltigte Frau tun sollte: Beweise sichern. Als Anwältin weiss sie, dass vor Gericht nicht die Wirklichkeit verhandelt wird, sondern nur das, was gemäss der Ursache-/Wirkungslogik belegt bzw. bewiesen werden kann. Doch jetzt ist sie Opfer, der Verstand wird ausgeschaltet, die Emotionen übernehmen, das Nicht-Wahrhaben-Wollen setzt ein.

George Benedict hat Zugang zu allen ihren elektronischen Vernetzungen gefunden, weiss also vollständig über sie Bescheid – ihr Privatleben, ihre Bankkonten, ihren Schriftverkehr mit Klienten. Sie ist voller Hass auf ihn – und damit hoch motiviert, sich zu rächen, ihren Peiniger zu vernichten. Das ist packend und überzeugend geschildert; was des Peinigers Motivation gewesen ist, sie zu demütigen, hat sich mir allerdings nicht wirklich erschlossen.

Dr. Benedict, glaubt man den Pressemeldungen, ist gerade dabei, ein Medikament gegen Alzheimer zu entwickeln, und Kelly fragt sich nun, ob ihre Rache möglicherweise verhindern könnte, dass Alzheimer-Patienten ein lebensrettendes Medikament vorenthalten werden. Das ist wenig überzeugend, und wird dann auch schnell verworfen.

Kelly schart drei von Benedict vergewaltigte Frauen um sich. „Sie waren vier Frauen aus völlig verschiedenen Lebensbereichen: eine Anwältin, eine Mikrobiologin, eine IT-Spezialistin und eine Reinigungskraft. Sie hatten absolut nichts gemeinsam, ausser den Übergriffen und dem Schweigegeld, und eine der Grundregeln für das Wochenende erklärte diese beiden Themen zum Tabu.“ Dann taucht plötzlich Courtney auf, Adams Tochter aus erster Ehe, die gerade ihr Anwaltsexamen gemacht hat und nun verlangt, dass …. doch mehr soll nicht verraten werden …

Die Autorin Bonnie Kistler schafft es ausgezeichnet, die Spannung immer wieder von Neuem zu steigern, wobei die beruflich erfolgreiche Kelly erstaunlich unbedarft agiert, sobald es um ihre persönlichen Angelegenheiten geht. Genau so ist es übrigens auch im richtigen Leben: Sobald wir persönlich betroffen sind, setzt die Vernunft aus.

Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer ist nicht nur spannend erzählt, sondern setzt sich auch mit der Problematik des Anwaltsberufs auseinander. Eine Anwältin Vergewaltiger verteidigen zu lassen, wirft einen ganzen Haufen Fragen auf, darunter auch diese: Sollen Vergewaltiger überhaupt verteidigt werden? Juristen werden selbstverständlich die Unschuldsvermutung anführen. Nur eben: Diese begründet hauptsächlich das juristische Geldverdienen, schliesslich sind die Meinungen längst vor der Urteilsverkündung gemacht. Kelly weiss, dass ihr Mandant die ihm vorgeworfene Tat begangen hat. Dass sie dann selber zum Opfer wird, ist ihrer Gewinnsucht geschuldet, doch auch ihre Rache ist in ihrer Gewinnsucht begründet. Sehr schön demonstriert Bonnie Kistler, dass wir nicht nur zum Opfer unserer Veranlagung werden können, sondern dass diese auch das Potential hat, uns zu befreien.

Fazit: Ein Thriller voller thrills! Rasant, fesselnd, vielschichtig, mit vielen unerwarteten Wendungen.

