In den Wäldern des hessischen Mittelgebirges liegt das luxuriöse Schlosshotel Hohenhaus, in dem eine internationale Dylanologenkonferenz stattfindet. Als bei der Enthüllung einer Dylan-Skulptur eine Leiche entdeckt wird … doch hier soll nicht dieser Kriminalroman nacherzählt, sondern auf die Protagonisten aufmerksam gemacht werden, schliesslich sind es immer die Figuren, die einen Krimi ausmachen.
Da wäre einmal der Berliner Rechtsanwalt und Bob-Dylan-Verehrer Michael Ritz, der Menschen, die
Dylans Stimme alles andere als toll finden, wie folgt zurecht weist. „Anstatt unmittelbar vom Ohr ins Herz zu gelangen, nahm Dylans Stimme bei ihnen einen Umweg über den nichtsnutzigen Kopf und verhedderte sich dort in absurden Kontrollfiltern.“ Doch nicht nur bei Dylan kennt er sich aus, auch in Arno Schmidt, auf den er in seiner Jugend geflogen war, führt er uns ein. Ein einziger Satz von Schmidt hatte damals genügt, ihn Arno Schmidt-süchtig zu machen: „Der bleierne Mond gaffte aus seinem Hexenring.“
Auch die anderen Figuren, die in diesem Kriminalroman auftreten, sind ziemlich speziell. Der deutsch-griechische Bildhauer Lysander Diamantopoulos, in Dylanologenkreises nicht unumstritten, weil er angeblich „Christmas in the Heart“ für Dylans bestes Album hält. Der ehemalige Staatsanwalt aus Washington Glenn „I’m a beer guy“ Kirschner, der frühere Korrespondent von „Dagens Nyheter“ Kalle Blomkvist, die Harley-Davidson Tri Glide Ultra-Fahrerin Jane Penhaligan, die eine Zeitlang als Detective Sergeant in Manchester im Einsatz gewesen war … Eine wahrhaft bunte Truppe!
So sehr Mord auf Hohenaus die Absurditäten der Heldenverehrung (ein Religionswissenschaftler referiert über Dylans christliche Phase; ein Professor für interkulturelle Theologie weist auf die besondere Bedeutung der Rosen in Dylans Songtexten hin), ohne die wir Menschen offenbar nicht auskommen können, einen in einem fort lachen machen, es ist schade, dass für „Dylans Stellung zu Konfuzius, zum Koran, zur Thora, zum Buddhismus, zum Hinduismus und zum Ägyptischen Totenbuch“, wegen des dauernd dazwischenquatschenden Publikums, keine Zeit mehr bleibt.
Es ist der Witz und die Komik, die Mord auf Hohenhaus lohnen, aber als Kriminalroman? Spannung habe ich jedenfalls keine empfunden, abwechslungsreich hingegen war das Buch gleichwohl. Das liegt am Erzähltalent des Autors, der so ziemlich Alles und Jedes mit viel Ironie betrachtet und dabei nicht versäumt auf Absonderlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte hinzuweisen … Von Gerichtsurteilen zu Sitte und Anstand über die Eigenheiten des ICE bis zu Ernst Jüngers Verbindung zu Beate Uhse.
Eine weitere Besonderheit von Mord auf Hohenhaus ist die detaillierte, wunderbar gekonnte Schilderung von allerhand Kulinarischem, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Eine Premiere! Ich kann mich an keinen Roman erinnern, der das bisher geschafft hat.
Autor Gerhard Henschel kennt sich nicht nur bei Bob Dylan, Arno Schmidt und in der Küche aus, er ist auch ein Pilz- und Fledermauskenner, doch vor allem ist er ein subversiver Anarchist, der die Vertreter des Systems überaus gekonnt auflaufen lässt, da er bzw. sein Protagonist Michael Ritz über einen Wissenshorizont verfügt, vom dem, diejenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das System am Laufen zu halten, mangels Fantasie nicht einmal träumen können.
Nach zwei Toten kommt es fast zu einer Hexenverbrennung. Es ist recht wirklich aberwitzig, was hier vorgelegt wird; aber eben auch gespickt mit informativen Perlen: So soll Thomas Hobbes in „Leviathan“ verkündet haben, „dass die Hexen zu Recht bestraft gehörten, wenn sie ihrerseits an die Macht des Hexenhandwerks glaubten.“ Ich liebe solche Infos, da sie immer mal wieder dazu beitragen, mein Weltbild zurechtzurücken.
Mord auf Hohenhaus bringt uns ein Deutschland nahe, dass man so recht eigentlich nur als Satire erträgt. Von der Zensur des Bayerischen Rundfunks über die Boulevardpresse, die ihre Quellen erfindet, bis zum Diplom-Fachpsychologen vom Berliner Systemischen Institut für Achtsamkeit (se non è vero, è ben trovato). Darüber hinaus sind die vielfältigen Hinweise auf Bob Dylans und Arno Schmidts Werk eine echte Bereicherung. Nicht zuletzt deswegen geniesse ich dieses überaus unterhaltsame Werk.
„Surreal is the word for all of that“, kommentiert Ex-Staatsanwalt Kirschner einmal das Geschehen. Das charakterisiert auch dieses Buch treffend. Mord auf Hohenhaus, wo der Pianist so schöne Lieder zum besten gibt wie „Komm auf die Schaukel, Luise“ und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, ist all denen zu empfehlen, die die gegenwärtige Weltlage ziemlich unerträglich finden.
Gerhard Henschel
Mord auf Hohenhaus
Ein Schlosshotel-Kriminalroman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2025

