Dass es auf den ersten Satz ankomme, behaupten viele, die sich intensiv mit Büchern beschäftigen. Im Falle dieses Thrillers ist man froh, dass er kein Indiz für das Nachfolgende ist: „Da war es, das Gefühl, der Rausch, der Nervenkitzel, die freudige Erregung, die wie flüssiges Gold durch die Adern flossen.“ Das ist entschieden suboptimal für meinen Geschmack, da mir die Vorstellung von flüssigem Gold in meinen Adern nicht nur wenig behagt, sondern geradezu absurd vorkommt. Gut also, dass es nicht so weitergeht, sondern eine packende Geschichte erzählt wird, in deren Mittelpunkt die Anwältin Kelly McCann steht, die seit zehn Jahren Männer verteidigt, denen Sexualdelikte vorgeworfen wurden. Eine höchst ungewöhnliche Ausgangslage.
Kelly ist mit dem 20 Jahre älteren Adam, ebenfalls Anwalt, verheiratet, sie haben zwei Kinder. Seit einem Schlaganfall ist Adam ans Bett gefesselt und zu einem Pflegefall geworden. Sehr schön schildert Bonnie Kistler, wie sich die beiden kennenlernten. „Sie scherzten, dass ihre Ehe eine Mischehe sei. Alle nahmen an, dass sie sich auf ihre verschiedene Religionszugehörigkeit bezogen – jüdisch und katholisch – dabei bestand wirklich kein grosser Unterschied zwischen einem säkularen Juden und einer nicht praktizierenden Katholikin.“
Kelly hatte früh begriffen, dass sie nicht besonders talentiert und eine Durchschnittsanwältin war. Was sie jedoch von vielen unterschied, war ihr Drang, sich mit anderen zu messen. Der Wettkampf war ihr Ding, die Lust zu siegen ihr dominierender Charakterzug. Wunderbar treffend beschreibt Autorin Bonnie Kistler, eine ehemalige Prozessanwältin aus Philadelphia, dass es im Kapitalismus einzig aufs Gewinnen ankommt. Und eindrücklich zeigt sie auf, wie rücksichtslos es da, wo man um Geld ringt, wie etwa in der Juristerei, zu und her geht.
Dann wird Kelly, die Verteidigerin von Vergewaltigern, selber vergewaltigt. Von einem ihrer Klienten, einem Doktor der Medizin/Bakteriologie/Virologie, George Benedict, der davon ausgeht, dass sie nicht gegen ihn vorgehen wird, da sie sonst ihr ganzes Berufsleben diskreditiert. Als Kelly nach Hause kommt, tut sie all das nicht, was jede vergewaltigte Frau tun sollte: Beweise sichern. Als Anwältin weiss sie, dass vor Gericht nicht die Wirklichkeit verhandelt wird, sondern nur das, was gemäss der Ursache-/Wirkungslogik belegt bzw. bewiesen werden kann. Doch jetzt ist sie Opfer, der Verstand wird ausgeschaltet, die Emotionen übernehmen, das Nicht-Wahrhaben-Wollen setzt ein.
George Benedict hat Zugang zu allen ihren elektronischen Vernetzungen gefunden, weiss also vollständig über sie Bescheid – ihr Privatleben, ihre Bankkonten, ihren Schriftverkehr mit Klienten. Sie ist voller Hass auf ihn – und damit hoch motiviert, sich zu rächen, ihren Peiniger zu vernichten. Das ist packend und überzeugend geschildert; was des Peinigers Motivation gewesen ist, sie zu demütigen, hat sich mir allerdings nicht wirklich erschlossen.
Dr. Benedict, glaubt man den Pressemeldungen, ist gerade dabei, ein Medikament gegen Alzheimer zu entwickeln, und Kelly fragt sich nun, ob ihre Rache möglicherweise verhindern könnte, dass Alzheimer-Patienten ein lebensrettendes Medikament vorenthalten werden. Das ist wenig überzeugend, und wird dann auch schnell verworfen.
Kelly schart drei von Benedict vergewaltigte Frauen um sich. „Sie waren vier Frauen aus völlig verschiedenen Lebensbereichen: eine Anwältin, eine Mikrobiologin, eine IT-Spezialistin und eine Reinigungskraft. Sie hatten absolut nichts gemeinsam, ausser den Übergriffen und dem Schweigegeld, und eine der Grundregeln für das Wochenende erklärte diese beiden Themen zum Tabu.“ Dann taucht plötzlich Courtney auf, Adams Tochter aus erster Ehe, die gerade ihr Anwaltsexamen gemacht hat und nun verlangt, dass …. doch mehr soll nicht verraten werden …
Die Autorin Bonnie Kistler schafft es ausgezeichnet, die Spannung immer wieder von Neuem zu steigern, wobei die beruflich erfolgreiche Kelly erstaunlich unbedarft agiert, sobald es um ihre persönlichen Angelegenheiten geht. Genau so ist es übrigens auch im richtigen Leben: Sobald wir persönlich betroffen sind, setzt die Vernunft aus.
Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer ist nicht nur spannend erzählt, sondern setzt sich auch mit der Problematik des Anwaltsberufs auseinander. Eine Anwältin Vergewaltiger verteidigen zu lassen, wirft einen ganzen Haufen Fragen auf, darunter auch diese: Sollen Vergewaltiger überhaupt verteidigt werden? Juristen werden selbstverständlich die Unschuldsvermutung anführen. Nur eben: Diese begründet hauptsächlich das juristische Geldverdienen, schliesslich sind die Meinungen längst vor der Urteilsverkündung gemacht. Kelly weiss, dass ihr Mandant die ihm vorgeworfene Tat begangen hat. Dass sie dann selber zum Opfer wird, ist ihrer Gewinnsucht geschuldet, doch auch ihre Rache ist in ihrer Gewinnsucht begründet. Sehr schön demonstriert Bonnie Kistler, dass wir nicht nur zum Opfer unserer Veranlagung werden können, sondern dass diese auch das Potential hat, uns zu befreien.
Fazit: Ein Thriller voller thrills! Rasant, fesselnd, vielschichtig, mit vielen unerwarteten Wendungen.
Bonnie Kistler
Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer
Thriller
Knaur Verlag, München 2024