Bonnie Kistler
Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer
Thriller
Knaur Verlag, München 2024

Willi Winkler: Kissinger & Unseld

Während meiner Gymnasialzeit wunderte ich mich gelegentlich, was eigentlich berühmte Fussballer (nichts imponierte mir damals mehr) und berühmte Politiker (nichts interessierte mich damals weniger), die regelmässig zusammen auf Pressefotos zu sehen waren, gemeinsam hatten. Den Erfolg natürlich, stellte ich mit einiger Ernüchterung fest. Heutzutage sehe ich das zwar im wesentlichen immer noch so, doch mein einstiges, recht eindimensionales Weltbild hat in der Zwischenzeit ein paar (wenige) Korrekturen erfahren. Mit Kissinger & Unseld zeigt mir Willi Winkler eindrücklich, dass auch Machthungrige um einiges komplexer sind, als ich mir das vorgestellt habe. Zudem: Mir ist weder Kissinger noch Unseld sympathisch, was möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass ich kaum etwas von den beiden weiss. Dass ich am Ende meiner Lektüre viel mehr über sie weiss, hat mir die beiden jedoch nicht sympathischer gemacht.

Kissinger & Unseld ist vielfältige Aufklärung über ganz Unterschiedliches. Jedenfalls ist bei mir ganz Unterschiedliches hängengeblieben. Der aussergewöhnliche Überlebenswille von Unseld etwa, der von neun Uhr abends bis um fünf in der Früh um sein Leben schwamm. Oder dass Kissinger behauptete, die politische Verfolgung in seiner Kindheit habe keineswegs sein Leben bestimmt (andere, ihm Nahestehende, sahen das entschieden anders). Oder dass der Nationalsozialismus auch ein Angebot war, sich vom Elternhaus freizumachen. Oder dass der Autor Willi Winkler aus einem Roman von Ulla Berkéwicz, Unselds zweiter Frau, zitiert als ob es sich um die Biographie des jungen Unseld handeln würde (was sehr plausibel ist).

Kissinger und Unseld lernen sich 1955 kennen, in Harvard, wo Kissinger Seminare organisiert, die er „als geistige Widerstandsarbeit gegen den Kommunismus“ versteht und deren Teilnehmer, jedenfalls einige von ihnen, sich später in der internationalen Politik profilieren sollten. Diese Seminare wurden von der Ford Foundation (hinter der die CIA steckte) finanziert, und von Kissinger zur Etablierung eines Netzwerkes benutzt; ein solches ist unabdingbar für gesellschaftlichen Erfolg. Auch Unseld besitzt dieses Faible fürs Netzwerken. Laut Willi Winkler verbindet die beiden auch die Vorstellung von Literatur, die sowohl ein künstlerisches als auch ein moralisches Ziel habe. „Die zerfallende Wirklichkeit unserer Zeit muss in einen individuellen Kosmos überführt werden.“ Eine andere Gemeinsamkeit ist ihr übergrosses Ego sowie ihr unstillbares Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Und dann ist da noch die Umtriebigkeit der beiden, die einen sich wundern lässt, dass sie überhaupt noch Zeit zum Nachdenken, geschweige denn zum Bücherlesen und -schreiben finden.

Prominent wurde Kissinger mit einem Buch über Nuklearrüstung (von der er gemäss eigenen Angaben „praktisch keine Ahnung hatte“.), worin er einen begrenzten Atomschlag befürwortet. Absurder geht kaum, denn sofern die derart angegriffene Macht über Kernwaffen verfügt, liegt es auf der Hand, dass sie diese auch einsetzen wird. Den amerikanischen Irrwitz gab es also bereits vor dem Florida-Golfer.

Was mich ganz besonders für dieses Werk einnimmt, sind die vielen Geschichten. Etwa die von Gregory Corso, der zur Beat Generation gehörte, und sich in Harvard Zugang zu Vorlesungen über griechische Mythologie erschlich. Oder dass Frischs „Stiller“ und insbesondere die Amerika Passagen (die Kissinger „albern“ findet, doch das Buch hat ihn beeindruckt) mit Unterstützung der Rockefeller-Stiftung entstanden sind. Oder dass Ingeborg Bachmann eines von den Kissinger-Girls gewesen ist. Oder die überaus vielfältigen Informationen zu Uwe Johnsons „Jahrestage“.

Kissinger & Unseld ist nicht nur spannend und höchst aufschlussreich, es ist darüber hinaus auf eine Art und Weise anregend, die selten ist. So wandelt sich etwa mein Bild von Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Martin Walser, Max Frisch und Gunnar Myrdal, bin ich verblüfft, dass die Tagung der Gruppe 47 in Princeton von der CIA finanziert wurde, sehe ich den Suhrkamp Verlag mit ganz neuen Augen. Und dann gibt es da noch diese Sätze, die mich geradezu begeistern, so treffend sind sie formuliert. „Unseld war ein Werbe- und Verkaufsgenie, aber dass er über besondere Manieren verfügt hätte, ist nicht überliefert.“ Ein Satz, der nicht nur Unseld, sondern auch unsere Zeit charakterisiert.

Kissinger & Unseld ist auch eine Zeitreise durch die Debatten über Vietnam. Dabei lernt man unter anderem, dass nicht wenige der aufgeführten Schriftsteller von der eigenen Bedeutung ziemlich besoffen waren. Sehr schön hat das Helmut Salzinger in Bezug auf Peter Weiss beschrieben, dem er „ein nicht zu unterdrückendes Bedürfnis, sich zu etwas zu bekennen“ attestierte.

Oft machte mich die Lektüre schmunzeln, denn der Autor bringt seine Haltung wunderbar beiläufig auf den Punkt. Etwa wenn er die Reaktion der FAZ auf den Vietnamkrieg, den die meisten Intellektuellen verurteilten, so zusammenfasst. „Die FAZ verzichtet auf den gewohnten Eiertanz und sagt lieber gar nichts zum Protest der offenbar linken Intelligenz.“ Oder wenn er Kissingers Charakter erläutert. „Weil er so entschlossen die Teilhabe an der Macht anstrebt, vielleicht auch weil es ihn nach der heroischen Tat dürstet, steht er fast von Anfang an auf der falschen Seite.“ Und: „Er denkt wie Bismarck in grossen Linien, flexibel und amoralisch, mit kaltem Blick auf die Kräfteverhältnisse.“

Fazit: Spannend, unterhaltsam, reich an Pointen. Eine glänzend geschriebene Geschichte des intellektuellen Klimas Deutschlands und Amerikas im zwanzigsten Jahrhunderts.

Willi Winkler
Kissinger & Unseld
Die Freundschaft zweier Überlebender
Rowohlt Berlin 2024

Sylvia Geist: Weisses Wasser

Kanada, auf dem Land. Die kleine Mathilda ist verschwunden. Suchtrupps sind unterwegs, doch wie lange kann ein Kind alleine überleben? Die Einschätzungen liegen naturgemäss ziemlich auseinander, wie das bei Menschen eben so ist. Sensibel und differenziert beschreibt die Autorin Sylvia Geist die unterschiedlichen Charaktere dieses Romans, gelegentlich allerdings mit einer Logik sowie weit hergeholten Vergleichen, die sich mir weder aufdrängen noch erschliessen. „Sie konnte nicht zuhören, wenn sie aufgeregt war, das musste ein Defekt sein, eine physiologische Anomalie, die dafür sorgte, dass ihre Eustachischen Röhren auf Stress wie bei der Landung eines Düsenjets reagierten.“ Ein ziemlich gesuchter und überaus eigenartiger Vergleich. Zudem: Kein Mensch kann gut zuhören, wenn er aufgeregt ist.

Haben die Spirit-Farmer, die ihre eigenen Kinder selber unterrichteten, mit dem Verschwinden der 11Jährigen zu tun? Oder etwa Karens Vater Robert, der angeblich mit ihr nackt schwimmen gegangen war?

Es ist ziemlich mühsam, in diesen Roman hineinzukommen, da einem nicht erklärt wird, mit wem man es zu tun hat. Wer ist Hendryk, wer ist Lester, wer ist Aidan? Wer Hardy und Sonia? Sicher, man kommt im Verlauf der Geschichte schon drauf, trotzdem finde ich diesen Einstieg wenig gelungen. Auch wundere ich mich über den Mann vom Deutschlandfunk, der laut Verlagsinformation meinte, dieser Roman würde der Autorin das Lob eines T. C. Boyle eintragen. Also von „meinem“ T. C. Boyle kann ich mir das nicht vorstellen

Robert ist ein Deutscher, der im Alter von siebzehn nach Kanada ausgewandert war, und nach 25 Jahren Funkstille seine Tochter Karen in der Kleinstadt Boyard besucht. Einfühlsam und witzig schildert Sylvia Geist das Verhältnis der beiden, das von Irritationen geprägt ist. „Dass es jemandem gab, der ihren Vater mit Rob ansprach, war schlechterdings bizarr. Rob, wie der Held irgendeiner Krimiserie aus den 90ern, geradezu irre fand sie das.“ Dass Kinder eine halbwegs realistische Vorstellung ihrer Eltern haben könnten (und umgekehrt), lädt zum Schmunzeln ein..

Weisses Wasser ist ein subtiler, aufmerksamer, genau beobachteter Roman, allerdings mit ziemlich schiefen Sätzen durchsetzt. „Hendryk kämpfte den Drang nieder, den anderen mit einer schlichten Geraden zwischen die Zähne ins Aus zu schicken, und brachte sich wieder auf einen Abstand zu Lesters Gesicht, den dieser normal finden konnte.“ Für mich ist das (eine schlichte Gerade, ins Aus schicken) eine ziemlich gewöhnungsbedürftige Ausdrucksweise, weit entfernt vom richtigen Leben. Nun ja, wieso auch nicht, ein Roman ist ja auch etwas anderes als das richtige Leben.

Dann wird der Protest gegen eine Pipeline organisiert, ob Öl oder Gas hat sich mir nicht erschlossen („… wenn so ein Rohr mal ein bisschen leckte, wenn das Gas austrat oder gar das Öl aus Waltera …“), sehr schön werden jedoch die unterschiedlichen Vorstellungen, die an der Versammlung zu Tage treten, geschildert. Und ausgesprochen smart, ja einen eigentlichen Augenöffner, fand ich die Feststellung. „Ein Bild wie aus einem Film. Ein Werbespot, in dem man die Darsteller wiedererkennt, obwohl man sie noch nie gesehen hat, genauso austauschbar.“

Karen betreibt den Nature Store, dem anfangs niemand eine Chance gab, der sich mittlerweile jedoch etabliert hat. Ihr Sohn Jay ist dabei, sich abzunabeln und findet Unterschlupf auf der vom ehemaligen Börsenmakler Aidan geleiteten Spirit Farm. Dieser Aidan geht Karen auf die Nerven. „Wie konnte ich das vergessen – Sie sind ja auf der sicheren Seite. Mit Gott im Bunde und im Einklang mit der Natur. Sie wissen so genau, wie man richtig isst, richtig betet, richtig lebt. Ja, lächeln Sie ruhig. Sie halten sich für tolerant, weil Sie ein paar Namen mehr für den lieben Gott benutzen als Ihre Kollegen von der Episkopalkirche, aber so anders als die sind Sie gar nicht. Vielleicht schaffen Sie es und verlängern ein paar Bäumen das Leben um ein oder zwei Tage, kann schon sein. Ich sag nicht, dass das falsch ist oder nicht wichtig. Ich sage, Sie gefährden damit Menschenleben. Aber das ist Ihnen klar oder?“ Wunderbar, diese Tirade gegen die Arroganz der ökologisch Beseelten.

Weisses Wasser erzählt eine vielfältig verwickelte Geschichte, die sich wesentlich dadurch auszeichnet, dass sie die Komplexität der verschiedenen Lebensläufe nicht auf Verständliches und Eindeutiges herunterzubrechen versucht, sondern in Worte zu fassen versteht. Und so gelungen ich dies auch zumeist erlebte, so gab es da auch immer wieder Passagen, die mich ziemlich ratlos zurückliessen. Etwa diese Charakterisierung des Business School Absolventen Aidan. „Ein von seiner monströs glänzenden Bedürftigkeit Zermürbter und zwischen den Zeiten Verirrter, der am Hongkonger Vormittag den Anzug kaufte, den er morgens in seinen Friscoer Mülleimer stopfte, und vor dessen Augen die Kontostände seiner Kunden so liquid geworden waren, dass sie zu einer nicht länger zu kontrollierenden Riesensumme zusammenliefen, lähmend wie die Achselhöhlen, Brüste, Bäuche der Frauen, die ihn aus Gründen, die ihn so sehr interessierten wie der Wetterbericht vom Amazonas, zwischen ihre einwandfrei enthaarten Beine liessen, während der Gedanke an die vollen, rosig und fest geschlossenen Lippen unter den gerade jetzt nicht greifbaren Röcken ihn bereits in neue Wut versetzte.“

Sylvia Geist
Weisses Wasser
Roman
Edition Rugerup, Berlin 2024

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg

Wer nicht selber vor Ort ist, kann sich Krieg wohl nicht wirklich vorstellen. Und auch die vor Ort erleben ihn unterschiedlich. Das Bild, das der Schriftsteller Andrej Kurkow vermittelt, macht einen auf Aspekte aufmerksam, von der die Tagesschau, die in der Regel offizielle Verlautbarungen weiterverbreitet, nicht berichtet. Etwa, dass sich Mönche aus dem Höhlenkloster Lawra Petschersk sowie Theologiestudenten der Seminare und Fakultäten des Moskauer Patriarchats in den Warteschlangeschlangen vor dem Blutspendezentrum des zentralen Kinderkrankenhauses in Kyjjw eingereiht hatten. Oder dass den Anordnungen der Behörden nur teilweise Folge geleistet wird.

Die hier vorliegenden Tagebucheinträge reichen vom 1. August 2022 bis zum 22. April 2024. Die Mehrheit der Russen befürworten den Krieg gegen die Ukraine, so Kurkow, der auch davon berichtet, dass es in Odesa zwar keinen Fisch auf dem Markt, dafür Touristen und auch russische Spione gibt. Er schildert eine Normalität, die einem eigenartig exotisch vorkommt.

Es ist ein Merkmal der Medien, dass sie um Aufmerksamkeit buhlen, weshalb wir denn auch meist möglichst dramatische Bilder von eingestürzten Häusern, Bombenabwürfen etc. zu sehen kriegen. Andrej Kurkow zeigt uns ein anderes Kriegsland, in dem Einzelschicksale wie auch die Auswüchse der Bürokratie geschildert werden, wenn etwa die Ehefrau einen anderen Pass besitzt als der Ehemann.

Das in einem Krieg die Ordnung zusammenbricht, davon hat man gehört. Dass davon auch Haustiere betroffen sind, daran mag man zwar gelegentlich denken, weniger hingegen an Bienen, die auch ihre Heimat verlieren. Wie ein Bienenvolk nach einer Fahrt über 700 Kilometer in einer Munitionskiste ihren neuen Bienenstock fand, auch davon erzählt dieses Buch.

Natürlich ist auch die Wirtschaft vom Krieg betroffen. Preise gehen in die Höhe, einige Waren sind nicht mehr erhältlich, die Chinesen kaufen Betriebe auf – was die Ukrainer begrüssen. „Sie meinen, wenn Chinesen bereit sind, ukrainische Unternehmen zu kaufen, dann wird der Krieg bald vorüber sein oder er wird sich zumindest nicht bis in die westlichen Regionen des Landes ausbreiten. Chinesen haben in der Ukraine immer noch den Ruf, besonnene Menschen zu sein, die kein Risiko eingehen.“ Dies schrieb Andrej Kurkow am 27. September 2022.

190 Kilometer südlich von Kyjiw liegt die Stadt Uman, wo chassidische Juden sich treffen, um das jüdische Neujahrsfest zu feiern. Die ukrainischen und israelischen Behörden wollten die Veranstaltung des Krieges wegen absagen. „Als Reaktion auf die Gefahrenmeldungen konterten die Vertreter der Chassidim, dass das Leben in Israel ständig vom Terrorismus bedroht sei, weshalb sie keinen Grund sehen, aufgrund des Krieges in der Ukraine mit ihren Traditionen zu brechen.“ Im täglichen Krieg ist ein Buch voller Überraschungen!

In den Teilen der Ukraine, die nicht direkt vom Krieg betroffen sind. geht das Leben weiter wie bisher. So gehen etwa während der Pilzsaison in Transkarpatien (das an Ungarn, Polen, Rumänien und die Slowakei grenzt) Zehntausende auf die Suche nach Steinpilzen, wobei auch immer Dutzende durch den Verzehr ungeniessbarer Pilze Vergiftungen erleiden.

Was in einem Krieg zuerst auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit, heisst es bekanntlich. Ganz so, als ob in Friedenszeiten die Wahrheit regieren würde! Nichtsdestotrotz sind Informationen während eines Krieges nicht zu vergleichen mit Informationen in Friedenszeiten. „Uns Ukrainern ist aber schon klar, dass man während eines Krieges keiner Meldung uneingeschränkt trauen kann.“

Im täglichen Krieg ist auch ein Buch, das verstehen hilft, wie die Russen, die übrigens die Hamas unterstützen, ticken. „Russland ohne Stolz wäre unvorstellbar.“ Das zeigt sich auch bei den Schulbüchern, wo selbst auf den Buchtiteln der Mathematikbücher Bilder russischer Volkshelden prangten. Russische Desinformationskampagnen, die der künftige amerikanische Präsident noch nie als „Fake News“ bezeichnet hat, sind nicht nur legendär, sondern geschehen täglich. Umso unverständlicher verhalten sich die internationalen Medien, die den russischen Lügen eine Plattform bieten, indem sie sich an journalistische Grundsätze halten (man muss unparteiisch sein und alle Seiten zu Wort kommen lassen), die sich längst überlebt haben, was konservative Medienleute wie etwa Tucker Carlson, der nach Moskau fuhr, um Putins Hofsänger zu geben, schon längst begriffen haben.

Kann man sich, habe ich mich bei der Lektüre immer mal wieder gefragt, den Krieg vorstellen, wenn man über ihn liest? Ich kann es nicht, trotzdem ist es nützlich, geschildert zu kriegen, was ein Bomben- oder Drohnenangriff alles zur Folge haben kann, das zu unspektakulär ist, um von den Medien aufgegriffen zu werden, obwohl es massive Auswirkungen auf die Bevölkerung hat: Zerborstene Scheiben, Löcher im Dach, beschädigte Gas- und Wasserleitungen etc. etc.. Sich dies vor Augen zu halten, ist deswegen nützlich, weil wir so zumindest das Leid der Angegriffenen so in etwa nachempfinden können. Im täglichen Krieg ist nicht zuletzt ein berührender Text gegen die Gleichgültigkeit, gegen das Vergessen.

Im täglichen Krieg ist den Soldatinnen und Soldaten der ukrainischen Armee gewidmet, setzt aber auch dem heroischen ukrainischen Volk ein Denkmal, das sich der äusserst brutalen russischen Aggression nicht durch Flucht entzieht, sondern Widerstand leistet.

Andrej Kurkow
Im täglichen Krieg
Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2924

Kotaro Isaka: Der Profi

Kabuto ist Auftragskiller, seit zwanzig Jahren; seine Aufträge kriegt er von einem Arzt. Ausgeschlossen ist sowas zwar nicht, doch ein besonders realitätsnahes Szenario ist es nicht gerade. Mit anderen Worten: Thriller dienen der Weltflucht. Und manchmal, wie in diesem Falle, lehren sie einen auch etwas über das richtige Leben.

Kabuto hat Frau und Sohn und will so recht eigentlich aus seinem Auftragskillerjob aussteigen, doch der Arzt, sein Auftraggeber, stellt sich ihm in den Weg. Warum er aussteigen will, ist nicht wirklich klar, doch auch ethische Bedenken – nach zwanzig Jahren! – scheinen eine Rolle zu spielen, Das Verhältnis zu seiner Frau ist angespannt; Kabuto gibt sich ständig Mühe, ihr keine Angriffsfläche zu bieten – er ist ausgesprochen konfliktscheu.

Sein Doppelleben ist anstrengend, auch wähnt er sich oft in Gefahr, sieht Anzeichen dafür auch wenn es gar keine sind. Ahnt seine Frau etwas von seinem Zweitjob, versucht sie, ihm eine Falle zustellen? So recht eigentlich lebt Kabuto ständig in einer Art Paranoia.

Der Killer-Job wird ihm zusehends zur Belastung. Spass gehabt daran hatte er noch nie, die Aufträge erledigte er wie am Schnürchen. Ob er sich schuldig fühlt, weiss er nicht so recht. Klar ist ihm jedoch, dass das Leben kostbar ist. „Aber es ist genauso wahr, dass der Mensch andere Lebewesen tötet, um sie zu vernichten. Und es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass selbst der Tod unzähliger Kinder in fernen Ländern uns nicht weiter beschäftigt. Die Wertschätzung des Lebens war also relativ, musste sich Kabuto eingestehen.“

Diesem Thriller haftet etwas absurd Irreales an. Da betätigt sich der Protagonist heimlich als Auftragskiller, schüttelt aber ungläubig den Kopf, als er davon hört, dass ein Lehrer seines Sohnes ein geheimes Liebesleben haben könnte. „Wie kann ein sonst untadeliger Lehrer sich auf eine aussereheliche Beziehung einlassen! Sowas kommt doch sonst nur im Film vor.“

Kabuto ist ein sehr eigenartiger Killer – er tötet nicht etwa aus dem Hinterhalt, sondern beharrt auf einem fairen Kampf. Als er nach einem erledigten Auftrag in der Schule seines Sohnes eintrifft, gerät er an eine Vertretungslehrerin, die ihn angreift und die er in der Folge beseitigt. Dann wird er plötzlich selber zum Zielobjekt. Der Arzt hatte ihm gesagt, ein Profi namens Hornisse wolle ihn aufspüren, worauf Kabuto einem Hornissennest in seinem Garten den Garaus macht. Kotaro Isaka gelingt es meisterhaft, Kabutos Seelenlage zu schildern, die zwischen Realem und Irrealem hin und her wechselt und oft die Unterscheidung gar nicht schafft.

Als Kabuto und ein Freund auf der Strasse von einem Maskierten mit einem Messer bedroht werden, und der Freund diesen tötet, kümmert sich Kabuto um das Fortschaffen der Leiche. Der Freund ist ausser sich, glaubt sein Leben zerstört zu haben. „Kabuto hatte oft Menschen in einer derartigen Verfassung erlebt. Plötzlich und unerwartet der nackten Tatsache ins Auge sehen zu müssen, dass ihr Leben nun Knall auf Fall ausgelöscht werden würde. Ganz ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung. Das macht sie so fassungslos, dass sie das Geschehen für irreal halten und tief im Inneren noch daran glauben, man könnte es rückgängig machen. Denjenigen, die einen Verkehrsunfall verursacht haben, geht es praktisch nicht anders als den Opfern selbst.“ Es sind Passagen wie diese, die diesen Thriller hauptsächlich auszeichnen.

Dann kriegt Kabuto den Auftrag, einen Mann umzubringen, den er kennt. Anschliessend könne er sich zur Ruhe setzen, sagt sein Auftraggeber. Es ist der Überlebenstrieb, der uns regiert. „Wenn es ums Überleben ging, handelt der Körper schneller als der Verstand.“ Was Kabutos Körper will, soll hier nicht verraten werden …

Kotaro Isaka
Der Profi
Thriller
Hoffmann und Campe, Hamburg 2024

Tahir Chaudhry: Wem diente Jeffrey Epstein?

Vermutlich ist es naiv, anzunehmen, dass man bei einem Titel wie Wem diente Jeffrey Epstein? eine klare Antwort bekommen wird, denn sie gibt es wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht in diesem Buch, für das sein Autor, der deutsch-indische Journalist Tahir Chaudhry, umfangreiche Recherchen betrieben hat, die er mit Literaturangaben dokumentiert. Sein Wissen, und dies ist die Crux des Journalismus, stammt aus zweiter Hand.

Wem diente Jeffrey Epstein? beginnt mit einem Besuch auf Saint Thomas, einer der drei Hauptinseln der U.S. Virgin Islands, zu der auch Epsteins Little Saint James Insel gehört. Was so ein Besuch vor Ort bringen soll, ist mir schleierhaft, denn dass die Leute dort nicht gross über Epstein reden wollen (Geheimhaltungsvereinbarungen), nun ja, wen wundert das? Und so erfahren wir, dass Chaudhrys Mietwagen klein und türkisfarben war, dass er Nichtschwimmer ist, doch sich zum Jet Ski Fahren traut.

Epsteins Mutter ist Hausfrau, der Vater Gärtner. Epstein ist ein begabter Schüler, überspringt zwei Klassen, studiert Mathematik und Physik, jedoch ohne Abschluss, reist mit Freunden nach London, wo er auch Kontakte zu Prinz Andrew knüpfte. Und das ist eines meiner Probleme mit diesem Buch: Wie das genau abgelaufen ist, weiss der Autor nicht. Bestenfalls hat er davon gehört. Nur eben, das reicht nicht. Ein ernst zu nehmender Journalist verlässt sich nicht einfach auf die Darstellung des Mannes, den er zu porträtieren vorgibt.

Epstein landet bei der Bank Bear Stearns, wo er superreiche Kunden betreut. Als er den Job verliert, wird er mit 100 000 Dollar abgefunden, worauf sechs Jahre folgten, von denen man kaum etwas weiss. Wie ist es möglich, dass ein Mann aus einfachen Verhältnissen in der Folge derart reich werden und so gut vernetzt sein kann? Das hätte ich gerne gewusst, doch darauf gibt dieses Buch keine Antwort, jedenfalls keine klare, stattdessen präsentiert es eine Vielzahl von interessanten Informationen und plausiblen Vermutungen, die allerdings vor keinem Gericht Bestand hätten

Epsteins Verhalten sei weithin bekannt gewesen, doch niemand sei bereit gewesen, dagegen vorzugehen, so der Autor. „Sie hatten Angst vor ihm. Aus welchem Grund auch immer, sie hatten Angst vor ihm“, sagt Cindy McCain, die sich gegen Menschenhandel engagiert. Dieser Grund würde mich interessieren, doch ist diesbezüglich nach wie vor nicht viel bekannt. Man weiss jedoch, dass Epstein in den 1980er Jahren vom israelischen Geheimdienst rekrutiert worden ist. Auch in Waffengeschäfte soll er einbezogen worden sein. „Jahre später hätten Ghislaine (Maxwell – von ihrem Vater Robert erfährt man einiges in diesem Buch) und Epstein mit dem israelischen Geheimdienst eine Strategie entwickelt, um ihre Nische zu finden – die Erpressung internationaler Politiker.“ Wie das genau abgelaufen sein soll, erfährt man allerdings nicht.

Epstein hatte mit vielen einflussreichen Leuten zu tun – von Bill Clinton zu Donald Trump, von Richard Branson zu Harvey Weinstein – , die am Schluss des Buches, inklusive ihrer Verbindung zu Epstein, aufgeführt sind. Als er in Florida wegen Sexualstraftaten ins Gefängnis muss, erlaubte ihm ein geheimer Deal seiner Anwälte, darunter Alan Dershowitz, mit Staatsanwalt Acosta, der es unter Trump zum Arbeitsminister schaffte, einen Gefängnisaufenthalt von der Art, der wieder einmal deutlich macht, dass die gleichen Gesetze nicht für alle gelten.

Die Fülle der Informationen, die Tahir Chaudhry zusammengetragen hat, ist beeindruckend und vielfältig aufschlussreich; die im Titel versprochene Aufklärung ist er jedoch schuldig geblieben.

Tahir Chaudhry
Wem diente Jeffrey Epstein?
Das System aus Macht, Kontrolle und Erpressung
Fiftyfifty Verlag, Köln 2024

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